Ein Halbwüchsiger sitzt in einer Astgabel und blättert in einem Bilderbuch, das er aus einer verlassenen Hütte geholt hat. Die Zeichen kann er entziffern, das Lesen hat er sich selbst beigebracht. Ein Wort aber bleibt dunkel: God. Also macht er sich auf die Suche nach Gott, so wie er sonst auf die Jagd nach Antilopen geht. Diese Szene steht in „The God of Tarzan“, der vierten Erzählung in Jungle Tales of Tarzan, und sie erklärt, warum dieser Band unter den Tarzan-Büchern ein Sonderfall ist.
Edgar Rice Burroughs (1875 bis 1950) hatte seinen Helden 1912 im Magazin All-Story eingeführt. Bis 1916 waren fünf Romane erschienen, Tarzan war Lord Greystoke geworden, verheiratet, Vater. Für die nächste Folge ging Burroughs zurück an den Anfang und erzählte vom Jungen, der außer sich selbst noch keinen einzigen Menschen gesehen hat.
Wann und wo diese Geschichten spielen
Die zwölf Erzählungen hängen nur lose zusammen und stehen chronologisch mitten im ersten Roman, innerhalb des elften Kapitels von „Tarzan of the Apes“. Tarzan hat den Tod seiner Affenmutter Kala gerächt, führt die Sippe aber noch nicht an. Jane Porter ist ihm nicht begegnet, Europa kennt er nur aus den Büchern seiner toten Eltern.
Jungle Tales of Tarzan ist damit der sechste veröffentlichte Band der Reihe und zugleich der früheste in der inneren Zeitrechnung. Wer neu einsteigt, kann ihn direkt nach dem ersten Roman lesen, ohne etwas zu verpassen.
| Angabe | Fakt |
|---|---|
| Erstveröffentlichung | monatlich im Blue Book Magazine, September 1916 bis August 1917 |
| Buchausgabe | März 1919 bei A. C. McClurg, Chicago |
| Umfang | zwölf Erzählungen |
| Stellung in der Reihe | Band 6 nach Erscheinen, chronologisch vor Band 1 |
| Deutscher Titel | „Tarzans Dschungelgeschichten“ |
Die zwölf Geschichten im Überblick
Die zwölf Stories liefen zuerst Monat für Monat im Blue Book Magazine, damals eines der auflagenstärksten amerikanischen Pulp-Hefte. Burroughs gruppiert sie um drei Schauplätze: die Affensippe, das Dorf des Häuptlings Mbonga und den Wald mit seinen Tieren.
- Tarzan’s First Love: Tarzan verliebt sich in die Äffin Teeka und verliert sie an den kräftigeren Taug.
- The Capture of Tarzan: Die Dorfbewohner fangen ihn in einer Fallgrube. Die Rettung kommt aus einer unerwarteten Richtung.
- The Fight for the Balu: Teekas Junges, in der Affensprache „Balu“, gerät in Gefahr.
- The God of Tarzan: die Suche nach dem Wort, das er im Buch seines Vaters nicht versteht.
- Tarzan and the Black Boy: Tarzan raubt den Jungen Tibo aus dem Dorf, weil er sich einen Sohn wünscht.
- The Witch-Doctor Seeks Vengeance: Der Medizinmann Bukawai nutzt Tibos Verschwinden für seine Zwecke.
- The End of Bukawai: die Abrechnung mit dem Medizinmann.
- The Lion: ein Zweikampf mit Numa, dem Löwen.
- The Nightmare: Nach einer verdorbenen Mahlzeit träumt Tarzan zum ersten Mal und hält den Traum für wirklich.
- The Battle for Teeka: Fremde Affen entführen Teeka.
- A Jungle Joke: Tarzan spielt dem Dorf einen groben Streich.
- Tarzan Rescues the Moon: Bei einer Mondfinsternis schießt Tarzan Pfeile in den Himmel, um Goro, den Mond, zu retten.

Wo steht der Band in der Reihenfolge der Tarzan-Bücher?
