Der Titel verspricht Juwelen, und die kommen auch vor. Der eigentliche Einfall des fünften Tarzan-Romans ist aber ein anderer: Burroughs nimmt seinem Helden das Gedächtnis und lässt ihn über zwei Drittel des Buches als reines Tier durch den Wald ziehen. Wer nur einen Schatzsucher-Roman erwartet, liest an dem vorbei, was den Band interessant macht.
Die Eckdaten
„Tarzan and the Jewels of Opar“ lief ab dem 18. November 1916 als fünfteilige Serie in *All-Story Cavalier Weekly*. Die Buchausgabe erschien am 20. April 1918 bei A. C. McClurg & Co. in Chicago, illustriert von J. Allen St. John. Das Original hat 24 Kapitel. Auf Deutsch heißt der Band „Tarzans Schatz von Opar“, teils auch „Tarzan und die Juwelen von Opar“.
Was tatsächlich passiert
Tarzan verliert sein Vermögen, weil eine Gesellschaft, in die er investiert hat, zusammenbricht. Er beschließt, noch einmal nach Opar zu gehen und Goldbarren zu holen. Der belgische Leutnant Albert Werper, der nach einem Mord an seinem Vorgesetzten desertiert ist und für den Räuberhauptmann Achmet Zek arbeitet, schleicht sich als Gast auf die Farm und folgt ihm.
In den Gewölben von Opar löst ein Erdstoß einen Steinschlag aus. Tarzan wird am Kopf getroffen und verliert die Erinnerung an sein ganzes bisheriges Leben. Was bleibt, sind die Instinkte des Affenmenschen. Die Hohepriesterin La findet ihn, liebt ihn weiterhin und muss zusehen, wie er sie nicht erkennt; als er sie zurückweist, verurteilt sie ihn zum Tod und verfolgt ihn danach quer durch den Wald.
Werper stiehlt derweil einen Beutel mit Edelsteinen aus dem Opferaltar. Achmet Zek überfällt die Farm, brennt sie nieder und verschleppt Jane. Der Rest des Romans ist ein Reigen aus Verfolgungen: Waziri unter Basuli, der abessinische Offizier Abdul Mourak, der Räuber Mohammed Beyd, der Affe Chulk, der treue Mugambi. Erst spät bringt ein zweiter Schlag auf den Kopf Tarzans Erinnerung zurück.

Das Ende ist eine der seltsamsten Schlusspointen der Reihe. Mugambi hatte Werpers Beutel heimlich mit Flusskies gefüllt und die Steine an sich genommen; sie wurden ihm im Schlaf gestohlen. Am Ende liegt der Beutel neben Werpers Knochen, und er ist wieder voller Juwelen. Wie sie dorthin kamen, erklärt der Roman nicht. Er stellt die Frage sogar ausdrücklich und lässt sie offen.
Fünf Irrtümer über diesen Band
„Tarzan sucht in Opar einen sagenhaften Schatz“
Er holt Gold, das er kennt, aus einer Kammer, die er kennt. Der Anlass ist nüchtern: Sein Geld ist weg, und Opar ist die schnellste Möglichkeit, neues zu beschaffen. Von Abenteuerlust steht im Buch nichts.
„Opar wird hier zum ersten Mal beschrieben“
Die Stadt und ihre Priesterin treten schon in Band 2 auf. Dieser Roman baut die Kulisse aus, erfindet sie aber nicht.
„La ist eine schmückende Nebenfigur“
La hat mehr Auftritte als Jane und deutlich mehr Handlungsantrieb. Sie verfolgt Tarzan mit einer Opferklinge quer durch den Wald, und Burroughs gibt ihr mit dem Kapitel „A Priestess But Yet a Woman“ ein eigenes Zentrum.
„Der Gedächtnisverlust ist ein billiger Kniff“
Er ist ein Kniff, aber ein tragender. Der amnesische Tarzan raubt, tötet und erkennt seine eigene Frau nicht. Der Roman nutzt das, um zu zeigen, wie dünn die Schicht Zivilisation bei dieser Figur wirklich liegt.
„Man kann mit diesem Band einsteigen“
Kann man, verliert aber viel. Opar, die Waziri, Mugambi und der Titel Lord Greystoke stammen aus früheren Bänden.
Wo der Band in der Reihenfolge steht

