Ein Wunder ist für Spinoza kein Eingriff Gottes in die Natur, sondern ein Ereignis, dessen natürliche Ursache die Menschen nicht kennen. Mit dieser These beginnt der zweite Teil des Theologisch-politischen Traktats, und sie begründet den Ruf des Werks als Ausgangspunkt der modernen Bibelkritik. Spinozas Lehre von den Wundern und seine Methode der Bibelauslegung stehen in den Kapiteln 6 bis 10, die das Project Gutenberg als eigenständigen zweiten Teil führt. Diese Seite ordnet die fünf Abschnitte ein, erklärt, was Spinoza dort lehren will, und zeigt, wo Sie den ganzen Text kostenlos lesen.
Worum geht es in diesem Teil des Traktats?
Der Tractatus theologico-politicus erschien 1670 anonym in Amsterdam. Die Staaten von Holland verboten das Buch 1674. Sein Ziel steht schon im Titel: Die Freiheit zu philosophieren schadet weder der Frömmigkeit noch dem Frieden des Staates. Um das zu zeigen, prüft Spinoza in den ersten fünfzehn Kapiteln die Schrift selbst, bevor er sich dem Recht des Staates und der Religion zuwendet.
Die englische Übersetzung von R. H. M. Elwes aus dem Jahr 1883 liegt im Project Gutenberg in vier Teilen vor. Teil 1 behandelt die Propheten, die Erwählung der Juden und das göttliche Gesetz; die Seite zum ersten Teil des Traktats finden Sie in der Digitalen Bibliothek. Teil 2 umfasst diese Abschnitte:
| Kapitel | Thema |
|---|---|
| 6 | Über die Wunder |
| 7 | Über die Auslegung der Schrift |
| 8 | Verfasserschaft des Pentateuch und der Geschichtsbücher |
| 9 | Weitere Fragen zu diesen Büchern: Esra und die Randbemerkungen |
| 10 | Die übrigen Bücher: Chroniken, Psalmen, Propheten |
Was ist für Spinoza ein Wunder?
Der Wunderabschnitt beginnt mit einer Beobachtung über die Menge der Menschen: Sie glauben, ein Werk, dessen Ursache sie nicht verstehen, sei ein Werk Gottes; Gott sei untätig, solange die Natur regelmäßig wirkt, und die Natur ruhe, sobald Gott handelt. Spinoza dreht dieses Bild um. Jedes Gesetz der Natur ist nichts anderes als ein ewiger Beschluss Gottes, der aus der Notwendigkeit der göttlichen Natur folgt. Geschähe etwas gegen dieses Gesetz, so handelte Gott gegen sich selbst; nichts sei verkehrter als dieser Gedanke.
Vier Behauptungen arbeitet Spinoza nacheinander ab:
- Nichts geschieht gegen die Natur; sie hält eine feste und unveränderliche Ordnung ein. Ein Wunder ist daher nur ein Ereignis, dessen Ursache die Menschen aus der Vernunft nicht erklären können.
- Aus Wundern lässt sich weder das Wesen noch das Dasein Gottes erkennen. Beides erkennt der Verstand viel klarer aus der festen Ordnung der Natur.
- Die Bibel versteht unter dem Willen und der Vorsehung Gottes nichts anderes als eben diese Naturordnung.
- Wunderberichte müssen nach den Meinungen der Menschen gelesen werden, die sie erzählten; die Propheten schilderten die Dinge so, wie ihr Verstand sie fasste.
Als Beispiel dient die Sonne, die nach der Bibel für Josua stillsteht. Die Juden jener Zeit glaubten wie alle Ungebildeten, die Sonne bewege sich und die Erde stehe still; dieser Meinung passten sie das Ereignis an. Für Spinoza ist damit klar: Wer Gott allein aus der Ordnung der Dinge erkennt, hat die wahre Religion und braucht keine Wunder.
Wie soll man die Schrift auslegen?
