Ein Junge aus Cleveland kauft sich für zehn Cent ein kleines Rechnungsbuch und trägt darin jede Einnahme und jede Ausgabe ein, auch die Beträge, die er verschenkt. Das Heft heißt Ledger A. Der Junge heißt John Davison Rockefeller, ist sechzehn und wird als US-amerikanischer Unternehmer das größte Vermögen seiner Zeit anhäufen. Wer heute nach inspirierenden Rockefeller Zitaten für Erfolg sucht, landet meist bei Sammlungen, in denen niemand mehr sagen kann, wer welchen Satz wann geäußert hat. Dabei gibt es eine Quelle, in der Rockefeller selbst spricht: seine Erinnerungen „Random Reminiscences of Men and Events“ von 1909.
Dieser Beitrag zieht die belegten Sätze aus dem Buch heraus und zeigt, welche der populären Sprüche im Netz ihm nur untergeschoben werden.
Ledger A: das Notizbuch, mit dem alles anfing
John D. beschreibt in seinen Erinnerungen, wie sein Vater ihm früh praktische Dinge beibrachte, und dann kommt der Satz über das Heft:
From early boyhood I kept a little book which I remember I called Ledger A, and this little volume is still preserved, containing my receipts and expenditures as well as an account of the small sums that I was taught to give away regularly.
Sinngemäß: Von Kindheit an führte er ein Buch namens Ledger A, mit Einnahmen, Ausgaben und den kleinen Beträgen, die er regelmäßig weggeben sollte. Bemerkenswert ist die letzte Hälfte. Das Spenden stand von Anfang an in derselben Spalte wie das Verdienen. Wer den Ölmagnaten nur als Raubritter liest, übersieht diese Doppelbuchführung.
Nüchtern klingt auch sein Umgang mit dem ersten Geld. Als das Geschäft im ersten Jahr eine halbe Million Dollar umsetzte, redete er sich abends im Bett ins Gewissen:
Now a little success, soon you will fall down, soon you will be overthrown. Because you have got a start, you think you are quite a merchant; look out, or you will lose your head, go steady.
Ein kleiner Erfolg, und schon hältst du dich für einen Kaufmann. Pass auf, sonst verlierst du den Kopf. Diese nächtlichen Selbstgespräche, schreibt er, hätten sein Leben geprägt.
Was riet Rockefeller jungen Menschen am Anfang?
Im Kapitel über das Geben steht der Rat, der seiner Erfolgsphilosophie am nächsten kommt. Er richtet sich an junge Leute, die ins Berufsleben starten:
If you aim for a large, broad-gauged success, do not begin your business career, whether you sell your labour or are an independent producer, with the idea of getting from the world by hook or crook all you can.
Die erste Frage soll stattdessen lauten: Wo kann ich am meisten bewirken? Daraus zieht er eine Regel, die er selbst so formuliert: „The man will be most successful who confers the greatest service on the world.“ Am erfolgreichsten wird, wer den größten Dienst leistet. Das ist keine Nettigkeit, sondern Marktlogik. Wer als einziges Ziel den Reichtum verfolgt, wird nach dieser Rechnung das Wichtigste niemals erreichen. Ein paar Zeilen später schiebt er trocken nach: Firmen, die niemand braucht, scheitern und sollen auch scheitern.
Im Betrieb wurde daraus eine Wachstumsregel. Den Aufstieg der Standard Oil Company führte er auf eine Linie zurück: das Geschäftsvolumen über Qualität und günstige Preise groß zu machen, die fähigsten Mitarbeiter zu suchen und ihnen die höchsten Löhne zu zahlen. Was er von zögerlichen Firmen hielt, steht im selben Buch: Ein Geschäft könne nicht groß werden, wenn es seine Gelegenheiten nicht ausschöpft.

