Der Bestatter fragt, ob jemand aus der Familie etwas lesen möchte, und plötzlich sollen Sie innerhalb von zwei Tagen ein Gedicht finden, das zu einem ganzen Leben passt. Viele suchen dann abends im Netz und landen bei Trauergedichten ohne Autor, ohne Quelle und manchmal ohne Erlaubnis. Dieser Beitrag geht anders vor. Sie bekommen Gedichte für Trauerfeiern, die vollständig zitiert werden dürfen, weil ihre Dichter seit mehr als 70 Jahren tot sind, und ein Verfahren in fünf Schritten, mit dem Sie in der Zeit der Trauer das richtige auswählen.
Schritt 1: Klären, für wen und für welchen Moment das Trauergedicht ist
Ein Trauergedicht am Sarg eines 90-Jährigen, der ein volles Leben hatte, klingt anders als eines für einen jung verstorbenen Freund. Die richtigen Worte hängen davon ab, wessen Verlust betrauert wird und wie tief der Schmerz der Angehörigen gerade ist. Denken Sie an konkrete Momente und beantworten Sie drei Fragen schriftlich, bevor Sie lesen:
- Was hat den geliebten Menschen ausgemacht, welche Erinnerung teilen alle Gäste: Ruhe, Humor, Glaube, Naturverbundenheit?
- An welcher Stelle der Trauerfeier wird gelesen: nach der Ansprache, vor der Musik, am Grab?
- Wer liest: Sie selbst, ein Enkel, die Trauerrednerin?
Schritt 2: Die Länge festlegen
Acht bis sechzehn Zeilen reichen. Das sind ein bis zwei Minuten; beim Abschied liest ohnehin jeder bedächtiger als sonst. Längere Texte wie Hesses „Stufen“ oder „Der Panther“ funktionieren nur, wenn jemand geübt vorträgt. Ganz kurze Trauersprüche von drei oder vier Zeilen passen besser in Traueranzeigen und Trauerkarten.

Schritt 3: Den Ton wählen und die Trauergedichte lesen
Trauergedichte helfen, weil sie Gefühle in Worte fassen, für die Trauernde in der ersten Zeit nach dem Tod keine eigenen haben. Sie machen im Dunkel ein wenig Licht. Sie spenden Trost, indem sie den Schmerz aussprechen, nicht indem sie ihn wegreden. Grob lassen sie sich in drei Tonlagen einteilen: still, tröstend und hoffnungsvoll. Alle Verse hier stammen von berühmten Dichtern, und alle dürfen Sie vollständig verwenden. Die Angaben zu Werk und Jahr sind geprüft.
Still: Rilke und Claudius
Rainer Maria Rilke, „Schlußstück“, aus „Das Buch der Bilder“ (1906):
> Der Tod ist groß.
> Wir sind die Seinen
> lachenden Munds.
> Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
> wagt er zu weinen
> mitten in uns.
Sechs Zeilen, kein Trost, aber eine Wahrheit, die viele Trauernde als ehrlich empfinden. Den Wortlaut finden Sie im Volltext bei zeno.org in Rilkes Buch der Bilder.
Matthias Claudius, „Der Tod“, aus „Asmus omnia sua secum portans“, sechster Teil (1798):
> Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
> Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
> Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
> Und die Stunde schlägt.
Vier Zeilen, die nichts beschönigen. Sie passen zu Verstorbenen, die im Leben keine großen Worte mochten.
Tröstend: Storm und Heine
Theodor Storm, „Trost“, aus den „Gedichten“ (Ausgabe 1885):
> So komme, was da kommen mag!
> Solang du lebest, ist es Tag.
> Und geht es in die Welt hinaus,
> Wo du mir bist, bin ich zu Haus.
> Ich seh dein liebes Angesicht,
> Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.
Storm schrieb die Zeilen an seine Frau. Als Trauergedicht wird es meist so gelesen, dass die Liebe bleibt, wo der Mensch fehlt, und im Herzen weiter Frieden findet. Es eignet sich für Ehepartner und für Freundschaften, die ein Leben lang gehalten haben, und lässt sich mit wenigen Worten Trost in eine Trauerrede einbetten.
Heinrich Heine, „Der Tod, das ist die kühle Nacht“, aus dem „Buch der Lieder“ (1827):
> Der Tod, das ist die kühle Nacht,
> Das Leben ist der schwüle Tag.
> Es dunkelt schon, mich schläfert,
> Der Tag hat mich müd gemacht.
>
> Über mein Bett erhebt sich ein Baum,
> Drin singt die junge Nachtigall;
> Sie singt von lauter Liebe,
> Ich hör es sogar im Traum.
Heine beschreibt das Sterben als Einschlafen nach einem vollen Tag. Für alte Menschen, die müde waren, ist dieses Trauergedicht ein sanfter Abschied.

