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    Startseite » Digitale Bibliothek » The Oakdale Affair (Burroughs): Krimi statt Dschungel
    Verlassenes Farmhaus bei Nacht im Gewitter, Sinnbild für den Schauplatz von The Oakdale Affair von Edgar Rice Burroughs

    The Oakdale Affair (Burroughs): Krimi statt Dschungel

    Ein Landstreicher und ein halbwüchsiger Junge suchen im Gewitter Schutz in einem leerstehenden Farmhaus. Im Keller rasselt etwas mit Ketten. Draußen ziehen Vagabunden vorbei, die schon einen Toten hinterlassen haben, und im nahen Städtchen sucht die halbe Nachbarschaft nach der verschwundenen Tochter des Bankiers. So beginnt „The Oakdale Affair“, der ungewöhnlichste Kriminalstoff, den Edgar Rice Burroughs geschrieben hat.

    Wer den Autor nur als Erfinder von Tarzan kennt, findet hier nichts Vertrautes: kein fremder Planet, kein Dschungel. Schauplatz ist der amerikanische Mittelwesten, das Personal besteht aus Provinzpolizisten, Herumtreibern und einem Bankier.

    Woher der Held kommt

    Bridge, die Hauptfigur, ist keine Neuerfindung. Er trat zuerst in „The Return of the Mucker“ (1916) auf, als Nebenfigur an der Seite des Chicagoer Schlägers Billy Byrne: ein gebildeter Landstreicher aus wohlhabendem Haus, der freiwillig auf der Straße lebt und bei jeder Gelegenheit Gedichte aufsagt. Die Verse, die er zitiert, stammen von Henry Herbert Knibbs, einem damals populären amerikanischen Lyriker des Landstreicherlebens.

    Wie das klingt, zeigt eine Szene am Morgen nach der Schreckensnacht. Die beiden Jugendlichen streiten darüber, ob Schinken oder Speck das bessere Frühstück ist, und Bridge steuert eine Strophe bei:

    Oh, my heart it is just achin‘ / For a little bite of bacon, / A hunk of bread, a little mug of brew; / I’m tired of seein‘ scenery, / Just lead me to a beanery / Where there’s something more than only air to chew.

    „You’re a funny kind of tramp, to be quoting poetry“, sagt sein Begleiter darauf, „even if it is Knibbs‘.“ Ein Landstreicher, der Gedichte kann, und ein Einbrecher, der sie erkennt: An solchen Kleinigkeiten hängt die Figurenzeichnung des Buches.

    Burroughs mochte die Figur offenbar so sehr, dass er ihr ein eigenes Buch gab. Deshalb zählen Sammler den Band als dritten Teil der lose zusammenhängenden Mucker-Gruppe, obwohl Billy Byrne darin nicht mehr auftritt. Die Vorgeschichte finden Sie auf unserer Werkseite zu The Mucker.

    Wie das Buch entstand

    Die Entstehungsdaten sind gut dokumentiert:

    • Geschrieben 1917, Arbeitstitel „Bridge and the Oskaloosa Kid“.
    • Erstdruck im „Blue Book Magazine“, Ausgabe März 1918, als vollständiger Kurzroman in einer einzigen Heftnummer.
    • Erste Buchausgabe im Februar 1937 bei Edgar Rice Burroughs, Inc., zusammen mit der nicht verwandten Erzählung „The Rider“ unter dem Doppeltitel „The Oakdale Affair and The Rider“. Nachdrucke bei Grosset & Dunlap folgten 1937, 1938 und 1940.
    • Als eigenständiges Buch erschien der Text erstmals im Juli 1974 als Taschenbuch bei Ace Books.

    Zwischen Zeitschriftendruck und erstem Band liegen also neunzehn Jahre. Das sagt einiges über den Markt jener Zeit: Verlage kauften den Namen Tarzan, nicht die Experimente ihres Autors.

    Der Ton wird im ersten Absatz gesetzt

    Wie der Roman gemeint ist, verrät schon die zweite Passage. Ein Beobachter liegt hinter einem Busch und schließt aus den erleuchteten Fenstern auf die Lage im Haus:

    From behind a low bush across the wide lawn a pair of eyes transferred to an alert brain these simple perceptions from which the brain deduced with Sherlockian accuracy and Raffleian purpose that the family of the president of The First National Bank of—Oh, let’s call it Oakdale—was at dinner, that the servants were below stairs and the second floor deserted.