Das siebte Kapitel ist das Herzstück des ganzen Werks. Jedermann nenne die Bibel das Wort Gottes, sagt Spinoza, aber kaum einer lebe nach ihrer Lehre; die Theologen pressten ihre eigenen Erfindungen aus der Schrift und umgäben sie mit göttlichem Ansehen, und die Religion bestehe deshalb nicht mehr in der Liebe, sondern im Streit. Dagegen setzt Spinoza einen Grundsatz, der wie ein Programm klingt: Die Methode der Schriftauslegung unterscheidet sich nicht von der Methode der Naturerklärung. Wie der Naturforscher aus gesicherten Daten die Begriffe der natürlichen Dinge ableitet, so muss der Ausleger die Erkenntnis der Schrift aus der Schrift selbst gewinnen, nicht aus der Vernunft und nicht aus der Tradition.

Der Grund liegt im Inhalt der Schrift. Sie handelt meist von Dingen, die sich aus dem natürlichen Licht der Vernunft nicht ableiten lassen: von Offenbarung, Gesichten und Wundern, die den Meinungen der Propheten angepasst wurden. Also braucht der Ausleger eine „Geschichte der Schrift“ mit drei Bestandteilen:
- die Sprache. Da alle Verfasser des Alten und Neuen Testaments Juden waren, braucht der Ausleger eine Geschichte der hebräischen Sprache, auch für das griechisch geschriebene Neue Testament;
- die Aussagen jedes Buches. Alle Sätze zu einem Gegenstand werden gesammelt und geordnet, ohne zu fragen, ob sie mit der Vernunft übereinstimmen. Es geht zunächst allein um den Sinn der Rede, nicht um ihre Wahrheit;
- die Umstände. Wer schrieb, bei welchem Anlass, für welche Menschen, in welcher Sprache; ferner, wie das Buch überliefert und in den Kanon aufgenommen wurde.
Eine vollständige Geschichte des Hebräischen fehlt, und der Bau der Sprache erzeugt so viele Zweideutigkeiten, dass der wahre Sinn mancher Stelle nie mit Gewissheit gefunden wird. Das gilt allein für dunkle Stellen. Was zum Heil nötig ist, lehrt die Schrift klar und in ganz einfacher Weise; das Gesetz, Gott zu lieben und gerecht zu handeln, versteht jeder Mensch.
Dem stellt Spinoza die Auffassung des Maimonides entgegen, der den Wortsinn immer dann bildlich umdeuten wollte, wenn er der Vernunft widersprach. So wird die Schrift zur Bestätigung dessen, was die Philosophen ohnehin glauben. Das Recht der Auslegung liegt bei jedem Menschen, denn die Regel dafür ist das natürliche Licht der Vernunft, das allen Menschen gemeinsam ist, nicht ein übernatürliches Licht und keine äußere Autorität, ob Pharisäer oder Papst.
Hat Mose die fünf Bücher geschrieben?
Mit dem achten Kapitel wendet Spinoza seine Methode an. Die Frage nach dem Verfasser des Pentateuch galt bei den Juden als so heikel, dass selbst der mittelalterliche Kommentator Abraham ibn Esra, „ein Mann von freiem Geist“, seine Zweifel nur in dunklen Worten andeutete. Spinoza spricht sie offen aus und sammelt die Belege in der Bibel: Mose wird in den Büchern in der dritten Person genannt; sein Tod und sein Grab werden beschrieben; Orte tragen Namen, die sie erst lange nach seinem Tod erhielten; die Bemerkung, die Kanaaniter seien „damals“ im Land gewesen, verrät einen Schreiber, für den sie es nicht mehr waren.

