An einem hellen Maimorgen des Jahres 1888 geht John Clayton, Lord Greystoke, mit seiner jungen Frau Alice in England an Bord der Barkentine *Fuwalda*. Sein Auftrag im Dienst der Königin klingt heikel: Er soll untersuchen, wie Offiziere einer befreundeten europäischen Macht schwarze britische Untertanen behandeln. Das Schiff erreicht sein Ziel nie. Die Mannschaft meutert, das Ehepaar wird an einer menschenleeren Küste ausgesetzt, und Clayton zimmert eine Hütte, in der sich beide sicherer fühlen als im wilden Dschungel. Ein Jahr später ist Alice tot, kurz darauf erschlägt der Menschenaffe Kerchak ihren Mann. Zurück bleibt ein Säugling in einer Wiege.
So beginnt „Tarzan bei den Affen“, im Original „Tarzan of the Apes“. Der Roman ist der Startpunkt einer Serie von 24 Bänden und die Geburtsurkunde einer Figur, die jeder kennt und kaum noch jemand aus dem Buch.
Ein gescheiterter Geschäftsmann erfindet den Dschungelhelden
Edgar Rice Burroughs (1875–1950) hatte eine lange Reihe abgebrochener Karrieren hinter sich: Militärakademie, kurzer Dienst bei der 7. US-Kavallerie, Entlassung aus gesundheitlichen Gründen, danach Ranch, Fabrik, Bahnpolizei, Vertreterjobs. Nichts davon trug. Erst mit sechsunddreißig verkaufte er 1912 seine erste Erzählung, „Under the Moons of Mars“, an das Pulp-Magazin *All-Story* und bekam dafür 400 Dollar.
Im selben Jahr folgte Tarzan. „Tarzan of the Apes“ erschien in der Oktober-Ausgabe des *All-Story Magazine*, die am 27. August 1912 an die Kioske kam. Die Buchausgabe brachte A. C. McClurg in Chicago im Juni 1914 heraus, 28 Kapitel stark, mit einem Titelbild von Fred J. Arting. Der Erfolg war so groß, dass Burroughs binnen eines Jahrzehnts eine Ranch bei Los Angeles kaufen konnte; sie wurde 1927 in Tarzana umbenannt. Bis zu seinem Tod waren seine Werke in 57 Sprachen übersetzt, allein in den USA in mehr als 36 Millionen Exemplaren.
Was im Buch geschieht
Der Säugling wird von der Affenfrau Kala aufgenommen, die kurz zuvor ihr eigenes Junges verloren hat. Sie gibt ihm den Namen Tarzan, was in der von Burroughs erfundenen Sprache der Mangani „weiße Haut“ bedeutet. Der Junge wächst im Rudel Kerchaks auf, körperlich unterlegen, aber schneller im Kopf als alle anderen. Burroughs nennt diese Affenart nie beim Namen: keine Gorillas, keine Schimpansen, sondern erfundene „große Anthropoiden“ mit eigener Sprache.
Zwei Entdeckungen verändern sein Leben, beide in der verfallenen Hütte am Strand: das Jagdmesser seines Vaters und ein Stapel Bücher. Mit Bilderbüchern und Fibeln bringt er sich über Jahre das Lesen bei, ohne je ein gesprochenes englisches Wort gehört zu haben. Die Wörter überträgt er dabei in die Affensprache, weshalb er „Mensch“ lesen, aber nicht aussprechen kann.
Als Erwachsener tötet Tarzan Kerchak und führt das Rudel. Dann landet eine Gruppe Schiffbrüchiger an derselben Küste: Professor Archimedes Q. Porter, seine neunzehnjährige Tochter Jane, deren Begleiterin Esmeralda und der Engländer William Cecil Clayton, ein Vetter Tarzans. Der französische Marineleutnant Paul d’Arnot bringt dem Waldmenschen später Französisch und Manieren bei. Zuvor rettet Tarzan Jane aus den Händen des Affen Terkoz und pflegt d’Arnot wochenlang gesund, während ein Rettungsschiff die Schiffbrüchigen abholt. Das Finale spielt dann nicht im Dschungel, sondern in Wisconsin: Tarzan verhindert Janes erzwungene Heirat mit dem Gläubiger Canler und rettet sie aus einem Waldbrand. Als er erfährt, dass sie sich für seinen Vetter entschieden hat, verschweigt er das Ergebnis der Fingerabdruckprüfung aus dem Tagebuch seines Vaters, die ihn als rechtmäßigen Lord Greystoke ausweisen würde. Er verzichtet auf Titel und Erbe. Cecil Clayton findet die Nachricht später und schweigt ebenfalls.