    Zwei Namen, zwei Programme: Sherlock Holmes für die Schlussfolgerung, A. J. Raffles für die Absicht. Raffles war der elegante Einbrecher aus den Erzählungen von E. W. Hornung, das Gegenstück zum Detektiv. Und ein Erzähler, der sich mitten im Satz unterbricht, um dem Städtchen einen Namen zu geben, legt keinen ernsten Kriminalfall vor. Der Text spielt mit den Formeln des Genres.

    Das Personal einer einzigen Nacht

    Fast die gesamte Handlung spielt zwischen dem Einbruch der Dunkelheit und dem nächsten Morgen. Entsprechend dicht ist das Figurenaufgebot.

    Figur Rolle
    Bridge Landstreicher aus gutem Haus, zitiert Knibbs-Verse
    Der Oskaloosa Kid Jugendlicher auf der Flucht, der sich diesen Räubernamen zulegt
    Abigail Prim verschwundene Tochter des Bankiers Jonas Prim
    Giova junge Fahrende, die mit einem Bären durchs Land zieht
    Beppo eben dieser Bär, Urheber des Kettengerassels
    Willie Case Bauernjunge, der sich als Detektiv versucht
    Sky Pilot Anführer einer Bande von Herumtreibern
    Burton Ermittler, der Bridge auf den Fersen ist
    Junger Mensch in zu großer Jungenkleidung neben einem Landstreicher auf einer nächtlichen Landstraße, Szene aus The Oakdale Affair
    Zwei Flüchtige auf derselben Straße: Aus der Zufallsbegegnung wird der Kern des Falls.

    Was in Oakdale geschehen ist

    In der Nacht, in der die Handlung einsetzt, häufen sich in dem Städtchen die Vorfälle. Aus dem Haus des Bankiers Jonas Prim verschwinden Geld und Schmuck. Kurz darauf ist auch dessen Tochter Abigail fort. Ein Toter wird gefunden, ein zweiter angeblich gesehen, und der Verdacht fällt der Reihe nach auf jeden, der an diesem Abend nicht im eigenen Bett lag.

    Bridge gerät in die Sache, weil er zufällig auf den Jungen trifft, der sich „the Oskaloosa Kid“ nennt und dessen Taschen verdächtig voll sind. Beide flüchten vor der Bande um Sky Pilot in das verlassene Squibb-Haus, das in der Gegend als Spukhaus gilt. Dort sitzen sie im Dunkeln, hören die Ketten und begreifen erst spät, dass die Geräusche von einem angeketteten Tanzbären stammen.

    Der Reiz des Buches steckt in dieser Anlage. Jede Bedrohung der Nacht hat eine handfeste Erklärung, nur kennen die Figuren sie nicht. Das Gespenst ist ein Bär, der geheimnisvolle Fremde ein Bankierskind, und die Leiche ist nicht die, für die alle sie halten.

    Ein Wort zur Auflösung, ohne alles zu verraten: Der Junge ist kein Junge. Abigail Prim hat sich in Männerkleidern aus dem Haus ihres Vaters gestohlen, um einer arrangierten Ehe zu entgehen, und trägt das Diebesgut ihres eigenen Elternhauses bei sich. Am Ende bleibt von den Verbrechen weniger übrig, als die Ermittler geglaubt haben, und zwischen Abigail und Bridge bahnt sich das an, was ein Roman von 1918 in solchen Fällen anbahnen musste.

    Wo der Band im Werk steht

    Burroughs arbeitete in diesen Jahren an mehreren Fronten. 1918 erschienen im „Blue Book Magazine“ auch die drei Folgen der Caspak-Trilogie, im selben Jahrzehnt entstanden Tarzan-Bände, Mars-Romane und Einzelstücke wie The Mad King. Der Oakdale-Stoff ist innerhalb dieser Produktion ein Ausreißer.

