Der erste Satz des Romans zeigt, worauf man sich einlässt. Ein Mann löst die zerteilte Leiche eines Menschen in einem Bottich Salpetersäure auf, damit niemand das Beweisstück findet, das ihn an den Galgen bringen würde. Dann sinkt er weinend an seinem Schreibtisch zusammen, und von der Treppe her ruft eine helle Stimme „Daddy!“.
So beginnt „The Monster Men“, ein Buch, über das mehr Halbwissen kursiert als über die meisten anderen Titel von Edgar Rice Burroughs. Sechs verbreitete Annahmen und was tatsächlich dahintersteckt.
„Das ist Burroughs‘ Frankenstein-Kopie“
Halb richtig. Professor Arthur Maxon, ehemals Cornell University, zieht sich mit seiner Tochter Virginia auf eine Insel der Pamarung-Gruppe vor Borneo zurück, um dort künstliches Leben herzustellen. In sargförmigen Bottichen entstehen zwölf missgestaltete Wesen, dann ein dreizehntes, das äußerlich vollkommen ist. Bis hierher ist das Mary Shelley, versetzt in die Tropen.
Der Unterschied liegt in der Frage, die der Roman stellt. Bei Shelley geht es um die Verantwortung des Schöpfers. Bei Burroughs geht es darum, wer in diesem Buch eigentlich das Monster ist. Der Professor plant, seine Tochter mit seinem Geschöpf zu verheiraten, und verliert darüber den Verstand. Sein Assistent Doktor Carl von Horn arbeitet von Anfang an gegen ihn. Der Kunstmensch dagegen benimmt sich anständiger als jede menschliche Figur des Buches.
„Der Roman hieß immer The Monster Men“
Falsch, und das erklärt viel von der Verwirrung im Antiquariat.
| Fassung | Titel | Wann |
|---|---|---|
| Manuskript | Number Thirteen | 1913 |
| Zeitschrift | A Man Without a Soul | All-Story Magazine, November 1913 |
| Erste Buchausgabe | The Monster Men | A. C. McClurg, März 1929, 304 Seiten |
| Erstes Taschenbuch | The Monster Men | Ace Books, Februar 1963 |
Zwischen Heftdruck und Buch liegen sechzehn Jahre. Wer eine antiquarische Ausgabe unter dem Titel „A Man Without a Soul“ findet, sollte außerdem zweimal hinsehen: Denselben Titel trug in Großbritannien auch eine Fassung des Chicago-Romans The Mucker.
„Nummer Dreizehn ist eines der Monster“
Falsch. Die Monster sind die Nummern eins bis zwölf, entstellte Wesen mit schwerfälliger Sprache. Nummer Dreizehn ist der einzige gelungene Versuch: ein körperlich makelloser junger Mann ohne Erinnerung und ohne Namen. Den Namen Bulan geben ihm später die Dayak, teils wegen seiner Kampfkraft, teils weil sein weißes Gesicht sie an den tropischen Mond erinnert. Bulan ist das malaiische Wort dafür.
Die Zahl selbst ist kein Zufall. Burroughs hat sie durch das ganze Buch gezogen:
- Dreizehn Geschöpfe verlassen die Bottiche.
- Der Titel „The Monster Men“ hat dreizehn Buchstaben.
- Der Name Virginia Maxon hat ebenfalls dreizehn Buchstaben.
- Erschienen ist die Geschichte 1913.

