Ein Mann liegt seit sechs Marsmonaten auf der Lauer. Unter ihm dreht sich, tief im Fels, ein Schacht mit Zellen, und in einer davon ist seine Frau eingeschlossen. Die Tür kommt nur einmal im Marsjahr an den Ausgang, und ein Marsjahr hat 687 Tage. Ob Dejah Thoris überhaupt noch lebt, weiß John Carter nicht. Mit dieser Szene am Tempel der Sonne beginnt „The Warlord of Mars“, auf Deutsch meist „Der Kriegsherr des Mars“. Es ist kein eigenständiges Buch, sondern der dritte Akt einer Geschichte, die zwei Bände zuvor angefangen hat.
Ein Schluss, der zwei Cliffhanger auflösen muss
Edgar Rice Burroughs (1875–1950) hatte seine Marsgeschichte 1912 mit „A Princess of Mars“ begonnen und sie 1913 in „The Gods of Mars“ mitten in der Katastrophe enden lassen. Der dritte Teil erschien von Dezember 1913 bis März 1914 als vierteilige Fortsetzung im Magazin „The All-Story“. Als Buch brachte ihn der Chicagoer Verlag A. C. McClurg erst am 27. September 1919 heraus, 296 Seiten stark. Solche Lücken waren normal: Die Magazine zahlten sofort, die Buchausgaben folgten Jahre später.
Angefangen hatte alles unter einem anderen Namen: Die erste Fortsetzung von 1912 lief als „Under the Moons of Mars“ unter dem Pseudonym Norman Bean. Erst die Buchausgabe von 1917 machte daraus „A Princess of Mars“. In englischsprachigen Katalogen finden Sie die Bücher als Barsoom series oder als John Carter of Mars series.
Burroughs baute auf einer Marsvorstellung auf, die um 1900 verbreitet war. Der Astronom Percival Lowell hielt die Linien auf der Planetenoberfläche für künstliche Kanäle einer sterbenden Zivilisation. Wissenschaftlich hielt das nicht stand, als Kulisse funktionierte es. Barsoom, wie die Bewohner ihren Planeten nennen, ist eine ausgetrocknete Welt, in der rote, grüne, schwarze, weiße und gelbe Völker um Luft und Wasser streiten.
Die Verfolgungsjagd in vier Etappen
Die 16 Kapitel folgen einer einzigen Bewegung. John Carter jagt seinen Gegnern quer über den Planeten hinterher, vom Südpol über den Äquator bis unter das Nordpolareis. Damit ist das Buch die geradlinigste Erzählung der frühen Marsromane.
Etappe 1: Der Geheimgang unter dem Tempel der Sonne
John Carter belauscht den schwarzen Marsianer Thurid, der sich mit Matai Shang verbündet hat, dem obersten Priester der weißen Therns. Die beiden kennen einen vergessenen Gang zu den rotierenden Zellen. Sie befreien Phaidor, Matai Shangs Tochter, und nehmen Dejah Thoris und Thuvia von Ptarth gleich mit. Nicht aus Gnade, sondern um Carter zu quälen.
Etappe 2: Das Waldland Kaol
Die Spur führt in einen Urwaldstaat am Äquator. Dessen Herrscher Kulan Tith hängt der alten Religion noch an und gewährt den Flüchtigen Schutz. Hilfe bekommt John Carter von unerwarteter Seite: Thuvan Dihn, Jeddak von Ptarth und Vater der entführten Thuvia, reist mit ihm und legt sein eigenes Ansehen in die Waagschale. Kulan Tith bricht daraufhin mit dem Glauben, dem er sein Leben lang gedient hat.

Etappe 3: Durch die Aashöhlen zum Pol
Hinter einer Eisbarriere im Norden liegt Okar, das Reich der Gelben Marsianer. Im Süden gilt dieses Volk seit Jahrhunderten als ausgestorben, so wie vorher die weißen Therns und die schwarzen Ersten Geborenen als Götter galten. Der Weg dorthin führt durch die Carrion Caves, Höhlen voller Aas, durch die der letzte warme Luftstrom des Planeten zieht. Es ist die unheimlichste Passage des Buches.
Etappe 4: Kadabra und der Magnetschalter
In der Hauptstadt Kadabra herrscht der Tyrann Salensus Oll, der Dejah Thoris zur Frau nehmen will. Sein Neffe Talu, Fürst des abtrünnigen Marentina, versorgt Carter mit Verkleidungen. Über der Stadt steht der Wächter des Nordens, ein magnetischer Turm, der jedes anfliegende Luftschiff vom Himmel reißt. Carter befreit Tardos Mors und Mors Kajak, die verschollenen Herrscher von Helium, löst einen Gefangenenaufstand aus und schaltet den Magneten ab. Erst dann kann die Flotte von Helium landen, unterstützt von Tars Tarkas und seinen grünen Kriegern.

Der letzte Auftritt gehört nicht dem Helden. Auf einem fliehenden Luftschiff stößt Thurid den Priester Matai Shang über Bord, Phaidor ersticht daraufhin Thurid und springt selbst hinterher. Danach rufen die versammelten Völker den Erdenmann zum Kriegsherrn von Barsoom aus, einem Titel, den es auf dem Planeten vorher gar nicht gab.
