Im Juni 1637 erschien in Leiden ein Buch ohne Namen des Autors. Sein Titel: „Discours de la méthode pour bien conduire sa raison, et chercher la vérité dans les sciences“, auf Deutsch etwa „Abhandlung über die Methode, seine Vernunft richtig zu gebrauchen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen“. Verfasser war der Philosoph und Mathematiker René Descartes (1596–1650), der seit 1628 in den Niederlanden lebte. Diese Zusammenfassung des Discours de la méthode folgt den sechs Teilen des Werks, erläutert die vier Regeln der Methode und die provisorische Moral, ordnet den berühmten Satz „Ich denke, also bin ich“ ein und nennt die wichtigsten deutschen Übersetzungen. Den vollständigen Text lesen Sie kostenlos in der englischen Fassung von John Veitch im Volltext im Project Gutenberg.
Entstehung: Warum Descartes auf Französisch schrieb
Der Discours war ursprünglich nicht als eigenständiges Buch geplant. Descartes stellte ihn als Vorrede vor drei wissenschaftliche Abhandlungen: „La Dioptrique, Les Météores et La Géométrie“, also Optik, Meteorologie und Geometrie. Die drei Essais sollten zeigen, was die im Discours beschriebene Methode leistet. Vorarbeiten dazu enthalten die erst nach seinem Tod gedruckten „Regulae ad directionem ingenii“, die Regeln zur Leitung des Geistes. Gedruckt wurde der Band bei Jan Maire in Leiden.

Zwei Entscheidungen fallen auf. Descartes veröffentlichte anonym, und er schrieb auf Französisch statt in der Gelehrtensprache Latein. Im sechsten Teil begründet René Descartes das selbst: Er wolle von Menschen gelesen werden, die sich ihres natürlichen Verstandes bedienen, und nicht nur von jenen, die alten Büchern glauben.
Hinzu kam ein Vorfall, der die Vorsicht des Autors erklärt. 1633 hatte Descartes seine Naturphilosophie „Le Monde“ fast abgeschlossen, als er von der Verurteilung Galileis in Rom erfuhr. Descartes hielt das Werk zurück; der fünfte Teil des Discours beschreibt es in Kurzform.
Aufbau: Die sechs Teile im Überblick
Descartes selbst schlägt im Vorspann die Einteilung in sechs Teile vor. Wer den Discours de la méthode lesen möchte, kann sich an diesen sechs Abschnitten orientieren:
- Betrachtungen über die Wissenschaften: Der Abschnitt beginnt mit dem Satz, der gesunde Verstand, also die Fähigkeit, richtig zu urteilen, sei die am besten verteilte Sache der Welt. Descartes berichtet von seiner Ausbildung am Jesuitenkolleg La Flèche und von seiner Enttäuschung über das Bücherwissen.
- Hauptregeln der Methode: die vier Regeln, die er sich nach dem Vorbild der Mathematik gibt.
- Einige moralische Regeln: die provisorische Moral für die Zeit des Zweifelns.
- Fundamente der Metaphysik: der Zweifel, das Cogito als erste Gewissheit, die Unterscheidung von Seele und Körper und der Beweis der Existenz Gottes aus dem Begriff der Vollkommenheit.
- Naturphilosophische Fragen: Licht, Kosmos, die Bewegung des Herzens, der Unterschied zwischen Mensch und Tier.
- Gründe, die den Autor zum Schreiben bewogen haben: die Rolle der Experimente und die Wahl der französischen Sprache.
Descartes wählt für den Text die Form eines Lebensberichts und beschreibt, wie er Bücher und Reisen hinter sich ließ, um „in sich selbst“ zu studieren. Der autobiografische Ton täuscht nicht darüber hinweg, dass es sich um eine Programmschrift der rationalistischen Philosophie handelt.

