Die Gutenberg Bibel ist nicht das erste gedruckte Buch der Welt. In China entstanden Blockdrucke schon Jahrhunderte früher, und selbst in Mainz liefen kleinere Arbeiten vor ihr durch die Presse. Bekannt ist sie als etwas anderes: als das erste mit beweglichen Lettern gedruckte Buch der westlichen Welt in diesem Umfang, hergestellt auf einem handwerklichen Niveau, das die Nachfolger jahrzehntelang nicht erreichten.
Von der ursprünglichen Auflage sind 49 Exemplare übrig, verstreut über gut zwanzig Länder. Keines davon ist käuflich. Dieser Beitrag beantwortet der Reihe nach die Fragen, die dazu am häufigsten gestellt werden.
Was ist die Gutenberg-Bibel genau?
Sie enthält den lateinischen Vulgata-Text des Hieronymus in der Fassung, die sich im Pariser Universitätsbetrieb durchgesetzt hatte, also Altes und Neues Testament in zwei großen Bänden mit zusammen 1.282 Seiten.
Jede Seite trägt zwei Spalten in gotischer Textura, jener Schrift, die Schreiber für liturgische Handschriften verwendeten. Genau das war die Absicht: Die gedruckte Bibel sollte nicht als Maschinenarbeit auffallen. Um einen sauberen Randausgleich zu erreichen, umfasst das Schriftmaterial rund 290 verschiedene Typen, darunter 92 Abkürzungszeichen und 83 Ligaturen.
Warum wird sie B42 genannt?
Wegen der Zeilenzahl. Der größte Teil des Werks hat 42 Zeilen pro Spalte, daher die Kurzform B42 oder 42-zeilige Bibel.
Der Anfang sieht allerdings anders aus. Die Seiten 1 bis 9 und 256 bis 265 tragen nur 40 Zeilen, Seite 10 kommt auf 41. Erst danach bleibt es bei 42. Der Grund ist wirtschaftlich: Ein engerer Zeilenabstand brachte mehr Text auf denselben Bogen und sparte teures Papier und Pergament. Man sieht dem Buch also an, dass mitten in der Herstellung nachgerechnet wurde.
Wann wurde die Gutenberg-Bibel gedruckt?
Der Druck fällt nach dem Forschungsstand in die Jahre 1452 bis 1454 in der Stadt Mainz, abgeschlossen spätestens 1455. Ein Druckvermerk mit Datum fehlt, deshalb stützt sich die Datierung auf zwei Arten von Belegen.
Der erste ist der Streit ums Geld. Der Geldgeber Johannes Fust hatte zweimal 800 Gulden für das gemeinsame „Werk der Bücher“ vorgestreckt. Am 6. November 1455 beurkundete der Mainzer Notar Ulrich Helmasperger das Ende der Partnerschaft, als Zeuge trat Peter Schöffer auf. Zu diesem Zeitpunkt muss die Arbeit weit fortgeschritten oder fertig gewesen sein. Wie belastbar die Quellen zu Gutenbergs Leben insgesamt sind, zeigt der Beitrag über Johannes Gutenberg und die Belege zu seiner Biografie.
Der zweite Beleg steht in einem der erhaltenen Exemplare. Der Rubrikator und Buchbinder Heinrich Cremer hielt im heutigen Pariser Band fest, wann er seine Arbeit beendete: den zweiten Teil am 15. August 1456, den ersten am 24. August 1456. Danach kann dieser Band nicht mehr entstanden sein.
Wie wurde die B42 hergestellt?
Die Untersuchungen an den überlieferten Bänden erlauben eine ziemlich genaue Rekonstruktion. Zunächst arbeiteten vier, dann sechs Setzer parallel, gedruckt wurde auf mehreren Pressen gleichzeitig, insgesamt waren etwa zwanzig Personen beteiligt. Für Typenherstellung und Herstellung des Satzes werden rund zwei Jahre veranschlagt.

Aus der Presse kam allerdings noch kein fertiges Buch, sondern ein Stapel bedruckter Bogen mit schwarzem Text und freien Flächen. Rubrizierung, Initialen, Randleisten und Einband entstanden anschließend von Hand, oft in anderen Städten und Jahre danach. Deshalb sieht kein Band aus wie der andere: Manche sind sparsam mit roten und blauen Lombarden ausgestattet, andere reich vergoldet. Für die Ausmalung existierte sogar eine Vorlagensammlung, das Göttinger Musterbuch. Wie Gutenbergs Erfindung im Einzelnen funktionierte, steht im Beitrag darüber, wie der Buchdruck mit beweglichen Lettern funktionierte.
Wie viele Gutenberg-Bibeln gibt es noch?
Erhalten sind 49 Exemplare, zwölf davon auf Pergament. Vollständig ist nur ein Teil: Je nach Zählweise gelten gut zwanzig als komplett, der Rest ist unvollständig oder nur als Fragment überliefert.
Bei der ursprünglichen Auflage gehen die Angaben auseinander, und das ist eine echte Forschungsfrage, keine Schlamperei. Die Gutenberg-Gesellschaft nennt rund 180 Exemplare, davon etwa 150 auf Papier und 30 auf Pergament. Die Deutsche UNESCO-Kommission gibt dieselbe Gesamtzahl an, teilt sie aber in 140 Papier- und 40 Pergamentexemplare. Nachweisbar ist beides nicht durch ein Dokument aus der Werkstatt, sondern durch Rückrechnung aus dem heutigen Bestand.