| Band | Originaltitel und Jahr | Deutscher Titel |
|---|---|---|
| 1 | Tarzan of the Apes, 1912 | Tarzan bei den Affen |
| 2 | The Return of Tarzan, 1913 | Tarzans Rückkehr |
| 3 | The Beasts of Tarzan, 1914 | Tarzans Tiere |
| 4 | The Son of Tarzan, 1915/16 | Tarzans Sohn |
| 5 | Tarzan and the Jewels of Opar, 1916 | Tarzans Schatz von Opar |
| 6 | Jungle Tales of Tarzan, 1916/17 | Tarzans Dschungelgeschichten |
| 7 | Tarzan the Untamed, 1919/20 | Tarzans Rache |
Opar wird in The Return of Tarzan eingeführt, der unmittelbare Vorgänger ist The Son of Tarzan. Band 6 fällt aus der Zeitrechnung: Jungle Tales of Tarzan sammelt Episoden aus der Jugend des Helden und spielt vor Band 1. In Band 9, „Tarzan and the Golden Lion“ (deutsch „Tarzan und der goldene Löwe“), kehrt Tarzan ein drittes Mal nach Opar zurück. Parallel schrieb Burroughs die Mars-Romane um John Carter und die Bücher um die Hohlwelt Pellucidar.
Kolonialer Blick und rassistische Muster
Der Roman spielt in einem Afrika, das ausschließlich aus Beute besteht. Das prägt jede Figurenzeichnung.
- Die Gegner sind ethnisch sortiert: ein arabischer Räuberhauptmann, ein abessinischer Offizier, ein belgischer Deserteur. Ihre Habgier wird jeweils als Eigenschaft ihrer Herkunft erzählt, nicht als individuelles Motiv.
- Die Waziri handeln nur im Auftrag. Basuli führt sie an, aber jede Entscheidung von Gewicht trifft der Engländer.
- Die Bewohner Opars werden weiterhin als Ergebnis einer Kreuzung von Menschen und Affen beschrieben. Dieses Bild stammt aus den Degenerationstheorien der Jahrhundertwende und wird im Buch als biologische Tatsache behandelt.
- Dass ein Europäer sich Gold aus einer bewohnten Stadt holt und dies durchgehend als sein gutes Recht gilt, wird an keiner Stelle hinterfragt.
Man muss das nicht relativieren, um den Roman zu lesen. Man sollte es nur beim Namen nennen, statt es zu übersehen.
Deutsche Ausgaben und Übersetzungen
Die deutsche Erstausgabe erschien 1926 bei Dieck & Co. in Stuttgart als „Tarzans Schatz von Opar“, übersetzt von Eduard Pfeiffer. Der Pegasus Verlag in Wetzlar brachte den Band 1952 in der Übersetzung von Tony Kellen heraus, mit einem Schutzumschlag von Heinz Gerster. Ab 1995 legte der Kranichborn Verlag in Leipzig eine Neuausgabe vor, übersetzt von Franziska Willnow nach der ungekürzten amerikanischen Fassung.
Worauf Sie beim Kauf achten sollten:
- Der deutsche Titel wechselt zwischen „Tarzans Schatz von Opar“ und „Tarzan und die Juwelen von Opar“.
- Das Original hat 24 Kapitel. Jugendausgaben aus der Pegasus-Zeit sind gekürzt.
- Ältere Übersetzungen übernehmen die abwertende Wortwahl des Originals ohne Kommentar.
Der englische Text ist gemeinfrei und vollständig kostenlos zugänglich: Volltext im Project Gutenberg. Warum das so ist, erklärt unsere Übersicht zur Gemeinfreiheit.

Kurz gesagt
- Der Band ist der zugänglichste der Opar-Romane und liest sich schnell.
- Er lohnt sich vor allem wegen La und wegen des amnesischen Tarzan, nicht wegen der Juwelen.
- Als Einstieg in die Reihe ist er ungeeignet.
- Wer die Reihenfolge einhält, liest ihn nach Band 4 und vor Band 7.
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