Wer im Buch wichtig ist
| Figur | Rolle | Bedeutung |
|---|---|---|
| John Carter | Ich-Erzähler, Erdenmann auf Barsoom | Verfolgt, kämpft, herrscht am Ende über alle Völker |
| Dejah Thoris | Prinzessin von Helium, seine Frau | Der Preis, um den die Handlung kreist |
| Thurid | Dator der Ersten Geborenen | Treibender Gegenspieler aus Rachsucht |
| Matai Shang | Heiliger Hekkador der Therns | Vertreter der gestürzten Religion |
| Phaidor | Tochter Matai Shangs | Liebt Carter, hasst Dejah Thoris |
| Salensus Oll | Jeddak der Jeddaks von Okar | Tyrann des Nordens |
| Talu | Fürst von Marentina | Verbündeter, später Herrscher Okars |
| Thuvan Dihn | Jeddak von Ptarth | Verschafft Carter politische Rückendeckung |
| Woola | Calot, marsianischer Hund | Hält die Fährte, rettet Carter mehrfach |
Auffällig ist, wie wenig Burroughs erklärt. Kapitelüberschriften wie „Follow the Rope!“ oder „The Pit of Plenty“ benennen jeweils eine Falle. Jedes Kapitel endet an einer Kante, eine Folge des Abdrucks in Fortsetzungen.
Der Kriegsherr des Mars in der Barsoom-Reihe
Der Band schließt die Trilogie um John Carter ab. In der englischsprachigen Kritik läuft die Reihe unter zwei Genrebegriffen: planetary romance und sword and planet. Gemeint ist beide Male Schwert statt Strahlenpistole. Wer neu in die Barsoom series einsteigt, beginnt mit Eine Prinzessin vom Mars und liest weiter mit Die Götter des Mars. Erst dann ergibt der dritte Band Sinn, denn er erklärt weder Helium noch seine Prinzessin noch den Konflikt von selbst.
Danach ändert Burroughs die Bauweise. Der vierte Band Thuvia, Maid vom Mars verlässt den Ich-Erzähler John Carter und stellt dessen Sohn Carthoris in den Mittelpunkt, der fünfte holt Carters Tochter Tara nach vorn. Aus der Heldengeschichte eines Einzelnen wird eine Familienchronik mit wechselnden Perspektiven. Band 3 ist die Stelle, an der die alte Erzählform ausläuft.
Ausgaben, Übersetzungen und Vorsicht bei den Titeln
Die deutsche Erstausgabe erschien erst 1972, sechzig Jahre nach dem amerikanischen Original: „Der Kriegsherr des Mars“, übersetzt von Leni Sobez für den Williams Verlag in Alsdorf. Der Williams Verlag hatte auch Tarzan im Programm, und dieselbe Übersetzerin brachte die beiden Vorgängerbände heraus. 1996 legte der Kranichborn Verlag in Leipzig eine Fassung nach der ungekürzten amerikanischen Originalausgabe vor, 2016 folgte dort eine Neuauflage. Die aktuell lieferbare Übersetzung stammt von Gabriele C. Woiwode und erscheint im Apex Verlag, unter anderem als Taschenbuch mit der ISBN 978-3-7502-4307-1 und als E-Book mit der ISBN 978-3-7487-1778-2.
Worauf Sie beim Kauf achten sollten:
- Es kursieren zwei Titelvarianten, „Der Kriegsherr des Mars“ und „Der Kriegsherr vom Mars“. Gemeint ist derselbe Roman.
- Prüfen Sie die Bandnummer, nicht nur den deutschen Titel. Manche Ausgaben zählen anders, weil sie mehrere Romane zusammenfassen.
- Ältere deutsche Fassungen sind teils gekürzt. Ein Blick auf die Kapitelzahl hilft, das Original hat 16.
- Der englische Text ist gemeinfrei. Was das rechtlich bedeutet, erklärt die Seite zur Gemeinfreiheit und Nutzung.
Wer in englischen Katalogen oder direkt im Project Gutenberg sucht, braucht die Originaltitel. Die bekannten elf Bücher der Reihe heißen dort A Princess of Mars, The Gods of Mars, The Warlord of Mars, Thuvia Maid of Mars, The Chessmen of Mars, The Master Mind of Mars, A Fighting Man of Mars, Swords of Mars, Synthetic Men of Mars, Llana of Gathol und John Carter of Mars. Nützlich sind außerdem Burroughs‘ englische Bezeichnungen für die Marsvölker, weil deutsche Ausgaben sie unterschiedlich übersetzen: green Martians, red Martians, yellow Martians, white therns und die black First Born.
Verfilmt wurde ausgerechnet dieser Band nie. Disneys „John Carter“ von 2012 stützt sich auf den ersten Roman und borgte sich vom dritten nur den Klang des Kriegsherrn-Titels.
Für wen sich der Roman lohnt
Woher Schwertkampf, Luftschiffe und entführte Prinzessinnen in der modernen Unterhaltungsliteratur stammen, zeigt dieser Band in Reinform, mitsamt dem Kolportagepathos, das heute stellenweise komisch wirkt. Wer Figurenpsychologie sucht, greift besser woanders hin. Wer sehen will, wie man knapp 60.000 Wörter lang die Spannung hält, findet hier ein Lehrstück.
Der englische Originaltext steht kostenlos und legal bereit, als Volltext im Project Gutenberg im Browser lesbar oder als E-Book. Weitere gemeinfreie Titel versammelt die Digitale Bibliothek.

