Tarzan kommt nach Hause und findet seine Farm niedergebrannt. An der Wand des Wohnzimmers hängt der Waziri Wasimbu, ans Holz genagelt. In den Trümmern des Schlafzimmers liegt eine verkohlte Leiche mit den Ringen seiner Frau an den Fingern. Von dieser Seite an ist der siebte Tarzan-Roman kein Abenteuerbuch mehr, sondern die Geschichte eines Mannes, der beschlossen hat, jeden deutschen Soldaten zu töten, den er findet.
Burroughs schrieb das Buch ab September 1918 unter dem Arbeitstitel „Tarzan and the Huns“, während der Erste Weltkrieg noch lief. Man merkt es dem Text auf jeder Seite an.
Ein Buch, das als zwei Fortsetzungsgeschichten erschien
Der Stoff kam in zwei Etappen an die Kioske. „Tarzan the Untamed“ lief von März bis August 1919 als sechsteilige Serie im *Red Book Magazine*. Der zweite Teil folgte 1920 in *All-Story Weekly* unter dem eigenen Titel „Tarzan and the Valley of Luna“, in fünf Folgen zwischen dem 20. März und dem 17. April. Die Buchausgabe erschien am 30. April 1920 bei A. C. McClurg & Co. in Chicago, 428 Seiten stark, illustriert von J. Allen St. John. Sie fasst beide Teile unter dem Titel des ersten zusammen. Das Original hat 24 Kapitel.
Diese Entstehung erklärt den Bruch in der Mitte:
| Erster Teil | Zweiter Teil | |
|---|---|---|
| Schauplatz | Deutsch-Ostafrika, die Front | Wüste und das verborgene Tal Xuja |
| Genre | Kriegs- und Rachegeschichte | Lost-Race-Abenteuer |
| Gegner | Deutsche Offiziere und Truppen | Die wahnsinnigen Bewohner Xujas |
| Erstdruck | Red Book Magazine, 1919 | All-Story Weekly, 1920 |
Was im Buch passiert
Tarzan zieht als Einzelkämpfer los. Er tötet zunächst den falschen Mann, einen Major Schneider, und findet später den tatsächlich Verantwortlichen, Hauptmann Fritz Schneider. Unterwegs begegnet er Bertha Kircher, die er für eine deutsche Spionin hält und mehrfach trotzdem rettet. Dazu kommen der britische Flieger Harold Percy Smith-Oldwick, dessen Maschine notlanden muss, und der Feldwebel Usanga, der mit einer Gruppe Deserteure durch das Hinterland zieht.
Die zweite Hälfte führt in eine wasserlose Wüste und dahinter in das Tal Xuja, dessen Bewohner Papageien und Affen als heilig halten und deren Verhalten der Roman als kollektiven Wahnsinn beschreibt. Nach der Flucht von dort löst sich der Knoten in wenigen Sätzen: Im Tagebuch des Hauptmanns liest Tarzan, dass die verbrannte Frauenleiche in seinem Haus untergeschoben war. Jane lebt.

Bertha Kircher entpuppt sich als britische Agentin namens Patricia Canby. Tarzan hatte sie über Hunderte Seiten hinweg für die Feindin gehalten, die sie nie war.
Warum der Band in Deutschland fehlte
Der Roman zeichnet deutsche Soldaten durchgehend als grausam und ehrlos, ohne eine einzige Gegenfigur. Das ist keine Nebenbeobachtung, sondern der Antrieb der ersten Buchhälfte. Burroughs verlor damit den deutschen Markt, auf dem Tarzan zuvor gut verkauft worden war. Spätere Versuche, sympathische deutsche Figuren einzuführen, änderten daran nichts mehr.
Sichtbar wird das an den Ausgaben: Der Stuttgarter Verlag Dieck & Co., der die Reihe ab 1924 herausbrachte, stellte sie nach acht Bänden ein und ließ diesen Titel samt Nachfolger bewusst aus. Auf Deutsch erschien der Roman erst 1954 beim Pegasus Verlag in Wetzlar unter dem Titel „Tarzans Rache“, übersetzt von Helmut H. Lundberg. Der Kranichborn Verlag in Leipzig legte ihn 1996 als „Tarzan der Ungezähmte“ neu vor, übersetzt von Ruprecht Willnow. Zwischen amerikanischer Erstausgabe und deutscher Erstausgabe liegen 34 Jahre.
Was am Text heute abstößt
Die Feindbilder des Buches richten sich nicht nur gegen Deutsche.
- Afrikanische Figuren treten fast nur als Truppen, Träger oder Deserteure auf. Usanga, der einzige mit einem Namen und einem Plan, wird als feige und triebhaft gezeichnet.
- Die Leiche, die Tarzan für seine Frau hält, ist die einer afrikanischen Frau. Der Roman verwendet für sie ein abwertendes Wort, verliert kein Wort über ihren Tod und behandelt sie ausschließlich als Requisite in der Täuschung.
- Xuja funktioniert nach demselben Muster wie Opar in den früheren Bänden: eine isolierte Bevölkerung, deren Andersartigkeit als vererbte Entartung erklärt wird.
- Der Krieg in Ostafrika kommt ohne die Menschen vor, die ihn tatsächlich getragen und erlitten haben. Träger und Askari beider Seiten bleiben unsichtbar.
Das gehört zum Buch dazu und lässt sich nicht als Zeitgeschmack abtun. Es ist gleichzeitig der Grund, warum der Band als historisches Dokument aufschlussreich ist: Selten sieht man die Propaganda von 1918 so ungefiltert in einen Unterhaltungsroman einlaufen.

