Wer ein Herbstgedicht sucht, hat meistens einen Anlass: eine Karte an die Großmutter, ein Elternabend im Oktober, eine Trauerfeier, der Wunsch, den grauen Novembermorgen in Worte zu fassen. Die folgenden sechs Texte gehören zu den bekanntesten der deutschen Lyrik. Sie stehen hier im Volltext oder in längeren Auszügen, jeweils mit Autor, Werk und Jahr, dazu eine kurze Deutung und ein Hinweis, wofür sich das Gedicht eignet.
Was macht ein gutes Herbstgedicht aus?
Der Herbst ist die Jahreszeit mit dem dichtesten Bildvorrat der deutschen Lyrik. Immer wieder tauchen dieselben Motive auf, und daran lässt sich ein Gedicht auch schnell einordnen:
- Fallendes Laub und bunte Blätter stehen für Vergänglichkeit und Loslassen.
- Nebel und graue Tage stehen für Rückzug und Innerlichkeit.
- Reife Früchte, Rosen und Wein stehen für Ernte und ein abgeschlossenes Jahr.
- Das leere Feld und der nahe Winter stehen für Ruhe und Abschied.
- Der Wind ist die Kraft, gegen die niemand etwas ausrichtet.
- Der Blick zurück gilt einem Sommer, der wie ein Traum verblasst ist.
Ob ein Gedicht schwer oder leicht wirkt, hängt fast immer davon ab, welches dieser Motive der Dichter in den Vordergrund stellt. Dieselbe Beobachtung gilt für andere Naturthemen: Wie unterschiedlich ein einziges Bild klingen kann, zeigt etwa der Vergleich mehrerer Texte in unserer Sammlung Am Strande Gedicht.
„Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke (1902)
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rilke schrieb diese zwölf Zeilen 1902 in Paris, erschienen sind sie im „Buch der Bilder“. Das Gedicht beginnt wie ein Gebet und kippt in der letzten Strophe in etwas anderes: Aus der Bitte um zwei warme Tage wird eine nüchterne Feststellung über das Alleinsein. Kein anderes Herbstgedicht wird häufiger zitiert, und kaum eines wird so oft missverstanden. „Herr: es ist Zeit“ ist keine Klage. Das ist eine Aufforderung.
Passt zu: Karten an Erwachsene, Reden, Trauerfeiern. Für Kinder ist der Text zu abstrakt.
„Herbst“ von Rilke: gleiches Thema, anderer Ton
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Aus demselben Band, nur zwei Seiten weiter. Das Verb „fallen“ steht siebenmal in neun Zeilen, und mit jeder Wiederholung wird der Radius größer: erst die Blätter, dann die Erde, dann wir selbst. Erst die letzte Zeile fängt den Sturz auf. Wer Rilkes Naturbilder mag, findet einen ähnlich gebauten Text in seinem Windgedicht aus dem Winterwalde.
„Herbstbild“ von Friedrich Hebbel (1852)
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
Acht Zeilen, ein einziger Gedanke: Die Natur erntet sich selbst, und der Mensch soll die Finger davon lassen. Hebbel beschreibt keine Melancholie, sondern eine Art Feiertagsstille. Wer ein kurzes Herbstgedicht zum Auswendiglernen braucht, ist hier richtig: vier Zeilen pro Strophe, klarer Kreuzreim, keine schwierigen Wörter.

„Oktoberlied“ von Theodor Storm: der heitere Gegenentwurf
Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!
Storm nimmt genau die Motive, mit denen andere Dichter Trübsal erzeugen, also Nebel, fallendes Laub und grauen Tag, und dreht sie um. Das Gedicht stammt aus den „Gedichten“ von 1885 und hat später eine eigene Melodie bekommen. Für Herbstfeste, Geburtstage im Oktober und alle Anlässe, bei denen angestoßen wird, gibt es kaum etwas Besseres.

