Dresden, 1864. Ein Verleger schickt ein Manuskript zurück. Zwei Jungen, sieben dumme Streiche, alles in Reimen und Federzeichnungen; der Verleger Richter sieht darin kein Geschäft. Ein Jahr später druckt der Verlag Braun & Schneider in München das Buch, und „Max und Moritz“ wird zum meistverkauften Titel seines Autors. Die Lebensweisheiten von Wilhelm Busch, die heute in Reden, Karten und Kalendern stehen, stammen fast alle aus solchen Bildergeschichten. Das ist der Grund, warum sie so gut sitzen: Wilhelm Busch hat sie nicht als Sprüche geschrieben, sondern als Pointen über kleine Dinge, über Likör, Rotwein, Nachbarn und Dummheit.
Dieser Text ordnet die bekanntesten Zitate ihrem Werk zu, zeigt zwei vollständige Texte und räumt mit dem berühmtesten Busch-Zitat auf, das er nie geschrieben hat.
Der Mann hinter den Reimen
Heinrich Christian Wilhelm Busch wurde am 15. April 1832 in Wiedensahl bei Hannover geboren, als ältestes von sieben Kindern eines Krämers. Zeichner, Maler und Dichter in einer Person, und heute einer der meistzitierten deutschen Autoren überhaupt. Er besuchte das Polytechnikum in Hannover, dann die Kunstakademien in Düsseldorf, Antwerpen und München. Maler wollte er werden. Geld verdiente er mit Beiträgen für die „Fliegenden Blätter“ und die „Münchener Bilderbogen“, aus denen seine frühen Geschichten in Bildern hervorgingen, darunter 1867 „Hans Huckebein, der Unglücksrabe“.
Ab 1872 folgten in dichter Reihe „Die fromme Helene“, „Dideldum!“, „Abenteuer eines Junggesellen“, „Julchen“ und „Maler Klecksel“. Daneben erschienen zwei Gedichtbände, „Kritik des Herzens“ (1874) und „Zu guter Letzt“ (1904). Der Philosoph, den er sein Leben lang las, war Schopenhauer; das erklärt, warum seine Verse so wenig Glück versprechen. Busch lebte zurückgezogen bei seiner Schwester im Heimatdorf und zuletzt in Mechtshausen, wo er am 9. Januar 1908 starb. Der dritte Gedichtband „Schein und Sein“ erschien 1909 aus dem Nachlass.
Neun Zitate mit Fundstelle
| Satz | Werk | Jahr |
|---|---|---|
| „Also lautet ein Beschluß: / Daß der Mensch was lernen muß.“ | Max und Moritz, Vierter Streich | 1865 |
| „Es ist ein Brauch von alters her: / Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“ | Die fromme Helene, 16. Kapitel | 1872 |
| „Das Gute, dieser Satz steht fest, / Ist stets das Böse, was man läßt!“ | ebenda, Schlussvers | 1872 |
| „Musik wird oft nicht schön gefunden, / Weil sie stets mit Geräusch verbunden.“ | Dideldum!, Der Maulwurf | 1874 |
| „Rotwein ist für alte Knaben / Eine von den besten Gaben.“ | Abenteuer eines Junggesellen | 1875 |
| „Vater werden ist nicht schwer, / Vater sein dagegen sehr.“ | Julchen, Vorbemerkung | 1877 |
| „Enthaltsamkeit ist das Vergnügen / An Sachen, welche wir nicht kriegen.“ | Die Haarbeutel | 1878 |
| „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, / Kriegt augenblicklich Junge.“ | Schein und Sein, „Niemals“ | 1909 |
| „Dumme Gedanken hat jeder, nur der Weise verschweigt sie.“ | Spricker (Aphorismen und Reime) | Nachlass |
Zwei Dinge fallen auf. Zum einen: Fast alle Zitate sind Zweizeiler, und sie leben vom zweiten Vers. Wer nur „Vater werden ist nicht schwer“ zitiert, hat die Pointe weggelassen. Zum anderen: Busch schrieb „daß“ und „läßt“; wer ihn zitiert, darf die alte Schreibung stehen lassen. Und wer genau hinsieht, merkt, dass die Welt in diesen Versen selten besser wird, sondern nur klarer.

Der Busch-Spruch, den Busch nie geschrieben hat
„Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.“ Kaum ein Satz ist unter seinem Namen so beliebt, und nirgends bei ihm steht er. Was Busch geschrieben hat, findet sich zu Beginn der Hundegeschichte von 1882:
> „Aber hier, wie überhaupt, / Kommt es anders, als man glaubt.“
> Wilhelm Busch, Plisch und Plum, 1882
Die volkstümliche Fassung mit „erstens“ und „zweitens“ ist eine Redensart, die sich an ihn angelehnt hat. Sie ist gut, aber sie ist nicht von ihm; sie sei hier trotzdem erwähnt, weil sie jeder kennt. Wer den echten Reim nimmt, verliert nichts: Er ist genauso trocken und passt in jede Rede über Pläne, die nicht aufgingen.