Die vier Regeln der Methode
Der zweite Teil ist der Kern der Schrift. Descartes will die vielen Vorschriften der Schullogik durch wenige Regeln ersetzen, die er Schritt für Schritt und ohne Ausnahme befolgen will. Die vier Regeln der Methode lauten sinngemäß:
| Regel | Inhalt | Ziel |
|---|---|---|
| 1. Evidenz | Nichts für wahr halten, was das Denken nicht klar und deutlich erfasst; Übereilung und Vorurteil vermeiden | Gesicherte Erkenntnis statt Meinung |
| 2. Analyse | Jede Schwierigkeit in so viele einfache Fragen zerlegen, wie es zur Lösung nötig ist | Überschaubare Probleme |
| 3. Ordnung | Vom Einfachsten zum Zusammengesetzten aufsteigen, notfalls eine Ordnung annehmen | Erkenntnis Schritt für Schritt |
| 4. Vollständigkeit | Aufzählungen und Übersichten so vollständig machen, dass nichts ausgelassen wird | Lückenlose Prüfung |
Das Vorbild ist die Mathematik. Descartes hatte in Geometrie und Algebra gesehen, dass lange Ketten einfacher Schlüsse zu sicherer Erkenntnis führen. Sein Ziel: Sachverhalte klar und deutlich erfassen, und zwar in allen Wissenschaften. Die „Géométrie“ zeigt das mit der Verbindung von Algebra und Geometrie; die kartesischen Koordinaten tragen bis heute seinen Namen.
Die provisorische Moral
Wer alles bezweifelt, braucht dennoch Regeln fürs Handeln. Descartes vergleicht das im dritten Teil mit einem Haus, das man während des Umbaus nicht bewohnen kann: Man braucht eine vorläufige Unterkunft. Seine Moral auf Zeit besteht aus drei Maximen und einem Vorsatz:
- Den Gesetzen und Sitten des eigenen Landes gehorchen, an der Religion festhalten und sich an den gemäßigtsten Meinungen orientieren.
- In den Handlungen fest und entschlossen bleiben, auch wenn die Entscheidung auf zweifelhaften Gründen beruht. Sein Bild: Verirrte im Wald sollten geradeaus weitergehen.
- Eher die eigenen Wünsche als die Ordnung der Welt zu ändern suchen; nur die eigenen Gedanken stehen vollständig in unserer Macht.
Als Vorsatz kommt hinzu, das Leben der Ausbildung der Vernunft zu widmen. Eine endgültige Ethik hat Descartes nie veröffentlicht.
Cogito ergo sum und der Gottesbeweis
Der vierte Teil enthält den Gedanken, für den der Discours berühmt wurde. Der Zweifel wird hier zur Methode: Descartes verwirft alles, was sich auch nur im Geringsten bezweifeln lässt, die Sinne, die Beweise der Geometrie, sogar den Unterschied zwischen Wachen und Traum. Eine Gewissheit hält dem Zweifel stand. Während Descartes alles für falsch halten will, muss das Bewusstsein, das dies denkt, etwas sein. Das Bewusstsein erkennt sich selbst als wahr, bevor es irgendetwas anderes erkennt. „Je pense, donc je suis“, ich denke, also bin ich. Die lateinische Fassung „cogito, ergo sum“ steht so in den „Principia philosophiae“, den Prinzipien der Philosophie von 1644.
Aus dieser ersten Wahrheit folgert Descartes, dass er eine Substanz sei, deren ganzes Wesen im Denken besteht. Die Seele, das Bewusstsein, ist vom Körper verschieden und leichter zu erkennen als er. Anschließend führt Descartes den Beweis der Existenz Gottes aus dem Begriff der Vollkommenheit:
- Ich zweifle, also bin ich unvollkommen; Erkennen ist vollkommener als Zweifeln.
- Ich habe dennoch die Vorstellung der Vollkommenheit, die Idee eines vollkommenen Wesens.
- Diese Vorstellung kann nicht aus mir selbst stammen, denn das Vollkommenere kann nicht aus dem weniger Vollkommenen hervorgehen.
- Also existiert ein vollkommenes Wesen, Gott, das diese Idee in mich gelegt hat.
Der vollkommene Gott täuscht nicht. Deshalb bürgt der vollkommene Gott für die Wahrheit dessen, was das Bewusstsein klar und deutlich erfasst; ohne Gott gäbe es für Descartes keine gesicherte Erkenntnis der Außenwelt. Kritiker haben früh eingewandt, dass dieser Beweis im Kreis laufe. Descartes hat die Einwände in den „Meditationes de prima philosophia“ (1641) ausführlich beantwortet.

Naturphilosophische Fragen: Physik, Herz und Tiere
Der fünfte Teil fasst „Le Monde“ zusammen: die Natur des Lichts, die Entstehung von Sonne und Sternen, die Beschaffenheit der Erde. Danach wendet sich Descartes der Anatomie zu und beschreibt die Bewegung des Herzens ausführlich und bezieht sich auf den Blutkreislauf, den ein „Arzt aus England“ entdeckt habe. Gemeint ist William Harvey. Anders als Harvey erklärt Descartes den Herzschlag nicht als Pumpvorgang, sondern durch Wärme im Herzen, die das Blut ausdehnt.
Am Ende des fünften Teils steht die These, dass Tiere Maschinen sind. Zwei Fähigkeiten unterscheiden den Menschen von jedem noch so gut gebauten Automaten: die Sprache, mit der er auf Sinn antwortet, und die Vernunft, die sich auf jede Situation einstellt. Daraus leitet Descartes ab, dass die vernünftige Seele nicht aus der Materie stammen kann.
Rezeption und Wirkung
Der Discours de la méthode gilt als Gründungstext der neuzeitlichen Philosophie und als eines der frühesten Programme wissenschaftlicher Naturforschung. Der Zweifel als Ausgangspunkt, das Denken als erste Gewissheit und die Trennung von Geist und Materie prägten die Debatten des 17. Jahrhunderts. Descartes selbst baute die Gedanken in den „Meditationes“ und den „Principia philosophiae“ weiter aus. Spinoza stellte diese Philosophie 1663 in geometrischer Form dar, bevor er in seiner Ethik eigene Wege ging. Die Kritik am Dualismus von Bewusstsein und Körper begleitet die Philosophie bis heute.
Ausgaben, Übersetzungen und Lesehinweise
Deutsche Übersetzungen des Discours gibt es seit dem 19. Jahrhundert:
| Übersetzer | Verlag / Reihe | Besonderheit |
|---|---|---|
| Kuno Fischer (1863) | später bei Reclam | älteste verbreitete deutsche Fassung |
| Lüder Gäbe (1960) | Meiner, Philosophische Bibliothek | lange die Standardausgabe |
| Holger Ostwald | Reclam | zweisprachig Französisch/Deutsch |
| Christian Wohlers (2011) | Meiner, Philosophische Bibliothek 624 | Neuübersetzung mit Brief an Picot im Anhang |
Die englische Übersetzung des schottischen Philosophen John Veitch (1829–1894) aus dem 19. Jahrhundert ist die Fassung, die das Project Gutenberg als E-Book Nr. 59 anbietet.
Drei Hinweise zur Lektüre:
- Lesen Sie Teil 2 und Teil 4 zuerst, wenn Sie wenig Zeit haben. Dort stehen die Methode und das Cogito, also das, was Descartes an Erkenntnis für gesichert hält.
- Halten Sie beim vierten Teil die „Meditationes“ bereit. Vieles, was im Discours knapp bleibt, ist dort ausgeführt.
- Nehmen Sie den fünften Abschnitt als historisches Dokument. Die Physiologie ist überholt, die Fragen sind es nicht.
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