„Von drauß‘ vom Walde komm ich her; ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!“ Kaum ein deutscher Vers ist bekannter, und kaum einer wird häufiger falsch weitergegeben. Das Knecht Ruprecht Gedicht von Theodor Storm gibt es in zwei Fassungen, es ist älter als die meisten Weihnachtsbräuche, mit denen es heute vorgetragen wird, und sein Ende ist eine Frage an die Kinder im Raum. Hier finden Sie den vollständigen Text nach der Gedichtausgabe von 1885 und Antworten auf die Fragen, die am häufigsten dazu gestellt werden.
Wer hat das Knecht Ruprecht Gedicht geschrieben?
Theodor Storm (1817–1888), der Dichter aus Husum, den die meisten von der Novelle „Der Schimmelreiter“ kennen. Er schrieb die Verse 1862, als er als Kreisrichter im thüringischen Heiligenstadt arbeitete. Es war ursprünglich Teil eines Weihnachtsspiels, das er für seine eigenen Kinder verfasste und nie veröffentlichte. Bekannt wurde es noch im selben Jahr, weil der Dichter Teile davon in die Novelle „Unter dem Tannenbaum“ einbaute, die kurz vor Weihnachten 1862 in der Leipziger „Illustrirten Zeitung“ erschien.
Wie lautet der Text von Knecht Ruprecht?
Die folgende Fassung folgt Storms Gedichtausgabe von 1885. Sie ist die Version, die in Schulen und bei Nikolausfeiern vorgetragen wird. Der Verfasser starb 1888, der Text ist deshalb gemeinfrei und darf vollständig abgedruckt, vorgelesen und vertont werden.
Von drauß‘ vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelstor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor,
Und wie ich so strolcht durch den finstern Tann,
Da rief’s mich mit heller Stimme an.
»Knecht Ruprecht«, rief es, »alter Gesell,
Hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
Das Himmelstor ist aufgetan,
Alt‘ und Junge sollen nun
Von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
Und morgen flieg ich hinab zur Erden,
Denn es soll wieder Weihnachten werden!«
Ich sprach: »O lieber Herre Christ,
Meine Reise fast zu Ende ist;
Ich soll nur noch in diese Stadt,
Wo’s eitel gute Kinder hat.«
– »Hast denn das Säcklein auch bei dir?«
Ich sprach: »Das Säcklein, das ist hier;
Denn Äpfel, Nuß und Mandelkern
Fressen fromme Kinder gern.«
– »Hast denn die Rute auch bei dir?«
Ich sprach: »Die Rute, die ist hier;
Doch für die Kinder nur, die schlechten,
Die trifft sie auf den Teil, den rechten.«
Christkindlein sprach: »So ist es recht;
So geh mit Gott, mein treuer Knecht!«
Von drauß‘ vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich’s hierinnen find!
Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?Theodor Storm, Knecht Ruprecht, 1862, Text nach: Gedichte, Ausgabe 1885
Den Originaltext mit Seitenangabe können Sie im Volltext der Storm-Gedichte bei zeno.org/Erstes+Buch/Knecht+Ruprecht) nachlesen und mit der Fassung vergleichen, die Ihnen aus der Kindheit im Ohr liegt.

