Im Jahr 1643 schreibt eine junge Frau aus Den Haag an den bekanntesten Philosophen der Niederlande. Elisabeth von der Pfalz, Tochter des vertriebenen „Winterkönigs“ Friedrich V., will wissen, wie eine unkörperliche Seele den Körper bewegen kann. René Descartes antwortet, es entsteht ein Briefwechsel, und ein Jahr später widmet er ihr sein umfangreichstes Buch: die „Principia philosophiae“, auf Deutsch Descartes‘ Prinzipien der Philosophie. Das 1644 bei Elzevier in Amsterdam gedruckte Werk fasst Metaphysik, Physik und Kosmologie zu einer umfassenden Darstellung der Welt zusammen. Die folgenden Abschnitte beantworten die Fragen, die Leser an dieses Buch am häufigsten stellen, und nennen die wichtigsten Quellen und Übersetzungen. Die englische Auswahl „Selections from the Principles of Philosophy“ in der Übersetzung von John Veitch lesen Sie kostenlos im Volltext im Project Gutenberg.
Was wollte Descartes mit den Prinzipien der Philosophie erreichen?
René Descartes hatte seine Methode 1637 im Discours de la méthode vorgestellt und seine Metaphysik 1641 in den „Meditationes de prima philosophia“ ausgeführt. Beide Schriften sind Untersuchungen in der ersten Person; Discours und Meditationes erzählen, wie ein Denkender zur Erkenntnis kommt. Die Principia philosophiae verfolgen ein anderes Ziel. Descartes schreibt ein Lehrbuch, das die aristotelischen Kompendien an den Universitäten ersetzen soll. Deshalb wählt er Latein, die Sprache der Schulen, und die Form nummerierter Artikel mit Randtiteln, wie sie die Scholastik kannte. In die Physik der Principia ging zudem vieles aus „Le Monde“ ein, der Naturlehre, die Descartes 1633 nach der Verurteilung Galileis zurückgehalten hatte.
Wie er sich das Verhältnis der Wissenschaften vorstellt, erklärt Descartes im Vorwort zur französischen Ausgabe von 1647, einem Brief an den Übersetzer Claude Picot. Die gesamte Philosophie gleiche einem Baum: Die Wurzeln sind die Metaphysik, der Stamm ist die Physik, und die Zweige sind alle übrigen Wissenschaften, die sich auf drei zurückführen lassen: Medizin, Mechanik und Moral. In Veitchs englischer Fassung: „all Philosophy is like a tree, of which Metaphysics is the root, Physics the trunk, and all the other sciences the branches that grow out of this trunk“. Die Früchte, so Descartes, pflücke man nicht an den Wurzeln, sondern an den Zweigen.

Wie ist das Werk aufgebaut?
Die Principia philosophiae bestehen aus vier Teilen mit insgesamt 504 nummerierten Artikeln; genau genommen sind es vier Untersuchungen, die aufeinander aufbauen. Jeder Artikel trägt eine Überschrift, die seine These zusammenfasst, so dass sich das Buch auch als Nachschlagewerk nutzen lässt.
| Teil | Lateinischer Titel | Inhalt | Artikel |
|---|---|---|---|
| I | De principiis cognitionis humanae | Über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis: Zweifel, Cogito, Gott, Substanz | 76 |
| II | De principiis rerum materialium | Über die Prinzipien der körperlichen Dinge: Ausdehnung, Bewegung, Naturgesetze | 64 |
| III | De mundo adspectabili | Von der sichtbaren Welt: Sonne, Sterne, Planeten, Wirbeltheorie | 157 |
| IV | De terra | Über die Erde: Entstehung, Schwere, Magnetismus, Sinneswahrnehmung | 207 |
Zwei weitere Teile über Pflanzen und Tiere sowie über den Menschen hatte Descartes angekündigt. Er hat sie nie geschrieben; am Ende des vierten Teils erklärt er, ihm fehlten dafür die nötigen Experimente. Die Auswahl von John Veitch im Project Gutenberg enthält den Brief an Picot (dort „Letter of the Author to the French Translator“), die Widmung an Elisabeth, den vollständigen ersten Teil und Auszüge aus den Teilen II bis IV der Principia.
Wem widmete Descartes das Buch und warum?
Die Widmung gilt Elisabeth von der Pfalz (1618–1680), die als Tochter des böhmischen Winterkönigs im Exil in Den Haag lebte. Descartes lobt in seinem Widmungsschreiben ihren Verstand, der sich gleichermaßen für Mathematik und Metaphysik eigne, was er bei keinem anderen Menschen gefunden habe. Der Briefwechsel der beiden ist bis heute eine wichtige Quelle, weil Elisabeth die schwache Stelle des Systems benannte: Wenn Denken und Ausdehnung nichts gemeinsam haben, bleibt unerklärt, wie die Seele auf den Körper wirkt. Descartes‘ späte Schrift „Les passions de l’âme“ (1649) ist zum Teil eine Antwort auf diese Frage.