    Infografik zur Einordnung von The Oakdale Affair mit den drei Mucker-Bänden, Erscheinungsjahren und der Figur Bridge als Verbindung
    Drei Bücher, zwei Helden: Bridge verbindet den Nachzügler mit den beiden Byrne-Romanen.

    Der Band hat zwei Gesichter. Die Gewitternacht, das leere Haus und die Kellerszenen sind stark: Hier weiß ein Autor, wie man Angst im Dunkeln erzeugt. Der Kriminalfall dagegen trägt nicht. Die Auflösung lässt sich lange vor dem Schluss erraten, und Bridge, der als Nebenfigur im „Mucker“ glänzte, wirkt als Hauptfigur blass.

    Trotzdem lohnt er sich. Burroughs probiert hier etwas aus, das nicht zu seiner Marke passt, und fängt dabei ein Stück amerikanischer Provinz ein, wie es in seinen Abenteuerromanen sonst nirgends vorkommt.

    Der verschollene Film von 1919

    Schon ein Jahr nach dem Erstdruck kam die Verfilmung. Die World Film Company brachte am 6. Oktober 1919 „The Oakdale Affair“ in die amerikanischen Kinos, Regie führte Oscar Apfel, die Hauptrolle spielte Evelyn Greeley. Der Film verschob den Schwerpunkt auf die Bankierstochter, die im Drehbuch Gail Prim heißt: Sie schneidet sich die Haare, zieht die Kleidung des Butlers an und nimmt Geld und Schmuck aus dem Safe ihres Vaters mit.

    Von diesem Film ist keine Kopie erhalten. Er steht auf den Listen der verlorenen amerikanischen Stummfilme, von denen aus den Jahren 1912 bis 1929 mehrere Tausend Titel fehlen.

    Angeketteter Tanzbär im Keller eines verfallenen Farmhauses bei Kerzenlicht, Schlüsselszene aus The Oakdale Affair
    Das Gespenst des Squibb-Hauses hat vier Beine: Beppo ist die Ursache des Kettengerassels.

    Ausgaben, Übersetzung und Lesehinweise

    Eine deutsche Übersetzung ist nicht nachweisbar. Anders als die Tarzan-Bände und die Mars-Serie um John Carter, die auf Deutsch nahezu vollständig vorliegen, blieben die Einzelromane von Burroughs hierzulande fast unübersetzt. Wer den Text lesen will, liest ihn auf Englisch, und das ist hier kein großes Hindernis: einfache Sprache, rund 45.000 Wörter, keine Verschachtelungen. Zwei Abende reichen. Die Fassung im Project Gutenberg läuft ohne Kapiteleinteilung durch, so wie der Text 1918 im Heft stand.

    Ein paar Hinweise vor dem Einstieg:

    • Lesen Sie vorher den zweiten Mucker-Band, wenn Sie wissen wollen, wer Bridge ist. Zwingend ist es nicht, der Roman erklärt sich auch allein.
    • Erwarten Sie keinen sauber konstruierten Kriminalroman. Der Reiz liegt in der Atmosphäre dieser einen Nacht.
    • Der Text stammt aus dem Jahr 1918. Über die fahrende Bevölkerung und über Herkunft überhaupt wird darin in einem Ton geredet, der heute unangenehm auffällt.
    • Achten Sie auf Beppo. Der Bär ist die beste Figur des Buches, und Burroughs behandelt ihn ernster als die meisten Menschen darin.

    Der englische Text ist gemeinfrei und vollständig abrufbar: Volltext im Project Gutenberg. Warum diese Texte frei verfügbar sind, erklärt unsere Seite zur Lizenz des Project Gutenberg; weitere vorgestellte Titel stehen in der Digitalen Bibliothek.

    Weitere Werke in der Digitalen Bibliothek

    • At the Earth s Core (Edgar Rice Burroughs)
    • The Warlord of Mars (Edgar Rice Burroughs)
    • The Gods of Mars (Edgar Rice Burroughs)
    • A Princess of Mars (Edgar Rice Burroughs)
    • Jungle Tales of Tarzan (Edgar Rice Burroughs)
    • Out of Time s Abyss (Edgar Rice Burroughs)

    Alle Werke der Digitalen Bibliothek ansehen

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