Kurze oder lange Fassung: Was ist der Unterschied?
Wer das Gedicht in der Schule gelernt hat, kennt oft Verse, die oben fehlen: „Heißt es bei euch denn nicht mitunter: Nieder den Kopf und die Hosen herunter?“ oder „Stecken sie die Nas‘ auch tüchtig ins Buch, lesen und schreiben und rechnen genug?“ Diese Zeilen stammen aus der handschriftlichen Erstfassung, die als Dialog zwischen Ruprecht und dem Hausvater angelegt war. Storm überarbeitete den Text 1864 und kürzte ihn zu der Form, die in seine Gedichtsammlungen einging. Die wichtigsten Abweichungen:
| Merkmal | Handschriftliche Fassung (1862) | Gedichtausgabe (ab 1864) |
|---|---|---|
| Form | Dialog mit Vater und Kindern | Monolog Ruprechts, Zwiegespräch mit dem Christkind |
| Länge | deutlich länger, Verhör der Kinder | 34 Verse in Paarreimen |
| Ort | „nach Heiligenstadt“ | „in diese Stadt“ |
| Wald | „dichten Tann“ | „finstern Tann“ |
| Schluss | Frage nach Gebet und Schulfleiß | „Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?“ |
Für einen Vortrag reicht die kurze Fassung. Die lange Fassung lohnt sich, wenn mehrere Kinder Rollen übernehmen sollen; dann darf der Hausvater antworten, und die Nikolausfeier wird zum kleinen Weihnachtsspiel, so wie Storm es ursprünglich für seine Familie gedacht hatte.
Was bedeutet Knecht Ruprecht in dem Gedicht?
Im Volksbrauch ist Knecht Ruprecht der finstere Begleiter des Nikolaus, mit Sack, Rute und Kette, der unartige Kinder bestraft. Storm nimmt der Figur einen Teil des Schreckens. Sein Ruprecht ist Bote des Christkinds, er strolcht durch den Wald, bekommt Anweisungen von oben und rechtfertigt sich brav: Das Säcklein ist für die frommen Kinder, die Rute nur für die schlechten. Der Kern des Textes ist das Gespräch zwischen der dunklen Gestalt und dem lichten Christkind, das ihn mit „mein treuer Knecht“ entlässt.
Drei Dinge fallen beim genauen Lesen auf:
- Ruprecht droht nicht, er fragt. Das Gedicht endet mit einer offenen Frage an die Zuhörer, nicht mit einer Strafe.
- Das Christkind verordnet allen eine Pause „von der Jagd des Lebens“. Das ist der Blick des Dichters auf Weihnachten als Ruhepunkt im Jahr.
- Die Rute bleibt im Sack. Sie wird angekündigt, aber im Gedicht nie eingesetzt.
Wer nach weiteren Texten für den Heiligabend sucht, findet in unseren besinnlichen Zitaten zu Weihnachten, Frieden und Harmonie belegte Sätze, die sich mit dem Gedicht kombinieren lassen.
Wie lernt man das Knecht Ruprecht Gedicht am besten auswendig?
Die 34 Verse sind in Paarreimen geschrieben, jede zweite Zeile liefert also das Stichwort für die nächste. Am schnellsten geht es, wenn Sie den Text in vier Abschnitte teilen und jeden Abschnitt als Szene mit Bild lernen:
- Ankunft im Wald (Verse 1 bis 8): Lichter auf den Tannen, das Christkind schaut aus dem Himmelstor.
- Der Auftrag (Verse 9 bis 16): Das Christkind ruft Ruprecht, die Kerzen brennen, morgen ist Weihnachten.
- Das Verhör (Verse 17 bis 30): Säcklein und Rute, die Fragen des Christkinds und Ruprechts Antworten.
- Die Frage an die Kinder (Verse 31 bis 34): Wiederholung der ersten beiden Zeilen, dann „Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?“

Kinder ab etwa sieben Jahren schaffen die kurze Fassung in einer Woche, wenn täglich ein Abschnitt dazukommt. Beim Vortrag hilft eine Requisite: ein Jutesack für die Äpfel und eine Rute, die nie aus dem Sack kommt. So versteht auch das jüngste Kind die Pointe.

Ist das Gedicht heute noch zeitgemäß?
Die Rute und die Drohung mit dem „Teil, den rechten“ stammen aus einer Erziehungsvorstellung des 19. Jahrhunderts, die niemand mehr teilt. Viele Familien lassen die beiden Rutenverse deshalb weg oder sprechen sie mit einem Augenzwinkern. Der Rest der Verse kommt ohne Strafe aus: Lichter, Wald, ein Bote, der Äpfel und Nüsse bringt, und die Aufforderung, einmal im Jahr zur Ruhe zu kommen. Das ist der Grund, warum die ersten beiden Zeilen zur Redewendung geworden sind und „es weihnachtet sehr“ längst in der Alltagssprache steht.
Für Familien, die Weihnachten mit Kindern feiern, passen dazu unsere Zitate über Kinderglück und Familie mit geprüften Quellen. Und wer schon im Oktober mit Sprüchen an der Haustür anfängt, findet bei den Skelett Sprüchen für Halloween das passende Gegenstück zur Rute im Sack.

