Der Held dieses Bandes ist zu Beginn ein Verbrecher. Er stiehlt, er prügelt, und er verachtet jeden, der Bücher liest oder ein sauberes Hemd trägt. So beginnt „The Mucker“, und damit fällt der Band aus der Reihe: Edgar Rice Burroughs, gerade berühmt geworden als Erfinder von Tarzan, setzte hier einen Kleinkriminellen aus den Chicagoer Slums an die Stelle des edlen Abenteurers.
Ein „mucker“ war in der amerikanischen Umgangssprache um 1900 ein grober Kerl aus dem Arbeitermilieu, ein Rüpel ohne Manieren. Der Titel ist also kein Rätsel, sondern ein Urteil. Im Lauf der Handlung nimmt Burroughs es selbst zurück.
Wie das Buch entstand
Burroughs (1875 bis 1950) hatte 1912 mit zwei Fortsetzungsromanen in der Pulp-Zeitschrift „All-Story“ den Durchbruch geschafft: „Under the Moons of Mars“, später als „A Princess of Mars“ bekannt, und „Tarzan of the Apes“. Im August 1913 begann er ein Manuskript, das mit beidem nichts zu tun hatte. Kein fremder Planet, kein Dschungelfürst adliger Herkunft, sondern ein Milieuporträt aus der West Side von Chicago, jener Stadt, in der Burroughs selbst geboren wurde und lange arbeitete.
Der Text erschien im Oktober und November 1914 als Serie in „All-Story Cavalier Weekly“. Die Fortsetzung „The Return of the Mucker“ folgte im Juni und Juli 1916 in „All-Story Weekly“. Als Band kamen beide Teile erst im Oktober 1921 heraus, bei A. C. McClurg in Chicago, gemeinsam in einem Band unter dem Titel des ersten Teils. In dieser Form wird der Text bis heute gelesen.
Die Handlung: von der Grand Avenue in den Pazifik
Billy Byrne wächst nahe der Grand Avenue auf, ohne Schule, ohne Zuwendung, mit den Regeln der Straße als einziger Erziehung. Sein Geld verdient er als Schläger und Dieb. Als in einer Kneipe ein Mord geschieht, gilt er als Täter, obwohl er ihn nicht begangen hat.
Von da an läuft die Handlung in klaren Etappen:
- Billy schlägt sich nach San Francisco durch. Dort wird er betäubt und auf ein Schiff verschleppt, wie es die damals verbreitete Praxis des Shanghaiens vorsah.
- Der Segler steuert nicht einfach in den Pazifik. Die Mannschaft soll Barbara Harding entführen, die Tochter eines Millionärs, um Lösegeld zu erpressen. Barbara ist verwöhnt, aber alles andere als hilflos.
- Ein Taifun zerstört das Schiff an einer Insel, die als unbewohnt galt. Die Überlebenden stranden.
- Bewohnt ist sie doch, und zwar von Kopfjägern, die der Roman als Nachfahren mittelalterlicher japanischer Schiffbrüchiger erklärt, samt Rüstungen und Schwertern.
- Barbara nennt Billy einen Feigling. Der Satz trifft ihn härter als jeder Faustschlag. Von diesem Punkt an kämpft er nicht mehr für sich, sondern für sie.
- Am Schluss liebt Billy die Millionärstochter und geht trotzdem. Er hält den Abstand zwischen ihrer und seiner Welt für unüberwindbar.
Dass ein Burroughs-Held das Mädchen am Ende nicht bekommt, war 1914 eine Überraschung. Der zweite Teil holt es nach. Billy kehrt nach Chicago zurück, stellt sich dem Prozess, wird verurteilt, flieht und landet im Mexiko der Revolutionsjahre. Erst dort klärt sich der alte Mordfall, und erst im letzten Kapitel finden er und Barbara zusammen.

Billy Byrne neben Tarzan
Tarzan ist der Sohn eines englischen Lords, den nur der Zufall in den Dschungel verschlägt. Seine Überlegenheit ist Anlage. Billy Byrne hat nichts davon:
| Tarzan | Billy Byrne | |
|---|---|---|
| Herkunft | englischer Adel | Chicagoer Elendsviertel |
| Ausgangslage | edel von Geburt | Dieb und Schläger |
| Antrieb | Instinkt und Erbe | Scham und Selbstachtung |
| Entwicklung | entdeckt, wer er ist | wird ein anderer |
Burroughs hat hier eine Figur geschaffen, die man in seinem Werk sonst kaum findet: einen Helden, der sich ändern muss, statt sich nur zu beweisen. Erzählt wird eine Bekehrung, keine Enthüllung. Wer den Autor für einen reinen Fantasieautor hält, wird von den ersten Kapiteln überrascht. Sie sind harter Realismus, mit Prügeleien, Polizeigewalt und einem Justizsystem, dem der Herkunftsstempel wichtiger ist als der Tathergang.
Zugleich trägt der Text die Fesseln seiner Zeit. Die Darstellung der Inselbewohner folgt den rassistischen Klischees der Pulp-Ära, und Billys Sprache ist zu Beginn voller Verachtung für alles Fremde. Der Text stellt das als Teil seiner Rohheit aus, mildert es aber nicht ab. Wer heute liest, sollte das mitdenken.
Eine Reihe, die keiner so nennt
Offiziell steht „The Mucker“ als Einzelroman. Tatsächlich gibt es eine Fortsetzung und einen dritten Band, der über eine Nebenfigur angeschlossen ist.
- „The Mucker“ (1914): erster Band, Chicago und der Pazifik, Billy Byrne und Barbara Harding.
- „The Return of the Mucker“ (1916): zweiter Band, Prozess, Flucht und Mexiko. Hier tritt Bridge auf, ein gebildeter Landstreicher, der Gedichte aus dem Kopf zitiert und zu Billys Gegenstück wird.
- „The Oakdale Affair“ (1918): kein Byrne-Stoff mehr, sondern eine Kriminalgroteske um genau diesen Bridge. Deshalb zählen Sammler sie als dritten Mucker-Band mit.