Besonders rar sind vollständige Pergamentausgaben. Weltweit sind davon vier überliefert, und nur eine steht in Deutschland.
Wo kann man eine Gutenberg-Bibel sehen?
In Deutschland liegen ganze Bände und Teilstücke in zwölf Einrichtungen. Das ist mehr als in jedem anderen Land.
| Ort | Einrichtung |
|---|---|
| Mainz | Gutenberg-Museum (zwei Exemplare) |
| Göttingen | Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek |
| Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin |
| München | Bayerische Staatsbibliothek |
| Stuttgart | Württembergische Landesbibliothek |
| Frankfurt am Main | Universitätsbibliothek |
| Leipzig | Universitätsbibliothek |
| Fulda | Hessische Landesbibliothek |
| Kassel | Universitätsbibliothek |
| Trier | Stadtbibliothek |
| Aschaffenburg | Hofbibliothek |
| Schleswig | Schloss Gottorf |

Mainz ist der einzige Ort weltweit, an dem zwei Ausgaben nebeneinander gezeigt und verglichen werden können, die Shuckburgh-Bibel und die Solms-Laubach-Bibel. Was dort sonst zu sehen ist, beschreibt der Beitrag zum Gutenberg-Museum und seiner Sammlung.
Auch international sind die Standorte prominent: die Library of Congress in Washington, die British Library in London, die Bibliothèque nationale de France in Paris, die Biblioteca Apostolica Vaticana in Rom, die Morgan Library & Museum in New York mit gleich drei Exemplaren und die Keio University in Tokio. Wer nicht reisen möchte, findet mehrere vollständig digitalisierte Ausgaben frei im Netz, Seite für Seite.
Was ist eine Gutenberg-Bibel wert?
Ein Marktpreis lässt sich kaum noch bilden, weil praktisch alles in öffentlichen Sammlungen liegt und dort bleibt. Zwei Zahlen geben trotzdem eine Größenordnung.
- 1978 wechselte das bislang letzte vollständige Exemplar den Besitzer und ging für 2,4 Millionen US-Dollar an die University of Texas.
- 1987 ersteigerte die japanische Keio University bei Christie’s in New York einen einzelnen Band für rund 5,4 Millionen US-Dollar einschließlich Aufgeld.
Seither ist kein vollständiges Exemplar mehr auf den Markt gekommen. Gehandelt werden nur noch Einzelblätter, die im 20. Jahrhundert aus beschädigten Bänden herausgelöst wurden.
Warum gehört die Gutenberg-Bibel zum Weltdokumentenerbe?
2001 nahm die UNESCO die Göttinger Pergamentausgabe in das Register „Memory of the World“ auf. Ausschlaggebend war nicht allein das Druckwerk. Es bildet mit zwei weiteren Dokumenten eine Einheit: mit dem Göttinger Musterbuch, das die Vorlagen für die Ausmalung liefert, und mit dem Helmaspergerschen Notariatsinstrument, dem wichtigsten Schriftbeleg für die Erfindung selbst. Die Deutsche UNESCO-Kommission fasst Begründung und Kennzahlen auf ihrer Seite zur Gutenberg-Bibel im Weltdokumentenerbe zusammen.
Dass Johannes Gutenberg heute als Erfinder des Buchdrucks in Europa gilt und 1999 vom Sender A&E zum Mann des Jahrtausends gewählt wurde, hat viel mit diesem einen Werk zu tun. Es zeigte, dass die neue Technik nicht nur billig war, sondern auch schön sein konnte.
Der Name Gutenberg reicht heute weit über das Buchdruck-Erbe hinaus: Er steht über Schulen wie dem Gutenberg-Gymnasium in Erfurt ebenso wie über Sportveranstaltungen, etwa dem Gutenberg-Lauf in Mainz. Dass ausgerechnet ein Bibeldruck aus der Mitte des 15. Jahrhunderts diesen Namen so weit getragen hat, sagt einiges über die Wirkung der B42.
Von 180 Exemplaren zu beliebig vielen Kopien
Die B42 markiert den Punkt, an dem ein Text erstmals in nennenswerter Zahl identisch verfügbar war. 180 Exemplare klingen nach wenig. Gemessen an einer Handschrift, die in Monaten entstand und ein Unikat blieb, war es ein Sprung um Größenordnungen.
Denselben Sprung noch einmal beschreibt die Gegenwart: Ein digitalisierter Text lässt sich beliebig oft kopieren, ohne dass Kosten entstehen. Wer das nutzen möchte, findet in unserer digitalen Bibliothek gemeinfreier Werke Volltexte von Descartes bis Jane Austen, frei lesbar, weil ihre Schutzfristen abgelaufen sind. Der Unterschied zu 1454 ist nur noch die Stückzahl.

