Wer wissen will, wie ein Bildungsbürger im Jahr 1910 über englische Autoren dachte, braucht nur den Eintrag zu Oscar Wilde aufzuschlagen. Er ist acht Zeilen lang, nennt Vater und Ausbildung, führt als Hauptwerke The Picture of Dorian Gray und The Importance of being Earnest auf und schließt mit einem einzigen, bemerkenswert wortkargen Satz:
He was convicted of a serious offence, and after his release from prison went abroad and _d._ at Paris.
Kein Wort darüber, worum es bei dieser Verurteilung ging. Dafür ein Fehler, den man heute in Sekunden prüfen kann: Als Geburtsjahr steht dort 1856, richtig ist 1854. Beides zusammen sagt mehr über das Buch aus als jede Inhaltsangabe. Es ist gründlich, knapp, brauchbar und zugleich ein Dokument seiner Zeit.
„A Short Biographical Dictionary of English Literature“ von John W. Cousin erschien 1910 bei J. M. Dent & Sons in London und bei E. P. Dutton & Co in New York. Es ist kein Roman und keine Literaturgeschichte, sondern ein Nachschlagewerk: ein alphabetisches Verzeichnis von Schriftstellern mit Lebensdaten, Herkunft, Ausbildung und Werkliste.
Was in dem Lexikon steht
Cousin beschreibt seine Absicht in der Einleitung vom Januar 1910 selbst. Er will so viel Information über englische Autoren geben, wie der Umfang zulässt, und rechnet ausdrücklich amerikanische und koloniale Schriftsteller dazu. Wo genug Material vorlag, sollte der Eintrag außerdem etwas über Charakter und Lebensumstände verraten.
Der Band enthält nach eigener Angabe über 1600 Namen, den Anhang mit lebenden Schriftstellern eingerechnet. Der Begriff Literatur ist dabei weit gefasst. Neben Dichtern und Romanciers stehen Personen, die zu Themen wie Theologie, Geschichte, Philosophie, Recht und Reisen geschrieben haben, dazu Übersetzer aus dem Französischen und Lateinischen sowie Herausgeber älterer Texte. Welche Bedeutung ein Verfasser hatte, bemisst Cousin nicht am heutigen Kanon, sondern daran, was die gebildete Gesellschaft seiner Zeit las.
Die Länge der Artikel schwankt stark:
- Die meisten Einträge umfassen einen einzigen Absatz, oft nur vier bis sechs Zeilen.
- Mittlere Artikel zu Charlotte Brontë oder Jane Austen füllen eine halbe Spalte und erzählen tatsächlich ein Leben, samt dem Band Gedichte, den die Schwestern unter den Männernamen Currer, Ellis und Acton Bell herausbrachten.
- Der Artikel zu William Shakespeare fällt völlig aus dem Rahmen und umfasst rund 2500 Wörter, also einen kleinen Essay über Herkunft, Chronologie der Stücke und Überlieferung.

