1692 legte der Astronom Edmond Halley der Royal Society eine Erklärung für die Schwankungen des Erdmagnetfelds vor: Die Erde bestehe aus mehreren ineinanderliegenden Kugelschalen, zwischen denen Raum sei, vielleicht auch Licht und Leben. Die Physik hat die These längst erledigt. Die Literatur hat sie behalten. „At the Earth’s Core“ von Edgar Rice Burroughs ist ihr populärster Nachkomme und der Auftakt einer siebenteiligen Reihe über eine Welt namens Pellucidar.
Eine Idee mit langer Vorgeschichte
Die Hohlwelt, im Englischen Hollow Earth, gehört zu den zählebigsten Motiven der phantastischen Literatur, und sie war zeitweise ernstgemeinte Wissenschaft:
- 1741 lässt Ludvig Holberg in „Nicolai Klimii iter subterraneum“ seinen Helden in eine Höhle stürzen und auf einem Planeten im Erdinnern landen.
- 1818 warb der amerikanische Offizier John Cleves Symmes junior öffentlich für Öffnungen an beiden Polen und forderte eine Expedition dorthin. Sein Gedankengut steckt im Roman „Symzonia“ (1820).
- 1864 schickt Jules Verne in „Voyage au centre de la Terre“ eine Expedition durch einen isländischen Vulkanschlot in unterirdische Meere.
- 1871 siedelt Edward Bulwer-Lytton in „The Coming Race“ ein überlegenes Volk unter der Erde an, das über die Energie Vril verfügt.
Burroughs kannte diese Titel. Sein Einfall war, die Bühne umzudrehen. Bei Verne führt der Weg in Höhlen und Grotten, also in Hohlräume innerhalb des Gesteins. Pellucidar dagegen liegt auf der Innenseite der Erdkugel: eine geschlossene Oberfläche, gekrümmt wie die Innenwand einer Schale, mit einer kleinen Sonne im Mittelpunkt.
Wie die Innenwelt eingerichtet ist
Diese Bauweise hat Folgen, und Burroughs zieht sie konsequent durch. Die wichtigsten stehen gleich in den ersten Kapiteln:
| Merkmal | Auswirkung in Pellucidar |
|---|---|
| Sonne im Erdmittelpunkt | ewiger Mittag, keine Nacht, keine Jahreszeiten |
| keine Sonnenbewegung | keine Zeitmessung, niemand kennt sein Alter |
| konkave Oberfläche | kein Horizont, das Land steigt in der Ferne nach oben in den Dunst |
| Umkehrung von Land und Meer | mehr Landfläche als auf der Außenwelt |
| 800 Kilometer Gestein darüber | Urzeitfauna ohne Kontakt zur Oberfläche |
Diese Welt ohne Nacht ist keine Kulisse, sondern die Voraussetzung für fast alles, was folgt. Der zeitlose Mittag ist mehr als Dekoration. Er erzeugt die stärksten Szenen des Buches: Figuren wandern tagelang und wissen nicht, wie lange sie unterwegs waren; Hunger und Erschöpfung sind die einzigen Uhren, die es gibt.

Der eiserne Maulwurf
Die Handlung setzt nüchtern ein. David Innes, Erbe eines Bergwerksvermögens, finanziert die Maschine des alten Erfinders Abner Perry: einen zigarrenförmigen Bohrer aus Stahl, im Roman der eiserne Maulwurf. Bei der ersten Fahrt zeigt sich der Konstruktionsfehler. Das Gerät lässt sich nicht wenden.
Statt nach ein paar hundert Metern umzukehren, bohren sich die beiden 500 Meilen tief durch die Kruste, rund 800 Kilometer, und brechen in eine Welt durch, die Perry sofort als geologisch unmöglich erkennt und trotzdem vermisst. Der erste Blick fällt auf Urwald, der zweite auf einen Pterosaurier.
Mahars, Sagoths und Steinzeitmenschen
Die Herren Pellucidars sind die Mahars: geflügelte Reptilien vom Bau eines Rhamphorhynchus, hochintelligent, ohne hörbare Sprache, in Städten wie Phutra organisiert. Sie sind ausschließlich weiblich und vermehren sich ungeschlechtlich, seit ein Buch mit dem Verfahren in ihrem Besitz ist. Menschen halten sie als Sklaven und Schlachtvieh.
Die Drecksarbeit erledigen die Sagoths, gorillaartige Wesen, die die Sprache der Mahars verstehen und die Sklavenzüge führen. Zwischen beiden stehen die Menschen Pellucidars, Steinzeitstämme mit Speer und Steinmesser, untereinander zerstritten und deshalb leicht zu unterwerfen.

