„Was ist Eigentum?“ Proudhon stellt diese Frage 1840 auf die erste Seite seiner ersten Abhandlung und gibt die Antwort gleich mit: Eigentum ist Diebstahl. Kaum ein Satz der politischen Ideengeschichte wird so oft zitiert und so selten im Zusammenhang gelesen; die meisten Menschen kennen die Formel, nicht die Schrift. Um „Qu’est-ce que la propriété? ou Recherches sur le principe du droit et du gouvernement“ haben sich seither Missverständnisse gesammelt. Der folgende Beitrag räumt fünf davon aus, stellt die Argumentation der Schrift Kapitel für Kapitel vor, ordnet die Reaktion von Karl Marx ein und nennt die deutschen Ausgaben. Die englische Übersetzung von Benjamin R. Tucker lesen Sie kostenlos als Volltext im Project Gutenberg.
Wer war Pierre-Joseph Proudhon?
Pierre-Joseph Proudhon wurde 1809 in Besançon geboren, als Sohn eines Böttchers und einer Köchin. Er hütete Kühe, besuchte mit Stipendium das Gymnasium, musste es aus Geldnot verlassen und erlernte den Beruf des Schriftsetzers. In der Druckerei las er Korrektur an theologischen Werken und brachte sich dabei Hebräisch bei. 1838 verlieh ihm die Akademie von Besançon das Suard-Stipendium, das ihm drei Jahre Studien in Paris ermöglichte. Sein Leben blieb auch danach das eines Arbeiters, der neben dem Schreiben Geld verdienen musste. Die Frucht dieser Jahre war „Was ist Eigentum?“, im Juni 1840 in Paris erschienen und der Akademie gewidmet.

Die Akademie war mit dem Ergebnis nicht einverstanden. Sie distanzierte sich öffentlich und verlangte, die Widmung in künftigen Auflagen zu streichen. Eine Anklage blieb aus, weil der Ökonom Adolphe Blanqui in einem Gutachten für die Akademie der Wissenschaften erklärte, das Buch sei eine wissenschaftliche Untersuchung und kein Aufruf zum Umsturz. Erst die dritte Denkschrift von 1842 brachte Proudhon vor ein Geschworenengericht in Besançon, das ihn freisprach.
Irrtum 1: Proudhon lehnte jedes Eigentum ab
Der Satz „Eigentum ist Diebstahl“ meint nicht das Werkzeug des Handwerkers, das Haus der Familie oder die Ernte des Bauern. Proudhon unterscheidet streng zwischen Besitz (possession) und Eigentum (propriété). Besitz ist das Recht, eine Sache zu nutzen, weil man mit ihr arbeitet. Eigentum ist das Recht, aus einer Sache Einkommen zu ziehen, ohne selbst zu arbeiten: Pacht, Zins, Miete, Grundrente. Einfach gesagt: Wer Güter durch eigene Kraft erzeugt, besitzt sie; wer aus dem Eigentum an Boden oder Produktionsmitteln Geld zieht, lebt von der Arbeit anderer. Proudhon nennt diese Erträge das „droit d’aubaine“, das Recht auf Zufallsgewinn.

Was er verteidigt, ist der Besitz; was er angreift, ist das Eigentum im Sinne des römischen Rechts, das Recht, eine Sache zu gebrauchen und zu missbrauchen. Diese Unterscheidung hat Proudhon nie aufgegeben. In der nachgelassenen „Théorie de la propriété“ von 1866 heißt es sogar, das Eigentum sei Freiheit, weil es dem Einzelnen einen Schutzraum gegen den Staat gebe. Der Widerspruch ist nur scheinbar: Gemeint ist dort das durch Arbeit erworbene, gleichmäßig auf alle Mitglieder der Gesellschaft verteilte Eigentum, also das, was er 1840 Besitz genannt hatte.
