Jeder Marsianer glaubt, dass am Ende des Flusses Iss das Paradies wartet. Wer alt wird oder lebensmüde ist, steigt in ein Boot und fährt hinunter. Edgar Rice Burroughs lässt seinen Helden dort ankommen und zeigt ihm auf den ersten zwanzig Seiten, dass das Paradies eine Falle ist. Daraus baut der amerikanische Autor mit *The Gods of Mars* einen Abenteuerroman, der 1913 erschien und der härteste Band der Serie geblieben ist.
Wie kommt John Carter zurück auf den Mars?
Am Ende von *A Princess of Mars* hatte es Carter zurück auf die Erde verschlagen. Der zweite Band setzt zehn Jahre später ein, in einer Märznacht des Jahres 1886 auf einer Anhöhe über dem Hudson. Carter streckt die Arme zum Planeten aus, wie er es seit einem Jahrzehnt tut, und wird erneut versetzt.
Diesmal landet er nicht in einer Wüste, sondern im Tal Dor am Südpol. Der erste Marsianer, dem er begegnet, ist ein alter Bekannter: Tars Tarkas, inzwischen Jeddak der Tharks. Auch er hat die Pilgerfahrt auf dem Iss angetreten, in der Hoffnung, im Tal Dor die Frau wiederzufinden, die er einst geliebt hat, und den Freund, den ganz Barsoom für tot hielt.
Was ist das Tal Dor wirklich?
Ein Schlachthaus. Am Ufer des verlorenen Meeres Korus lauern zwei Arten von Jägern auf die ankommenden Pilger:
- die Pflanzenmenschen, augenlose Wesen mit einem einzigen Bein und Saugmäulern an den Handflächen,
- die weißen Riesenaffen, die aufräumen, was die Pflanzenmenschen übrig lassen.
Wer diesen Empfang überlebt, wird von den Heiligen Therns eingefangen und versklavt. Die Therns sind hellhäutig, tragen blonde Perücken über kahlen Schädeln und leben von dem Besitz, den die Pilger mitbringen. Ihr Oberhaupt heißt Matai Shang. Sie halten sich für das Ziel aller Wiedergeburt und wissen genau, dass die Religion, die sie predigen, ein Geschäftsmodell ist.

Wer steht über den Therns?
Genau hier zieht Burroughs den Boden ein zweites Mal weg. Über den Therns stehen die Ersten Geborenen, schwarzhäutige Krieger, die von einem unterirdischen Meer namens Omean aus operieren und die Therns ebenso ausrauben wie diese die Pilger. Sie beten Issus an, die Göttin des ewigen Lebens. Als Carter sie zu Gesicht bekommt, sitzt dort eine hässliche, senile Greisin auf dem Thron.
Der Aufbau des Romans ist damit eine Treppe nach unten:
| Ebene | Wer sie glaubt | Was wirklich stimmt |
|---|---|---|
| Pilger auf dem Iss | Am Ende wartet das Paradies | Am Ufer warten Pflanzenmenschen und Affen |
| Heilige Therns | Sie sind die letzte Stufe der Wiedergeburt | Sie sind selbst Beute der Ersten Geborenen |
| Erste Geborene | Issus ist die Göttin des Lebens | Issus ist eine grausame alte Frau |
Welche Figuren kommen neu dazu?
Der Band führt Personal ein, das die ganze Reihe trägt:
- Thuvia von Ptarth, eine Sklavin der Therns, die Carter befreit. Sie bekommt später einen eigenen Roman.
- Phaidor, die Tochter von Matai Shang, die sich in Carter verliebt und ihm das nicht verzeiht.
- Xodar, ein degradierter Fürst der Ersten Geborenen, der vom Gegner zum wichtigsten Verbündeten wird.
- Carthoris, Carters Sohn, den er in den Kerkern von Issus trifft, ohne ihn zunächst zu erkennen.
- Hor Vastus und Kantos Kan, Offiziere von Helium, die die Flotte führen.
Warum bricht der Roman mitten in der Szene ab?
Die 22 Kapitel laufen auf einen Angriff auf den Tempel der Issus zu. Carter bringt drei Mächte zusammen, die sich sonst bekriegen: die Flotte der roten Marsianer von Helium, die abtrünnigen Ersten Geborenen und die grünen Horden. Der Tempel brennt, die Herrschaft der Issus fällt.
