Ein Mann namens Cogdon Nestor übernachtet an einem alten Brunnen in der Sahara und hört im Sand ein Klicken. Er gräbt und findet einen Telegrafenapparat, dessen Leitung senkrecht nach unten führt. So beginnt „Pellucidar“, der zweite Roman von Edgar Rice Burroughs über die Welt im Erdinnern. Der Rest des Buches besteht aus dem, was David Innes zwei Monate lang in Morsezeichen nach oben funkt.
Erzählt über eine Leitung ins Erdinnere
Der Rahmen ist mehr als ein Gag. Der erste Band endete damit, dass David Innes an der Oberfläche strandete und keine Möglichkeit hatte, seine Geschichte fortzusetzen. Burroughs löst das Problem technisch: Nestor holt den Autor nach Algier, ein Telegrafist namens Frank Downes kommt mit, und zu dritt schreiben sie mit, was aus 800 Kilometern Tiefe hereinkommt.
Erschienen ist der Roman im Mai 1915 als Fortsetzungsgeschichte im Magazin „All-Story Weekly“. Die Buchausgabe folgte erst im September 1923 bei A. C. McClurg in Chicago, mit Illustrationen von J. Allen St. John, dem Hausillustrator der Burroughs-Bände.
Was der zweite Band anders macht
Der Auftakt [At the Earth’s Core](/etext/545/) war ein Überlebensroman: zwei Männer, eine unbekannte Welt, ständige Flucht. Der zweite Band verschiebt das Ziel.
| At the Earth’s Core (1914) | Pellucidar (1915) | |
|---|---|---|
| Aufgabe | überleben und die Welt begreifen | eine Ordnung aufbauen |
| Gegner | die Mahars als Sklavenhalter | Hooja der Schlaue und sein Söldnerheer |
| Mittel | Speer, Zufall, Flucht | Karten, Schwarzpulver, Schiffe, Bündnisse |
| Reichweite | ein Landstrich | ein halber Kontinent |
| Ende | Trennung und Verrat | Kaiserreich und Hochzeit |
Am Ende steht ein Bund aus Stämmen, der die Städte der Mahars niederwirft und David Innes zum Kaiser macht. Aus dem Abenteurer wird ein Staatsgründer. Das ist der Bruch, den man mögen oder ablehnen kann: Wer die reine Urwaldschilderung des ersten Bandes sucht, bekommt hier Logistik, Diplomatie und Feldzüge.
Von Greenwich bis zum Kaiserreich
David Innes bricht mit dem eisernen Maulwurf erneut nach unten auf, an Bord die gefangene Mahar sowie Bücher, Werkzeug und Waffen. Er kommt an unbekannter Stelle heraus, lässt die Gefangene frei und tauft den Punkt Greenwich, weil er von dort aus eine Karte der Innenwelt aufziehen will. Es ist die trockenste und zugleich schönste Idee des Buches: ein Nullmeridian für eine Welt ohne Himmelsrichtungen.
Was folgt, ist eine lange Suche nach den Gefährten des ersten Bandes:
- Auf der Insel Anoroc trifft er den Mezop-Krieger Ja wieder.
- Zwei Hyaenodons, die er Raja und Ranee nennt, laufen ihm zu und werden zu Jagdhunden.
- In Sari findet er Abner Perry, der aus Eisen und Salpeter eine kleine Industrie aufgebaut hat, aber militärisch nicht vorankommt.
- Ghak der Haarige, König von Sari, sammelt die Stämme; ein Gesandter namens Kolk bringt das Bündnisangebot seines Vaters Goork.
Der Gegenspieler ist Hooja der Schlaue, der schon im ersten Band Dian die Schöne verschleppt hatte. Die Mahars haben sie ihm überlassen, im Tausch gegen das gestohlene Buch mit dem Geheimnis ihrer Fortpflanzung. Er hat sich ein Heer aus Ausgestoßenen und abtrünnigen Sagoths zusammengekauft und hält Dian fest. Die Entscheidung fällt in einer Seeschlacht auf dem Binnenmeer Lural Az, geschlagen mit Perrys Flotte gegen Hoojas Einbäume.

Perrys erstes Schiff, die „Sari“, ist die komischste Episode des Romans. Zwölf Meter lang, mit übermannshohen Bordwänden gebaut, um Eindruck zu machen, schießt sie beim Stapellauf über die gefetteten Balken in den Fluss und kentert sofort. Erst mit Ballast und halbierter Takelage wird ein brauchbares, wenn auch hässliches Schiff daraus.
Der stehende Mond und das Land des schrecklichen Schattens
Kapitel sechs trägt den Titel „A Pendent World“ und enthält die zweite große Erfindung der Reihe. Über Pellucidar hängt ein kleiner Mond, der sich nicht bewegt. Weil auch die Sonne im Mittelpunkt stillsteht, wirft dieser Mond einen Schatten, der immer auf derselben Stelle liegt.

