Muss die Vernunft sich der Bibel beugen, oder die Bibel der Vernunft? Diese Frage beschäftigte im 17. Jahrhundert Theologen, Philosophen und Obrigkeiten, und Baruch Spinoza gibt im dritten Teil seines Theologisch-politischen Traktats eine Antwort, die beide Lager vor den Kopf stieß: keines von beiden. Glaube und Vernunft haben verschiedene Ziele, verschiedene Grundlagen und darum verschiedene Zuständigkeiten. Die Kapitel 11 bis 15, im Project Gutenberg als Teil 3 der Übersetzung von R. H. M. Elwes geführt, entwickeln diese Trennung Schritt für Schritt.
Das Werk und dieser Abschnitt
Der Tractatus theologico-politicus erschien 1670 ohne Verfassernamen in Amsterdam. Spinoza wollte zeigen, dass die Freiheit zu philosophieren ohne Schaden für Frömmigkeit und Staat gewährt werden kann. Das Buch wurde vier Jahre später verboten, kursierte weiter und prägte die Debatten der Aufklärung in ganz Europa. Die ersten zehn Kapitel prüfen Prophetie, göttliches Gesetz, Wunder und die Entstehung der Bücher des Alten Testaments; der zweite Teil des Traktats auf dieser Website stellt sie vor.
Der dritte Teil zieht aus dieser Prüfung die Folgerungen. Er beantwortet drei Fragen: Mit welcher Autorität schrieben die Apostel? Was bedeutet es, die Bibel „Wort Gottes“ zu nennen? Und was genau muss ein Mensch für wahr halten, um fromm zu sein? Am Ende steht die Grenze zwischen Theologie und Philosophie, die Spinoza selbst als Hauptzweck seines ganzen Werks bezeichnet.
Propheten oder Lehrer? Die Apostel im elften Kapitel
Dass die Apostel Propheten waren, bezweifelt Spinoza nicht. Er fragt, ob sie ihre Briefe als Propheten schrieben, also aus Offenbarung und ausdrücklichem Auftrag Gottes, oder als Lehrer, die aus eigener Erkenntnis sprechen. Die Antwort gewinnt er aus dem Stil der Texte, und der Vergleich fällt deutlich aus:
| Merkmal | Propheten des Alten Testaments | Apostel in ihren Briefen |
|---|---|---|
| Sprechweise | „So spricht Gott“, „Gebot Gottes“ | „Wir sind der Meinung“, „ich meine“ |
| Form der Rede | Reine Lehrsätze und Beschlüsse | Gründe, Argumente, Rechtfertigungen |
| Verhältnis zum Leser | Verlangt Gehorsam | Unterwirft sich dessen Urteil |
| Grundlage | Offenbarung, Einbildungskraft | Natürliches Licht, eigene Erkenntnis |
Paulus sagt ausdrücklich, dass er manches nicht auf Befehl, sondern als Mensch rät, und fordert die Korinther auf, selbst zu urteilen. Wer Gründe anführt, stellt sich dem Verstand und Urteil der Menschen; ein Prophet tut das nicht. Daraus folgt für Spinoza, dass die Apostel als Lehrer schrieben und ihre Lehrweise nach eigenem Ermessen wählten. Deshalb konnten sie auch verschiedener Meinung sein, wie der Streit über Werke und Rechtfertigung zwischen Paulus und Jakobus zeigt. Die wahre Religion selbst blieb bei allen dieselbe; die Begründungen wichen ab, weil jeder sie den Menschen seiner Zeit anpasste.
Was heißt „Wort Gottes“? Der zwölfte Abschnitt
Nach der Kritik an der Überlieferung der Bücher muss Spinoza einem Einwand begegnen: Wer die Schrift als fehlerhaft, verstümmelt und widersprüchlich darstellt, sündige gegen den Heiligen Geist. Seine Erwiderung verschiebt den Begriff des Heiligen. Ein Ding ist heilig, solange es Menschen zur Frömmigkeit bewegt; hört das auf, hört auch seine Heiligkeit auf. Papier und Tinte sind es nie an sich.

