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    Startseite » Spinoza: Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes
    Spinoza Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes: unvollendete lateinische Handschrift mit Feder und Kerze, Sinnbild für das Fragment Tractatus de intellectus emendatione

    Spinoza: Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes

    „Reliqua desiderantur“, der Rest fehlt. Mit diesen Worten der Herausgeber endet der „Tractatus de intellectus emendatione“, auf Deutsch die Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes, den Baruch de Spinoza vermutlich um 1660 begann und nie abschloss. Die Frühschrift Spinozas erschien 1677 in den „Opera posthuma“, die seine Freunde bei Jan Rieuwertsz in Amsterdam drucken ließen, zusammen mit der Ethik. Der vollständige lateinische Titel verspricht eine Abhandlung „über die Verbesserung des Verstandes und über den Weg, auf dem er am besten zur wahren Erkenntnis der Dinge geführt wird“. Die folgende Vorstellung beantwortet die Fragen, die sich beim ersten Lesen stellen, und erklärt, welche Bedeutung die Schrift für die Bedingungen hat, unter denen das menschliche Erkennen bei Spinoza steht. Den englischen Text in der Übersetzung von R. H. M. Elwes lesen Sie kostenlos als Volltext im Project Gutenberg.

    Womit beginnt Spinoza, und was ist das wahre Gut?

    Der Anfang gehört zu den persönlichsten Seiten, die der Philosoph geschrieben hat. Er berichtet, die Erfahrung habe ihn gelehrt, dass alles, was im gewöhnlichen Leben vorkomme, eitel und nichtig sei. Deshalb habe er beschlossen zu untersuchen, ob es ein wahres Gut gebe, das sich mitteilen lässt und das allein den Geist erfüllt: etwas, das ihm, einmal gefunden, eine beständige und höchste Freude in Ewigkeit verschaffe.

    Drei Dinge, die Menschen gewöhnlich für das höchste Gut halten, prüft er der Reihe nach:

    Vermeintliches Gut Warum es nicht trägt
    Sinnenlust (libido) Nach dem Genuss folgt Traurigkeit; der Geist wird betäubt
    Reichtum (divitiae) Je mehr man besitzt, desto mehr wächst das Verlangen
    Ehre (honor) Man muss das Leben nach der Meinung anderer einrichten
    Vanitas-Stillleben mit Goldmünzen, Lorbeerkranz und Weinkelch im Schatten, daneben ein beleuchtetes Buch: die drei vermeintlichen Güter in Spinozas Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes
    Reichtum, Ehre und Sinnenlust gelten als höchste Güter; Spinoza stellt ihnen die Erkenntnis entgegen.

    Das wahre Gut findet Spinoza an anderer Stelle: in der Erkenntnis der Einheit, die der Geist mit der ganzen Natur hat. Diese Vollkommenheit für sich zu erlangen und sich zu bemühen, dass viele andere sie mit ihm erreichen, nennt er sein Ziel. Vor allem aber muss der Verstand geheilt und gereinigt werden, damit er die Dinge ohne Irrtum erkennt und zur adäquaten Erkenntnis gelangen kann. Für die Zwischenzeit gibt er sich drei Lebensregeln: sich der Fassungskraft der Menge anpassen, Genüsse nur so weit nutzen, wie die Gesundheit es verlangt, und Geld nur erwerben, soweit es zum Leben nötig ist.

    Welche vier Erkenntnisarten unterscheidet Spinoza?

    Bevor er die Methode entwickelt, ordnet Spinoza die Weisen, auf die Menschen überhaupt etwas wahrnehmen. Es sind vier Stufen, von der unsichersten bis zur höchsten:

    1. Erkenntnis vom Hörensagen oder aus beliebigen Zeichen. So weiß jeder seinen Geburtstag und seine Eltern.
    2. Erkenntnis aus vager Erfahrung, die vom Verstand nicht bestimmt ist. So wissen wir, dass wir sterben werden, oder dass Öl Feuer nährt.
    3. Erkenntnis, bei der das Wesen eines Dinges aus einem anderen erschlossen wird, aber nicht adäquat: etwa der Schluss von der Wirkung auf die Ursache.
    4. Erkenntnis eines Dinges allein durch sein Wesen oder durch die Erkenntnis seiner nächsten Ursache.