Wer die Geschichte von Billy und Barbara vollständig kennenlernen will, liest den ersten und zweiten Teil hintereinander. Im Band von 1921 stehen sie ohnehin zusammen. Den Nachzügler mit Bridge stellen wir Ihnen auf der Werkseite zu The Oakdale Affair vor.
Stellung im Werk: zwischen Tarzan und Mars
Um 1914 arbeitete Burroughs an drei Fronten gleichzeitig. Die Tarzan-Bände machten ihn zum meistgelesenen Abenteuerautor Amerikas, die Mars-Romane um John Carter füllten die Zeitschriften mit den Kriegen und Prinzessinnen von Barsoom, und daneben entstanden Einzelromane wie „The Mucker“, „The Mad King“ oder „The Outlaw of Torn“. Gerade diese Nebenwerke sind der aufschlussreichere Teil seines Schaffens, weil er darin Stoffe ausprobierte, die zu seinen Markenfiguren nicht passten.
Kommerziell ging die Rechnung nicht auf. „Tarzan of the Apes“ erschien schon 1914 als Buch, „The Mucker“ musste sieben Jahre auf einen eigenen Band warten. Verlage kauften den Namen Tarzan, nicht die Experimente. An den Übersetzungen lässt sich das bis heute ablesen: Auf Deutsch liegen die Tarzan-Bände und die Mars-Serie um John Carter nahezu vollständig vor, die Einzelromane dagegen kaum.
Bei den Kennern hat sich das Verhältnis inzwischen gedreht. Der Autor und Literaturhistoriker Richard A. Lupoff zählte diesen Stoff zu den vier wichtigsten Arbeiten von Burroughs und nannte ihn ein bemerkenswertes technisches Kunststück. Die Fortsetzung bewertete er deutlich zurückhaltender, was sich beim Lesen bestätigt: Der Mexiko-Teil ist unterhaltsam, aber konventionell. Das eigentliche Wagnis steckt im ersten Band, in der Geschichte von Billy Byrne und Barbara Harding.

Für wen sich das Buch lohnt
Nicht für Leser, die eine weitere Prinzessin vom Mars erwarten. Wohl aber für alle, die wissen wollen, wozu die amerikanische Pulp-Literatur jenseits ihrer Markenzeichen fähig war. Das Tempo hilft dabei: Burroughs schrieb für Fortsetzungshefte, jedes Kapitel endet mit einem offenen Haken, und das liest sich auch nach über hundert Jahren zügig.
Auffällig ist außerdem, wie viele Genres in einem einzigen Band stecken. Sozialdrama, Seeabenteuer, Robinsonade, Liebesgeschichte, am Ende sogar Western. Der Band wandert durch das Angebot der Zeitschriftenliteratur wie durch einen Katalog. Und Billy bleibt die ungewöhnlichste Figur im Werk seines Autors.
Ein Hinweis für den Einstieg: Die ersten Kapitel sind absichtlich abstoßend. Wer sie übersteht, bekommt die eigentliche Geschichte.
Ausgaben, Übersetzungen und Volltext
Der englische Originaltext gehört zu den frühen Digitalisaten des Project Gutenberg und umfasst dort beide Teile in der Fassung von 1921. Sie finden ihn als Volltext im Project Gutenberg unter der eBook-Nummer 331, kostenlos und in mehreren Dateiformaten. In Großbritannien erschien der Stoff bei Methuen unter dem abweichenden Titel „The Man Without a Soul“, was beim Antiquariatskauf gelegentlich für Verwirrung sorgt.
Eine verbreitete deutsche Übersetzung existiert nicht. Auf Deutsch ist Burroughs fast ausschließlich mit Tarzan und den Mars-Romanen präsent, die Nebenwerke blieben weitgehend unübersetzt. Für „The Mucker“ brauchen Sie also solide Englischkenntnisse. Die Sprache ist schlicht, die Dialoge in Billys Slang allerdings fordernd.
Warum der Text frei verfügbar ist, erklärt unsere Seite zur Gemeinfreiheit alter Werke. Weitere vorgestellte Titel, von den Philosophen bis zu den Abenteuerromanen, sammelt die Übersicht der Digitalen Bibliothek. Dort finden Sie unter anderem auch The Mad King, den Burroughs im selben Jahr veröffentlichte.