„Das ist ein Science-Fiction-Roman“
Nur im ersten Drittel. Sobald der malaiische Steuermann Bududreen von der Schatzkiste des Professors erfährt und der Pirat Muda Saffir mit seinen Prauen auftaucht, verwandelt sich das Buch in ein Seeräuber- und Dschungelabenteuer. Die zweite Hälfte spielt auf den Flüssen Borneos, mit Entführungen, Verfolgungsjagden und Kopfjägern.
Die siebzehn Kapitel tragen entsprechend gemischte Überschriften: von „The Soul of Number 13“ über „Into Savage Borneo“ bis „Buried Treasure“. Wer den Roman als frühe Science-Fiction aufschlägt, bekommt sie geliefert und danach etwas ganz anderes.
„Die Kunstmenschen sind die Bösewichte“
Falsch, und das ist der eigentliche Einfall des Buches. Die Reihenfolge der Schurken lautet: der Assistent von Horn, der seinen Vorgesetzten hintergeht und das Mädchen für sich will; der Steuermann Bududreen, der die Kiste stehlen will; der Pirat Muda Saffir, der Virginia entführt. Die Geschöpfe aus den Bottichen dagegen halten zusammen, folgen Nummer Dreizehn und sterben am Ende für Menschen, die sie verachtet haben.
Der chinesische Koch Sing Lee ist die einzige Figur, die von Anfang an klar sieht. Er weiß am meisten und sagt am wenigsten, bis im vorletzten Kapitel seine Stunde kommt.
Die Stelle, um die das ganze Buch gebaut ist
Nummer Dreizehn erfährt von von Horn, dass er kein Mensch sei und keine Seele habe. In einer Nacht nach einem Überfall denkt er darüber nach und kommt zu einem Ergebnis, das den Titel der Zeitschriftenfassung geradewegs widerlegt:
„Let those who will say that I have no soul, for I am satisfied with the soul I have found. It would never permit me to inflict on others the terrible wrong that Professor Maxon has inflicted on me—yet he never doubts his own possession of a soul. It would not allow me to revel in the coarse brutalities of von Horn—and I am sure that von Horn thinks he has a soul.“
Das Kapitel heißt „The Soul of Number 13“, und der Gedanke darin ist erstaunlich klar für ein Heft von 1913: Eine Seele hat nicht, wer sie zugeschrieben bekommt, sondern wer sich danach verhält. Wer nach dem Ideengehalt des Buches sucht, findet ihn an dieser Stelle, nicht in den Bottichen.

Die Auflösung, kurz und mit Vorwarnung
Wer sich überraschen lassen will, überspringt diesen Absatz. Am Ende erzählt Sing Lee, was er verschwiegen hat: Nummer Dreizehn ist keine Schöpfung des Professors. Der Koch fand einen bewusstlosen jungen Mann in einem Rettungsboot und legte ihn in den Bottich, nachdem Maxons dreizehnter Versuch misslungen war. Als die Erinnerung zurückkehrt, stellt sich heraus, dass es Townsend J. Harper junior ist, der Virginia von Amerika aus gefolgt war.
Damit nimmt Burroughs seiner eigenen Voraussetzung die Spitze. Die Liebesgeschichte zwischen Mensch und Kunstwesen, die das Buch über den ganzen Mittelteil aufbaut, wird im letzten Kapitel aufgelöst, statt zu Ende gedacht zu werden. Genau dafür ist der Roman oft kritisiert worden, und die Kritik trifft zu.
„Ein Nebenwerk ohne Bezug zum übrigen Werk“
Auch das stimmt nicht. Der Text entstand 1913, im Jahr nach dem Durchbruch mit Tarzan, und behandelt dieselbe Frage, die Burroughs zeitlebens beschäftigt hat: Was macht einen Menschen aus, die Herkunft oder das Verhalten? Bei Tarzan lautet die Antwort Herkunft. Hier lautet sie fast das Gegenteil, jedenfalls bis zum letzten Kapitel.
Verwandt ist der Band auch mit der später entstandenen Caspak-Reihe, in der Burroughs die Entwicklung des Menschen noch einmal durchspielt, diesmal als Biologie einer ganzen Insel. Wie das aussieht, lesen Sie auf der Werkseite zu Out of Time’s Abyss.

Ausgaben, Übersetzung und Lesehinweise
Der Roman umfasst rund 57.000 Wörter in siebzehn Kapiteln. Eine deutsche Übersetzung aus einem etablierten Verlag gibt es nicht; im Handel findet sich eine im Selbstverlag erschienene Fassung unter dem Titel „Männer ohne Seele“ in der Übertragung von Gerald Wartensteiner. Wer das Englische halbwegs beherrscht, fährt mit dem Original besser: Die Sprache ist einfach, die Kapitel sind kurz.
Vor dem Lesen sollten Sie wissen:
- Der Anfang ist deutlich härter als der Rest. Wer bis Kapitel drei bleibt, kennt den Ton.
- Die Darstellung der malaiischen, dayakischen und chinesischen Figuren folgt den Klischees von 1913 und ist an mehreren Stellen offen rassistisch.
- Erwarten Sie keine durchgearbeitete Science-Fiction. Der biologische Teil bleibt Behauptung, die Bottiche bleiben Kulisse.
- Der Reiz liegt in der Umkehrung: Die hässlichen Geschöpfe handeln anständig, die gut gekleideten Herren nicht.
Der englische Text ist gemeinfrei und vollständig abrufbar: Volltext im Project Gutenberg. Warum solche Texte frei verfügbar sind, erklärt unsere Seite zur Lizenz des Project Gutenberg; weitere vorgestellte Titel stehen in der Digitalen Bibliothek.