Dort, im Land des schrecklichen Schattens, leben die Thurier in ewiger Dämmerung. Ihr Häuptling Goork und sein Sohn Kolk treten dem Bündnis bei; ihr Land ist zugleich der einzige Ort der Innenwelt, an dem so etwas wie Nacht existiert. Burroughs zieht die Physik seiner Welt damit ein Stück weiter als im ersten Band.
Die Hohlwelt und ihr Platz in der Literaturgeschichte
Die Vorstellung einer bewohnbaren Erdinnenwelt ist älter als der Roman und war zeitweise ernstgemeinte Naturforschung:
- 1692 schlug Edmond Halley der Royal Society vor, die Erde bestehe aus ineinanderliegenden Kugelschalen.
- 1741 schickte Ludvig Holberg in „Nicolai Klimii iter subterraneum“ einen Studenten durch ein Höhlenloch in eine unterirdische Welt.
- 1818 forderte John Cleves Symmes junior in den USA eine Expedition zu den Öffnungen an den Polen; aus seinen Ideen entstand der Roman „Symzonia“ (1820).
- 1864 führte Jules Verne in „Voyage au centre de la Terre“ durch einen Vulkanschlot in unterirdische Meere.
- 1871 setzte Edward Bulwer-Lytton in „The Coming Race“ ein technisch überlegenes Volk unter die Erde.
Burroughs unterscheidet sich von allen. Bei Verne bleibt man in Höhlen, also in Hohlräumen des Gesteins. Pellucidar dagegen ist eine vollständige Oberfläche auf der Innenseite der Erdschale, mit eigener Sonne, eigenem Mond, eigener Geografie. Erst diese Entscheidung erlaubt Kontinente, Meere, Völker und Reiche, also alles, was der zweite Band braucht.
Gewirkt hat das weit über die Reihe hinaus. Die polare Öffnung nach Symmes verwendet Burroughs später selbst, als er den Helden aus [Tarzan bei den Affen](/etext/78/) mit einem Luftschiff nach Pellucidar fliegen lässt. H. P. Lovecraft übernahm für „At the Mountains of Madness“ Namensbildungen aus dem ersten Band. Und die Innenwelt mit Sauriern und Steinzeitvölkern ist bis heute ein fester Bestandteil von Comic, Manga und Kinoabenteuer.
Ausgaben, Übersetzungen und Reihenfolge
Die Reihe umfasst sieben Bände, geschrieben zwischen 1914 und 1963. Die ersten beiden gehören eng zusammen; wer nur einen liest, versteht die Hälfte.
Auf Deutsch ist die Lage unübersichtlich. Verbindliche Titel gibt es nicht, die Bände sind bei kleinen Verlagen und im Selbstverlag erschienen. Der zweite Band läuft unter „Pellucidar“ und in einer neueren Übersetzung von Patrick Karban als „Rückkehr nach Pellucidar“. Den vierten Band, in dem Tarzan die Innenwelt besucht, brachte der Kranichborn-Verlag 1996 als „Tarzan am Mittelpunkt der Erde“. Antiquarisch tauchen ältere Ausgaben regelmäßig auf, im Buchhandel liegen sie kaum.

Lohnt sich der zweite Band?
- Wenn Sie den ersten gelesen haben: ja. Er löst alle offenen Fäden um Dian, Perry und die Mahars, und das Ende ist ein echtes Ende.
- Wenn Sie mit Band zwei einsteigen wollen: eher nicht. Die halbe Handlung setzt Kenntnis der Vorgeschichte voraus.
- Wenn Sie Landkarten und Weltenbau mögen: unbedingt. Das Buch vermisst seine Welt, statt sie nur zu betreten.
- Wenn Sie Figurentiefe erwarten: nein. Hooja bleibt ein Schurke ohne Zwischentöne, Dian meist ein Ziel statt einer Person.
Der Ton ist der von 1915, samt Fortschrittsglauben und der Selbstverständlichkeit, mit der ein Amerikaner eine fremde Welt ordnet. Wer das mitliest, bekommt einen schnellen, erfindungsreichen Abenteuerroman von rund 58.000 Wörtern.
Der englische Text ist gemeinfrei und vollständig verfügbar: Volltext im Project Gutenberg. Was Gemeinfreiheit im Einzelnen bedeutet, erklärt unsere Seite zur [Lizenz des Project Gutenberg](/license/); weitere vorgestellte Titel stehen in der [Digitalen Bibliothek](/etext/).