    Alle vier Arten erläutert er an einem einzigen Beispiel, der Aufgabe, zu drei gegebenen Zahlen die vierte proportionale zu finden. Der Kaufmann rechnet nach einer Regel, die er vom Lehrer übernommen hat (erste Art). Ein anderer hat die Regel an einfachen Zahlen erprobt (zweite Art). Der Mathematiker beweist sie aus Euklid (dritte Art). Bei kleinen Zahlen wie 2, 4 und 3 aber sieht jeder ohne Rechnung, dass die vierte 6 sein muss (vierte Art). Nur diese vierte Art erfasst das Wesen einer Sache ohne Gefahr des Irrtums; sie führt zur höchsten Stufe der Erkenntnis. In der Ethik wird dieselbe Reihe zu drei Erkenntnisarten zusammengezogen, indem die ersten beiden zur „Meinung oder Vorstellung“ verbunden werden.

    Infografik zu Spinozas vier Erkenntnisarten in der Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes: Hörensagen, vage Erfahrung, Schluss und Wesenserkenntnis
    Die vier Erkenntnisarten aus dem Tractatus de intellectus emendatione, von der unsichersten bis zur einzig irrtumsfreien.

    Was versteht Spinoza unter Methode und wahrer Idee?

    Die Darlegungen zur Methode sind der Kern der Schrift. Ein Einwand liegt nahe: Um richtig zu erkennen, braucht man eine Methode; um die Methode zu finden, braucht man wieder eine Methode, und so fort ins Unendliche. Gäbe es keine Möglichkeit, diesen Regress zu beenden, könnte der Mensch nie zur Erkenntnis der Natur gelangen. Die Antwort ist ein Bild aus dem Handwerk. Die Menschen haben mit angeborenen Werkzeugen, den Händen, zunächst einfache Dinge hergestellt, mit diesen wiederum bessere Werkzeuge, bis hin zu den Maschinen ihrer Zeit. So verhält es sich auch mit dem Verstand: Er besitzt von Natur aus eine wahre Idee, und aus ihr kann er weitere Werkzeuge des Denkens gewinnen.

    Daraus folgen die Grundsätze der Methode:

    • Methode ist reflexive Erkenntnis, die Idee der Idee. Sie schafft keine Wahrheit, sondern zeigt, woran man eine wahre Idee erkennt und wie der Fortgang von ihr zu weiteren Ideen gelingt.
    • Die wahre Idee ist von ihrem Gegenstand verschieden: Der Kreis ist etwas anderes als die Idee des Kreises. Die Gewissheit liegt in der Idee selbst; wer eine wahre Idee hat, weiß, dass sie wahr ist.
    • Man beginnt bei einer gegebenen wahren Idee und ordnet die übrigen Ideen so, dass sie die Ordnung der Natur wiedergeben. Am besten geht man von der Idee des vollkommensten Wesens aus.

    Ein zweiter Aspekt der Methode ist die Befreiung des Verstandes von Irrtümern. Untersucht werden die fingierte Idee (etwa die Annahme, ein brennendes Licht brenne nicht), die falsche Idee, der man ohne Grund zustimmt, und die zweifelhafte Idee. Dazu kommt ein Abschnitt über das Gedächtnis und die Einbildungskraft. Den Abschluss bildet die Lehre von der Definition: Die Definition eines geschaffenen Dinges muss seine nächste Ursache enthalten und so beschaffen sein, dass sich alle Eigenschaften des Dinges aus ihr ableiten lassen. Beim Kreis reicht es also nicht zu sagen, alle Linien vom Mittelpunkt zum Umfang seien gleich; man muss ihn als Figur beschreiben, die eine um einen Endpunkt gedrehte Linie beschreibt.

    Handwerker im 17. Jahrhundert stellt mit einfachem Werkzeug ein besseres Werkzeug her, Sinnbild für Spinozas Methode
    Wie das Handwerk mit einfachen Werkzeugen bessere baut, gewinnt der Verstand aus einer wahren Idee weitere Erkenntnis.

    Wie verhält sich die Abhandlung zur Ethik?