Ebenfalls von Heine stammt „Wo?“, entstanden zwischen 1830 und 1840 und seit 1901 auf seinem Grab in Paris zu lesen: „Immerhin! Mich wird umgeben / Gotteshimmel, dort wie hier, / Und als Totenlampen schweben / Nachts die Sterne über mir.“ Das Gedicht passt zu Menschen, die viel gereist sind oder fern der Heimat gestorben sind.
Hoffnungsvoll: Bonhoeffer und Goethe
Dietrich Bonhoeffer schrieb „Von guten Mächten“ im Dezember 1944 in der Haft. Er wurde im April 1945 hingerichtet, seine Texte sind seit 2016 gemeinfrei. Die letzte Strophe:
> Von guten Mächten wunderbar geborgen,
> erwarten wir getrost, was kommen mag.
> Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
> und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Für kirchliche Trauerfeiern ist dieses Gedicht die erste Wahl, viele Gemeinden singen es auch als Lied. Es spricht auf leise Weise von Hoffnung, ohne den Schmerz zu leugnen; Gott ist darin nah, ohne zu predigen.
Johann Wolfgang von Goethe, „Wandrers Nachtlied“ („Ein Gleiches“, 1780):
> Über allen Gipfeln
> Ist Ruh,
> In allen Wipfeln
> Spürest du
> Kaum einen Hauch;
> Die Vögelein schweigen im Walde.
> Warte nur, balde
> Ruhest du auch.
Acht Zeilen, kurz genug für das Grab. Goethe schrieb sie 1780 an die Bretterwand einer Jagdhütte bei Ilmenau; als Bild für den Frieden am Ende eines weiten Weges werden sie bis heute gelesen.
Barocker klingt Andreas Gryphius („Es ist alles eitel“, 1637). Ein Trauerspruch für die Karte, ebenfalls belegt: Marie von Ebner-Eschenbach schreibt in ihren „Aphorismen“ (1893): „Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids und ein Quell unendlichen Trostes.“
Kürzere Trauersprüche, auch für Karten und Anzeigen, haben wir in unserem Beitrag mit einem Gedicht zur Trauer für Karte und Anzeige zusammengestellt.
Schritt 4: Die Rechte prüfen
Verse sind urheberrechtlich geschützt, bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors vergangen sind. Kein Urheberrecht gilt ewig: Danach sind die Verse gemeinfrei und dürfen vollständig gelesen, gedruckt und in Traueranzeigen verwendet werden. Für die Dichter in diesem Beitrag gilt:
| Dichter | gestorben | gemeinfrei |
|---|---|---|
| Matthias Claudius | 1815 | ja |
| Johann Wolfgang von Goethe | 1832 | ja |
| Heinrich Heine | 1856 | ja |
| Theodor Storm | 1888 | ja |
| Rainer Maria Rilke | 1926 | ja, seit 1997 |
| Dietrich Bonhoeffer | 1945 | ja, seit 2016 |
Anders sieht es bei Hermann Hesse (gestorben 1962) oder Erich Kästner (gestorben 1974) aus. Das Vorlesen bei einer privaten Feier ist unproblematisch, der Abdruck ganzer Werke in Anzeigen oder auf Trauerkarten aber nicht. Kurze Auszüge sind erlaubt, wenn Sie den Autor nennen. Was Gemeinfreiheit im Einzelnen bedeutet, erklärt unsere Seite zur Gemeinfreiheit von Texten.
Schritt 5: Probelesen und einbetten
Lesen Sie das Trauergedicht zweimal laut. Beim ersten Mal merken Sie, ob der Text Ihnen über die Lippen geht, beim zweiten hören Sie, wo Sie stocken. Stocken ist in der Trauer keine Schande. Ein Trauergedicht, das ehrlich vorgetragen wird, spendet mehr Trost als ein perfekt gelesenes.

Klären Sie danach mit der Trauerrednerin oder dem Pfarrer, wann Sie lesen. Ein Satz zur Einleitung genügt: „Mein Vater hat Storm gelesen, deshalb dieses Gedicht.“ Danach keine Erklärung, sondern eine Pause.
Wer nach der Feier weiter nach Worten sucht, findet in unserer Sammlung mit Zitaten über Erinnerungen belegte Sätze für Karten und Gedenkseiten. Die Erinnerung an den Verstorbenen lebendig zu halten, ist nach der Beisetzung oft die eigentliche Aufgabe der Trauer.
Häufige Fehler bei der Auswahl
- Ein Trauergedicht wählen, weil es im Netz oft geteilt wird, ohne zu wissen, wer es schrieb.
- Ein Trauergedicht kürzen, bis es nicht mehr trägt. Lieber ein kurzes ganz lesen als ein langes halb.
- Ein Gedicht wählen, weil es schön klingt, aber nicht zum Verstorbenen passt.
- Das Thema Tod umgehen. Verse, die nur von Sternen und Wolken sprechen, wirken ausweichend.
- Zu viele Trauergedichte: Eines pro Feier reicht.
Ein gutes Trauergedicht sagt in wenigen Zeilen, was Sie selbst in diesem Moment nicht sagen könnten: dass Liebe und Erinnerung bleiben, dass der Abschied schwer ist, dass der Verstorbene im Herzen weiterlebt. Zwischen Tod und Trauer schiebt sich für ein paar Minuten ein wenig Licht. Es soll Trost spenden, nicht beeindrucken, es braucht keine ewigen Wahrheiten, und es reicht, wenn es in diesem Moment wahr ist.

