Am 12. Dezember 1439 sprach der Straßburger Rat ein Urteil. Verhandelt wurde eine Erbstreitigkeit, doch die Zeugen redeten über etwas anderes: über Blei, das immer wieder eingekauft wurde, über eine Presse, die ein Drechsler namens Conrad Saspach gebaut hatte, und über geheimnisvolle „Formen“, die Johannes Gutenberg an Weihnachten 1438 aus dem Haus eines Verstorbenen holen ließ und einschmolz. Der älteste erhaltene Beleg für die Arbeit an der Erfindung des Buchdrucks ist keine Urkunde und kein Buch. Es ist eine Gerichtsakte.
Das macht die Biografie schwierig. Von Johannes Gutenberg gibt es keine Selbstzeugnisse, keinen Brief, keine Werkstattnotiz. Was wir wissen, stammt aus Schuldscheinen, Zinsbüchern, Prozessprotokollen und aus den gedruckten Blättern selbst. Dieser Beitrag trennt deshalb konsequent zwischen gesicherter Quellenlage und Legende.
Wer war Johannes Gutenberg, und wann wurde er geboren?
Gutenberg hieß eigentlich nicht Gutenberg. Der Familienname lautete Gensfleisch, vollständig ist er als Johannes Gensfleisch zur Laden zum Gutenberg bezeugt. „Zum Gutenberg“ war der Name des Mainzer Hofs der Familie, eines Patrizierhauses. Der Vater Friele Gensfleisch zur Laden gehörte zur Oberschicht der Stadt Mainz und war am städtischen Münzwesen beteiligt, die Mutter Else Wirich stammte aus einer Krämerfamilie.
Ein Taufregister existiert nicht. Die Forschung setzt die Geburt deshalb „um 1400“ an, mit einer Spanne, die je nach Argumentation gut ein Jahrzehnt umfasst. Wer eine exakte Jahreszahl liest, liest eine Schätzung. Das gilt auch für sein Gesicht: Ein zeitgenössisches Bildnis gibt es nicht. Die früheste bekannte Darstellung erschien in Heinrich Pantaleons Sammelwerk über berühmte Personen der deutschen Geschichte, rund hundert Jahre nach seinem Tod. Sie ist eine Erfindung, und sie prägt bis heute jede Briefmarke und jedes Schulbuch.
Straßburg 1434 bis 1444: Spiegel, Lehrgeld, Prozess
In Straßburg verdiente Gutenberg Geld mit Metallhandwerk. 1438 gründete er mit Hans Riffe, Andreas Dritzehn und Andreas Heilmann eine Gesellschaft, die Pilgerspiegel für die Aachener Heiltumsfahrt herstellen sollte. Das waren polierte Metallscheiben, mit denen Pilger damals die Heilkraft der gezeigten Reliquien einfangen wollten. Als Dritzehn zu Weihnachten 1438 starb, verlangten seine Brüder Zutritt zu dem, was die Zeugen nur als geheimes Werk oder als „Abenteuer und Kunst“ umschrieben.
Aus den Protokollen dieses Prozesses stammen die konkretesten Hinweise auf die Frühphase der Erfindung:
- Der Drechsler Conrad Saspach baute eine Presse, deren Teile ausdrücklich geheim gehalten wurden.
- Es wurde wiederholt Blei eingekauft, und es war von „Formen“ die Rede, die zerlegt und eingeschmolzen wurden.
- Der Goldschmiedegeselle Hans Dünne sagte unter Eid aus, er habe von Gutenberg in drei Jahren rund 100 Gulden erhalten, allein für das, was zum Drucken gehört.
Das Urteil vom 12. Dezember 1439 wies die Klage ab. Gutenberg behielt sein Verfahren für sich und zog spätestens 1448 zurück nach Mainz.
Was hat Johannes Gutenberg wirklich erfunden?