Das wahre Wort Gottes ist für ihn das göttliche Gesetz, das nach Moses und Jeremia den Menschen ins Herz geschrieben wird. Die Schrift heißt Wort Gottes, weil sie dieses Gesetz lehrt, nicht weil jeder Buchstabe von Gott stamme. Damit lässt sich auch der Vorwurf der Verfälschung entkräften: Der Kern, den beide Testamente lehren, das Gesetz, Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst, war so bekannt und verbreitet, dass keine Abschrift ihn hätte verderben können. Verfälschungen betreffen Nebenumstände, etwa ein Wunder oder eine Weissagung, nie das, was zum Heil nötig ist.
Was die Bibel wirklich lehrt: der dreizehnte Abschnitt
Aus dem Vorigen folgt für Spinoza, dass die Bibel keine Wissenschaft lehren will. Sie verlangt, dass die Menschen Gott gehorchen, und verdammt Widerspenstigkeit, nicht Unwissenheit; ihren Inhalt bestätigt sie nicht durch Beweise, sondern durch Erfahrung und Wunder. Wer wie manche Theologen tiefe philosophische Geheimnisse aus ihr herausliest, findet meist nur die Lehren des Aristoteles oder Platon wieder. Die Erkenntnis, die Gott von allen Menschen verlangt, ist die seiner Gerechtigkeit und Liebe, und sie dient dem Leben, nicht der Spekulation über seine Natur.
Daraus ergibt sich ein Maßstab, der für die Toleranzfrage wichtig wird: Ein Glaube ist fromm, wenn er zum Gehorsam bewegt, und gottlos, wenn er zu Ungehorsam und Aufruhr führt. Wer Falsches glaubt und dennoch gerecht handelt, hat einen frommen Glauben. Die Wahrheit einer Meinung entscheidet also nicht über ihre Frömmigkeit.
Der Glaube und seine Grundlagen: das vierzehnte Kapitel
Die Schrift wurde, so Spinoza, nicht allein dem Verstand der Propheten, sondern auch dem des wechselhaften jüdischen Volkes angepasst. Wer alles darin als allgemeine Wahrheit über Gott nimmt, macht Volksmeinungen zu göttlichen Anweisungen. Genau das täten die Sekten seiner Zeit, für die er das niederländische Sprichwort anführt: „Geen ketter sonder letter“, kein Ketzer ohne Bibelstelle. Er wirft ihnen nicht vor, die Schrift ihrem Verständnis anzupassen, sondern dass sie dieselbe Freiheit anderen Menschen verweigern.
Schon Moses wollte die Israeliten nicht durch Gründe überzeugen, sondern durch Vertrag und Eid verpflichten. Um festzulegen, was jeder annehmen muss, zählt Spinoza die Lehrsätze des allgemeinen Glaubens auf. Sie ergeben sich allein daraus, was zum Gehorsam nötig ist:
- Gott existiert, ein höchstes Wesen, höchst gerecht und barmherzig, das Muster des wahren Lebens.
- Gott ist einer.
- Gott ist überall gegenwärtig; nichts bleibt ihm verborgen.
- Gott hat das höchste Recht und die Herrschaft über alle Dinge.
- Die Verehrung Gottes besteht allein in Gerechtigkeit und Liebe zum Nächsten.
- Nur wer so lebt, wird selig; wer unter der Herrschaft der Lüste lebt, ist verloren.
- Gott vergibt denen, die bereuen.
Was die Natur Gottes darüber hinaus ist, ob Feuer, Geist, Licht oder Denken, geht die Frömmigkeit nichts an; über die göttlichen Eigenschaften darf jeder so denken, wie es ihn am besten zum rechten Leben führt. Damit ist die Natur des Glaubens bestimmt und die Grenze gezogen:

| Philosophie | Glaube | |
|---|---|---|
| Ziel | Wahrheit | Gehorsam und Frömmigkeit |
| Grundlage | Gemeinsame Begriffe, aus der Natur entlehnt | Berichte und Sprache der Bibel |
| Urteil über Menschen | Nach Einsicht | Nach Werken |
| Freiheit | Jeder darf über alle Dinge denken, wie er will | Verdammt nur, was zu Hass und Aufruhr führt |
Spinoza bittet den Leser ausdrücklich, die Abschnitte 13 und 14 mehrfach zu lesen; sie enthielten das Wichtigste seines Vorhabens.