„Herbst“ von Nikolaus Lenau: wenn der Herbst weh tut
Nun ist es Herbst, die Blätter fallen,
Den Wald durchbraust des Scheidens Weh;
Den Lenz und seine Nachtigallen
Versäumt ich auf der wüsten See.Und mir verging die Jugend traurig,
Des Frühlings Wonne blieb versäumt;
Der Herbst durchweht mich trennungschaurig,
Mein Herz dem Tod entgegenträumt.
Lenau, gestorben 1850, gilt als der düsterste unter den deutschen Naturlyrikern, und dieses Gedicht macht klar, warum. Der Herbst ist hier kein Bild für Reife, sondern für versäumtes Leben. In Trauerkontexten wirkt der Text oft ehrlicher als jedes Trostgedicht. Eine Auswahl für solche Anlässe finden Sie unter Gedichte für Trauerfeiern.
„Herbstlied“ von Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1782)
Bunt sind schon die Wälder,
Gelb die Stoppelfelder,
Und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
Graue Nebel wallen,
Kühler weht der Wind.Wie die volle Traube,
Aus dem Rebenlaube,
Purpurfarbig strahlt!
Am Geländer reifen
Pfirsiche mit Streifen
Rot und weiß bemalt.
Das ist das Herbstgedicht der Grundschule. Kurze Zeilen, klarer Rhythmus, jedes Bild sofort verständlich. Deshalb wird es seit über zweihundert Jahren gesungen und auswendig gelernt. Die weiteren Strophen beschreiben Winzerinnen, Musik und Tanz; für Kinder reichen die ersten beiden.
Weitere Herbstgedichte für Ihre Auswahl
Wer eine leisere Farbe sucht, wird bei diesen drei Texten fündig. Christian Morgenstern fasst den ganzen Herbst in vier Zeilen aus dem Band „Ein Sommer“ von 1900:
Zu Golde ward die Welt;
zu lange traf der Sonne süßer Strahl
das Blatt, den Zweig.
Nun neig dich, Welt, hinab in Winterschlaf.
Bei Emanuel Geibel lohnt der Zyklus „Spätherbstblätter“, der Nebel, Wolken und trübe Tage in ruhige Reime bringt. Rilkes „Ende des Herbstes“ aus demselben Band wie „Herbsttag“ beschreibt, wie die Gärten alt werden, während der Blick auf die kahlen Bäume immer weiter reicht.
Zwei Namen tauchen in älteren Anthologien ebenfalls ständig auf: Heinrich Seidel mit „Herbstlich sonnige Tage“, einem freundlichen Text über milde, friedliche Tage, und Georg Trakl mit „Verklärter Herbst“, in dem Wald und Wiesen in einer letzten Ruhe liegen, bevor der Winter kommt.
Welche Herbstgedichte dürfen Sie abdrucken?
Nach § 64 des Urheberrechtsgesetzes erlischt das Urheberrecht siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers. Danach ist ein Gedicht gemeinfrei. Alle sechs Texte auf dieser Seite erfüllen das:
| Autor | Gestorben | Gemeinfrei seit |
|---|---|---|
| Salis-Seewis | 1834 | 1905 |
| Lenau | 1850 | 1921 |
| Hebbel | 1863 | 1934 |
| Storm | 1888 | 1959 |
| Rilke | 1926 | 1997 |
Sie dürfen diese Verse also auf Karten drucken, in Schulmaterial aufnehmen und öffentlich vortragen. Verlässliche Fassungen nach den historischen Ausgaben stehen etwa in der digitalen Bibliothek Zeno.org. Das hilft, weil im Netz viele leicht verfälschte Versionen kursieren. Bei Rilkes „Herbsttag“ etwa liest man oft „reif zu sein“ statt „voll zu sein“. Wie Gemeinfreiheit im Detail funktioniert, erklären wir unter Lizenz und Nutzung.
Vorsicht bei Autoren des 20. Jahrhunderts: Von Hilde Domin oder Erich Kästner dürfen Sie nur kurze Auszüge mit Quellenangabe verwenden.

Welches Herbstgedicht passt zu welchem Anlass?
- Anlass zuerst, Gedicht danach. Storm für Feiern, Rilke für Reden, Hebbel für Karten, Lenau für Trauer.
- Laut lesen, bevor Sie sich entscheiden. Manche Zeilen liegen gut auf der Zunge, andere stolpern.
- Autor und Jahr nennen. Zwei Sekunden, die Ihren Vortrag seriöser machen.
- Nicht erklären. Ein Gedicht, das gedeutet werden muss, war die falsche Wahl.
- Bei Kindern kürzen. Zwei Strophen sind genug, der Rest geht verloren.
Für andere Anlässe funktioniert derselbe Weg über die Klassiker. Wer etwa ein Gedicht für die Mutter sucht, wird bei Storm und Mörike fündig, und das ganz ohne Reimlexikon.