Innes und Perry werden gefangen genommen und lernen im Sklavenzug ihre künftigen Verbündeten kennen: Ghak den Haarigen, König von Sari, Dian die Schöne aus Amoz und Hooja den Schlauen, der sich als Verräter erweist. Ein Missverständnis um die Werbebräuche der Innenwelt bringt David gegen Dian auf, und dieses Missverständnis trägt die halbe Handlung.
Vom Sklaven zum Aufständischen
Der Rest ist Abenteuerprosa im besten Sinne: Flucht aus Phutra, Wanderung durch den Urwald, die Insel Anoroc mit dem Mezop-Krieger Ja, der Zweikampf mit Jubal dem Hässlichen, die Rückkehr und der Diebstahl des Mahar-Buches, in dem das Geheimnis der Fortpflanzung steht. Ohne dieses Buch, das ist Perrys Rechnung, sterben die Mahars aus.
Am Ende steigt David allein in den Maulwurf, um an der Oberfläche Werkzeug, Waffen und Bücher zu holen. Hooja hat die Kabine vertauscht: Statt Dian sitzt eine betäubte Mahar neben ihm, als er in der Sahara ans Licht kommt. Dort trifft er den Erzähler, dem er alles berichtet. Wie es weitergeht, steht im zweiten Band, [Pellucidar](/etext/605/) von 1915.

Erscheinen, Ausgaben und Verfilmung
Die Geschichte lief vom 4. bis zum 25. April 1914 in vier Folgen im Magazin „All-Story Weekly“. Als Buch erschien „At the Earth’s Core“ erst im Juli 1922 bei A. C. McClurg in Chicago, acht Jahre später und im selben Verlag, der auch die Mars-Romane und die Tarzan-Serie betreute. Der Roman gehört damit in die Frühzeit dessen, was später Science-Fiction heißen sollte.
Bei den deutschen Ausgaben ist Vorsicht angebracht. Über die Jahre sind mehrere deutsche Fassungen mit verschiedenen Titeln erschienen, eine verbindliche gibt es nicht:
- 2018 legte Helmut W. Pesch bei epubli eine Übersetzung unter dem Titel „Der sechste Kontinent“ vor, benannt nach der deutschen Verfilmung.
- Kurz darauf erschien Hendrik Többens‘ Fassung als „Odyssee durch die Innenwelt“.
- Vom vierten Band brachte der Kranichborn-Verlag 1996 „Tarzan am Mittelpunkt der Erde“, in dem Burroughs seine beiden bekanntesten Serien zusammenführt.
Verfilmt wurde der Roman 1976 von Kevin Connor, mit Doug McClure als Innes und Peter Cushing als Perry. Der Film läuft in Deutschland als „Der sechste Kontinent“ und nimmt sich große Freiheiten, vor allem beim Aussehen der Mahars. Wer den deutschen Titel im Buchhandel sucht, landet deshalb mal beim Film, mal beim Roman.
Für wen sich das Buch lohnt
- Wer die Reihe kennenlernen will, fängt hier an. Die sieben Bände entstanden über fast fünfzig Jahre hinweg, bauen aber aufeinander auf, und der Auftakt erklärt die Welt.
- Wer Verne mag, findet den Gegenentwurf. Burroughs interessiert sich nicht für Geologie, sondern für eine bewohnte Innenseite mit eigener Ordnung.
- Wer Sprache sucht, wird enttäuscht. Der Stil ist umständlich, die Dialoge sind steif, das Tempo entschädigt.
- Wer sich an Zeitgebundenem stört, sollte es wissen: Herrenmenschen-Denken und Kolonialtöne stehen unkommentiert im Text.
Rund 50.000 Wörter, einfaches Englisch, kurze Kapitel. Bemerkenswert bleibt, wie viel spätere Science-Fiction hier ihren Ausgangspunkt hat: H. P. Lovecraft griff für „At the Mountains of Madness“ auf Burroughs‘ Namensbildungen zurück, und Innenwelt-Abenteuer in Comic und Manga zehren bis heute von dieser Welt. Auch Tarzan selbst reist im vierten Band der Serie nach Pellucidar.
Der englische Text ist gemeinfrei und vollständig verfügbar: Volltext im Project Gutenberg. Was Gemeinfreiheit bedeutet, steht auf unserer Seite zur [Lizenz des Project Gutenberg](/license/); weitere vorgestellte Titel, darunter Burroughs‘ Saurier-Roman [The Land That Time Forgot](/etext/551/), finden Sie in der [Digitalen Bibliothek](/etext/).
