Wer in Deutschland Betriebswirtschaftslehre studiert, begegnet im ersten Semester zwei Namen: Schmalenbach und Gutenberg. Gemeint ist beim zweiten nicht der Mainzer Drucker, sondern Erich Gutenberg, geboren 1897 in Herford, gestorben 1984 in Köln. Verwandt sind die beiden nicht, und der Nachname ist der einzige Berührungspunkt.
Sein Werk „Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre“ erschien in drei Bänden über achtzehn Jahre hinweg und veränderte, wie an deutschen Universitäten über Unternehmen gesprochen wird. Vorher war die Betriebswirtschaftslehre eine Sammlung praktischer Regeln für Buchhaltung, Bilanz und Kalkulation. Danach war sie eine Theorie mit Modellen, Funktionen und einem einheitlichen Bild vom Betrieb.
Erst Physik, dann Wirtschaft: ein untypischer Weg
Gutenberg kam aus dem Ersten Weltkrieg zurück und schrieb sich zunächst im Januar 1919 an der Technischen Hochschule Hannover für Physik und Chemie ein. Nach einem halben Jahr wechselte er das Fach. Er studierte Volkswirtschaft in Würzburg und Halle, promovierte dort im Dezember 1921 mit einer Arbeit über Johann Heinrich von Thünens „Isolierten Staat“ und ergänzte 1925 in Frankfurt ein betriebswirtschaftliches Studium mit dem Abschluss als Diplom-Kaufmann.
Die naturwissenschaftliche Vorbildung blieb sichtbar. Gutenberg dachte in Funktionen und Größen, wo andere in Buchungssätzen dachten, und genau das machte seinen Ansatz später so ungewohnt.
| Jahr | Station |
|---|---|
| 1897 | geboren am 13. Dezember in Herford |
| 1921 | Promotion an der Universität Halle |
| 1928 | Habilitation in Münster mit „Die Unternehmung als Gegenstand betriebswirtschaftlicher Theorie“ |
| 1938 bis 1940 | außerordentlicher Professor an der Bergakademie Clausthal |
| 1941 bis 1947 | Lehrstuhl in Jena |
| 1948 bis 1951 | Lehrstuhl an der Universität Frankfurt am Main |
| 1951 bis 1966 | Lehrstuhl an der Universität Köln, als Nachfolger von Eugen Schmalenbach |
| 1964 bis 1978 | alleiniger Herausgeber der Zeitschrift für Betriebswirtschaft |
| 1968 | Großes Bundesverdienstkreuz |
| 1984 | gestorben am 22. Mai in Köln |
Die Habilitationsschrift von 1928 nahm den späteren Anspruch bereits vorweg: Nicht der einzelne Geschäftsvorfall sollte Gegenstand der Wissenschaft sein, sondern die Unternehmung als Ganzes. Ein Jahr später erschien der Text im Druck.
Die „Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre“
Das Hauptwerk umfasst drei Bände, die in großem Abstand erschienen. Jeder behandelt einen betrieblichen Teilbereich, und alle drei folgen derselben Grundidee.
| Band | Titel | Erstauflage | Auflagen bis zuletzt |
|---|---|---|---|
| I | Die Produktion | 1951 | 24. Auflage (1983) |
| II | Der Absatz | 1955 | 17. Auflage (1984) |
| III | Die Finanzen | 1969 | 8. Auflage (1980) |
Alle drei Bände erschienen beim Springer-Verlag in Berlin, in der Reihe „Enzyklopädie der Rechts- und Staatswissenschaft“. Die Zahl der Auflagen sagt mehr über die Wirkung als jede Würdigung: Ein Lehrbuch, das in gut drei Jahrzehnten 24 Auflagen erreicht, steht in sehr vielen Regalen.