Die Presse allein war es nicht. Spindelpressen wurden damals längst im Wein- und Papierhandwerk verwendet, den Holztafeldruck kannte man aus Ostasien, und bewegliche Lettern aus Ton und Metall waren in Korea und China vor ihm entwickelt worden. Die Leistung des Mainzers war ein vollständiges, aufeinander abgestimmtes Produktionssystem, das identische Buchstaben in beliebiger Zahl lieferte.
| Bauteil | Funktion |
|---|---|
| Patrize | Stahlstempel mit erhabenem, seitenverkehrtem Buchstaben |
| Matrize | Abschlag der Patrize in weichem Kupfer, die eigentliche Gussform |
| Handgießinstrument | zweiteilige Hohlform mit Gießkanal, in die die Matrize eingespannt wird |
| Letternmetall | Legierung aus Blei, Zinn und Antimon: niedriger Schmelzpunkt, formtreu, hart genug |
| Setzkasten und Winkelhaken | Ordnung des Materials und zeilenweiser Aufbau des Satzes |
| Druckerballen und ölhaltige Farbe | Farbe, die auf Metall haftet, statt abzuperlen |
| Presse | gleichmäßiger, senkrechter Druck auf den ganzen Bogen |
Der Kern ist das Handgießinstrument. Es ermöglichte, denselben Buchstaben tausendfach maßgenau nachzugießen: schnell, billig und in gleichbleibender Höhe. Ohne diese Höhengenauigkeit hätte die Presse ungleichmäßig abgedruckt. Wie das Verfahren im Werkstattalltag ablief, zeigt der Beitrag dazu, wie der Buchdruck mit beweglichen Lettern technisch funktionierte.

Wie sehr Gutenberg auf Perfektion zielte, zeigt der Umfang seines Schriftmaterials. Der Satz der 42-zeiligen Bibel arbeitet mit rund 290 verschiedenen Typen: 47 Groß- und 63 Kleinbuchstaben, 92 Abkürzungszeichen, 83 Ligaturen und 5 Satzzeichen. Diese Vielfalt diente dem sauberen Randausgleich. Der Druck sollte aussehen wie eine erstklassige Handschrift.
War Gutenberg damit der alleinige Erfinder des Buchdrucks?
Als Erfinder des modernen Buchdrucks in Europa gilt er zu Recht, doch er arbeitete nie allein. In der Mainzer Offizin waren nach heutiger Schätzung rund zwanzig Personen beschäftigt, darunter Peter Schöffer, der später selbst zum führenden Drucker der Stadt wurde. Wie viel von der technischen Feinarbeit auf Schöffer zurückgeht, lässt sich aus den Quellen nicht sauber trennen. 1997 kürte das US-Magazin Time-Life die Erfindung des Buchdrucks zur wichtigsten Neuerung des zweiten Jahrtausends, 1999 wählte der Sender A&E Gutenberg zum Mann des Jahrtausends. Solche Ranglisten sagen mehr über die Wirkung als über die Werkstatt.
Mainz ab 1448: das Kapital von Johannes Fust
Eine Druckerei war eine Fabrik im Kleinen und entsprechend teuer. Metall, Papier, Pergament und Löhne fielen jahrelang an, bevor der erste Gulden zurückkam. Die Finanzierung ist urkundlich gut dokumentiert:
- 17. Oktober 1448: Gutenberg nimmt in Mainz ein Darlehen über 150 Gulden auf.
- Um 1449: Der Kaufmann Johannes Fust leiht ihm 800 Gulden.
- Rund vier Jahre später: weitere 800 Gulden für das gemeinsame „Werk der Bücher“.
- 6. November 1455: Der Mainzer Notar Ulrich Helmasperger beurkundet das Ende der Partnerschaft.
Dieses Helmaspergersche Notariatsinstrument ist die wichtigste Einzelquelle zur Erfindung überhaupt. Es nennt Gutenberg, Fust und als Zeugen Peter Schöffer, der später Fusts Teilhaber und Schwiegersohn wurde. Fust bekam die erste Darlehenssumme samt Zinsen zugesprochen, die Gesellschaft wurde abgewickelt.
Die verbreitete Erzählung vom ruinierten Erfinder, dem der Geldgeber alles wegnahm, überdehnt das Dokument allerdings. Es regelt eine Abrechnung, keine Enteignung. Gutenberg druckte danach nachweislich weiter.
Wie viele Bücher hat Gutenberg gedruckt?
Bücher waren nicht das erste Produkt. Wirtschaftlich trugen sich Kleinstdrucke, vor allem Ablassbriefe: vorgedruckte Formulare, in die Name und Datum von Hand eingetragen wurden. Ein Mainzer Ablassbrief, dessen Ausfertigung auf den 22. Oktober 1454 datiert ist, gilt als frühester genau datierbarer Druck mit beweglichen Lettern.
Ende 1454 folgte der sogenannte Türkenkalender, ein neunblättriger deutscher Mahnruf mit dem Titel „Eyn manung der cristenheit widder die durken“, entstanden nach dem Fall Konstantinopels 1453. Er gilt als ältestes vollständig erhaltenes, sicher datierbares Druckwerk in deutscher Sprache. Das weltweit einzige bekannte Exemplar liegt in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.