Die wichtigsten Figuren
| Figur | Rolle |
|---|---|
| Tarzan / John Clayton II. | Sohn des verschollenen Lords, aufgewachsen bei den Mangani |
| Kala | Affenfrau, die ihn als eigenes Kind annimmt |
| Kerchak | Anführer des Rudels, Mörder von Tarzans Vater |
| Jane Porter | Amerikanerin aus Baltimore, Tarzans große Zuneigung |
| Paul d’Arnot | Französischer Offizier, sein Lehrer und Freund |
| William Cecil Clayton | Vetter und Rivale, Erbe des Titels Greystoke |
Erbe oder Erziehung: der eigentliche Versuchsaufbau
Burroughs wollte nach eigener Aussage mit dem Gedanken eines Wettstreits zwischen Vererbung und Umwelt spielen. Das Experiment ist allerdings von Anfang an entschieden. Tarzan lernt aus eigener Kraft lesen und verhält sich ritterlich, weil er adliges Blut in den Adern hat.
Genau hier liegt der Bruch, über den die Forschung diskutiert: Der Roman verkauft als Naturgesetz, was ein Standesvorurteil ist. Zugleich bedient er ein Unbehagen seiner Zeit an der Industriegesellschaft. Gore Vidal beschrieb Tarzan deshalb als Fluchtfantasie, als „joyous symbol of primitivism“ für Leser in enger werdenden Städten.

Kolonialer Blick, rassistische Klischees
Das lässt sich nicht wegmoderieren, und es gehört zu einer ehrlichen Lektüre dazu. Der Roman beschreibt die Ankunft der Dorfgemeinschaft des Häuptlings Mbonga fast durchweg aus einer abwertenden Außenperspektive; Afrikanerinnen und Afrikaner erscheinen als Kulisse oder Bedrohung, nie als handelnde Personen mit eigener Geschichte. Der Historiker John Newsinger liest das Buch als Erzählung von der Eroberung schwarzer „Wildheit“ durch den weißen Mann. Der Literaturwissenschaftler Jeff Berglund weist darauf hin, dass Burroughs Schriftkundigkeit und Weißsein kurzschließt, um seinen Helden über alle anderen zu stellen.
Kritik kam früh und deutlich, besonders von afrikanischen Autorinnen und Autoren, die den Rassismus der Bücher und der späteren Filme benannten. Auf Deutsch hat Norbert Bernhard das 1986 in „Tarzan und die Herrenrasse: Rassismus in der Literatur“ (Lenos, Basel) untersucht. Wer den Roman heute liest, liest zwei Dinge gleichzeitig: eine zügige Abenteuergeschichte und ein Dokument des Kolonialblicks um 1900. Bemerkenswert bleibt, dass Burroughs seinen Lord Greystoke ausgerechnet als Aufklärer kolonialer Übergriffe nach Afrika schickt und diesen Strang danach fallen lässt.
Die Reihenfolge der ersten fünf Bände
Auf „Tarzan of the Apes“ folgten 23 weitere Romane. Die Serie ist als Fortsetzungskette gebaut, und wer chronologisch liest, versteht die Verweise deutlich besser: Figuren wie die Waziri, die Ruinenstadt Opar oder der russische Widersacher Nikolas Rokoff kehren über mehrere Bände hinweg wieder.

