Drei Bücher lang hatte Edgar Rice Burroughs seine Marsgeschichte von John Carter selbst erzählen lassen, in der ersten Person, mit dem Pathos eines Veteranen, der sein eigenes Heldenepos diktiert. Im vierten Buch bricht er das ab. *Thuvia, Maid of Mars* erschien 1916 und schickt eine neue Generation ins Rennen: Carthoris, den Sohn, und Thuvia von Ptarth, die im zweiten Band als Sklavin der Therns aufgetaucht war.
Was sich gegenüber den ersten drei Bänden ändert
Der Unterschied lässt sich in wenigen Punkten fassen:
| Bände 1 bis 3 | Thuvia, das Mädchen vom Mars | |
|---|---|---|
| Erzählform | Ich-Erzählung von John Carter | auktoriale Erzählung in der dritten Person |
| Hauptfigur | John Carter | Carthoris von Helium |
| Umfang | 22 bis 28 Kapitel | 14 Kapitel |
| Konflikt | Krieg um einen ganzen Planeten | ein diplomatischer Komplott zwischen drei Reichen |
| Rolle des Helden | Erlöser von Barsoom | John Carter tritt nur am Rand auf |
Der Wechsel war kein Zufall. Burroughs schrieb inzwischen mehrere Reihen gleichzeitig. Die Tarzan-Bücher liefen parallel und verkauften sich besser, und der Erfolg von Tarzan gab ihm die Freiheit, auf dem Mars zu experimentieren. Von hier an wandert die Perspektive weiter: Im fünften Band steht Carters Tochter Tara im Zentrum.
Wer ist Thuvia, und wer ist Carthoris?
Thuvia stammt aus Ptarth, einem der roten Marsreiche. Ihr Vater Thuvan Dihn ist Jeddak, also Herrscher. In Die Götter des Mars war sie eine Gefangene der Therns, in Der Kriegsherr des Mars wurde sie mit Dejah Thoris entführt. Jetzt bekommt sie den Titel.
Carthoris ist der Sohn von John Carter und Dejah Thoris und lebt in Helium. Er liebt Thuvia, kommt aber zu spät: Sie ist bereits Kulan Tith versprochen, dem Jeddak von Kaol. Auf Barsoom gilt ein solches Versprechen als bindend, und Carthoris hält sich daran, was ihn zur bemerkenswert unheldischen Hauptfigur macht.

Die Handlung in 14 Kapiteln
Der Roman startet mit einem technischen Detail, das die ganze Intrige trägt. Der junge Prinz hat den marsianischen Luftkompass weiterentwickelt: Man stellt ein Ziel ein, und die Maschine steuert den Flieger selbsttätig dorthin. Astok, Prinz von Dusar, lässt Thuvia entführen und den Kompass manipulieren. Alle Spuren zeigen auf den Erfinder selbst.
Von da an läuft der Roman in drei Schüben:
- Die Verfolgung. Er jagt dem entführten Schiff nach und landet weit im Süden im Gebiet der grünen Horde von Torquas. Thuvia wird dort Gefangene, er kommt gerade rechtzeitig.
- Lothar. Beide fliehen in eine tote Stadt hinter den Hügeln, in der ein Rest der weißen Marsrasse überlebt hat. Ihr Jeddak heißt Tario, sein Berater Jav.
- Der Krieg, der fast ausbricht. Ptarth, Kaol und Dusar rüsten gegeneinander, weil jeder den anderen für den Entführer hält. Carthoris schleicht sich unter dem Decknamen Turjun als Söldner nach Dusar ein und beschafft den Beweis. Am Ende gibt Kulan Tith die Verlobung frei.
Lothar und die gedachten Bogenschützen
Die stärkste Erfindung des Buches steht im Mittelpunkt. Die Lotharier haben keine Armee mehr. Sie erschaffen ihre Bogenschützen durch reine Vorstellungskraft, und diese Phantome töten wirklich, solange die Lotharier an sie glauben. Wer im Kampf den Glauben verliert, dessen Schützen lösen sich auf. Tario behauptet außerdem, die ganze übrige Welt existiere nur in seinem Kopf.
Aus dieser Idee zieht Burroughs eine Figur, die aus dem Rahmen fällt: Kar Komak, ein Bogenschütze, der nach dem Kampf nicht verschwindet, sondern körperlich bestehen bleibt und Carthoris begleitet. Dazu kommt Komal, ein riesiger Banth, den die Lotharier als Gott halten und mit dem Leben ihrer Gefangenen füttern.
Erscheinungsdaten und Stellung in der Reihe
*Thuvia, Maid of Mars* erschien am 8., 15. und 22. April 1916 in drei Teilen im Magazin *All-Story Weekly*. Die Buchausgabe brachte A. C. McClurg am 30. Oktober 1920 heraus, 256 Seiten stark. Damit ist es Nummer vier der Barsoom-Serie:
- Eine Prinzessin vom Mars, im Magazin 1912 noch als *Under the Moons of Mars*, als Buch 1917 unter dem Titel *A Princess of Mars*
- Die Götter des Mars, 1913
- Der Kriegsherr des Mars, 1913/14
- Thuvia, das Mädchen vom Mars, 1916
- The Chessmen of Mars, 1922
In englischsprachigen Katalogen läuft die Reihe als Barsoom series oder als John Carter of Mars series.
Anders als die Bände 2 und 3 lässt sich dieser Roman einzeln lesen. Wer die Vorgeschichte kennt, hat mehr davon, aber die Handlung schließt in sich ab. Praktisch ist außerdem ein Anhang, den Burroughs hier zum ersten Mal beilegte: ein Glossar der Namen und Begriffe aus allen bis dahin erschienenen Marsbüchern, von *Apt* über *Banth* bis zu den schwarzen Piraten, jeweils mit Verweis auf den Band, in dem das Wort vorkommt.