Weder Magd noch Herrin: das fünfzehnte Kapitel
Wer Philosophie und Theologie nicht trennt, muss streiten, welche der anderen dient. Die Dogmatiker wollen die Bibel der Vernunft anpassen; die Skeptiker wollen die Vernunft der Bibel unterwerfen. Beide irren. Als Beispiel für die erste Position nennt Spinoza Maimonides, für die zweite den Rabbiner Jehuda Alfakhar, der bildliche Auslegung nur erlaubte, wo die Schrift sich selbst widersprach, nie wo sie der Vernunft widersprach. Macht man dagegen das Denken zur Magd der Theologie, so muss man die Vorurteile eines alten Volkes wie göttliche Dinge behandeln.
Spinozas Position liegt dazwischen. Die Schrift ist aus sich selbst zu erklären, solange es um den Sinn der Rede und die Meinung der Propheten geht. Ist der Sinn ermittelt, braucht es Urteil und Verstand, um ihm zuzustimmen; wer blind gehorcht, handelt töricht, wer mit Gründen gehorcht, folgt bereits der Vernunft. Die Theologie ihrerseits verlangt nicht, dass ihre Lehren wahr, sondern dass sie fromm seien. Für ihre Gewissheit reicht allein moralische Gewissheit, und die kann kein Beweis liefern. Am Ende spricht Spinoza der Offenbarung sogar einen großen Nutzen zu: Alle Menschen können gehorchen, aber nur wenige gelangen durch bloße Leitung der Vernunft zur Tugend. Ohne das Zeugnis der Schrift müsste man am Heil fast aller Menschen zweifeln.
Hintergrund und Wirkung
Die Trennung von Theologie und Philosophie hatte 1670 eine ganz praktische Bedeutung. In den Jahren um das Erscheinen des Buches stritten in den Niederlanden calvinistische Prediger mit den Anhängern des Descartes um die Hoheit über die Universitäten und die Auslegung der Natur, und Spinoza hatte sein Buch, wie er einem Briefpartner mitteilte, auch gegen die Vorurteile der Theologen und den Vorwurf des Atheismus geschrieben. Die Kapitel 11 bis 15 nehmen den Predigern das Recht, über Philosophie zu urteilen, und den Philosophen das Recht, über die Religion zu spotten.

Diese Doppelbewegung erklärt die widersprüchliche Rezeption. Orthodoxe Theologen sahen im Traktat einen Angriff auf die Offenbarung, radikale Aufklärer später ein Manifest der Aufklärung. Beides greift zu kurz. Spinoza sichert dem Denken sein Reich und lässt dem Glauben das seine, gebunden an eine einzige Bedingung: dass er Gerechtigkeit und Nächstenliebe hervorbringt. Wer die philosophische Grundlage dieser Lehre vom wahren Leben sucht, findet sie in seinem Hauptwerk, der Ethik in geometrischer Ordnung, die erst nach seinem Tod im Jahr 1677 erschien.
Zum Weiterlesen
Der Volltext im Project Gutenberg enthält die Kapitel 11 bis 15 in der englischen Übersetzung von Elwes; er ist kostenlos. Lesen Sie die Abschnitte in der Reihenfolge des Buches, denn jeder setzt den vorigen voraus, und behalten Sie die sieben Glaubenssätze im Blick: An ihnen misst Spinoza später, welche Meinungen ein Staat dulden muss. Wie er daraus die Grundlagen des Staates und die Freiheit des Denkens ableitet, zeigt die Seite zum vierten Teil des Traktats. Weitere frei zugängliche Werke finden Sie in der Übersicht der Digitalen Bibliothek.
