Der zweite Tarzan-Roman ist kein Nachklapp, sondern der Band, der aus einer einzelnen Abenteuergeschichte eine Serie macht. Hier bekommt Tarzan seinen Erzfeind, seinen Stamm, seine Goldquelle und seine Ehefrau. Wer die späteren Bände liest, ohne diesen zu kennen, versteht die Hälfte der Anspielungen nicht. Die Welt der Reihe entsteht hier.
„The Return of Tarzan“ erschien zwischen Juni und Dezember 1913 als siebenteilige Fortsetzungsgeschichte im *New Story Magazine*. Die erste Buchausgabe brachte A. C. McClurg & Co. in Chicago am 10. März 1915 heraus, 26 Kapitel stark. Auf Deutsch heißt der Band „Tarzans Rückkehr“.
Ein Roman, der zwei Bücher in einem ist
Auffällig ist der Bruch in der Mitte. Die erste Hälfte spielt in Paris, in Algerien und auf hoher See und liest sich wie ein Spionageroman der Vorkriegszeit: Salons, Duelle, Geheimdienstaufträge, ein Attentat in einer dunklen Gasse. Erst nach gut der Hälfte kehrt Burroughs in den Dschungel an der westafrikanischen Küste zurück, in dem Band 1 spielte.
Der Autor selbst war 1913 kein Anfänger mehr, aber auch noch kein Serienschriftsteller. Er schrieb parallel an den Mars-Romanen und musste erst lernen, wie eine Figur über mehrere Bände hinweg trägt. In diesem Buch probiert er es aus, und es funktioniert: Fast alles, was später wiederkehrt, wird hier eingeführt.
Die Handlung in fünf Etappen
1. Paris: ein Duell und eine gefährliche Bekanntschaft
Auf der Überfahrt nach Europa gerät Tarzan an den Russen Nikolas Rokoff und dessen Handlanger Alexis Paulvitch, die die Gräfin Olga de Coude erpressen. Tarzan greift ein und macht sich damit einen Feind fürs Leben. In Paris überlebt er einen Hinterhalt in der Rue Maule und ein Duell mit Graf Raoul de Coude, in dem er sich absichtlich nicht wehrt. Der Graf erkennt seinen Irrtum und verschafft ihm eine Stelle beim französischen Geheimdienst.
2. Algerien: Auftrag in der Wüste
Der Dienst schickt Tarzan nach Nordafrika. Zwischen Sidi Aissa und dem Lager des Scheichs Kadour ben Saden erlebt er die klassischen Zutaten der Kolonialabenteuer-Literatur: eine Tänzerin, einen nächtlichen Kampf, die Jagd auf den menschenfressenden Löwen „El Adrea“.
3. Über Bord
Unter dem falschen Namen John Caldwell reist Tarzan Richtung Kapstadt. Rokoff, diesmal als „Monsieur Thuran“ getarnt, wirft ihn nachts ins Meer. Tarzan erreicht schwimmend die Küste, ausgerechnet jene Gegend, in der er aufgewachsen ist.

4. Die Waziri: vom Gast zum Häuptling
Im Landesinneren rettet Tarzan den jungen Krieger Busuli und wird von dessen Volk aufgenommen. Nachdem der alte Häuptling im Kampf gegen Elfenbeinräuber fällt, wählen die Waziri Tarzan zu ihrem Anführer. Der Stamm bleibt bis in die späten Bände sein Gefolge.
5. Opar: Gold, La und die Rettung Janes
Die Waziri führen ihn zu einer Ruinenstadt im Hochland, deren Bewohner in einem entstellten Rest einer alten Hochkultur leben. Tarzan wird gefangen genommen und soll der Sonne geopfert werden. Die Hohepriesterin La verliebt sich in ihn und lässt ihn entkommen; er findet die Schatzkammern. Parallel ist Janes Yacht „Lady Alice“ gesunken, sie strandet mit Professor Porter, Lord Tennington und Tarzans Vetter William Cecil Clayton an derselben Küste. Jane wird nach Opar verschleppt und in letzter Sekunde gerettet. Clayton stirbt an Fieber und gesteht vorher, dass der Titel Lord Greystoke Tarzan zusteht. Am Ende stehen eine Doppelhochzeit und die Verhaftung Rokoffs.

Wo der Band in der Reihe steht
Die 24 Tarzan-Romane sind als Kette gebaut, und die ersten Bände hängen besonders eng zusammen. „The Return of Tarzan“ schließt unmittelbar an Tarzan bei den Affen an und endet mit einer Ehe, die den Stoff für den nächsten Band liefert: In The Beasts of Tarzan entführt Rokoff den inzwischen geborenen Sohn.