Burroughs hat zwischen 1912 und 1947 mehr als zwanzig Tarzan-Bücher veröffentlicht, dazu kamen nach seinem Tod noch einige Nachlassbände. Die ersten neun Titel bilden den geschlossenen Kern der Reihe. Die deutschen Titel schwanken, weil dieselben Romane über die Jahre bei verschiedenen Verlagen und in unterschiedlichen Übersetzungen erschienen sind.
| Band | Originaltitel | Buchausgabe | Deutscher Titel (gängig) |
|---|---|---|---|
| 1 | Tarzan of the Apes | 1914 | Tarzan bei den Affen |
| 2 | The Return of Tarzan | 1915 | Tarzans Rückkehr |
| 3 | The Beasts of Tarzan | 1916 | Tarzans Tiere |
| 4 | The Son of Tarzan | 1917 | Tarzans Sohn |
| 5 | Tarzan and the Jewels of Opar | 1918 | Tarzan und der Schatz von Opar |
| 6 | Jungle Tales of Tarzan | 1919 | Tarzans Dschungelgeschichten |
| 7 | Tarzan the Untamed | 1920 | Tarzan der Ungezähmte |
| 8 | Tarzan the Terrible | 1921 | Tarzan der Schreckliche |
| 9 | Tarzan and the Golden Lion | 1923 | Tarzan und der goldene Löwe |
Wer die Reihe der Reihe nach lesen will, hält sich an diese Buchausgaben. Wer der erzählten Zeit folgen will, schiebt die Dschungelgeschichten hinter das elfte Kapitel von Band 1.
Was den Band literarisch interessant macht
Die Romane der Reihe leben von Verschwörungen, Schiffbrüchen und verschollenen Städten. Diese Erzählungen leben von etwas anderem. Sie fragen, was einen Menschen zum Menschen macht.
Tarzan stößt der Reihe nach auf Vorstellungen, für die die Affensprache kein Wort hat: Gott, Traum, Tod, Vaterschaft. Jede Erzählung dreht sich um eine solche Lücke, und alle Teile des Bandes hängen an dieser Frage. In „The Nightmare“ hält er das Geträumte für eine Tatsache und zieht daraus falsche Schlüsse über die Welt, was zugleich die komischste und die klügste Passage des Buches ergibt. Überhaupt ist dieser Band der humorvollste der Reihe: „A Jungle Joke“ und „Tarzan Rescues the Moon“ sind Schwänke, keine Abenteuer.
Auffällig ist auch die Sprache der Menschenaffen. Burroughs hatte für die Mangani ein kleines Vokabular erfunden, balu für das Junge, bundolo für töten, tarmangani für den weißen Mann. Nirgends benutzt er es so ausgiebig wie hier.

Der Literaturwissenschaftler Stan Galloway hat den Erzählungen mit „The Teenage Tarzan“ (2010) die erste ausführliche Einzelstudie gewidmet. Der Band trägt also mehr, als sein Ruf als Jugendbuch vermuten lässt.
Kritische Punkte, die man beim Lesen kennen sollte
Das Buch ist ein Dokument seiner Entstehungszeit, und dazu gehören Vorstellungen, die heute nicht mehr tragbar sind. Wer die Erzählungen liest, sollte sie benennen statt übergehen:
- Die schwarzen Dorfbewohner erscheinen fast durchgehend als Bedrohung, als Kannibalen und als Opfer von Tarzans Streichen. Eigene Beweggründe bekommen sie kaum.
- „Tarzan and the Black Boy“ erzählt eine Kindesentführung aus der Sicht des Entführers, ohne dass die Erzählstimme daran ernsthaft Anstoß nimmt.
- Tarzans Überlegenheit wird immer wieder aus seiner adligen Abstammung hergeleitet. Diese Vererbungslehre gehörte zum Zeitgeist um 1916, in dem eugenische Ideen weit verbreitet waren.
- Der Medizinmann Bukawai ist als abstoßende Figur gezeichnet, sein Ende wird als gerechte Strafe erzählt.