    Die Frühschrift ist die Hinführung zum Hauptwerk. Die Ethik zeigt die ontologischen Bedingungen, unter denen der Mensch überhaupt erkennt: als Modus der einen Substanz, dessen Geist die Idee seines Körpers ist. Die Abhandlung dagegen beschreibt den Weg, den der in Ungewissheit befangene Mensch gehen muss, um zur vollkommenen Erkenntnis zu gelangen. Beides gehört zusammen, und Spinoza hat die Verbindung selbst hergestellt. In der Ethik verweist er im zweiten Teil auf seine Unterscheidung der Erkenntnisarten, und in einem Brief an Tschirnhaus aus dem Jahr 1675 räumt er ein, dass die Schrift über die Methode noch nicht zu Ende gebracht sei.

    Drei Verbindungslinien lassen sich benennen:

    • Die Definitionslehre bereitet die geometrische Ordnung vor, mit der die Ethik nach geometrischer Methode dargestellt ist: Aus richtigen Definitionen sollen sich alle Eigenschaften ableiten lassen.
    • Das wahre Gut, die Erkenntnis der Einheit des Geistes mit der Natur, kehrt im fünften Teil der Ethik als intellektuelle Liebe zu Gott wieder.
    • Die vierte Erkenntnisart wird zur „scientia intuitiva“, der dritten Erkenntnisart der Ethik.

    Dass er sich mit dem Problem der Methode auseinandersetzte, hat auch mit Descartes zu tun, dessen Abhandlung über die Methode er genau kannte. Gegenüber Descartes beginnt Spinoza nicht mit dem Zweifel, sondern mit der wahren Idee, die der Verstand bereits besitzt.

    Warum blieb der Tractatus de intellectus emendatione unvollendet?

    Die Herausgeber der „Opera posthuma“ schrieben dem Text eine Vorbemerkung voran: Der Autor habe die Schrift schon vor vielen Jahren begonnen, immer wieder aufgenommen und wegen anderer Arbeiten liegen gelassen. Dass er an ihr festhielt, bezeugt der erwähnte Brief von 1675. Der lateinische Text bricht mitten in der Lehre vom Verstand ab, nach der Aufzählung seiner Eigenschaften.

    Warum es nie zur Vollendung kam, ist in der Forschung umstritten. Alexandre Matheron widmete der Frage 1987 einen eigenen Aufsatz. Zwei Erklärungen werden häufig genannt:

    1. Der Plan, die Methode vor dem System darzustellen, erwies sich als überflüssig, weil die Ethik ihre Erkenntnislehre selbst mitliefert und keiner Einleitung bedarf.
    2. Die Auffassung des menschlichen Verstandes und seines Verhältnisses zu Gott veränderte sich während der Arbeit an der Ethik so stark, dass der frühe Ansatz nicht mehr passte.

    Sicher ist nur: Der Autor gab die Schrift nicht auf, und die Freunde hielten sie für wichtig genug, sie trotz der Lücken zu drucken.

    Welche Ausgaben gibt es, und wie liest man das Fragment am besten?

    Für deutsche Leser ist die zweisprachige Ausgabe von Wolfgang Bartuschat in der Philosophischen Bibliothek des Felix Meiner Verlags (Sämtliche Werke, Band 5a; zweite, verbesserte Auflage 2003) die Standardausgabe; sie enthält den lateinischen Text mit deutscher Übersetzung und einer Einleitung. Ältere Übersetzungen stammen von Carl Gebhardt, der 1905 auch eine entwicklungsgeschichtliche Untersuchung der Schrift vorlegte, und aus der Werkausgabe von Berthold Auerbach (1841). Im Englischen ist neben Elwes (1883) die Übersetzung von Edwin Curley in den „Collected Works of Spinoza“ (1985) die heute meistzitierte.

    Ein paar Hinweise für die Lektüre:

    • Der Text ist kurz. Lesen Sie ihn in einem Zug.
    • Achten Sie auf die Abschnittszählung in eckigen Klammern, die in der Ausgabe Bruders von 1843 eingeführt wurde. Sie erlaubt es, Stellen ausgabenübergreifend zu zitieren.
    • Lesen Sie die Einleitung zweimal: einmal als Bekenntnis, einmal als Programm. Besonders die Schritte vom Zweifel zum Entschluss lohnen die genaue Lektüre.

    Weitere Werke Spinozas, darunter der Theologisch-politische Traktat, finden Sie in der Übersicht der Digitalen Bibliothek. Die Abhandlung ist im Project Gutenberg seit August 1997 unter der Nummer 1016 verfügbar.

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