Zwischen dem Druck der Gutenberg-Bibel und dem Jahr 1500 entstanden rund 27.000 Buchausgaben. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum schätzt die Zahl der in dieser Zeit hergestellten Exemplare auf etwa 17 Millionen. Gedruckt wurde an ungefähr 250 Orten, von Mainz bis Neapel. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte es keine einzige Druckerei gegeben.
Diese Zahlen erklären, warum die Geschichte des Buchdrucks am Ende des Mittelalters eine scharfe Zäsur kennt. Interessanter als die Wirkung ist allerdings die Frage, wie das Verfahren im Detail funktionierte. Genau darum geht es hier: erst die Technik Schritt für Schritt, dann die Verbreitung, dann der Zustand des Buchdrucks heute.
Was gab es vor der Erfindung des Buchdrucks?
Drucken an sich war keine Neuheit. Im 8. Jahrhundert entstanden in China die ersten Drucke vom Holzblock, in Korea gab es im 13. Jahrhundert Schriften mit Lettern aus Metall. Im europäischen Mittelalter kannte man den Holztafeldruck für Heiligenbilder und kurze Texte. Für jede Seite musste dabei eine eigene Tafel geschnitten werden, was sich nur bei ständig nachgefragten Motiven rechnete.
Die Alternative war die Handschrift. Ein Schreiber brauchte für eine vollständige lateinische Bibel viele Monate, oft länger. Pergament aus Kalbshaut kam hinzu: Für ein großformatiges Exemplar wurden die Häute ganzer Herden verarbeitet. Bücher waren Vermögenswerte, keine Ware. Die Verbreitung von Wissen hing an einer Handvoll Skriptorien, und nur wenige Menschen bekamen überhaupt Texte zu sehen.
Das Problem lag also nicht bei der Idee des Vervielfältigens. Es fehlte ein Verfahren, das Lettern schnell, billig und in exakt gleicher Höhe herstellte. Genau das gelang Johannes Gutenberg in Mainz um 1450, und damit beginnt der moderne Buchdruck. Wie gut seine Biografie belegt ist, zeigt der Beitrag über Johannes Gutenberg und die Belege zu seinem Leben.
Wie funktioniert der Druck mit beweglichen Lettern?
Die Erfindung Gutenbergs war kein einzelnes Gerät, sondern eine Kette von Arbeitsschritten. So lief sie in einer Offizin des 15. Jahrhunderts ab.
- Schriftschnitt. Ein Stempelschneider arbeitete jeden Buchstaben seitenverkehrt und erhaben in die Stirnfläche eines Stahlstabs. Dieser Stempel wird Patrize genannt.
- Matrize schlagen. Die gehärtete Patrize wurde in ein Plättchen aus weichem Kupfer geschlagen. Zurück blieb die vertiefte, seitenrichtige Form: die Matrize.
- Gießen. Sie kam in das Handgießinstrument, eine zweiteilige Hohlform mit Gießkanal in einer Holzfassung. Eine Kelle voll flüssiger Legierung aus Blei, Zinn und Antimon genügte, und in Sekunden war eine Letter hergestellt, immer gleich hoch und gleich dick.
- Setzen. Der Setzer entnahm die Lettern dem Setzkasten und reihte sie im Winkelhaken zu Zeilen. Blindmaterial füllte die Lücken, bis die Zeile exakt die Spaltenbreite erreichte. Mehrere Spalten ergaben eine Druckform.
- Einfärben. Wasserlösliche Schreibtinte perlt an Metall ab. Gutenberg entwickelte deshalb eine zähe, ölhaltige Farbe auf Rußbasis, die mit lederbezogenen Druckerballen gleichmäßig auf die Form geklopft wurde.
- Drucken. Der angefeuchtete Bogen kam in den Deckelrahmen, die Form fuhr unter den Tiegel, die Spindel der Druckerpresse drückte. Danach wurde die Form abgelegt: Jede Letter wanderte zurück in ihr Fach und stand für die nächste Seite bereit.