Das Hauptwerk entstand zwischen 1452 und 1454: die lateinische Bibel mit 42 Zeilen je Spalte, zwei Bände, 1.282 Seiten. Die Auflage lag bei etwa 180 Exemplaren, davon rund 150 auf Papier und 30 auf Pergament. Erhalten sind heute 49 Exemplare, viele davon unvollständig. Zwei davon kann man in Mainz nebeneinander sehen: Das Gutenberg-Museum besitzt die Shuckburgh-Bibel und die Solms-Laubach-Bibel und ist damit das einzige Haus weltweit, das zwei dieser Bände zum Vergleich zeigt. Zu Herstellung, Verbleib und Wert gibt es einen eigenen Beitrag über die Gutenberg-Bibel und ihre erhaltenen Exemplare.

Wie schnell die Werkstatt danach überholt wurde, zeigt der Mainzer Psalter von 1457. Fust und Schöffer druckten darin erstmals einen Kolophon mit Titel, Druckernamen und Datum, dem 14. August 1457. Gutenbergs eigene Drucke tragen keine solche Zeile. Genau deshalb ist die Zuschreibung einzelner Werke bis heute Gegenstand von Fachdiskussionen.
Die letzten Jahre und ein unsicheres Todesdatum
1465 nahm Erzbischof Adolf II. von Nassau Gutenberg als Hofmann in seinen Dienst. Das war eine Versorgungszusage: jährlich Hofkleidung, 20 Malter Korn und 2 Fuder Wein, dazu Befreiung von städtischen Diensten, Steuern und Abgaben. Von Armut kann in dieser Zeit keine Rede sein.
Das oft zitierte Sterbedatum 3. Februar 1468 ist schlechter belegt, als es aussieht. Es geht auf eine Angabe aus dem frühen 20. Jahrhundert zurück, die sich quellenkritisch nicht halten lässt. Die Gutenberg-Gesellschaft hält in ihrer Darstellung zu Gutenbergs letzten Lebensjahren fest, dass das genaue Datum unbekannt ist. Sicher ist nur: Am 26. Februar 1468 bestätigte der Mainzer Jurist Konrad Humery, eine Druckerpresse aus Gutenbergs Nachlass zurückerhalten zu haben. Gutenberg muss kurz zuvor gestorben sein. Beigesetzt wurde er vermutlich in der Mainzer Franziskanerkirche, die längst nicht mehr steht. Ein Grab gibt es nicht.

Gesichert, umstritten, widerlegt
- Gesichert sind die Straßburger Prozessakten von 1439, das Notariatsinstrument von 1455, die Ablassbriefe von 1454 und 1455, das Hofmann-Amt von 1465 und die Humery-Urkunde von 1468.
- Umstritten bleiben das exakte Geburtsjahr, der genaue Anteil Peter Schöffers an der 42-zeiligen Bibel und die Zuschreibung mehrerer früher Kleindrucke.
- Nicht belegt sind ein authentisches Porträt, das feste Sterbedatum 3. Februar 1468 und der angebliche Tod in völliger Armut.
Warum der Name heute auf Servern steht
Gutenbergs Verfahren blieb über 350 Jahre lang die technische Grundlage des modernen Buchdrucks in Europa. Es senkte die Herstellungskosten so weit, dass Texte zur Massenware wurden. Zum ersten Mal konnten Leser außerhalb von Klöstern und Universitäten neue Bücher kaufen, ohne ein halbes Vermögen dafür aufzuwenden. Ohne diese Kostensenkung wären weder die Flugschriften der Reformation noch der gedruckte Wissenschaftsbetrieb des 16. Jahrhunderts denkbar gewesen.
Seit 1971 trägt auch die älteste digitale Bibliothek der Welt seinen Namen. Wer nachlesen möchte, wie das heute aussieht, findet in unserer digitalen Bibliothek gemeinfreier Werke Volltexte von Descartes bis Jane Austen, kostenlos, weil die Schutzfristen abgelaufen sind. Was Gemeinfreiheit rechtlich bedeutet, erklärt die Seite zu den Nutzungsbedingungen und zur Gemeinfreiheit.
Bleibt ein Widerspruch, den die Quellenlage nicht auflöst: Der Mann, der Texte vervielfältigbar machte, hat keinen einzigen eigenen Satz über sich hinterlassen. Alles, was wir über ihn wissen, haben andere aufgeschrieben.