Was sagte Rockefeller über Freundschaft und Partner?
Ein ganzes Kapitel widmet der Autor dem Wert von Freundschaften. Sein bekanntester Satz dazu stammt eigentlich von seinem Partner Henry M. Flagler, und Rockefeller gibt das ausdrücklich zu:
It was a friendship founded on business, which Mr. Flagler used to say was a good deal better than a business founded on friendship, and my experience leads me to agree with him.
Eine Freundschaft, die auf einem Geschäft gegründet ist, sei deutlich besser als ein Geschäft, das auf einer Freundschaft gegründet ist. Wer diesen Satz in einer Präsentation verwendet, sollte Flagler mitnennen. Im selben Kapitel steht die eigene Zuspitzung des Autors: Über allen anderen Besitztümern stehe der Wert eines Freundes, in jedem Bereich des Lebens und ohne Ausnahme.
Welche Rockefeller Zitate für Erfolg kursieren auf Deutsch?
Einige Sätze stehen in fast jeder deutschen Sammlung. Zwei davon werden ihm seit Jahrzehnten zugeschrieben, ohne dass sich eine Fundstelle in seinen Veröffentlichungen finden lässt:
Wenn du erfolgreich sein willst, dann musst du neue Wege einschlagen und nicht auf den ausgetretenen Pfaden des gemeinhin akzeptierten Erfolgs marschieren.
Die englische Fassung rät, neue Wege einzuschlagen statt den ausgetretenen Pfaden zu folgen. Inhaltlich passt das zu allem, was er sonst schrieb. Ein Nachweis in den Memoiren fehlt. Ähnlich steht es um diesen:
Wer den ganzen Tag arbeitet, hat keine Zeit, Geld zu verdienen.
Gemeint ist der Unterschied zwischen Arbeitszeit und Kapital. Wer den ganzen Tag selbst arbeitet, kommt nie dazu, andere für sich arbeiten zu lassen. Auch hier gilt: verbreitet, aber ohne Quelle. Dasselbe gilt für „Zielstrebigkeit ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für Erfolg im Leben, egal, welches Ziel man verfolgt“, in englischen Sammlungen als „singleness of purpose“ geführt, und für den flapsigen Satz „Zwei Bücher braucht das Kind: das Kochbuch der Mutter und das Scheckbuch des Vaters“, der nur im deutschen Sprachraum kursiert.
Zwei weitere Zitate von John D. Rockefeller passen zu seinem Denken und stehen so in vielen Sammlungen, ohne dass eine Fundstelle genannt wird: Die wichtigste Sache für einen jungen Mann sei es, sich Rückhalt, Reputation und Charakter aufzubauen. Und für die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen, zahle er mehr als für jede andere Fähigkeit unter der Sonne.
Bei drei Sprüchen lässt sich dagegen zeigen, dass sie von jemand anderem stammen oder frei erfunden sind.
| Verbreiteter Spruch | Was sich prüfen lässt |
|---|---|
| „Ich verdiene lieber ein Prozent an den Bemühungen von 100 Leuten als 100 Prozent an meinen eigenen.“ | Steht in keiner seiner Veröffentlichungen. Die Formel kursiert erst seit den 1990er Jahren und wird auch Andrew Carnegie und J. Paul Getty zugeschrieben. |
| „Das Geheimnis des Erfolges ist es, gewöhnliche Dinge ungewöhnlich gut zu machen.“ | Wird meist dem Sohn zugeschrieben, in älteren Belegen auch anderen Autoren. Für den Vater fehlt jede Fundstelle. |
| „Ich will keine Nation von Denkern, ich will eine Nation von Arbeitern.“ | Eine Erfindung aus Verschwörungsliteratur. Das Rockefeller Archive Center kennt keinen solchen Beleg. |
Die Datenbanken, aus denen solche Sprüche stammen, weisen selbst darauf hin, dass ihre Einträge automatisch erfasst und ohne Gewähr sind. Für einen Vortrag oder eine Bewerbung ist das zu wenig. Was Sie tun können, um Zitate sauber zu prüfen und einzubauen, zeigt unser Beitrag zur 3-E-Regel für Zitate in Texten.
Die schwierige Kunst des Gebens
Das letzte Kapitel der Memoiren trägt den Titel „The Difficult Art of Giving“ und enthält die Ratschläge, die John D. heute noch am ehesten sympathisch machen. Einer davon:
It should be a greater pleasure and satisfaction to give money for a good cause than to earn it.
Geld für einen guten Zweck zu geben, solle mehr Freude machen, als es einzunehmen. Direkt daneben steht die Warnung, dass Geben schiefgehen kann: „It is easy to do harm in giving money.“ Wer an Einrichtungen spende, die eigentlich andere tragen müssten, trockne die natürlichen Quellen der Wohltätigkeit nur aus. Im Deutschen wird daraus meist der Merksatz, Wohltätigkeit sei schädlich, wenn sie nicht hilft, den Empfänger unabhängig von ihr zu machen. Das trifft den Zweck: Hilfe soll Menschen in die Lage versetzen, ohne Hilfe auszukommen. Seine Zuwendungen knüpfte er deshalb oft an die Bedingung, dass auch andere spenden. Aus dieser Haltung entstanden 1913 die Rockefeller Foundation und, nach heutigen Schätzungen, Spenden von rund 530 Millionen Dollar bis zu seinem Tod 1937.

Den vollständigen Text seiner Erinnerungen können Sie kostenfrei nachlesen: Random Reminiscences of Men and Events bei Project Gutenberg. Alle Zitate dieses Beitrags stammen aus dieser Ausgabe, die Übersetzungen sind unsere eigenen.

So verwenden Sie ein Rockefeller-Zitat, ohne sich zu blamieren
- Nennen Sie Werk und Jahr, also „Random Reminiscences of Men and Events, 1909“, nicht bloß den Namen.
- Prüfen Sie jeden Spruch gegen den Volltext. Das dauert im Buch keine halbe Minute.
- Trennen Sie Vater, Sohn und Enkel. Auch Rockefeller Jr. und Rockefeller III. haben eigene, oft verwechselte Sätze.
- Kennzeichnen Sie Übersetzungen als solche. Es gibt keine autorisierte deutsche Fassung dieser Memoiren.
- Passt nichts, formulieren Sie den Gedanken selbst. Das ist ehrlicher als ein hübscher Satz mit falschem Absender.
Wer weitere inspirierenden Unternehmerstimmen mit Quellenangabe sucht, findet sie in unserer Sammlung belegter Zitate von Robert Bosch. Geht es um Geld und seinen Wert im Zeitverlauf, lohnt der Blick auf die gesammelten Sprüche zur Inflation.
Drei Sätze zum Mitnehmen
Sein Denken lässt sich auf drei Punkte bringen: Wer den größten Nutzen stiftet, wird am besten bezahlt. Wer den ersten Erfolg für den Beweis eigener Größe hält, verliert den Kopf. Und wer gibt, muss dabei so sorgfältig vorgehen wie beim Einnehmen. Alles Weitere, was unter seinem Namen kursiert, gehört vor der Verwendung geprüft.