Ähnlich liegt der Fall bei „Toleranz ist gut, aber nicht gegenüber den Intoleranten“. Der Satz ist echt und steht in den nachgelassenen „Spricker“-Aphorismen, wird aber oft um ein „Wilhelm Busch sagte schon“ erweitert, das so tut, als hätte er ihn irgendwo öffentlich vorgetragen. Er hat ihn notiert. Mehr nicht. Wer Dummheit sieht und schweigt, schreibt er an anderer Stelle, sei der Weise; laut geworden ist er selbst nie.
Zwei ganze Gedichte
Busch ist gemeinfrei, seine Gedichte dürfen vollständig zitiert werden. Zwei kurze aus den Sammlungen, das erste über Galgenhumor, das zweite über Liebe zur Wahrheit:
„Es sitzt ein Vogel auf dem Leim“ (Kritik des Herzens, 1874)
> Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
> Er flattert sehr und kann nicht heim.
> Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
> Die Krallen scharf, die Augen gluh.
> Am Baum hinauf und immer höher
> Kommt er dem armen Vogel näher.
> Der Vogel denkt: Weil das so ist
> Und weil mich doch der Kater frißt,
> So will ich keine Zeit verlieren,
> Will noch ein wenig quinquilieren
> Und lustig pfeifen wie zuvor.
> Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Zwölf Zeilen, und die ganze Haltung des Autors steckt darin: Die Lage ist aussichtslos, also pfeift man. Das Gedicht gehört in jede Sammlung über das Leben mit Widrigkeiten und passt neben unser Zitat über Lebensfreude.
„Schein und Sein“ (aus dem gleichnamigen Band, 1909)
> Mein Kind, es sind allhier die Dinge,
> Gleichwohl, ob große, ob geringe,
> Im wesentlichen so verpackt,
> Daß man sie nicht wie Nüsse knackt.
>
> Wie wolltest du dich unterwinden,
> Kurzweg die Menschen zu ergründen.
> Du kennst sie nur von außenwärts.
> Du siehst die Weste, nicht das Herz.
Der letzte Vers ist der bekannteste, aber die erste Strophe erklärt ihn. Den vollständigen Band gibt es gemeinfrei bei Project Gutenberg unter der Nummer 60522. Wer Wilhelm Busch als Zeitgenossen einordnen will: Sein Landsmann Theodor Storm schrieb im selben Jahrzehnt den „Knecht Ruprecht“, und die beiden könnten in Ton und Absicht kaum weiter auseinanderliegen.

Welches Busch-Gedicht passt zum Geburtstag?
Ein eigenes Geburtstagsgedicht hat Busch nicht hinterlassen. Es gibt „Der Geburtstag oder die Partikularisten“ (1873), aber die Geschichte handelt von einer Gratulationsreise, die in reichlich Alkohol endet; als Kartentext eignet sie sich nur für sehr belastbare Jubilare. Besser funktionieren drei kurze Stücke:
- Der Rotwein-Zweizeiler aus den „Abenteuern eines Junggesellen“. Für runde Feste ab sechzig, am besten mit einer Flasche dazu.
- „Es sitzt ein Vogel auf dem Leim“, vollständig. Für Leute, die ihren Ehrentag nicht mögen und trotzdem feiern.
- Die Eingangsstrophe von „Schein und Sein“. Für alle, die lieber einen Gedanken bekommen als einen Witz.
Wer Busch für eine Rede nutzt, sollte einen Satz einleiten und dann schweigen. Die Zweizeiler tragen sich selbst; jede Erklärung danach macht sie schwächer. Das gilt auch für den „Beschluß“ aus dem vierten Streich: Man liest ihn vor, wartet den Lacher ab und geht zum nächsten Punkt.
Was von Busch bleibt
Busch wollte Maler werden und wurde als humoristischer Dichter, Zeichner und Schriftsteller berühmt. Rolf Hochhuth gab 1959 die „Sämtlichen Werke“ (Busch, Wilhelm, zwei Bände) bei Bertelsmann heraus, und die Wilhelm-Busch-Gesellschaft in Hannover pflegt den Nachlass bis heute. Was sich von ihm verbreitet hat, sind aber weder die Ölbilder noch die Prosa, sondern die Reime. Sie sind kurz, sie sind kleine Bosheiten, und sie sind fast immer wahr. Das ist mehr, als die meisten Sprüche von sich sagen können.