Sein Lehrstuhl in Köln trug den Titel Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, und genau darum ging es: um eine allgemeine Theorie, die für jeden Betrieb gilt. Der gemeinsame Nenner der drei Bände ist das Bild vom Unternehmen als Gesamtheit seiner Teilfunktionen. Produktion, Absatz und Finanzierung werden nicht nacheinander abgehandelt, sondern über eine Größe verbunden: das Verhältnis von eingesetzten Mitteln zu erzieltem Ergebnis. Das klingt heute selbstverständlich. In den 1950er-Jahren war es der Bruch mit einer Tradition, die vor allem Rechnungswesen lehrte.

Das Faktorsystem: was in einen Betrieb hineingeht
Gutenbergs bekannteste Ordnung betrifft die betrieblichen Produktionsfaktoren. Er unterscheidet zwei Ebenen.
Die Elementarfaktoren sind die drei Größen, die unmittelbar in die Leistungserstellung eingehen:
- die objektbezogene menschliche Arbeitsleistung, also die ausführende Arbeit am Produkt
- die Betriebsmittel, etwa Maschinen, Gebäude und Werkzeuge
- die Werkstoffe, unterteilt in Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe
Darüber steht der dispositive Faktor: die Geschäfts- und Betriebsleitung. Ihre Aufgabe ist es, die Elementarfaktoren so zu kombinieren, dass wirtschaftlich gearbeitet wird. Gutenberg gliedert diesen Faktor weiter in Planung, Organisation und Kontrolle.
Zur Zeit ihrer Veröffentlichung war diese Unterscheidung neu, und sie ist bis heute prüfungsrelevant. Sie trennt die ausführende von der leitenden Arbeit und macht Führung zu einem Produktionsfaktor unter anderen, statt sie als Persönlichkeitsfrage zu behandeln. Wer den Unterschied zur volkswirtschaftlichen Einteilung in Boden, Arbeit und Kapital sucht: Bei Gutenberg taucht der Boden nicht als eigener Faktor auf, dafür die Leitung.

Die Gutenberg-Produktionsfunktion, auch Typ B
Der zweite Beitrag, den Gutenberg entwickelte, stammt aus dem ersten Band von 1951 und trägt seinen Namen. Die klassische Produktionsfunktion, in der Literatur als Typ A bezeichnet oder als Ertragsgesetz geführt, geht davon aus, dass sich Faktoren gegenseitig ersetzen lassen: etwas weniger Maschine, etwas mehr vom Faktor Arbeit, gleiche Ausbringungsmenge.
Gutenberg hielt das für unrealistisch und entwickelte eine Alternative, die in der Literatur auch Theorie der Anpassungsformen heißt. In einem Industriebetrieb sind die Einsatzverhältnisse limitational: Eine Maschine braucht eine bestimmte Zahl von Bedienern, nicht beliebig viele oder wenige. Seine Alternative koppelt den Verbrauch an die Leistung des Betriebsmittels.
Der Faktorverbrauch ergibt sich in diesem Modell aus einer Verbrauchsfunktion, die von der Intensität abhängt, also von der Geschwindigkeit, mit der eine Anlage arbeitet, gemessen etwa in Stück pro Stunde. Die Ausbringungsmenge folgt aus Intensität, Einsatzzeit und Zahl der Aggregate. Wer die Intensität ändert, ändert damit auch den Verbrauch je Stück, und zwar nicht linear.
Daraus folgen drei Wege, die Produktion an eine veränderte Nachfrage anzupassen. Die Fachsprache nennt sie Anpassungsformen.
- Quantitative Anpassung: Es laufen mehr oder weniger Maschinen. Intensität und Einsatzzeit bleiben gleich.
- Zeitliche Anpassung: Dieselben Maschinen laufen länger oder kürzer, etwa über eine zusätzliche Schicht.
- Intensitätsmäßige Anpassung: Die Maschinen laufen schneller oder langsamer.

In der Praxis werden diese Formen kombiniert, und genau darin liegt der Nutzen des Modells: Es lässt sich ausrechnen, welche Kombination die geringsten Kosten verursacht. Die Definition der Gutenberg-Produktionsfunktion im Gabler Wirtschaftslexikon fasst den Zusammenhang von Verbrauchsfunktion und Anpassungsformen kompakt zusammen.
