Amsterdam um 1670: Wer einem Kaufmann Geld anvertrauen will, stellt nur die Frage, ob er reich oder arm sei und ob er ehrlich handle. Nach seiner Religion fragen die Menschen nicht, denn vor dem Richter zählt sie nichts. So schildert Spinoza seine Heimatstadt im Schlusskapitel des Theologisch-politischen Traktats, und Spinoza nennt sie als Beweis dafür, dass die Freiheit des Denkens und Redens einem Staat nicht schadet, sondern ihn blühen lässt. Die Kapitel 16 bis 20, im Project Gutenberg als vierter Teil geführt, entwickeln die Lehre vom Staat, die in diesem Bild mündet.
Von der Bibel zum Staat
Der Traktat erschien 1670 anonym in Amsterdam; die Staaten von Holland verboten das Buch 1674. In den ersten fünfzehn Kapiteln hatte Spinoza die Bibel geprüft und den Glauben von der Philosophie getrennt; der dritte Teil des Traktats auf dieser Website fasst diese Trennung zusammen. Spinoza fragt, wie weit die Freiheit der Philosophie, also zu denken und zu sagen, was man denkt, in einem guten Staat reichen darf. Dafür klärt er die Grundlagen des Staates und beginnt bei der Natur der Menschen, wie sie sind.
Naturrecht und Vertrag
Das Recht der Natur reicht für Spinoza so weit wie ihre Macht, denn die Macht der Natur ist die Macht Gottes selbst. Die Fische sind von Natur bestimmt zu schwimmen, und die großen fressen die kleinen mit vollem natürlichen Anspruch. Dasselbe gilt für Menschen im Naturzustand: Jeder darf alles, was er vermag, ob er nach der Vernunft oder nach der Begierde leben will. Ein solches Leben ist jedoch elend und unsicher, und darum schließen die Menschen sich zusammen.
Der Vertrag, mit dem sie ihre Macht auf die Gemeinschaft übertragen, gilt nur so lange, wie er nützt; niemand verspricht wirksam, gegen seinen eigenen Vorteil zu handeln. Die Gesellschaft, die die höchste Gewalt gemeinschaftlich besitzt, nennt Spinoza Demokratie. Spinoza hält sie für die natürlichste Staatsform, weil in ihr jeder Einzelne mitberät und der Freiheit des Einzelnen im Naturzustand am nächsten bleibt. Erst mit dem Vertrag entstehen die Grundbegriffe der bürgerlichen Ordnung:
- Gerechtigkeit ist die feste Absicht, jedem zu geben, was ihm nach den Gesetzen des Staates zukommt.
- Sünde ist, was die Gesetze verbieten; im Naturzustand gibt es sie nicht.
Was niemand übertragen kann
Diese Theorie bleibt in einem Punkt Theorie. Niemand kann seine Macht so vollständig abgeben, dass er aufhört, ein Mensch zu sein. Gehorsam ist eine innere Handlung; ob jemand aus Furcht oder aus Liebe zum Vaterland gehorcht, er handelt nach dem Befehl des Staates, und wer über die Gemüter herrscht, hat mehr Gewalt als wer nur gefürchtet wird. Deshalb behalten die Menschen im Staat ein eigenes Vermögen, das von keinem Beschluss abhängt; es sind Rechte des Einzelnen, die keiner abtreten kann.

Den größten Teil des siebzehnten Kapitels füllt die Geschichte des hebräischen Staates, für die Spinoza die Bibel als Geschichtsquelle liest. Nach dem Auszug aus Ägypten übertrugen die Israeliten ihre Macht nicht auf einen Menschen, sondern auf Gott; die Verfassung war eine Theokratie. Mose erhielt vom Volk die höchste Gewalt, doch nach seinem Tod fielen die Ämter auseinander: Die Leviten legten das Gesetz aus, die Fürsten der Stämme führten die Verwaltung und die Heere. Keiner konnte allein herrschen, und alle waren an ein Gesetz gebunden, an dessen göttlichen Ursprung sie glaubten. Darin zeigt sich für Spinoza der Grund für die lange Dauer dieses Staates, in der Wahl der Könige und im Ehrgeiz der Priester den Grund seines Untergangs.
Vier Lehren aus der Geschichte der Hebräer
Nachahmen lässt sich dieser Staat nicht, denn ein Vertrag mit Gott, der nach dem Neuen Testament in die Herzen geschrieben wird, lässt sich nicht wiederholen. Lernen lässt sich aus ihm dennoch, meint Spinoza. Das achtzehnte Kapitel zieht aus der Bibel vier Folgerungen:
- Für Religion und Staat ist es verderblich, wenn die Diener der Religion Gesetze erlassen oder Staatsgeschäfte führen.
- Gefährlich ist es, rein spekulative Dinge dem göttlichen Gesetz zu unterstellen und Gesetze über Meinungen zu geben.
- Notwendig ist, dass die höchste Gewalt allein entscheidet, was erlaubt ist; nur so bleibt der Staat sicher.
- Ein Volk, das an Könige nicht gewöhnt ist, sollte keinen wählen, und ein Volk, das sie gewohnt ist, sollte sie nicht abschaffen. Die Geschichte der Engländer zeigt es: Sie beseitigten ihren König und erhielten nach vielen Kriegen einen neuen Monarchen unter anderem Namen.
Religion unter der Hoheit des Staates
Aus alldem folgt für Spinoza die Antwort auf die Frage, wer über die Religion entscheidet: die Obrigkeit. Die wahre Religion, Gerechtigkeit und Liebe zum Nächsten, erhält die Kraft eines Gesetzes erst durch den Staat; im Naturzustand hat die wahre Vernunft nicht mehr Macht als die Begierde. Gott führt keine besondere Herrschaft neben der Obrigkeit; auch die Bibel kennt das Reich Gottes nur dort, wo Gerechtigkeit und Liebe die Kraft des Gesetzes haben. Der äußere Gottesdienst muss sich darum an den Frieden des Staates halten.
Dabei unterscheidet Spinoza sorgfältig zwischen äußeren und inneren Dingen. Die Obrigkeit regelt die Übung der Frömmigkeit und den äußeren Kult. Die wahre, innere Frömmigkeit und die Art, wie ein Mensch Gott im Geist verehrt, gehören zu dem, was niemand übertragen kann.
„Der Zweck des Staates ist die Freiheit“
Könnte man den Gedanken befehlen wie der Zunge, würde jeder Herrscher sicher regieren, und es gäbe keine gewaltsame Herrschaft. Da aber niemand sein Vermögen, frei zu denken und über alle Dinge zu urteilen, abtreten kann, gilt jede Herrschaft als gewalttätig, die sich gegen die Gedanken richtet. Die Menschen denken von Natur so verschieden, wie ihr Geschmack verschieden ist; selbst Mose entging ihrem Gerede nicht. Und weil die Menschen nicht schweigen können, scheitert jeder Versuch, sie nur nach Vorschrift sprechen zu lassen.

