Stellen Sie sich einen Waldrand im Dezember vor. Böen kommen in Schüben, treiben den Schnee vor sich her, und die Nadelbäume am Rand fangen jeden Stoß mit den Zweigen auf. Genau dieses Bild hat Rainer Maria Rilke mit 22 Jahren in acht Zeilen gefasst. Das Windgedicht von Rilke, nach dem die meisten Leser suchen, heißt „Advent“ und beginnt mit der Zeile „Es treibt der Wind im Winterwalde“. Es erschien 1898 im gleichnamigen Band und gehört bis heute zu den bekanntesten Weihnachtsgedichten der deutschen Lyrik.
Der Volltext: „Advent“ aus dem Jahr 1898
Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.
(Rainer Maria Rilke, „Advent“, hier in der Fassung der „Ersten Gedichte“, Insel-Verlag, Leipzig 1913, Seite 103. Eine ältere Fassung erschien 1898 im Band „Advent“ bei einem Leipziger Verlag.)
Was bedeutet „Es treibt der Wind im Winterwalde“?
Der Text arbeitet mit zwei Bildern, die ineinandergreifen.
Das erste Bild ist der Hirt. Die Böen treiben „die Flockenherde wie ein Hirt“, also nicht als Bedrohung, sondern als jemand, der ordnet und führt. Wer dieses Wort in der Adventszeit liest, denkt außerdem an die Hirten der Weihnachtsgeschichte. Der Dichter setzt das Signal, ohne es auszusprechen.
Das zweite Bild ist die Tanne, die „ahnt, wie balde sie fromm und lichterheilig wird, und lauscht hinaus“. Sie weiß also schon, dass sie bald geschmückt und mit Kerzen versehen sein wird. Dann folgt die entscheidende Bewegung: „Den weißen Wegen streckt sie die Zweige hin, bereit, und wehrt dem Wind und wächst entgegen der einen Nacht der Herrlichkeit.“ Sie wartet nicht passiv, sondern wächst auf den Heiligen Abend zu und stemmt sich gleichzeitig gegen die Böen.
In dieser Spannung liegt der Kern:
- Die Böe steht für die Gegenwart, die kalt und unruhig ist.
- Der Baum steht für ein Warten, das eine Richtung hat.
- Die „Nacht der Herrlichkeit“ ist das Ziel, das noch aussteht und trotzdem schon wirkt.
Advent heißt wörtlich Ankunft. Beschrieben wird aber keine Ankunft, sondern der Zustand davor. Das erklärt, warum sich diese acht Zeilen so gut zum Vorlesen in der Adventszeit eignen.

Welche Gedichte von Rilke handeln vom Wind?
Es ist nicht das einzige. In „Das Buch der Bilder“ (1902, erweitert 1906) stehen zwei weitere Texte, in denen bewegte Luft das Hauptmotiv ist. Der bekanntere heißt „Vorgefühl“:
Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.
Der Wortlaut folgt der Ausgabe der Sämtlichen Werke, die bei zeno.org im Volltext nachlesbar ist.
Wo der Weihnachtstext den Baum standhalten lässt, gibt sich das Ich in „Vorgefühl“ dem Sturm hin. Es ist eine Fahne, die den Luftzug spürt, bevor unten irgendetwas in Bewegung gerät. Beide Texte teilen ein Motiv: das Ahnen. Der Baum spürt die Weihnacht voraus, die Fahne den Sturm.
Das dritte Stück heißt schlicht „Sturm“ und steht direkt hinter „Vorgefühl“. Es beginnt mit den Zeilen „Wenn die Wolken, von Stürmen geschlagen, / jagen: / Himmel von hundert Tagen / über einem einzigen Tag“ und ruft den Kosakenführer Mazeppa an, der der Legende nach an ein wildes Pferd gebunden durch die Steppe gejagt wurde. Und in „Herbsttag“ aus demselben Band bittet das Ich: „und auf den Fluren laß die Winde los.“
| Gedicht | Band | Jahr | Rolle des Windes |
|---|---|---|---|
| Advent | Advent, später Erste Gedichte | 1898, 1913 | Hirt, der die Flocken treibt |
| Vorgefühl | Das Buch der Bilder | 1902, 1906 | Sturm, den das Ich vorausahnt |
| Sturm | Das Buch der Bilder | 1902, 1906 | Jagende Wolken, Bild der Entgrenzung |
| Herbsttag | Das Buch der Bilder | 1902 | Winde, die Gott loslassen soll |
Wie heißt das Windgedicht von Rilke nun genau?
Ein Stück mit dem Titel „Wind“ gibt es von ihm nicht. Wer nach dem Windgedicht von Rilke sucht, meint fast immer diesen Weihnachtstext. Wer den Sturm als Bild für innere Unruhe sucht, ist bei „Vorgefühl“ richtig. Als Faustregel: Winter und Nadelbaum führen zum Adventstext, Fahne und Meer zu „Vorgefühl“.
Ist „Advent“ gemeinfrei?
Ja. Der Dichter starb am 29. Dezember 1926 im Sanatorium Val-Mont bei Montreux. Nach deutschem Urheberrecht erlischt der Schutz 70 Jahre nach dem Tod des Autors, hier also mit Ablauf des Jahres 1996. Seit dem 1. Januar 1997 dürfen Sie die acht Zeilen, „Vorgefühl“ und alle anderen Werke vollständig abdrucken, vertonen oder vorlesen, ohne jemanden zu fragen. Was Gemeinfreiheit im Einzelnen bedeutet und wo die Grenzen liegen, erklärt unsere Seite zur Gemeinfreiheit. Eine Quellenangabe bleibt trotzdem guter Stil, und hier gehört der Hinweis auf die Fassung dazu, weil sich die Ausgabe von 1898 und die von 1913 in Einzelheiten unterscheiden.

So setzen Sie das Gedicht ein
- Zum Vorlesen: Lesen Sie die ersten vier Zeilen zügig, die letzten vier langsamer. Der Bruch nach „lauscht hinaus“ ist die Pause des Stücks.
- Auf der Adventskarte: Die ersten beiden Zeilen reichen als Motto. Nennen Sie Autor und Titel, mehr braucht es bei einem gemeinfreien Text nicht.
- Im Unterricht: Lassen Sie beide Figuren beschreiben, den Baum und die Luft, die ihn biegt. Wer beide als Personen sieht, hat die Lyrik verstanden.
- Zum Weiterlesen: „Herbst“ mit der Zeile „Die Blätter fallen, fallen wie von weit“ beschreibt dieselbe bewegte Luft, nur ohne Trost. Unser Beitrag zum Herbstgedicht ordnet es ein. Und wer nach der stillen Tanne den derben Kontrast sucht, findet ihn bei Theodor Storms Knecht Ruprecht Gedicht.


