Ende Dezember 1846 sitzt Karl Marx in Brüssel über einem zweibändigen Buch aus Paris. Am 28. Dezember schreibt er dem russischen Publizisten Pawel Annenkow einen langen Brief: Der Verfasser habe die Geschichte nicht verstanden und verwechsle Ideen mit Dingen. Wenige Monate später erscheint seine Erwiderung als eigenes Buch, in 800 Exemplaren, unter einem Titel, der den des Gegners umkehrt. Das Buch, das diese Reaktion auslöste, ist Pierre-Joseph Proudhons „Système des contradictions économiques ou Philosophie de la misère“, auf Deutsch das „System der ökonomischen Widersprüche oder Philosophie des Elends“, im Jahr 1846 in Paris veröffentlicht. Der folgende Beitrag stellt Aufbau, Thesen und Wirkung von Proudhons Philosophie des Elends vor und ordnet Marx‘ Kritik ein. Den ersten Band lesen Sie kostenlos in der englischen Übersetzung von Benjamin R. Tucker als Volltext im Project Gutenberg.
Der Autor: Vom Schriftsetzer zum Ökonomen
Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865) stammte aus Besançon, war Sohn eines Böttchers und lernte den Beruf des Schriftsetzers. Ein Stipendium der Akademie seiner Heimatstadt erlaubte ihm ab 1838 das Studium in Paris. Dort erschien 1840 seine erste Abhandlung zur sozialen Frage, „Was ist das Eigentum?“ mit der Antwort, Eigentum sei Diebstahl. Sie machte ihn schlagartig bekannt.
Das 1846 erschienene Buch ist die Fortsetzung dieser Untersuchung in größerem Maßstab. Der Autor fragt nicht mehr nur nach dem Eigentum, sondern nach der gesamten politischen Ökonomie: Warum erzeugt eine Wirtschaft, die Reichtum schafft, zugleich Elend? Beide Teile erschienen bei Guillaumin, dem Verlag der liberalen Ökonomen, was für die Provokation des Titels spricht. Nach der Revolution von 1848 saß Proudhon in der Nationalversammlung; er starb im Januar 1865, sein letztes Buch „De la capacité politique des classes ouvrières“ erschien posthum.
Aufbau des Werks
Proudhon ordnet die Wirtschaft nicht nach Sachgebieten, sondern als Abfolge von „Epochen“ in der Entwicklung der Gesellschaft. Jede Epoche bringt eine Einrichtung hervor, die ein Problem der vorigen löst und ein neues schafft. Die Einleitung und das erste Kapitel behandeln die Wissenschaft von der Wirtschaft und den Gegensatz von Tatsache und Recht; das zweite Kapitel entwickelt die Theorie des Wertes. Danach folgen die Epochen:
| Epoche | Kapitel | Einrichtung | Band |
|---|---|---|---|
| 1 | III | Arbeitsteilung | I |
| 2 | IV | Maschinen | I |
| 3 | V | Konkurrenz | I |
| 4 | VI | Monopol | I |
| 5 | VII | Polizei oder Steuer | I |
| 6 | IX | Handelsbilanz | II |
| 7 | X | Kredit | II |
| 8 | XI | Eigentum | II |
| 9 | XII | Gemeinschaft (Kommunismus) | II |
| 10 | XIII | Bevölkerung | II |
Dazwischen steht im achten Kapitel eine Abhandlung über die Verantwortung des Menschen und Gottes, in der der Vorsehungsglaube angegriffen wird. Das Schlusskapitel des zweiten Bandes fasst die Ergebnisse zusammen. Tuckers englische Übersetzung von 1888 umfasst nur den ersten Teil, also die Kapitel I bis VIII; das ist auch der Umfang der Gutenberg-Ausgabe.
Die Methode: Widersprüche statt Gesetze
Proudhon übernimmt aus der Philosophie Hegels, die er vom Hörensagen kannte, das Schema von These, Antithese und Synthese. Er nennt die Gegensätze „Antinomien“. Jede wirtschaftliche Einrichtung hat für ihn eine gute und eine schlechte Seite, die sich nicht trennen lassen. Die Aufgabe der Wissenschaft sei nicht, die schlechte Seite zu beseitigen, sondern beide in einer höheren Ordnung auszugleichen. Diese Ordnung heißt bei ihm „Konstitution des Wertes“: Güter sollen sich nach der in ihnen enthaltenen Arbeit austauschen, so dass kein Gewinn ohne Leistung mehr möglich ist.

Die ökonomischen Widersprüche im Einzelnen
Die Kapitel des ersten Bandes folgen dem gleichen Muster: Notwendigkeit der Einrichtung, ihre zerstörerischen Folgen, Unzulänglichkeit der bisherigen Gegenmittel. In Kürze:
- Arbeitsteilung steigert die Produktivität, verdummt aber den Arbeiter, der nur noch einen Handgriff beherrscht. Als Beleg dient Adam Smith mit seiner Nadelfabrik.
- Maschinen versprechen Entlastung und schaffen zugleich die Lohnarbeit; sie sind der Ursprung des Kapitals und des Proletariats.
- Konkurrenz ist notwendig, weil ohne sie kein Maßstab für den Wert existiert; sie ruiniert aber die Schwächeren und führt zum Gegenteil dessen, was sie verspricht.
- Monopol ist die logische Folge der Konkurrenz und belohnt den Erfinder, schließt aber alle anderen aus.
- Die Steuer soll das Monopol zugunsten der Gesellschaft ausgleichen und belastet doch vor allem die Ärmsten.