Wie das Werk geordnet ist
Die Anordnung ist streng alphabetisch nach dem bürgerlichen Nachnamen. Frauen erscheinen unter ihrem Ehenamen, Mary Shelley etwa als „Shelley, Mrs. Mary Wollstonecraft (Godwin)“. Pseudonyme bekommen einen Querverweis, im Original mit „see“, also siehe. Zwei Beispiele: George Eliot findet man unter „Evans, Mary Ann or Marian“, Mark Twain unter „Twain“, von wo aus ein Verweis auf „Clemens, Samuel Langhorne“ führt. Wer nur den Künstlernamen kennt, landet also trotzdem am Ziel, muss aber manchmal zweimal blättern.
Drei Elemente machen den Band bedienbar:
- Eine Liste der Abkürzungen. Das Werk arbeitet durchgehend mit Kürzeln wie _b._ für born, _ed._ für educated, _pub._ für published, _dau._ für daughter oder _m._ für married. Ohne diese Liste sind die Einträge kaum zu entziffern.
- Ein vorangestelltes Verzeichnis der wichtigsten biographischen Standardwerke, darunter das Dictionary of National Biography und Allibones Critical Dictionary. Es zeigt, worauf Cousin aufbaut.
- Der Anhang der lebenden Schriftsteller. Er ist bewusst knapper gehalten und bringt in der Regel nur Namen, Geburtsjahr, Berufsbezeichnung und Werkliste.
Dieser Anhang ist heute der reizvollste Teil des Buches. Er hält den Stand von 1910 fest, als Thomas Hardy, Rudyard Kipling, Joseph Conrad, Henry James und William Butler Yeats noch lebten und mit einer bloßen Titelliste abgehandelt wurden, ohne jedes Urteil über ihren Rang.
Welche Epochen und Autoren abgedeckt sind
Der Bogen ist weit gespannt und setzt bei den Anfängen der englischen Literatur an. Die altenglische Literatur ist mit Bede (673 bis 735) und mit Cædmon vertreten, dem ersten englischen Dichter, von dem überhaupt etwas bekannt ist. Über die mittelenglische Zeit, im Englischen Middle English, führt der Band zu Geoffrey Chaucer und den Canterbury Tales sowie zu William Langland, dann ins elisabethanische Zeitalter mit Edmund Spenser und William Shakespeare, weiter über Jonathan Swift und die Romantik bis ins viktorianische Zeitalter, zu Charles Dickens und seinen Zeitgenossen. Erst in der eigenen Gegenwart bricht er ab.
Diese Obergrenze ist hart und liegt beim Erscheinungsjahr. Wer erst danach bekannt wurde, fehlt zwangsläufig. Virginia Woolf veröffentlichte ihren ersten Roman 1915, George Orwell wurde 1903 geboren, und James Joyce hatte 1910 noch nichts Größeres publiziert. Für die britische Literatur des 20. Jahrhunderts ist der Band deshalb keine Hilfe.
Ein Hinweis zur Sprache: Cousin bezeichnet als englische Literatur alles, was auf Englisch geschrieben wurde. Amerikanische Schriftsteller wie Walt Whitman und Mark Twain stehen darum gleichberechtigt neben den Verfassern aus England, dazu kommen Autoren aus den Kolonien. Maßgeblich ist die Zugehörigkeit zur englischen Sprache, nicht der Staat. Wer einen Überblick über die englischsprachige Literatur sucht, bekommt ihn hier in alphabetischer statt in chronologischer Form.
Wer war John William Cousin?
Über den Verfasser ist wenig überliefert. John William Cousin lebte von 1849 bis 1910 und starb im Erscheinungsjahr seines Lexikons. Er unterschrieb die Einleitung nur mit den Initialen J. W. C. und schrieb dort einen Satz, den man von einem Lexikografen selten so offen liest: Bei einer derart großen Sammlung von Fakten und Daten wäre es zu optimistisch zu erwarten, dass die Genauigkeit überall erreicht sei.
Der Band erschien in J. M. Dents Reihe Everyman’s Library, also in einer billigen Ausgabe für ein großes Publikum. Später diente Cousins Material als Grundlage für das von D. C. Browning bearbeitete „Everyman’s Dictionary of Literary Biography“, das ab 1958 mehrfach neu aufgelegt wurde.
Die Grenzen: Urteile und Lücken von 1910
Ein Nachschlagewerk dieses Alters ist keine neutrale Auskunft, sondern eine Momentaufnahme des literarischen Geschmacks im England vor dem Ersten Weltkrieg. Drei Beobachtungen genügen, um das zu zeigen.
Erstens die offenen Werturteile. Über „Wuthering Heights“ heißt es, es sei ein kraftvoller, aber etwas unerfreulicher Roman; über Anne Brontë, sie habe nicht die geistige Kraft ihrer Schwestern besessen. Solche Sätze stehen ohne Begründung im Text und wirken heute wie ein Kommentar zur Rezeptionsgeschichte.
Zweitens die Lücken. Emily Dickinson, gestorben 1886 und damit nach Cousins eigenen Regeln aufnahmefähig, fehlt vollständig. Zu Lebzeiten war sie fast unveröffentlicht; ihr Rang wurde erst im 20. Jahrhundert erkannt.
Drittens die Fehler und Eigenheiten der Schreibung. Charlotte Brontë erscheint als „Bronté“, mit Akut statt Trema. Wildes Geburtsjahr ist falsch. Lebensdaten und Titeljahre sollten Sie deshalb grundsätzlich gegenprüfen, bevor Sie sie zitieren.
Eine deutsche Übersetzung des Werkes gibt es nicht. Wer die Einträge nutzen will, braucht solides Englisch und etwas Geduld mit den Abkürzungen.

Wofür das Werk heute noch taugt
Als aktuelle Auskunft über den Forschungsstand ist der Band unbrauchbar. Als Einstieg in die englische Literaturgeschichte bleibt er nützlich, aus vier Gründen:
- Er reicht weit über den Kanon hinaus. Neben den großen Namen stehen Hunderte von Autoren, die keine moderne Literaturgeschichte mehr erwähnt. Für die Recherche zu einem unbekannten Verfasser aus dem 18. oder 19. Jahrhundert ist das Gold wert.
- Er liefert Werklisten mit Jahreszahlen. Für ältere Autoren bekommen Sie in wenigen Zeilen eine Bibliographie, die sonst mühsam zusammenzusuchen wäre.
- Er dokumentiert Rezeptionsgeschichte. Die Urteile verraten, wie eine Epoche über die vorherige dachte.
- Er lässt sich durchsuchen. Anders als der gedruckte Band erlaubt die digitale Fassung die Suche nach jedem Stichwort, auch nach Orten, Schulen und Berufen.
Praktisch heißt das: Nehmen Sie Cousin als Startpunkt und prüfen Sie jede Angabe an einer zweiten Quelle. Für Autoren, deren Werke ohnehin gemeinfrei sind, lohnt der direkte Weg von der Kurzbiographie zum Text. In unserer Digitalen Bibliothek finden Sie mehrere davon: Jane Austens Emma, zu der Cousin einen der ausführlicheren Artikel geschrieben hat, und Oscar Wildes Komödie Bunbury oder Ernst sein ist alles, deren Verfasser im Lexikon so auffällig knapp behandelt wird. Warum diese Texte frei verfügbar sind, erklärt die Seite zur Gemeinfreiheit.

Ausgaben und Volltext
Das Buch wurde nach 1910 mehrfach nachgedruckt, unter anderem in den Jahren 1925, 1929, 1942, 1946 und 1951. Antiquarisch sind diese Everyman-Ausgaben bis heute leicht zu finden. Von den modernen Reprints ist abzuraten, solange die digitale Fassung kostenlos zur Verfügung steht.
Diese Fassung hat eine eigene kleine Geschichte. Sie wurde von über 500 Freiwilligen der Distributed Proofreaders erstellt und am 21. August 2004 als deren fünftausendstes abgeschlossenes Projekt veröffentlicht. Sie ist als E-Book, als HTML-Seite und als durchsuchbare Textdatei verfügbar, hier als Volltext im Project Gutenberg.