Irrtum 2: Der Satz ist eine Parole ohne Begründung
Tatsächlich füllt die Begründung fünf ausführliche Kapitel. Proudhon geht die üblichen Rechtfertigungen des Eigentums der Reihe nach durch und prüft sie am Maßstab der Gerechtigkeit:
| Kapitel | Gegenstand | Ergebnis |
|---|---|---|
| I | Methode und die Idee einer Revolution | Ankündigung, das Eigentum wie einen Rechtsfall zu prüfen |
| II | Eigentum als Naturrecht: Okkupation und bürgerliches Gesetz | Die Okkupation gibt allen das gleiche Recht und kann daher kein Eigentum begründen |
| III | Die Arbeit als Ursache des Eigentums | Arbeit erzeugt Produkte, aber kein Eigentum am Boden, den niemand hergestellt hat |
| IV | Das Eigentum ist unmöglich | Zehn Sätze, warum Eigentum die Gesellschaft zerstört |
| V | Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, das Prinzip der Regierung | Weder Eigentum noch Kommunismus, sondern Freiheit |
Das Naturrecht der Aufklärung hatte Freiheit, Gleichheit, Sicherheit und Eigentum nebeneinandergestellt. Proudhon zeigt, dass die ersten drei für alle Menschen gleichermaßen gelten, während Eigentum als Vorrecht des Einen andere ausschließt. Ein Naturrecht, das nur wenige Menschen ausüben können, ist für ihn ein Widerspruch in sich und darum keine Grundlage der Gerechtigkeit. Gegen die Okkupationstheorie wendet er ein, dass das Recht des Erstbesetzers jedem zusteht und sich daher bei wachsender Bevölkerung nur als gleiche Teilung durchführen lässt. Gegen die Arbeitstheorie führt er an, dass der Boden nicht produziert wird und dass jedes Produkt auf der Arbeit vieler Menschen beruht, so dass dem Einzelnen nur ein Anteil zusteht. Aus dem gleichen Grund verlangt er einen Austausch der Güter zu gleichen Werten.
Irrtum 3: Die Schrift ist ein kommunistisches Manifest
Das vierte Kapitel enthält die zehn Sätze, mit denen Proudhon das Eigentum als „unmöglich“ erweist. Der erste lautet, das Eigentum verlange etwas für nichts; der letzte, das Eigentum sei die Verneinung der Gleichheit. Dazwischen stehen Überlegungen zu Zins, Preis und Kapital, die Proudhon später im System der ökonomischen Widersprüche oder Philosophie des Elends und in seinem Vorschlag eines zinslosen Kredits ausbaute. Eine Kritik der kapitalistischen Wirtschaft im Sinne von Marx ist das noch nicht; Proudhon argumentiert vom Recht her, nicht von der Produktion.
Das fünfte Kapitel weist aber auch die Gemeinschaft des Eigentums zurück. Der Kommunismus, so Proudhon, mache alle Menschen zu Sklaven der Gesellschaft, weil er die Schwachen und die Starken gleich behandle und die Persönlichkeit auslösche. Eigentum und Kommunismus seien zwei Formen der Ungerechtigkeit; Gerechtigkeit verlange eine dritte Lösung. Diese Form der Gesellschaft nennt er Freiheit und ordnet ihr vier Elemente zu:
- Gleichheit der Bedingungen,
- Gesetz, das aus der Natur der Dinge folgt,
- Unabhängigkeit des Einzelnen,
- Verhältnismäßigkeit, das heißt Anerkennung der Verdienste ohne Vorrechte.
Am Ende dieses Kapitels bekennt sich Proudhon in einem fingierten Dialog mit seinem Leser ausdrücklich als Anarchist. Er ist der Erste, der das Wort positiv gebraucht: Anarchie bedeutet für ihn nicht Unordnung, sondern eine Ordnung ohne Herrn.