Der letzte Punkt ist der eigentliche Kern. Beim Holztafeldruck war die geschnittene Tafel nach der Auflage verbraucht, beim Bleisatz stand das Material sofort wieder bereit. Das ermöglichte es, Texte schnell und beliebig oft neu zu setzen. Die Presse selbst war eine angepasste Spindelpresse, wie sie in Wein- und Papiermühlen längst verwendet wurde. Neu war der Guss.
Was eine Werkstatt tatsächlich leistete
Die 42-zeilige Bibel zeigt den Aufwand recht genau. Gutenberg druckte sie in zwei Bänden mit zusammen 1.282 Seiten, die Auflage lag bei rund 180 Exemplaren. Nach den Untersuchungen an den erhaltenen Exemplaren arbeiteten zunächst vier, später sechs Setzer parallel, gedruckt wurde auf mehreren Pressen gleichzeitig. Etwa zwanzig Personen waren beteiligt, und allein für Typenherstellung und Druck werden ungefähr zwei Jahre veranschlagt.
| Handschrift um 1450 | Buchdruck mit beweglichen Lettern | |
|---|---|---|
| Herstellung einer Bibel | Monate bis über ein Jahr je Exemplar | rund zwei Jahre für die gesamte Auflage |
| Ergebnis | ein Unikat | etwa 180 nahezu identische Exemplare |
| Fehler | in jeder Abschrift neue | einmal gesetzt, in der ganzen Auflage gleich |
| Beschreibstoff | überwiegend Pergament | überwiegend Papier |
Die zweite Zeile dieser Tabelle wurde für die Wissenschaft der frühen Neuzeit wichtiger als die erste. Wenn zweihundert Menschen dieselbe Seitenzahl und denselben Wortlaut vor sich haben, lässt sich präzise zitieren und widersprechen. Genaue Textkritik wurde dadurch überhaupt erst möglich.
Wie hat sich der Buchdruck verbreitet?
Nach 1460 verließen ausgebildete Drucker Mainz, teils angeworben, teils weil die Mainzer Stiftsfehde 1462 die Stadt verwüstete. Die Technik reiste mit ihnen entlang der alten Handelsstraßen.
- Bamberg, um 1460, Albrecht Pfister
- Straßburg, um 1460, Johannes Mentelin
- Subiaco bei Rom, 1465, Konrad Sweynheym und Arnold Pannartz
- Köln, 1465/66, Ulrich Zell
- Basel, um 1468
- Venedig, 1469, Johannes von Speyer
- Paris, 1470
- Westminster, 1476, William Caxton
Druckereien entstanden dort, wo Kaufkraft und Nachfrage zusammenkamen: an Bischofssitzen, in Universitätsstädten, an Handelsplätzen und in Hansestädten. Bis 1500 war der Buchdruck an rund 250 Orten etabliert, mehr als sechzig davon im Heiligen Römischen Reich. Diese Zahlen und die Wege der Verbreitung dokumentiert das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek.
Alles, was vor dem 1. Januar 1501 gedruckt wurde, wird bis heute Inkunabel oder Wiegendruck genannt. Der Begriff stammt vom lateinischen Wort für Windel und markiert die Kinderzeit des neuen Druckverfahrens.

Warum die Erfindung so viel veränderte
Am Preis lässt sich die Wirkung am leichtesten ablesen. Bücher blieben teuer, aber sie kosteten einen Bruchteil einer Handschrift. Damit wuchs die Käuferschicht über Klöster, Höfe und Universitäten hinaus, und juristische wie medizinische Literatur erreichte erstmals eine breite Leserschaft.
Dazu kam das Tempo. Flugschriften konnten binnen Wochen in hoher Auflage kursieren. Martin Luther und seine Gegner nutzten das ab 1517 systematisch. Die Reformation war die erste Auseinandersetzung, die technisch überhaupt als Medienkampagne geführt werden konnte.
Weniger sichtbar, aber langlebiger war die Wirkung auf die Sprache. Weil Drucker große Absatzgebiete bedienen wollten, glichen sie regionale Schreibweisen an. Die Entwicklung einer einheitlichen Schriftsprache im 16. Jahrhundert ist ohne die Offizinen nicht zu erklären.
Wie das Hauptwerk dieser Frühzeit aussah, wo die erhaltenen Stücke heute liegen und was sie wert sind, steht im Beitrag über die Gutenberg-Bibel und ihre 49 erhaltenen Exemplare.
Buchdruck heute: Offset, Digital und die Rückkehr der Bleiletter
Streng genommen bezeichnet Buchdruck ein Hochdruckverfahren: Was druckt, liegt höher als der Rest der Druckform. Genau dieses Prinzip hat die industrielle Produktion verlassen. Bücher, Zeitungen und Verpackungen entstehen im Offsetdruck, einem Flachdruckverfahren mit Gummituch, oder digital im Toner- und Inkjetdruck, bei dem jedes Exemplar anders aussehen kann.

Die Branche ist trotzdem groß. Der Bundesverband Druck und Medien beziffert den Umsatz der deutschen Druck- und Medienwirtschaft für 2024 auf 17,9 Milliarden Euro, bei sinkender Betriebszahl und schrumpfendem Werbedruck.
Der Hochdruck selbst ist als Handwerk zurückgekommen. Kleine Werkstätten, Hochschulen und Museen setzen wieder von Hand, weil sich die Prägung im Papier digital nicht nachbilden lässt. Wer den Ablauf einmal live sehen möchte: Das Gutenberg-Museum in Mainz betreibt eine Druckwerkstatt mit Nachbauten historischer Pressen. Was dort sonst zu sehen ist, beschreibt der Beitrag zum Gutenberg-Museum und seiner Sammlung.
Vom Bleisatz zum Volltext
Die Nachfolge von Gutenbergs Buchdruck steht heute nicht in der Werkstatt, sondern auf Servern. Der Sprung von 180 Exemplaren auf beliebig viele Kopien zu Kosten nahe null folgt demselben Gedanken, nur eine Stufe weiter: Die Verbreitung von Wissen hängt nicht mehr am Material.
Wer das ausprobieren will, findet in unserer digitalen Bibliothek gemeinfreier Werke Volltexte, die frei gelesen und weitergegeben werden dürfen, weil ihre Schutzfristen abgelaufen sind. Für Gutenbergs Zeitgenossen wäre genau das die eigentliche Sensation gewesen.

