Zwei Adressen, ein Name, zwei völlig verschiedene Angebote: gutenberg.org und projekt-gutenberg.org werden fast täglich verwechselt. Dazu kommt eine dritte Erinnerung, die sich hartnäckig hält, nämlich „Gutenberg Spiegel“, weil das deutsche Projekt fast zwanzig Jahre lang auf den Servern von Spiegel Online lag.
Dieser Vergleich sortiert das Feld. Er nimmt die vier Projekte auf, die den Namen Gutenberg tragen, und stellt ihnen drei deutschsprachige Alternativen gegenüber, die in mancher Hinsicht besser sind. Alle sieben sind frei im Internet zugänglich und kosten nichts. Die Unterschiede liegen bei Umfang, Aufbereitung und dem, was Sie mit den Texten machen dürfen. Alle Angaben stammen vom September 2026.
Die Übersicht
| Angebot | Sprache und Schwerpunkt | Umfang | Rechtsgrundlage | Formate | Kosten |
|---|---|---|---|---|---|
| Project Gutenberg (gutenberg.org) | international, überwiegend englisch, rund 2.400 deutsche Titel | 79.345 Werke | US-Urheberrecht (Veröffentlichungsjahr) | EPUB3, Kindle, HTML, reiner Text | frei |
| Projekt Gutenberg-DE (projekt-gutenberg.org) | deutschsprachige Literatur | knapp 13.000 Titel | deutsches Recht, 70 Jahre nach dem Tod | Webseiten, EPUB | frei, nur privater Gebrauch |
| Project Gutenberg Canada (gutenberg.ca) | kanadische Literatur, englisch und französisch | einige hundert Titel | kanadisches Recht | HTML, EPUB | frei |
| Project Gutenberg Australia (gutenberg.net.au) | australisch und englisch | über 5.000 Titel | australisches Recht | HTML, Text | frei |
| Zeno.org | deutschsprachige Geisteswissenschaften | Werke von über 700 Autoren, dazu 40.000 Bilder | Gemeinfreiheit | Webseiten mit Permalink | frei, werbefinanziert |
| Deutsches Textarchiv | deutsche Texte 17. bis frühes 20. Jahrhundert | 5.483 Werke | Gemeinfreiheit, Texte unter CC BY-SA | XML/TEI, HTML, Faksimile | frei |
| Wikisource (deutsch) | Quellentexte aller Gattungen | 57.944 Werke | gemeinfrei oder freie Lizenz | Webseiten, teils PDF | frei |
Die Tabelle zeigt schon das Wichtigste: Der größte Bestand an E-Books liegt beim amerikanischen Original, der größte deutschsprachige Bestand bei Projekt Gutenberg-DE, und die wissenschaftlich sauberste Aufbereitung literarischer Texte liefert das Deutsche Textarchiv.
Die vier Gutenberg-Projekte
Project Gutenberg startete 1971 in den USA, als Michael S. Hart die amerikanische Unabhängigkeitserklärung abtippte. Es ist die Mutter aller Volltextbibliotheken und bis heute die größte. Der entscheidende Vorteil: Die Werke stehen als public domain nach US-Urheberrecht zur Verfügung und dürfen weiterverwendet werden, auch kommerziell, sobald man den Lizenzkopf entfernt. Der Download ist ohne Anmeldung verfügbar. Die Kehrseite: Der deutschsprachige Anteil ist klein, und die Erfassung folgt oft alten englischen Ausgaben.
Projekt Gutenberg-DE gibt es seit 1994. Gunter Hille übernahm den Namen mit Zustimmung von Hart. Der Bestand an klassischer Literatur ist der größte deutschsprachige seiner Art, die Aufbereitung ist auf Lesen im Browser ausgelegt, kapitelweise und ohne Ablenkung. Seit dem 1. Januar 2026 führt die Cultural Assets GmbH das Angebot weiter. Der wichtige Haken steht in den Nutzungsbedingungen: Die Texte sind ausdrücklich nur für den privaten Gebrauch freigegeben. Vervielfältigung und Weitergabe darüber hinaus sind untersagt, auch wenn das zugrunde liegende Werk längst gemeinfrei ist.
Project Gutenberg Canada ging am 1. Juli 2007 online und sammelt kanadische Literatur in englischer und französischer Sprache. Project Gutenberg Australia, gegründet 2001 von Colin Choat, kommt auf über 5.000 Titel. Beide sind organisatorisch eigenständig, keine Ableger des amerikanischen Projekts. Ihr Reiz liegt in den abweichenden Schutzfristen des jeweiligen Urheberrechts: Australien hält Werke bereit, die in den USA noch geschützt sind. Seit dem 1. Januar 2025 nimmt das australische Projekt allerdings keine neuen Bücher mehr auf.