Seine Folgerung geht über den Pentateuch hinaus. Die fünf Bücher Mose, Josua, Richter, Ruth, Samuel und Könige bilden nach Spinoza ein einziges Geschichtswerk, das ein Verfasser lange nach Mose zusammenstellte, um die Geschichte der Juden von den Anfängen bis zur Zerstörung Jerusalems zu erzählen. Als wahrscheinlichen Verfasser nennt Spinoza Esra, weil die Schrift ihn als den Schriftgelehrten bezeichnet, der zu seiner Zeit das Gesetz Gottes erforschte und dem Volk erklärte.
Der neunte Abschnitt schränkt diese These sogleich ein. Esra habe an das Werk nicht die letzte Hand gelegt, sondern die Berichte verschiedener Schriftsteller gesammelt und oft einfach abgeschrieben, ohne Prüfung und Ordnung. Spinoza belegt das mit Dubletten, zerrissenen Zeitfolgen und Rechenbeispielen. Die Geschichte von Juda und Tamar etwa lässt sich in den 22 Jahren, die der Zusammenhang erlaubt, nicht unterbringen. Den Rest widmet Spinoza den Randbemerkungen der hebräischen Handschriften, die er als verschiedene Lesarten deutet, nicht als Geheimnisse, wie die Pharisäer glauben.
Was sagt Spinoza zu den übrigen Büchern des Alten Testaments?
Der zehnte Abschnitt prüft die verbleibenden Bücher in derselben Weise, oft in wenigen Sätzen:
- Die Chroniken entstanden lange nach Esra, vielleicht erst nach der Wiederherstellung des Tempels unter Judas Makkabäus; dafür, dass sie in den Kanon kamen, sieht Spinoza keinen Grund.
- Die Psalmen wurden zur Zeit des zweiten Tempels gesammelt, die Sprüche Salomos spätestens unter König Josia.
- Die Bücher der Propheten sind Bruchstücke, aus anderen Schriften zusammengetragen und nicht in der Ordnung, in der die Propheten sprachen.
Das Neue Testament klammert Spinoza aus, weil ihm die Kenntnis des Griechischen fehlte; er urteilt allein dort, wo er die Sprache versteht.
Warum wirkten diese Abschnitte so stark?
Die Kritik an der mosaischen Verfasserschaft war 1670 nicht neu; Hobbes hatte im Leviathan Ähnliches bemerkt. Neu war die Verbindung von Wunderkritik, Verfasserfrage und ausdrücklicher Methode. Spinoza behandelt die Schrift als ein Werk von Menschen aus einer bestimmten Zeit, dessen Sinn sich allein aus Sprache, Umständen und Überlieferung erschließt, und er trennt diesen Sinn ganz von der Frage nach der Wahrheit. Damit gab er der historisch-kritischen Bibelforschung einen ihrer Ausgangspunkte.

Ebenso folgenreich war der Ton. Spinoza nennt die Menschen unwissend, aber er beschimpft sie nicht; er will den Aberglauben beseitigen, nicht die wahre Religion. Wer Gott aus der festen Ordnung der Dinge erkennt, verehrt ihn nach seiner Lehre angemessener als derjenige, der auf Ausnahmen wartet. Gerade dieser fromme Anspruch machte das Buch für seine Gegner gefährlich.
Lesehinweise für die Kapitel 6 bis 10
- Lesen Sie den Abschnitt über die Auslegung zuerst; er liefert die Regeln für alles Folgende.
- Halten Sie eine Bibel bereit. Spinoza belegt jede Stelle genau, und erst das Nachschlagen macht seine Gründe nachvollziehbar.
- Achten Sie im Wunderabschnitt auf den Unterschied zwischen dem, was geschah, und dem, wie die Propheten es erzählten. Die ganze Wunderkritik hängt an dieser Unterscheidung.
Der Volltext im Project Gutenberg ist kostenlos in mehreren Formaten verfügbar. Die Fortsetzung mit den Kapiteln 11 bis 15, in denen Spinoza die Apostel untersucht und den Glauben von der Vernunft trennt, behandelt die Seite zum dritten Teil des Traktats. Eine Übersicht aller Werkseiten bietet die Digitale Bibliothek.