Doch Dejah Thoris ist bereits im Tempel der Sonne eingeschlossen, in einer Kammer, die sich nur einmal im Marsjahr so weit dreht, dass die Öffnung erreichbar wird. Bei ihr sind Thuvia und Phaidor. Carter erreicht die Gitter, sieht seine Frau, sieht Phaidor einen Dolch heben, sieht Thuvia sich dazwischenwerfen, und dann schließt sich die Wand. Der Roman endet an dieser Stelle. Wer wissen will, wer den Dolch abbekommen hat, muss den nächsten Band lesen.
Dieses offene Ende war Absicht und funktionierte: *The Gods of Mars* erschien von Januar bis Mai 1913 in fünf Teilen im Magazin *The All-Story*, und die Leser verlangten sofort nach der Auflösung. Die Buchausgabe folgte erst am 28. September 1918 bei A. C. McClurg, 348 Seiten stark.


Wo steht der Band in der Barsoom-Reihe?
Der Band ist die Nummer 2 von elf Barsoom-Büchern. Zusammen mit Vorgänger und Nachfolger bildet er eine geschlossene Trilogie um John Carter:
- Eine Prinzessin vom Mars, 1912 als *Under the Moons of Mars* im Magazin, 1917 als Buch unter dem Titel *A Princess of Mars*
- *The Gods of Mars*, 1913 im Magazin, 1918 als Buch
- Der Kriegsherr des Mars, als *The Warlord of Mars* 1913/14 im Magazin, 1919 als Buch
Als Einstieg taugt Band 2 nicht. Ohne die Vorgeschichte um Dejah Thoris, Tars Tarkas und die Atmosphärenfabrik fehlt jede Bindung an die Figuren. Wer die Trilogie durch hat, findet in Thuvia den ersten Band, in dem nicht mehr John Carter erzählt, sondern eine andere Geschichte aus derselben Welt.
Welche deutschen Ausgaben gibt es?
Die deutsche Übersetzungsgeschichte ist kurz und lückenhaft:
| Jahr | Titel | Übersetzung | Verlag |
|---|---|---|---|
| 1972 | Göttin des Mars | Leni Sobez | Williams, Alsdorf |
| 1996 | Die Götter des Mars | Franziska Willnow | Kranichborn, Leipzig |
| 2019 | Die Götter des Mars | Gabriele C. Woiwode | Apex, ISBN 978-3-7502-0363-1 |
Die deutsche Erstveröffentlichung von 1972 ist ein Kuriosum: Aus den Göttern wurde eine Göttin, was inhaltlich sogar passt, weil Issus im Zentrum steht. Übersetzt hat sie Leni Sobez, die auch den ersten Band ins Deutsche brachte. 1996 übersetzte Franziska Willnow den Roman für den Kranichborn Verlag Leipzig neu. Danach lagen über zwanzig Jahre, in denen das Buch auf Deutsch praktisch nicht zu bekommen war, bis Gabriele C. Woiwode 2019 die dritte Fassung vorlegte; der Apex-Verlag brachte sie als Taschenbuch (ISBN 978-3-7502-0363-1) und als Hardcover (ISBN 978-3-7502-0365-5) heraus. Antiquarisch sind die Williams-Bände am häufigsten zu finden, meist mit den Umschlägen der Siebzigerjahre.
Für wen sich Die Götter des Mars lohnt
- Für Leser des ersten Bandes, die wissen wollen, wie es weitergeht. Ohne Band 3 sollten Sie allerdings nicht anfangen, sonst bleibt der Cliffhanger stehen.
- Für alle, die sehen wollen, wie ein amerikanischer Unterhaltungsautor von 1913 eine erfundene Religion Schicht für Schicht auseinandernimmt.
- Für Leser, die kräftige Bilder mögen: Pflanzenmenschen, ein unterirdisches Meer, brennende Tempel.
Wer Burroughs vor allem als Tarzan-Autor kennt, findet hier denselben Erzähler in einer anderen Tonlage. Er schrieb beide Reihen parallel: In den Jahren zwischen dem Zeitschriftenabdruck und der Buchausgabe dieses Bandes kamen mehrere Tarzan-Romane heraus. Die Tarzan-Bücher wurden populärer, die Mars-Bücher blieben die erfinderischeren, weil Burroughs dort eine ganze Welt samt Religion, Sprache und Geografie bauen musste, während Tarzan mit Afrika auskam. Das englische Original ist gemeinfrei und vollständig verfügbar: Volltext im Project Gutenberg. Weitere Werkseiten mit Einordnung finden Sie in unserer digitalen Bibliothek.