Warum so viele nach „Gutenberg Spiegel“ suchen
Die Suchanfrage hat einen konkreten Hintergrund. Ab April 2002 stellte Spiegel Online dem deutschen Projekt Gutenberg kostenlos Server und Anbindung zur Verfügung. Die Adresse lautete gutenberg.spiegel.de, und für eine ganze Generation von Schülern und Studenten war das die Adresse für kostenlose Klassiker.
Die Zusammenarbeit endete am 8. Januar 2020, wie damals unter anderem heise online berichtete. Seither liegt das Angebot unter projekt-gutenberg.org und ist dort in gleicher Weise zugänglich. Wer heute die alte Adresse eingibt, landet auf keiner Seite mehr, und die Erinnerung an „Gutenberg Spiegel“ führt viele zunächst zum falschen Projekt.
Die deutschen Alternativen
Neben den Gutenberg-Projekten gibt es drei Angebote, die für bestimmte Zwecke deutlich besser passen.
Zeno.org ging am 30. September 2007 an den Start, gegründet von der Zenodot Verlagsgesellschaft. Der Bestand geht auf die Reihe „Digitale Bibliothek“ zurück, die früher auf CDs und DVDs verkauft wurde, und umfasst Literatur, Kunst, Musik, Philosophie, Geschichte und Nachschlagewerke, darunter Wörterbücher wie den Georges und den Pape. Jeder Text nennt die zugrunde liegende Ausgabe und die Seitenzahlen des Drucks, dazu gibt es Permalinks. Das macht Zitieren möglich. Finanziert wird die Seite über Werbung, was sich beim Lesen bemerkbar macht.
Das Deutsche Textarchiv ist ein Forschungsprojekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Es umfasst 5.483 Werke vom frühen 17. bis ins frühe 20. Jahrhundert, jeweils mit Faksimile der Vorlage, XML-Auszeichnung nach TEI und einer Volltextsuche, die auch historische Schreibweisen findet. Wer wissenschaftlich arbeitet, findet in den Textquellen des Deutschen Textarchivs die genaue Herkunft jedes Titels. Die angebotenen Texte stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz, das Projekt versteht sich damit als Teil der Open-Access-Bewegung.

Wikisource verfolgt einen anderen Weg: Freiwillige transkribieren Quellen und stellen die Transkription neben den Scan, sodass jeder Buchstabe nachprüfbar ist. Die deutschsprachige Ausgabe führt 57.944 Werke, darunter 9.953 Gedichte, 3.630 Sagen, 1.935 Märchen und über 4.610 Rechtstexte. Der Korrekturstatus jedes Textes ist sichtbar.
Welche Quelle wofür?
Statt einer allgemeinen Empfehlung hier die Zuordnung nach Anwendungsfall.
- Ebooks auf den E-Reader laden: Project Gutenberg. EPUB3 funktioniert auf jedem Gerät, auch auf Amazon Kindle über Send-to-Kindle, und es gibt weder Anmeldung noch eine Grenze bei der Zahl der Downloads.
- Deutschen Klassiker schnell im Browser lesen: Projekt Gutenberg-DE. Der Bestand ist groß und die Kapitelnavigation bequem.
- Wissenschaftlich zitieren: Deutsches Textarchiv, ersatzweise Zeno.org. Beide nennen die Druckvorlage, das Textarchiv liefert zusätzlich das Faksimile.
- Text weiterverwenden, etwa in einer eigenen Ausgabe oder App: Project Gutenberg oder Deutsches Textarchiv. Bei Projekt Gutenberg-DE ist das nicht erlaubt.
- Seltene Quellen, Gedichte und Rechtstexte: Wikisource. Der Bestand ist unsystematisch, enthält dafür Dinge, die sonst nirgends stehen.

Kostenlos heißt nicht frei verwendbar
Der häufigste Irrtum steckt in der Gleichsetzung von gratis und gemeinfrei. Gemeinfrei ist ein Werk, wenn die Schutzfrist abgelaufen ist. In Deutschland endet sie 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Ist das der Fall, darf jeder den Text lesen, kopieren und weitergeben.
Davon zu unterscheiden ist die erlaubte Nutzung nach den Bedingungen der jeweiligen Website. Ein Anbieter kann für seine eigene Aufbereitung, also für Layout, Auszeichnung und redaktionelle Zusätze, ein eigenes Recht beanspruchen, auch wenn der Text selbst frei ist. Genau das tut Projekt Gutenberg-DE. Was erlaubt ist und was nicht, steht kompakt in unserer Übersicht zur Gemeinfreiheit und zur Project-Gutenberg-Lizenz.
Für die Praxis heißt das: Prüfen Sie zwei Dinge getrennt, den Status des Werks und die Bedingungen der Quelle. Beim Lesen spielt das keine Rolle. Sobald eine Verwendung über den privaten Gebrauch hinausgeht, schon. Bei den Ausgaben aus dem Verlag gilt das ohnehin, dort schützt zusätzlich die Edition.
Und gutenberg.net?
Diese Domain war von 1998 bis 2003 selbst eine Adresse des Project Gutenberg. Bibliotheken und Lexika verweisen bis heute auf Pfade unter dieser Adresse. Wir führen sie fort, allerdings mit einem anderen Zuschnitt: keine achte Volltextsammlung, sondern redaktionelle Werkseiten in deutscher Sprache.
Zu jedem Titel in der Digitalen Bibliothek erklären wir Entstehung, Inhalt und Wirkung und verweisen auf den freien Volltext, etwa bei Spinozas Ethik oder Jane Austens Emma. Wer wissen will, wie das amerikanische Original arbeitet und wie Sie dort suchen und herunterladen, findet die Anleitung im Beitrag über das Gutenberg Projekt.
Kurzfazit
- gutenberg.org ist die größte und rechtlich offenste Quelle, aber überwiegend englisch.
- projekt-gutenberg.org hat den größten deutschen Bestand, erlaubt aber nur den privaten Gebrauch.
- Kanada und Australien lohnen sich für Titel, die anderswo noch gesperrt sind.
- Für Zitate und Forschung führt der Weg zum Deutschen Textarchiv, für Kurioses zu Wikisource.
- „Gutenberg Spiegel“ meint das deutsche Projekt, das bis Januar 2020 bei Spiegel Online lag.