Im zweiten Band setzt sich die Reihe mit Handelsbilanz, Kredit, Eigentum, Gemeinschaft und Bevölkerung fort. Den Kommunismus verwirft der Autor ebenso wie das Eigentum: Beide lösten den Widerspruch nur, indem sie eine Seite unterdrücken. Sein eigener Vorschlag, der spätere Mutualismus, sieht den gerechten Tausch gleicher Arbeitsmengen und einen zinslosen Kredit vor. 1849 versuchte er mit der „Banque du peuple“, eine solche Einrichtung zu gründen; das Projekt scheiterte nach wenigen Wochen.
Marx‘ Antwort: Das Elend der Philosophie
Die beiden kannten sich aus Paris, wo sie 1844 lange Nächte über Hegel diskutiert hatten. Als Proudhon 1846 die Einladung zu einem Korrespondenzkomitee mit der Bitte beantwortete, man möge keine neue Intoleranz predigen, war das Verhältnis bereits abgekühlt. Das neue Buch machte aus der Distanz einen Bruch.
„Misère de la philosophie. Réponse à la Philosophie de la misère de M. Proudhon“, die Antwort auf Proudhons Buch, wurde 1847 auf Französisch in Paris und Brüssel veröffentlicht. Marx‘ Kritik lässt sich in drei Punkten bündeln:
- Proudhon behandle ökonomische Kategorien wie ewige Ideen, statt sie als Ausdruck historischer Produktionsverhältnisse zu begreifen. Marx‘ Formel dafür: Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.
- Die Suche nach der guten Seite jeder Einrichtung sei kein dialektisches Verfahren, sondern Moralisieren; Proudhon sehe „im Elend nur das Elend“ und nicht die revolutionäre Seite, die die alte Gesellschaft umstürzt.
- Der Vorschlag, Güter nach Arbeitszeit zu tauschen, sei bei Ricardo bereits als Beschreibung des bestehenden Systems enthalten und tauge deshalb nicht als Reform.

Die deutsche Übersetzung von Marx‘ Schrift erschien erst 1885 bei Dietz in Stuttgart, besorgt von Eduard Bernstein und Karl Kautsky, mit einem Vorwort von Friedrich Engels; Bernsteins Fassung ist bis heute die verbreitete. Proudhon selbst hat auf die Kritik nie öffentlich geantwortet; in seinem Handexemplar notierte er Randbemerkungen.
Bedeutung für Anarchismus und Mutualismus
Für die Geschichte der sozialistischen Bewegung ist der Streit von 1846/47 ein Gründungsereignis. In ihm trennten sich zwei Richtungen, die sich in der Ersten Internationale erneut gegenüberstanden: der auf Staat und Klassenkampf setzende Marxismus und ein Sozialismus, der die Gesellschaft von unten über freie Verträge ordnen will. Die französischen Mutualisten beriefen sich dabei auf die Theorie des Wertes und die Kreditvorschläge des Buches.
Für den Anarchismus liegt die Bedeutung des Werks weniger in einem Programm als in der Haltung. Der Autor lehnt jede Lösung ab, die einen Gegensatz durch Gewalt beseitigt, sei es das Eigentum durch den Kommunismus oder die Konkurrenz durch das staatliche Monopol. Michail Bakunin und Peter Kropotkin haben diese Skepsis gegenüber dem Staat übernommen, wenn auch mit anderen ökonomischen Folgerungen.
Ausgaben und Übersetzungen
Auf Deutsch erschien das Werk schon 1847, übertragen von Karl Grün, unter dem Titel „Philosophie der Staatsökonomie oder Notwendigkeit des Elends“ (Darmstadt, Leske). Grün war ein Bekannter Proudhons und wurde von Marx im „Elend der Philosophie“ gleich mitkritisiert. Eine moderne deutsche Ausgabe unter dem vollständigen Titel ist im Karin Kramer Verlag (Berlin) erschienen, hrsg. von Lutz Roemheld und Gerhard Senft (ISBN 978-3-87956-281-7).
Die englische Übersetzung von Benjamin R. Tucker (Boston 1888) ist die Grundlage der Gutenberg-Ausgabe Nr. 444. Tucker war der wichtigste Vertreter des individualistischen Anarchismus in den USA und übersetzte auch „Was ist das Eigentum?“. Wer das Buch liest, sollte mit den Kapiteln über Arbeitsteilung und Maschinen beginnen; dort ist das Verfahren am klarsten. Anschließend lohnt die Lektüre von Marx‘ Erwiderung, um beide Positionen der Debatte zu kennen. Weitere Werke der politischen Philosophie finden Sie in der Übersicht der Digitalen Bibliothek, die im Geist des Gutenberg-Projekts kostenlos zugängliche Literatur versammelt.