Das Ausgleichsgesetz der Planung
Ein dritter Gedanke wird seltener zitiert, ist aber praktisch. Gutenberg formulierte das Ausgleichsgesetz der Planung: Die betriebliche Planung muss sich am Engpass ausrichten, also an dem Teilbereich, der die geringste Kapazität hat. Wer Absatz plant, ohne die Fertigung zu prüfen, plant an der Wirklichkeit vorbei.
Der Gedanke taucht Jahrzehnte später in der Engpasstheorie und in der Produktionsplanung wieder auf, meist ohne Nennung der Quelle. Betrachtet man moderne Kapazitätsplanung, steckt dieselbe Logik darin.
Was von Gutenberg geblieben ist und was nicht
Gutenberg gilt als Nestor der modernen deutschen Betriebswirtschaftslehre. Er hat das Fach an den Universitäten als Wissenschaft mit eigener Theorie verankert, nicht als Anwendungslehre. Sechs Ehrendoktorwürden zwischen 1957 und 1978 belegen, wie breit das anerkannt wurde, von Berlin über München bis Göttingen. Von 1964 bis 1978 gab er zudem die Zeitschrift für Betriebswirtschaft heraus, eines der wichtigen Fachorgane des Gebiets; sein Schüler Horst Albach übernahm die Aufgabe 1979.
Kritik gab es trotzdem, und sie ist bis heute Teil der Lehrbücher. Der Ansatz behandelt den Betrieb als produktionstheoretisches System und blendet aus, was Menschen in Organisationen tatsächlich tun. Die verhaltenswissenschaftliche Betriebswirtschaftslehre, die ab den 1970er-Jahren aufkam, setzte genau dort an und ergänzte die ökonomischen Modelle um Motive, Konflikte und Entscheidungsverhalten. Die Gutenberg-Produktionsfunktion wiederum passt auf industrielle Fertigung mit klar messbarer Intensität, weniger auf Dienstleistungen oder Softwareentwicklung.
Geblieben ist die Ordnung. Wer heute ein BWL-Lehrbuch aufschlägt, findet dort Gutenbergs Einteilung der Produktionsfaktoren, seine Anpassungsformen und die Gliederung nach Produktion, Absatz und Finanzierung, oft ohne dass sein Name daneben steht.
Zwei Gutenbergs, ein Nachname
Die Verwechslung mit Johannes Gutenberg ist so verbreitet, dass sie eine eigene Klarstellung verdient. Johannes Gutenberg starb 1468 in Mainz und erfand den Druck mit beweglichen Lettern. Erich Gutenberg wurde 429 Jahre später in Westfalen geboren. Eine Verwandtschaft ist nicht belegt, und der Name war und ist im deutschen Sprachraum verbreitet.
Wer sich für die wirtschaftswissenschaftlichen Klassiker interessiert, die vor Gutenberg lagen, findet einige davon als freie Volltexte in unserer Digitalen Bibliothek: etwa Hubert Hendersons Supply and Demand von 1922, eine der klarsten frühen Darstellungen von Angebot und Nachfrage, oder Pierre-Joseph Proudhons Was ist Eigentum? von 1840.
Auf einen Blick
- Erich Gutenberg (1897 bis 1984) machte die deutsche Betriebswirtschaftslehre zu einer Theorie des Unternehmens.
- Hauptwerk: „Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre“ in drei Bänden, Produktion 1951, Absatz 1955, Finanzen 1969.
- Faktorsystem: drei Elementarfaktoren plus dispositiver Faktor mit Planung, Organisation und Kontrolle.
- Produktionsfunktion Typ B: limitationale Einsatzverhältnisse, Verbrauchsfunktion, drei Anpassungsformen.
- Mit Johannes Gutenberg ist er nicht verwandt.

