Amsterdam, 1670. In den Buchläden liegt ein lateinisches Werk ohne Verfassernamen. Das Titelblatt nennt als Druckort Hamburg und als Verleger einen Henricus Künraht, der seit Jahrzehnten tot ist. Tatsächlich hat Jan Rieuwertsz das Buch in Amsterdam gedruckt, und der Autor lebt wenige Stunden entfernt in Voorburg bei Den Haag: Baruch de Spinoza, 1656 von der jüdischen Gemeinde Amsterdams mit dem Bann belegt. Der „Tractatus theologico-politicus“ wird innerhalb weniger Jahre zu einem der meistangegriffenen Bücher seiner Zeit. Diese Theologisch-politischer Traktat Zusammenfassung stellt den ersten Teil vor, so wie ihn das Project Gutenberg in der Übersetzung von R. H. M. Elwes führt: die Vorrede und die Kapitel 1 bis 5. Den englischen Text lesen Sie kostenlos als Volltext im Project Gutenberg.
Warum Spinoza anonym schrieb
Dass der Name fehlte, hatte Gründe. Spinozas Freund Adriaan Koerbagh war 1668 wegen religionskritischer Bücher auf Niederländisch verurteilt worden und starb 1669 im Gefängnis. Spinoza wählte deshalb das Lateinische, die Sprache der Gelehrten, und verzichtete auf seinen Namen. In einem Brief an Henry Oldenburg hatte er schon 1665 erklärt, was ihn zu dem Werk trieb: die Vorurteile der Theologen, die Menschen vom Philosophieren abhalten; der Vorwurf des Atheismus, den er entkräften wollte; und die Freiheit zu philosophieren, die durch die Anmaßung der Prediger bedroht sei.
Der volle Titel formuliert die These des Buchs: Es enthalte Abhandlungen, in denen gezeigt wird, dass die Freiheit zu philosophieren nicht nur ohne Schaden für Frömmigkeit und Frieden des Staates gewährt werden kann, sondern dass sie nur zusammen mit diesem Frieden und mit der Frömmigkeit selbst aufgehoben werden kann. Die Religion, so die Grundthese, hält den Staat nur dann in Frieden, wenn sie das Denken frei lässt.
Kirchliche Synoden verurteilten das Buch ab 1673; am 19. Juli 1674 verbot der Hof von Holland den Traktat gemeinsam mit Hobbes‘ „Leviathan“ und anderen Werken. 1679 kam das Buch auf den römischen Index. Ein Zeitgenosse nannte es ein Buch, „in der Hölle geschmiedet von dem abtrünnigen Juden und dem Teufel“.
Die Vorrede: Furcht als Quelle des Aberglaubens
Die Vorrede beginnt mit einer Beobachtung über die menschliche Natur. Wären die Menschen imstande, alle ihre Angelegenheiten nach festem Plan zu lenken, oder wäre ihnen das Glück immer günstig, so würden sie keinem Aberglauben verfallen. Weil sie aber zwischen Hoffnung und Furcht schwanken, glauben sie in der Not an Vorzeichen, Orakel und Wunder. Herrscher haben das erkannt und die Religion als Mittel benutzt, um Untertanen zu lenken, so dass diese für ihre Knechtschaft kämpfen, als ginge es um ihr Heil. Der religiöse Eifer, so zeigt die Vorrede, ist oft nur verkleidete Furcht.
Dagegen setzt Spinoza die Republik der Niederlande, in der jeder nach seinem Urteil denken und Gott verehren dürfe. Genau diese Freiheit sieht er durch Theologen bedroht, die Philosophie und Glauben vermischen. Sein Vorhaben: die Heilige Schrift von Grund auf neu prüfen, und zwar aus ihr selbst heraus, ohne ihr Lehren zu unterstellen, die nicht ausdrücklich in ihr stehen. Erst auf dieser Grundlage lässt sich nach dem besten Staat fragen.

Kapitel 1 und 2: Was Prophetie ist und was Propheten waren
Prophetie oder Offenbarung definiert Spinozas erstes Kapitel als sichere Erkenntnis einer Sache, die Gott den Menschen offenbart hat. Nach dieser Definition wäre auch die natürliche Erkenntnis Prophetie, weil sie von der göttlichen Natur abhängt. Was die Propheten auszeichnet, ist etwas anderes: Sie empfingen ihre Offenbarungen durch Worte und Bilder, wirklich oder in der Einbildung. Die Bibel kennt außer Moses, der die Stimme von Angesicht zu Angesicht hörte, niemanden, dem Gott ohne Vermittlung der Einbildungskraft erschienen wäre; einzig Christus habe die göttlichen Beschlüsse unmittelbar mit dem Geist erfasst.
Das zweite Kapitel zieht die Folgerungen. Wer Propheten verstehen will, muss ihre Gaben richtig einschätzen:
- Propheten hatten keine vollkommeneren Geister, sondern eine lebhaftere Einbildungskraft.
- Ihre Gewissheit beruhte nicht auf der Offenbarung selbst, sondern auf einem Zeichen und auf ihrem auf Recht und Güte gerichteten Sinn.
- Die Offenbarungen richteten sich nach Temperament, Meinungen und Bildung des jeweiligen Propheten: Der heitere Prophet sah Siege, der traurige Untergang; der Bauer sah Rinder, der Soldat Heere.
- In spekulativen Fragen, etwa über die Gestalt des Himmels, irrten die Propheten wie ihre Zeitgenossen.
Die Autorität der Propheten gilt daher nur für das, was Lebensführung und Frömmigkeit betrifft, nicht für Naturwissenschaft oder Philosophie. Das ist die tragende These des gesamten ersten Teils, und sie hält den Rest des Traktats zusammen.