Allerdings kann die Obrigkeit mit Recht alle für Feinde erklären, die ihr widersprechen; Spinozas Frage ist aber nicht das Recht, sondern der Nutzen, denn eine gewaltsame Herrschaft bringt große Gefahr für die Ordnung des Staates. Unbegrenzt darf die Freiheit dennoch nicht sein, denn die Majestät lässt sich auch durch Worte verletzen. Spinoza zieht die Grenze am Vertrag:
- Erlaubt ist, zu denken und zu sagen, was man denkt, solange man lehrt und mit Gründen urteilt und die Entscheidung der Obrigkeit überlässt.
- Erlaubt ist auch, ein Gesetz für unvernünftig zu halten und das der Obrigkeit vorzutragen, ohne gegen das Gesetz zu handeln.
- Aufrührerisch sind allein Meinungen, die den Vertrag selbst aufheben, etwa die Behauptung, die Obrigkeit sei an nichts gebunden oder jeder dürfe nach eigenem Belieben handeln.
- Gesetze, die vorschreiben, was jeder glauben soll, treffen die Redlichen, nicht die Schmeichler; sie machen redliche Menschen zu Märtyrern und reizen die Menge auf.
Aus dieser Abwägung folgt der berühmteste Satz des Werks über das wahre Ziel des Staates: „Der Zweck des Staates ist also die Freiheit.“ Der Staat soll die Menschen nicht zu Tieren oder Automaten machen, sondern sie in Sicherheit leben und ihre Vernunft frei gebrauchen lassen. Das zeigt für Spinoza die große Stadt Amsterdam, wo Menschen aller Völker und Sekten in Eintracht leben. Das Gegenbeispiel: Als die Provinzialstände den Streit der Remonstranten und Gegenremonstranten aufgriffen, entstand eine Kirchenspaltung. Gesetze über die Religion, die Streit beilegen sollen, erbittern die Menschen mehr, als sie sie bessern.
Kontext und Wirkung
Spinoza schrieb diesen Teil in der „wahren Freiheit“ der Republik unter Jan de Witt, die calvinistische Prediger und Oranier bekämpften; 1672 wurde de Witt in Den Haag von einer Menge ermordet. Das Verbot von 1674 traf das Buch gemeinsam mit Hobbes‘ Leviathan. Spinoza begann danach ein zweites Buch zur politischen Philosophie, den Politischen Traktat, der unvollendet blieb und erst mit den nachgelassenen Werken erschien.

Die Verbindung von Naturrecht, Vertrag und Freiheit unterscheidet Spinozas Lehre von der des Hobbes, mit dem er die Ausgangspunkte seiner Philosophie teilt. Bei Hobbes endet das natürliche Recht mit dem Vertrag; bei Spinoza bleibt es bestehen, weil Recht und Macht dasselbe sind und keine Obrigkeit beherrscht, was die Menschen denken. Wahre Freiheit ist für ihn der Gebrauch der Vernunft, nicht die Abwesenheit von Gesetzen. Diese Einsicht hatte große Wirkung auf die Toleranzdebatten der Aufklärung und das Verständnis der politischen Freiheit. Wer Spinozas Begriff der Freiheit von innen verstehen will, findet die Grundlage in seiner Ethik, die dieselbe Lehre aus der Natur der Menschen ableitet.
Was von diesem Teil bleibt
- Recht ist Macht; der Staat entsteht aus dem Nutzen der Menschen, damit sie sicher und vernünftig leben können.
- Diener der Religion sollen nicht herrschen, und die Obrigkeit soll keine neuen Vorschriften über Meinungen geben.
- Der Staat richtet in weltlichen wie in geistlichen Dingen Handlungen, nicht das Denken oder Glauben. Die Grenze der Redefreiheit ist der Vertrag, nicht die Frage, ob eine Meinung wahr ist.
- Der Zweck des Staates ist, so Spinoza, die Freiheit.
Den Volltext im Project Gutenberg können Sie kostenlos lesen oder herunterladen; er enthält die Kapitel 16 bis 20 in der englischen Übersetzung von R. H. M. Elwes aus dem Jahr 1883. Wer Spinozas Traktat heute liest, sollte beim Naturrecht beginnen, dem Abschnitt darüber, wie Menschen von Natur leben, und das Schlusskapitel am Ende noch einmal für sich allein lesen. Eine Übersicht aller frei verfügbaren Werke bietet die Digitale Bibliothek.