| Band | Originaltitel und Erstdruck | Deutsche Erstausgabe |
|---|---|---|
| 1 | Tarzan of the Apes, All-Story, Oktober 1912 | Tarzan bei den Affen, Dieck & Co. 1924 |
| 2 | The Return of Tarzan, New Story Magazine, Juni bis Dezember 1913 | Tarzans Rückkehr in den Urwald, Dieck & Co. 1924 |
| 3 | The Beasts of Tarzan, All-Story Cavalier Weekly, Mai bis Juni 1914 | Tarzans Tiere, Dieck & Co. 1924 |
| 4 | The Son of Tarzan, All-Story Weekly, Dezember 1915 bis Januar 1916 | Tarzans Sohn, Dieck & Co. 1924 |
| 5 | Tarzan and the Jewels of Opar, All-Story Weekly, November bis Dezember 1916 | Tarzans Schatz von Opar, Dieck & Co. 1926 |
Danach reißt der Faden nicht ab: Es folgen „Jungle Tales of Tarzan“ (1916/17), „Tarzan the Untamed“ (1919/20), „Tarzan and the Golden Lion“ (1922/23) und „Tarzan and the Ant Men“ (1924), insgesamt 24 Romane.
Deutsche Ausgaben und Übersetzungen
Die erste deutsche Fassung erschien 1924 bei Dieck & Co. in Stuttgart unter dem sperrigen Titel „Tarzan bei den Affen. Erlebnisse eines von Menschenaffen Geraubten“, übersetzt von Tony Kellen. Kellens Text wurde 1950 vom Pegasus Verlag in Wetzlar übernommen und begleitet die Reihe bis heute, zuletzt in Neuausgaben des Gröls Verlags. 1965 legte Heyne eine Taschenbuchfassung von Fritz Moeglich vor (Allgemeine Reihe Nr. 344), 1972 folgte bei Williams in Alsdorf „Tarzan 1: Herr des Dschungels“ in der Übersetzung von Berthold Schmitt. Ab 1994 brachte der Kranichborn Verlag in Leipzig die Reihe neu heraus, Band 1 übersetzt von Ruprecht Willnow; dieselbe Übertragung erschien 2012 bei Walde+Graf in Zürich. Der Apex Verlag in München legt seit 2020 die Moeglich-Fassungen wieder auf.
Drei Dinge sollten Sie beim Kauf prüfen:
- Die deutschen Titel sind uneinheitlich. Derselbe Roman heißt je nach Verlag „Tarzan bei den Affen“, „Tarzan der Affenmensch“, „Tarzan von den Affen“ oder „Tarzan 1: Der Überfall“. Verlässlich ist nur der englische Originaltitel „Tarzan of the Apes“.
- Ältere Reihen wurden für ein jugendliches Publikum gestrafft. Wer den vollständigen Text will, vergleicht die Kapitelzahl mit den 28 Kapiteln des Originals.
- Übersetzungen der Zwischenkriegszeit übernehmen die abwertende Wortwahl des Originals ungefiltert. Neuere Ausgaben gehen damit unterschiedlich um, ohne dass die Verlage das kenntlich machen.
Der englische Originaltext ist gemeinfrei. Warum das so ist und was Gemeinfreiheit praktisch bedeutet, erklärt unsere Übersicht zu Lizenz und Gemeinfreiheit. Den vollständigen englischen Text lesen oder herunterladen können Sie kostenlos als Volltext im Project Gutenberg.
Lohnt sich das Buch heute noch?
Wenn Sie wissen wollen, wie eine der langlebigsten Figuren der Popkultur tatsächlich angelegt war, führt kein Weg an diesem Band vorbei. Der Buch-Tarzan spricht mehrere Sprachen und ist alles andere als der grunzende Muskelmann der Weissmüller-Filme. Das berühmte „Ich Tarzan, du Jane“ steht nirgends im Roman. Die Kapitel sind kurz, das Tempo ist hoch, und das Englisch der Originalausgabe lässt sich auch mit Schulkenntnissen lesen.
Wer nur eine Abenteuergeschichte sucht, wird bedient. Wer genauer hinsieht, bekommt zusätzlich einen sehr klaren Blick auf das Weltbild, mit dem 1912 Millionenauflagen zu machen waren. Beides zusammen macht den Band interessanter als seinen Ruf.