Wo der Band in der Reihenfolge steht
| Band | Originaltitel und Jahr | Deutscher Titel |
|---|---|---|
| 1 | Tarzan of the Apes, 1912 | Tarzan bei den Affen |
| 2 | The Return of Tarzan, 1913 | Tarzans Rückkehr |
| 3 | The Beasts of Tarzan, 1914 | Tarzans Tiere |
| 4 | The Son of Tarzan, 1915/16 | Tarzans Sohn |
| 5 | Tarzan and the Jewels of Opar, 1916 | Tarzans Schatz von Opar |
| 6 | Jungle Tales of Tarzan, 1916/17 | Tarzans Dschungelgeschichten |
| 7 | Tarzan the Untamed, 1919/20 | Tarzans Rache |
| 8 | Tarzan the Terrible, 1921 | Tarzan der Schreckliche |
Nach der Zählung der Erstdrucke ist dies Band 7. Band 6 gehört inhaltlich an einen ganz anderen Platz: Jungle Tales of Tarzan erzählt Episoden aus der Jugend des Helden und spielt vor dem Auftakt Tarzan bei den Affen. Der letzte reguläre Vorgänger ist damit Tarzan and the Jewels of Opar. Band 8 setzt die Suche nach Jane unmittelbar fort und ist ohne diesen Roman kaum verständlich. Danach kehrt die Reihe in vertrautes Gelände zurück: Band 9, „Tarzan and the Golden Lion“, auf Deutsch „Tarzan und der goldene Löwe“, führt wieder in den Dschungel und ein drittes Mal nach Opar. Parallel veröffentlichte Burroughs die Mars-Romane um John Carter und die Bücher um das unterirdische Reich Pellucidar.
Ausgaben, Übersetzungen und der Volltext
Worauf Sie beim Kauf achten sollten:
- Der deutsche Titel ist doppelt belegt. „Tarzans Rache“ und „Tarzan der Ungezähmte“ bezeichnen dasselbe Buch.
- Der Band ist mit 428 Seiten in der amerikanischen Erstausgabe der umfangreichste der frühen Reihe. Sehr schmale Ausgaben sind gekürzt.
- Die Kapitelzahl des Originals liegt bei 24. Deutlich kürzere Ausgaben sind gestrafft.
Der englische Text ist gemeinfrei und vollständig kostenlos verfügbar: Volltext im Project Gutenberg. Warum Werke aus dieser Zeit frei sind, erklärt unsere Übersicht zur Gemeinfreiheit.

Sollten Sie den Band lesen?
Wenn Sie die Reihe verfolgen, führt kein Weg daran vorbei: Hier wird Jane totgesagt, hier beginnt die Suche, die erst in Band 8 endet. Als Abenteuerroman ist der erste Teil hart und ungewohnt düster, der zweite Teil dagegen klassisches Burroughs-Material mit verborgener Stadt und Löwenkäfigen.
Wenn Sie sich für Literatur des Ersten Weltkriegs interessieren, ist der Band aus einem anderen Grund ergiebig. Er zeigt, wie ein Unterhaltungsschriftsteller 1918 die Kriegspropaganda seines Landes in eine Serienfigur einbaut, und was ihn das anschließend gekostet hat. Beides zusammen macht ihn zum ungewöhnlichsten Buch der Reihe.
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