Deutsche Ausgaben und Übersetzungen
Drei Ausgaben sind erschienen, und alle drei tragen denselben Titel:
| Jahr | Verlag | Übersetzung |
|---|---|---|
| 1973 | Williams, Alsdorf | Leni Sobez |
| 1996 | Kranichborn, Leipzig | nach der ungekürzten Originalausgabe |
| 2019 | Apex | Gabriele C. Woiwode, ISBN 978-3-7502-5494-7 |
Die Williams-Ausgabe von 1973 ist die deutsche Erstveröffentlichung. Übersetzt hat sie Leni Sobez, die auch die drei vorangehenden Marsromane übersetzt hatte, sodass die Reihe im Deutschen aus einem Guss ist. Der Kranichborn Verlag Leipzig legte 1996 eine Fassung nach dem ungekürzten amerikanischen Original vor, 2016 folgte dort eine Neuauflage. Die derzeit lieferbare Fassung hat Gabriele C. Woiwode übersetzt; sie erschien im Apex Verlag als Taschenbuch und als eBook unter der ISBN 978-3-7487-2138-3. Wer lieber gedruckt liest, findet die Kranichborn-Bände antiquarisch, die Williams-Taschenbücher noch häufiger.

Was heute sperrig wirkt
Das Frauenbild des Buches ist das seiner Zeit. Thuvia gibt dem Roman zwar den Titel, handelt aber selten selbst; sie wird entführt, gerettet und schließlich freigegeben, als hätte sie in der Sache nichts zu entscheiden. Auch die Völker sind wieder nach Hautfarbe sortiert. Dass Burroughs mit Kar Komak ausgerechnet ein Phantom zur interessantesten Nebenfigur macht, entschädigt dafür nur teilweise.
Für wen sich Thuvia, das Mädchen vom Mars lohnt
- Für Leser der ersten drei Bände, die sehen wollen, wie Burroughs seine Serie umbaut, nachdem der große Bogen abgeschlossen ist.
- Für alle, die einen kurzen Einstieg suchen: 14 Kapitel, rund 50.000 Wörter, keine Vorkenntnisse nötig. Wer den Tarzan-Ton kennt, findet ihn hier wieder, nur in Rot statt in Grün.
- Für Leser mit Sinn für seltsame Einfälle. Eine Armee, die verschwindet, sobald ihr Erschaffer zweifelt, ist auch hundert Jahre später eine gute Idee.
Der englische Originaltext ist gemeinfrei und vollständig verfügbar: Volltext im Project Gutenberg. Warum diese Bücher frei genutzt werden dürfen, erklärt unsere Seite zur Gemeinfreiheit.
