Wer im Reiseführer nach dem Gutenberg Museum Mainz sucht, findet meist noch die alte Adresse am Liebfrauenplatz. Dort steht seit Oktober 2024 kein Museumsbetrieb mehr. Die Sammlung ist umgezogen, das alte Gebäude wird abgerissen, und ein Neubau ist in Planung. Für den Besuch ändert das einiges, für die Sammlung selbst wenig: Die beiden Gutenberg-Bibeln, die Werkstatt und die Schriftsammlung sind weiterhin zu sehen.
Dieser Beitrag beantwortet die Fragen, die vor einem Besuch tatsächlich anfallen, und ordnet die Umbaugeschichte ein.
Wo ist das Gutenberg-Museum Mainz derzeit zu sehen?
Die Dauerausstellung läuft unter dem Namen „Gutenberg-Museum MOVED“ in den Räumlichkeiten des Naturhistorischen Museums in der Reichklarastraße 1, 55116 Mainz. Es residiert in den restaurierten Räumen des ehemaligen Klarissenklosters St. Klara, was der Interimsausstellung des Gutenberg-Museums eine eigene Atmosphäre gibt. Eröffnet wurde die Interimsausstellung Ende November 2024. Verwaltung und die wissenschaftliche Gutenberg-Bibliothek sitzen getrennt davon am Ernst-Ludwig-Platz 2.
Öffnungszeiten, Eintrittspreise und Termine für Führungen ändern sich während der Umbauphase häufiger als sonst. Verlassen Sie sich deshalb nicht auf Reiseportale, sondern auf die offizielle Museumsseite der Stadt Mainz, auf der die aktuellen Angaben stehen.
Warum steht am Liebfrauenplatz nichts mehr?
Das Gebäude, in dem die Ausstellung fast sechs Jahrzehnte lang untergebracht war, stammt von 1962 und wird nach dem Architekten Rainer Schell Schellbau genannt. Anfang Oktober 2024 schloss es endgültig, der letzte Ausstellungstag war der 6. Oktober. Seither läuft der Abriss in Etappen: Schadstoffsanierung, Entkernung und archäologische Untersuchungen im Boden gehen dem eigentlichen Neubau voraus.
Der Weg dorthin war umstritten. 2018 stimmten die Mainzerinnen und Mainzer in einem Bürgerentscheid über einen Anbau ab, den sogenannten Bibelturm. Bei einer Beteiligung von rund 40 Prozent lehnten 77,3 Prozent der Abstimmenden den Vorschlag ab. Erst danach entstand die heutige Planung, die statt eines Anbaus einen kompletten Neubau vorsieht.
Was ist im Museum zu sehen?
Die Sammlung umfasst nach Angaben der Stadt mehrere Hunderttausend Objekte und gilt international als eine der bedeutendsten ihrer Art. Das Haus versteht sich selbst als Weltmuseum der Druckkunst und zählt zu den ältesten Druckmuseen überhaupt. Vor der Schließung zog das Gutenberg-Museum jährlich mehr als 150.000 Gäste aus rund 70 Nationen an. Im Kern geht es um drei Themen: Gutenbergs Leben und Zeit, die Erfindung des Drucks mit beweglichen Metalllettern und die Buch- und Schriftkultur, die daraus entstand.
- zwei Exemplare der weltberühmten 42-zeiligen Gutenberg-Bibel in einer begehbaren Schatzkammer
- die rekonstruierte Gutenberg-Werkstatt, in der wie zu Gutenbergs Zeiten gedruckt wird; im alten Haus lag sie in den oberen Etagen
- der Druckladen als museumspädagogischer Projektraum, in dem Gäste selbst setzen und drucken
- Schriftsammlungen, Grafik und Buchkunst, darunter die 1981 erworbene Sammlung Blanckertz zur Schreibgerätegeschichte
- Bestände zur außereuropäischen Druckgeschichte, etwa aus Ostasien
Die Vorführungen an der Presse sind der Teil, den die meisten Gäste später erwähnen. Anschaulich wird dort in wenigen Minuten, warum der Handsatz so arbeitsintensiv war: Jede Letter wird einzeln aus dem Setzkasten geholt, spiegelverkehrt in den Winkelhaken gesetzt und am Ende zu einer Form geschlossen. Wer selbst einmal einen Bogen abgezogen hat, versteht die Bedeutung der Erfindung schneller als über jede Texttafel.
Besonders anschaulich zeigt die Ausstellung außerdem, was aus der Technik gesellschaftlich folgte. Flugschriften, Einblattdrucke und frühe Zeitungen machten Meinungen erstmals massenhaft verfügbar, und die Reformation wäre ohne diese Infrastruktur anders verlaufen. Das Museum stellt Gutenbergs Erfindungen und deren Wirkung neben die Maschinen, statt nur Technik auszustellen. Genau hier setzt auch der kuratorische Ansatz für den Neubau an, der die Sammlung stärker an aktuellen gesellschaftlichen Fragen entlangführen soll.