Unlesbar wird das Buch dadurch nicht. Zur Lektüre gehören diese Züge aber dazu, gerade wenn man den Band Jugendlichen in die Hand gibt.

Welche Ausgaben und Übersetzungen gibt es?
Der englische Originaltext ist in den Vereinigten Staaten gemeinfrei und steht vollständig kostenlos bereit: Volltext im Project Gutenberg. Was Gemeinfreiheit rechtlich bedeutet und warum Werke aus dieser Zeit frei verfügbar sind, erklärt unsere Übersicht zur Gemeinfreiheit.
Auf Deutsch heißt die Sammlung „Tarzans Dschungelgeschichten“. Die Tarzan-Abenteuer erschienen im Frühjahr 1924 zum ersten Mal auf Deutsch, der Stuttgarter Verlag Dieck & Co. hatte sich die Rechte gesichert. Seither hat fast jede Verlagsgeneration eine eigene Fassung vorgelegt.
| Ausgabe | Verlag | Jahr | Übersetzung |
|---|---|---|---|
| Deutsche Erstausgabe | Dieck & Co., Stuttgart | 1925 | Eduard Pfeiffer |
| Nachkriegsausgabe | Pegasus Verlag, Wetzlar | 1952 | Tony Kellen |
| Neuübersetzte Edition | Verlag Kranichborn, Leipzig | 1996 | Ruprecht Willnow |
Bei älteren deutschen Tarzan-Bänden lohnt ein prüfender Blick, denn viele Ausgaben des 20. Jahrhunderts wurden gekürzt oder für ein jugendliches Publikum bearbeitet. Die Leipziger Edition wirbt ausdrücklich damit, ungekürzt nach der amerikanischen Originalausgabe übersetzt zu sein. Wer sichergehen will, greift zum englischen Original. Sprachlich ist es gut zu bewältigen, Burroughs schreibt kurze Sätze und einen überschaubaren Wortschatz.
Tarzan war nur eine von mehreren Welten
Burroughs hat parallel zum Dschungel mehrere Serienwelten betrieben, und die Tarzan-Bände entstanden mitten in dieser Vielarbeit. Der Mars-Zyklus um John Carter und die Prinzessin Dejah Thoris startete 1912 im selben Jahr wie Tarzan und spielt auf dem roten Planeten Barsoom. Ab 1914 kam Pellucidar dazu, eine hohle Erde im Erdinneren. „The Land That Time Forgot“ (1918) schickte Schiffbrüchige in ein Land voller Saurier, und ab 1932 folgte der Venus-Zyklus um Carson Napier, der auf dem Nachbarplaneten strandet. Wer Burroughs als Autor der frühen amerikanischen Pulp-Fiction verstehen will, sollte diese Parallelität kennen. Der Dschungel war sein bestverkauftes Terrain, aber längst nicht sein einziges. Ins Deutsche übersetzt wurden diese Serien meist deutlich später als die Tarzan-Bände.
Für wen lohnt sich der Band?
Einsteigern sei „Tarzan of the Apes“ zuerst empfohlen, danach passt dieser Band nahtlos an. Wer die Reihe schon kennt, findet hier den ungewöhnlichsten Ton der ganzen Serie: zwölf Miniaturen über einen jungen Mann, der die Welt zum ersten Mal sortiert.
Danach wird es wieder größer. Der folgende Band führt Tarzan in den Ersten Weltkrieg und ist der umstrittenste der Reihe. Wir stellen Tarzan the Untamed als Band 7 und Tarzan the Terrible als Band 8 gesondert vor. Wer lieber die andere große Serie desselben Autors ausprobieren möchte, beginnt mit A Princess of Mars, dem Auftakt der Mars-Romane um John Carter. Alle bei uns vorgestellten Titel stehen in der Digitalen Bibliothek.
Zwölf Erzählungen, entstanden 1916 und 1917, als Buch 1919 erschienen: Sie spielen vor allem, was man über Tarzan zu wissen glaubt, und sie zeigen am deutlichsten, was Burroughs an seiner Figur eigentlich interessierte.