| Band | Originaltitel und Jahr des Erstdrucks | Deutscher Titel |
|---|---|---|
| 1 | Tarzan of the Apes, 1912 | Tarzan bei den Affen |
| 2 | The Return of Tarzan, 1913 | Tarzans Rückkehr |
| 3 | The Beasts of Tarzan, 1914 | Tarzans Tiere |
| 4 | The Son of Tarzan, 1915/16 | Tarzans Sohn |
| 5 | Tarzan and the Jewels of Opar, 1916 | Tarzans Schatz von Opar |
| 6 | Jungle Tales of Tarzan, 1916/17 | Tarzans Dschungelgeschichten |
| 7 | Tarzan the Untamed, 1919/20 | Tarzans Rache |
Was in Band 2 neu dazukommt, trägt weit: Rokoff und Paulvitch bleiben bis Band 4 die Gegenspieler, die Waziri begleiten Tarzan durch die halbe Reihe, und Opar mit seiner Priesterin La kehrt in Band 5 und in „Tarzan and the Golden Lion“ zurück, auf Deutsch „Tarzan und der goldene Löwe“. Auch der Titel Lord Greystoke wird hier endgültig geklärt.
Eine Sonderstellung hat Band 6: „Jungle Tales of Tarzan“ wurde später veröffentlicht, erzählt aber Episoden aus der Jugend des Helden und spielt zeitlich vor Band 1. Wir stellen ihn als Jungle Tales of Tarzan gesondert vor. Neben Tarzan schrieb Burroughs zwei weitere große Serien, die Mars-Romane um John Carter und die Reihe um die Hohlwelt Pellucidar.
Der koloniale Blick, ungeschminkt
Der Roman gehört in eine Reihe mit den verlorenen Städten H. Rider Haggards, und er teilt deren Weltbild. Drei Punkte fallen beim Lesen sofort auf:
- Die Waziri gelten im Buch als tapfer und loyal. Trotzdem wählen sie binnen weniger Wochen einen Europäer zum Häuptling, weil er ihnen kämpferisch und geistig überlegen sein soll. Das ist das Grundmuster der weißen Führungsfantasie.
- Die Gegner sind ethnisch typisiert. Elfenbein- und Sklavenräuber treten pauschal als „Araber“ und „Manyuema“ auf, ohne eigene Beweggründe.
- Für Opar benutzt Burroughs rassenbiologisches Vokabular. Er erklärt die Stadtbewohner als Ergebnis einer Vermischung von Menschen und Affen und nennt sie ausdrücklich entartet. Damit greift der Roman Degenerationstheorien der Jahrhundertwende auf.
Das lässt sich nicht wegerklären, und es entwertet den Roman auch nicht automatisch. Man liest hier gleichzeitig eine schnell erzählte Abenteuergeschichte und ein Dokument des europäischen Afrikabildes vor dem Ersten Weltkrieg. Wer das im Kopf behält, kommt mit dem Text besser zurecht als wer sich davon überraschen lässt.
Deutsche Ausgaben und Übersetzungen
Die deutsche Erstausgabe erschien 1924 bei Dieck & Co. in Stuttgart als „Tarzans Rückkehr“, übersetzt von Tony Kellen und mit einem Umschlagbild von Willy Planck. In manchen Verzeichnissen taucht der Band unter dem längeren Titel „Tarzans Rückkehr in den Urwald“ auf. Der Pegasus Verlag in Wetzlar übernahm die Kellen-Fassung 1950. Ab 1994 legte der Kranichborn Verlag in Leipzig eine Neuausgabe vor, übersetzt von Ruprecht und Franziska Willnow nach der ungekürzten amerikanischen Fassung. Wer heute antiquarisch kauft, sollte deshalb immer prüfen, wer den Band übersetzt hat.
Worauf Sie beim Kauf achten sollten:
- Ältere deutsche Reihen sind teils gekürzt. Ein Vergleich mit den 26 Kapiteln des Originals verrät das schnell.
- Der deutsche Titel schwankt zwischen „Tarzans Rückkehr“ und Varianten. Eindeutig ist nur der Originaltitel „The Return of Tarzan“.
- Die Übersetzungen der Zwischenkriegszeit geben die abwertenden Formulierungen des Originals unverändert wieder.
Der englische Originaltext ist gemeinfrei und steht vollständig kostenlos bereit: Volltext im Project Gutenberg. Was Gemeinfreiheit bedeutet und warum Werke dieser Zeit frei verfügbar sind, erklärt unsere Übersicht zur Gemeinfreiheit.
Lohnt sich der Band?
Für den ersten Teil braucht man etwas Geduld: Das Pariser Gesellschaftsdrama ist der schwächste Abschnitt der frühen Reihe. Ab der Rückkehr nach Afrika zieht das Tempo deutlich an, und die Opar-Kapitel gehören zu den besten, die Burroughs geschrieben hat. Zwei Verfilmungen aus der Stummfilmzeit greifen auf den Stoff zurück, „The Revenge of Tarzan“ von 1920 und „The Adventures of Tarzan“ von 1921.
Empfehlenswert ist der Band vor allem, wenn Sie die Reihe der Reihe nach lesen wollen. Als Einzellektüre funktioniert er schlechter als Band 1, weil er auf dessen Ende aufbaut. Weitere vorgestellte Titel finden Sie in unserer Digitalen Bibliothek.