Welche Rolle spielt der Zweifel im ersten Teil?
Der erste Teil, über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis, beginnt mit dem methodischen Zweifel. Wer nach Wahrheit sucht, so der erste Artikel, muss einmal im Leben alles bezweifeln, so weit es möglich ist. Sinne, Mathematik, sogar der Unterschied von Wachen und Träumen kommen auf den Prüfstand. Artikel 7 hält dann fest, was dem Zweifel standhält: Wer zweifelt, denkt, und wer denkt, existiert. Hier steht die berühmte lateinische Formel „ego cogito, ergo sum“.
Anders als in den Meditationes ist die Form knapp und lehrhaft. Descartes verzichtet auf den Erzählton und ordnet die Ergebnisse seiner Untersuchungen in der Reihenfolge, in der sie sich begründen lassen:
- Der Zweifel führt zur Gewissheit des eigenen Denkens.
- Die Existenz Gottes folgt aus der Idee eines vollkommenen Wesens, die der Mensch nicht selbst hervorbringen kann.
- Gott täuscht nicht; daher ist verlässlich, was wir klar und deutlich erkennen.
- Irrtümer entstehen, weil der Wille weiter reicht als der Verstand und wir urteilen, bevor wir klar erkannt haben.
Was bedeuten res cogitans und res extensa?
Ab Artikel 51 des ersten Teils entwickelt Descartes seine Substanzlehre. Substanz ist, was zu seiner Existenz keines anderen Dinges bedarf. Streng genommen trifft das nur auf Gott zu. Die geschaffenen Substanzen brauchen zumindest Gottes Mitwirkung, sonst aber nichts. Descartes unterscheidet genau zwei Arten:
- die denkende Substanz (res cogitans), deren Hauptattribut das Denken ist,
- die ausgedehnte Substanz (res extensa), deren Hauptattribut die Ausdehnung in Länge, Breite und Tiefe ist.
Alles Weitere sind Modi dieser Attribute: Vorstellen, Wollen und Empfinden sind Weisen des Denkens; Gestalt, Lage und Bewegung sind Weisen der Ausdehnung. Diese Zweiteilung erklärt, warum der Körper bei Descartes vollständig mechanisch beschrieben werden kann. Was nicht Ausdehnung ist, gehört nicht in die Physik. Die menschliche Seele unterscheidet sich vom Körper der Art nach, nicht nur dem Grad nach.
Was ist die Wirbeltheorie?
Der zweite Teil legt die Grundlagen der Physik. Da die Materie nichts als Ausdehnung ist, gibt es weder leeren Raum noch unteilbare Atome. Bewegung wird von Gott erhalten, und ihre Gesamtmenge bleibt gleich. Daraus leitet Descartes drei Naturgesetze ab, darunter den Grundsatz, dass jeder Körper in seinem Zustand verharrt, solange nichts ihn ändert, und dass sich bewegte Körper geradlinig fortzubewegen streben. In der Fassung Newtons wurde daraus später das Trägheitsgesetz.
Der dritte Teil, von der sichtbaren Welt, wendet diese Grundsätze auf den Himmel an. Weil kein leerer Raum existiert, kann sich Materie nur bewegen, indem sie andere Materie verdrängt. So entstehen geschlossene Kreisbewegungen, die Wirbel. Nach Descartes ist die Sonne das Zentrum eines solchen Wirbels, der die Planeten mit sich führt; jeder Fixstern ist das Zentrum eines eigenen Wirbels. Die Erde ruht dabei in der sie umgebenden Materie und wird mit ihr getragen. Mit dieser Formulierung wollte Descartes dem Vorwurf entgehen, die von Rom verurteilte Lehre des Kopernikus zu vertreten.

Der vierte Teil beschreibt die Erde als erloschenen Stern und erklärt in langen Untersuchungen Schwere, Ebbe und Flut, Magnetismus und die Sinneswahrnehmung aus Gestalt, Größe und Bewegung kleinster Teilchen. Descartes räumt zum Schluss ein, dass seine Erklärungen nur moralische, keine absolute Gewissheit beanspruchen.
Wie wurde das Werk aufgenommen?
Die Principia philosophiae wurden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts als das wichtigste Werk Descartes‘ gelesen, wichtiger noch als Discours und Meditationes. An den niederländischen Universitäten stritten Cartesianer und Aristoteliker um die Lehrerlaubnis; 1663 setzte Rom Descartes‘ Schriften auf den Index. Spinoza veröffentlichte im selben Jahr eine Darstellung der ersten beiden Teile „more geometrico“, nach geometrischer Methode, bevor er in der Ethik sein eigenes System entwarf. Huygens und Leibniz arbeiteten sich in eigenen Untersuchungen an der cartesischen Physik ab.
Den entscheidenden Widerspruch formulierte Isaac Newton. Seine „Philosophiae naturalis principia mathematica“ (1687) tragen schon im Titel die Antwort auf Descartes: Newton zeigte, dass sich die Planetenbahnen mit den Wirbeln nicht vereinbaren lassen. Der Streit zwischen Cartesianern und Newtonianern zog sich dennoch bis weit ins 18. Jahrhundert hin.
Welche Ausgaben und Übersetzungen gibt es?
Auf Deutsch liegen die Prinzipien der Philosophie in mehreren Übersetzungen vor. Die Übersetzung von Julius Hermann von Kirchmann erschien 1870 in der Philosophischen Bibliothek; sie ist gemeinfrei und in Online-Quellen wie Zeno.org verbreitet. Artur Buchenau legte 1908 bei Meiner eine Neuübersetzung vor. Die heute verbindliche lateinisch-deutsche Ausgabe stammt von Christian Wohlers (Meiner, Philosophische Bibliothek 566); sie enthält einen umfassenden Anmerkungsteil zu den Quellen. Die englische Übersetzung von John Veitch, die das Project Gutenberg als E-Book Nr. 4391 anbietet, beschränkt sich auf eine Auswahl, enthält aber den ersten Teil vollständig.
Wer die Prinzipien liest, sollte mit dem Brief an Picot beginnen, dann den ersten Teil ganz und aus den übrigen Teilen die Artikel zur Substanz, zu den Naturgesetzen und zu den Wirbeln lesen. So wird sichtbar, wie René Descartes aus wenigen Prinzipien der menschlichen Erkenntnis ein Bild der gesamten Welt entwickelt. Weitere Texte der Philosophiegeschichte finden Sie in der Digitalen Bibliothek auf gutenberg.net.