Kapitel 3: Die Erwählung der Hebräer
Das dritte Kapitel untersucht, worin die Erwählung Israels bestand. Spinoza geht von seinem Begriff der Vorsehung aus: Gottes Leitung ist nichts anderes als die feste, unveränderliche Ordnung der Natur. Was einem Volk zufällt, ist entweder Erkenntnis, Tugend oder äußeres Wohlergehen. Erkenntnis und Tugend aber sind allen Menschen gemeinsam. Also kann sich die Erwählung der Hebräer nur auf das Dritte beziehen: auf ihren Staat, sein Gebiet und die Sicherheit, in der sie lebten.
In Erkenntnis und Tugend standen die Hebräer den anderen Völkern nicht voran. Auch die Gabe der Prophetie war nicht auf sie beschränkt; die Bibel selbst nennt Bileam und Hiob als Propheten außerhalb Israels. Dass die Juden nach dem Verlust ihres Staates weiter bestanden, erklärt er mit dem Hass, den sie sich durch ihre Absonderung zuzogen, und mit dem Zeichen der Beschneidung. Die Erwählung ist damit zeitlich begrenzt und politisch, nicht ewig und geistig.
Kapitel 4 und 5: Göttliches Gesetz und Zeremonialgesetz
Das vierte Kapitel gehört zu den dichtesten Passagen. Spinoza unterscheidet:
| Gesetzesart | Grundlage | Zweck |
|---|---|---|
| Menschliches Gesetz | Menschlicher Beschluss | Sicherheit von Leben und Staat |
| Göttliches Gesetz | Menschliche Natur, Vernunft | Das höchste Gut: wahre Erkenntnis und Liebe Gottes |
Das göttliche Gesetz ist allen Menschen gemeinsam, es verlangt keinen Glauben an Geschichten und keine Zeremonien, und es trägt seinen Lohn in sich selbst. Da unsere Gotteserkenntnis aus der Ordnung der Dinge folgt, ist Gott kein Gesetzgeber nach Art eines Fürsten, der befiehlt und straft; nur die Fassungskraft des Volkes hat ihn so dargestellt. Als Beleg liest Spinoza die Sprüche Salomos, in denen Weisheit und Erkenntnis als das eigentliche Leben gelten.
Das fünfte Kapitel wendet dies auf die Zeremonien an. Die Vorschriften über Opfer, Feste und Speisen wurden allein für den Staat der Hebräer erlassen, um dessen Zusammenhalt und Gehorsam zu sichern. Nach dem Untergang dieses Staates haben sie ihre Verbindlichkeit verloren. Ebenso gilt für die christlichen Riten, dass sie zum Zusammenhalt der Gemeinde eingeführt wurden, nicht als Bedingung der Seligkeit. Am Ende fragt Spinoza, wozu die Geschichtserzählungen der Bibel dienen. Seine Antwort: Für die Menge, die Vernunftgründe nicht fassen kann, sind sie nützlich; wer den Gehorsam versteht, braucht sie nicht.

Wie es weitergeht: die vier Teile der Gutenberg-Ausgabe
Der Traktat umfasst zwanzig Kapitel. Die Übersetzung von Elwes, 1883 in London erschienen, ist im Project Gutenberg in vier Bände gegliedert, die hier jeweils eine eigene Werkseite haben:
- Vorrede und Kapitel 1 bis 5: Prophetie, Erwählung, Gesetz (diese Seite)
- Teil 2, Kapitel 6 bis 10: Wunder, die Methode der Bibelauslegung, Verfasserschaft der biblischen Bücher
- Teil 3, Kapitel 11 bis 15: Apostel, Glaubensdogmen, Trennung von Theologie und Philosophie
- Teil 4, Kapitel 16 bis 20: natürliches Recht, höchste Gewalt, der Hebräerstaat, Freiheit des Denkens und Redens
Die Bibelkritik der Kapitel 7 bis 10 und die Staatslehre der Kapitel 16 bis 20 gehören zu den folgenreichsten Texten des 17. Jahrhunderts. Wer den ersten Teil kennt, versteht, worauf sie aufbauen: Die Schrift lehrt Gehorsam, nicht Wahrheit; die Religion verlangt Gerechtigkeit und Liebe; die Vernunft bleibt frei.
Ausgaben, Übersetzungen, Lesehinweise
Anders als das Hauptwerk Ethik, das erst 1677 posthum erschien, ließ Spinoza den Traktat selbst drucken. Die erste deutsche Übersetzung erschien 1787 in Gera. Für die heutige Lektüre kommen vor allem drei Ausgaben in Betracht:
- Die Übersetzung von Carl Gebhardt (1908) in der Philosophischen Bibliothek des Meiner Verlags, später von Günter Gawlick bearbeitet und mit Einleitung versehen.
- Die lateinisch-deutsche Ausgabe von Wolfgang Bartuschat (Sämtliche Werke, Band 3, Meiner 2012).
- Ältere, gemeinfreie Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert, etwa von J. H. von Kirchmann, die in digitalen Bibliotheken zugänglich bleiben.
Beim Lesen empfiehlt es sich, die Vorrede vollständig und langsam zu lesen, weil sie das Programm des ganzen Werks enthält. Die Kapitel 1 bis 3 setzen einige Kenntnis der biblischen Erzählungen voraus; es lohnt sich, die zitierten Stellen aufzuschlagen. Wer die Argumente des vierten Kapitels bis zu ihrem Ende denken will, findet die Fortsetzung im Hauptwerk: Die Ethik in geometrischer Ordnung entfaltet, was hier als Erkenntnis und Liebe Gottes nur angedeutet ist. Weitere Werkseiten führt die Übersicht der Digitalen Bibliothek. Im Project Gutenberg ist der erste Teil seit Juli 1997 unter der Nummer 989 erfasst.