Irrtum 4: Marx hat Proudhon von Anfang an bekämpft
Karl Marx las die Schrift früh und mit Zustimmung. In der „Heiligen Familie“ (1845), gemeinsam mit Engels verfasst, verteidigt er Proudhon gegen die Junghegelianer und würdigt „Was ist Eigentum?“ als erste entschlossene und zugleich wissenschaftliche Untersuchung des Privateigentums. Der Bruch kam erst 1846 mit Proudhons zweitem Hauptwerk, der Philosophie des Elends, auf das Marx 1847 mit „Das Elend der Philosophie“ antwortete.
Sein abschließendes Urteil formulierte Karl Marx 1865, wenige Tage nach Proudhons Tod, in einem Brief an Johann Baptist von Schweitzer. „Was ist Eigentum?“ bleibe Proudhons bestes Werk, epochemachend nicht durch neue Gedanken, sondern durch die Kühnheit, mit der es an das ökonomische Allerheiligste rühre. Zugleich hielt Marx fest, dass die Frage nach dem Eigentum nicht juristisch, sondern aus den Produktionsverhältnissen und dem Eigentum an den Produktionsmitteln zu beantworten sei. Diese Doppelbewertung prägt die marxistische Sicht auf Proudhon bis heute.
Irrtum 5: Das Buch blieb ohne Folgen
„Was ist Eigentum?“ machte Proudhon über Nacht bekannt und begründete den Ruf, der ihn 1848 in die Nationalversammlung brachte; über diese Zeit berichten seine „Bekenntnisse eines Revolutionärs“ von 1849. In der Februarrevolution beriefen sich Pariser Arbeiter auf seine Formel, und die Unterscheidung von Besitz und Eigentum wanderte in die Programme der Mutualisten und der französischen Sektionen der Ersten Internationale. Michail Bakunin und Peter Kropotkin nannten Proudhon den Begründer des Anarchismus; Kropotkin schrieb, Proudhon habe gezeigt, dass Eigentum nur eine Form des Raubes, der Plünderung und des Diebstahls sei. Die soziale Bewegung des späten 19. Jahrhunderts las die Schrift als Kritik des Eigentums, nicht als Kritik der Wirtschaft im Ganzen.

Der Satz „Eigentum ist Diebstahl“ hat sich vom Buch gelöst und gehört zu den meistzitierten Sätzen der politischen Literatur. Dass er ohne die Unterscheidung von Besitz und Eigentum missverständlich bleibt, hat Proudhon selbst vorausgesehen und in zwei weiteren Denkschriften von 1841 und 1842 erläutert.
Ausgaben und Übersetzungen
Für die Lektüre stehen folgende Fassungen zur Verfügung:
| Jahr | Ausgabe | Hinweis |
|---|---|---|
| 1840 | Erstausgabe, Paris | Erste Denkschrift, der Akademie von Besançon gewidmet |
| 1841 | Zweite Denkschrift: Brief an Adolphe Blanqui | Antwort auf Kritik, mit klarerer Begriffsbestimmung |
| 1876 | Englische Übersetzung von Benjamin R. Tucker | Grundlage der Gutenberg-Ausgabe Nr. 360, enthält auch die zweite Denkschrift |
| 1896 | Deutsche Übersetzung von Alfons Fedor Cohn, Berlin | Erste vollständige deutsche Fassung, gemeinfrei |
| 2024 | Unrast Verlag, Reihe Klassiker der Sozialrevolte, übersetzt von Lena Völkening | Aktuelle deutsche Ausgabe, 3. Auflage (ISBN 978-3-89771-918-7) |
Wer den Text zum ersten Mal liest, beginnt am besten mit dem kurzen ersten Kapitel und dem Abschnitt über Besitz und Eigentum im zweiten. Das vierte Kapitel mit den zehn Sätzen ist das anspruchsvollste; das fünfte mit dem Bekenntnis zur Anarchie das lohnendste. Weitere Werke zu Recht, Wirtschaft und Gesellschaft finden Sie in der Übersicht der Digitalen Bibliothek auf gutenberg.net.