Wie viele Gutenberg-Bibeln besitzt das Museum?
Zwei. Beide sind Exemplare der 42-zeiligen Bibel, kurz B42, und kamen 1926 und 1978 in den Bestand. In der Schatzkammer liegen sie so, dass man sie unmittelbar miteinander vergleichen kann. Das ist mehr als eine Anordnung fürs Auge: Kein Exemplar gleicht dem anderen, weil Rubrizierung und Buchschmuck von Hand ergänzt wurden, nachdem der Satz gedruckt war.
Ein paar Zahlen zur Einordnung dieses Buchs:
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Druckzeit | zwischen 1452 und 1454 in Mainz |
| Auflage | etwa 180 Exemplare, davon rund 150 auf Papier und etwa 30 auf Pergament |
| Zeilen je Spalte | 42, daher der Name B42 |
| Umfang | zwei Bände mit 648 und 634 Seiten |
| erhalten | 49 bekannte Exemplare weltweit, viele davon unvollständig |
Wie diese Bibel entstand und warum ihr Satzbild bis heute als Maßstab gilt, steht ausführlich in unserem Beitrag über den Buchdruck und Gutenbergs Erfindung.
Wie alt ist das Museum selbst?
Gegründet wurde es 1900 von Mainzer Bürgerinnen und Bürgern zum 500. Geburtstag Johannes Gutenbergs, eröffnet am 23. Juni 1901. Damit zählt es zu den ältesten Druckmuseen der Welt. Seither ist es mehrfach umgezogen, und jeder Umzug erzählt etwas über den Umgang der Stadt mit ihrem berühmtesten Sohn.
| Jahr | Station |
|---|---|
| 1900 | Gründung durch Mainzer Bürgerinnen und Bürger |
| 1901 | Eröffnung am 23. Juni |
| 1912 | Umzug in das Bibliotheksgebäude an der Rheinallee |
| 1925 | Rekonstruktion der Gutenberg-Werkstatt |
| 1926 | Umzug in das Haus „Zum Römischen Kaiser“ |
| 1962 | Eröffnung des Schellbaus |
| 2000 | Sanierung und Erweiterung um rund 600 Quadratmeter |
| 2024 | Schließung des Schellbaus, Umzug ins Interim |
Das barocke Haus „Zum Römischen Kaiser“ steht weiterhin am Liebfrauenplatz und ist denkmalgeschützt. Es bleibt Teil des künftigen Ensembles.

Wann eröffnet der Neubau?
Ein verbindliches Datum steht bislang nicht fest. Den Zuschlag für die Planung erhielt nach einem europaweiten Wettbewerb das Stuttgarter Architekturbüro h4a, das Szenografiekonzept und die museumsspezifische Ausstattung verantwortet die Agentur facts and fiction. Der Abriss soll Platz für den Neubau schaffen, der eine neue Dauerausstellung mit innovativen Vermittlungsformaten aufnehmen soll. Die Stadt Mainz informiert laufend über den Stand, weil sich Abriss, Archäologie und Denkmalschutz gegenseitig bedingen.
Für Gäste heißt das: Das Interim ist keine Zwischenlösung von wenigen Monaten. Planen Sie den Besuch am aktuellen Standort und rechnen Sie nicht damit, in absehbarer Zeit vor dem Neubau zu stehen. Wer die Sammlung im alten Zustand kennt, wird die Interimsausstellung als deutlich konzentrierter erleben. Gezeigt wird eine Auswahl, nicht der gesamte Bestand.
Was der Besuch mit dem Rest der Mediengeschichte zu tun hat
Das Museum erzählt eine Geschichte, die mit der Presse nicht endet. Vom Handsatz führt der Weg über Maschinensatz und Fotosatz bis zu Texten, die niemand mehr druckt, sondern abruft. Die Bedeutung der Erfindung liegt weniger in der Presse selbst als in dem, was sie ermöglichte: identische Kopien in beliebiger Zahl, zu sinkenden Kosten, in der Welt verteilt. Genau an dieser Stelle knüpft die Digitale Bibliothek von gutenberg.net an, die gemeinfreie Grundlagentexte als Volltexte bereitstellt. Wie die weltweite Digitalisierung gemeinfreier Bücher organisiert ist, beschreibt unser Überblick zum Gutenberg Projekt und seiner Geschichte.
Wer Mainz ohnehin besucht, trifft den Namen an vielen Stellen der Stadt. Er steht an der Universität, an Schulen und sogar über einer Laufveranstaltung, dem Gutenberg-Marathon.

Vor dem Besuch kurz geprüft
- aktueller Standort: Naturhistorisches Museum, Reichklarastraße 1, 55116 Mainz
- Öffnungszeiten und Preise vorab auf der offiziellen Museumsseite nachsehen, sie ändern sich während des Umbaus
- nach Terminen für Druckvorführungen und für den Druckladen fragen, sie laufen nicht durchgehend
- die Schatzkammer mit den beiden Gutenberg-Bibeln einplanen, sie ist der Kern der Ausstellung
- der Liebfrauenplatz ist derzeit Baustelle, nicht Museumsstandort

