Juni 1243, im Londoner Palast Heinrichs III. Der König wirft seinem Schwager Simon de Montfort vor aller Augen Verrat vor. De Montfort weist den Vorwurf zurück und nennt den König dafür einen Feigling. Damit beginnt „The Outlaw of Torn“, und der Streit, den Burroughs hier ausbreitet, ist historisch verbürgt. Alles, was danach folgt, ist erfunden.
Zeuge der Szene wird ein Dritter: de Vac, der Fechtmeister des Königs, ein Franzose im Dienst der englischen Krone. Ihn hat der König kurz zuvor gedemütigt. Was de Vac daraus macht, trägt den ganzen Roman.
Ein Buch, das dreizehn Jahre auf seinen Verlag wartete
Edgar Rice Burroughs (1875 bis 1950) hat diesen Stoff als zweites Werk überhaupt geschrieben. Vor Tarzan also, und vor allem, was seinen Namen ausmacht. Früher fertig war nur der Mars-Roman „Under the Moons of Mars“, später bekannt als „A Princess of Mars“.
Bestellt hatte ihn ausgerechnet der Redakteur, der ihn später ablehnte. Thomas Newell Metcalf von „All-Story“ hatte den Mars-Roman gekauft und bat um einen zweiten Text, diesmal aus dem Mittelalter. Burroughs lieferte. Metcalf ließ ihn dreimal nachbessern, verlangte einen anderen Schluss und bot am Ende hundert Dollar für die bloße Handlung, die dann ein Redakteur des Hauses hätte neu schreiben sollen. Gekauft hat er den Roman nie, riet Burroughs aber, weiterzuschreiben. Der setzte sich hin und schrieb „Tarzan of the Apes“, und damit war seine Laufbahn entschieden.
Der historische Roman blieb liegen. Der Weg in den Druck verlief in großen Sprüngen:
- 1911/12: Niederschrift, Burroughs‘ zweite abgeschlossene Erzählung.
- Januar bis Mai 1914: Abdruck als fünfteilige Fortsetzungsgeschichte im „New Story Magazine“.
- 1927: erste Buchausgabe bei A. C. McClurg in Chicago, mit Umschlagbild von J. Allen St. John.
Zwischen Niederschrift und gebundenem Buch lag also mehr als ein Jahrzehnt. Als der Band endlich erschien, war Burroughs längst wohlhabend und weltbekannt, und der Verlag verkaufte ihn vor allem über den Namen des Autors.
Die Rache eines Fechtmeisters
De Vac hatte den König im Fechtkampf besiegt. Heinrich vertrug die Niederlage nicht und beleidigte ihn vor Zeugen. Der Franzose sinnt daraufhin auf eine Rache, die tiefer trifft als jede Klinge: Er will dem König den eigenen Sohn nehmen und ihn gegen England aufbringen.
Also entführt er den dreijährigen Prinzen Richard, den zweiten Sohn des Königs. Die Suche nach dem verschwundenen Kind beschreibt Burroughs im Detail. Ein königlicher Erlass ordnet an, jedes Kind in England zu untersuchen, denn der Prinz trägt auf der linken Brust ein lilienförmiges Muttermal. Ein Jahr lang findet man niemanden. Die Fahndung wird nach Frankreich ausgedehnt, wo de Vac herstammt, und über zwanzig Jahre nicht ganz eingestellt.
Der Junge wächst unterdessen auf der Burg Torn heran. De Vac erzieht ihn nach einem einzigen Plan: Fechtunterricht ab dem dritten Lebensjahr, dazu ein täglich eingehämmerter Hass auf alles Englische. Aus dem Prinzen wird Norman of Torn, der beste Schwertkämpfer Englands und Anführer einer Bande, die im Lauf der Jahre auf tausend Mann anwächst. Wer Norman gegenübersteht, sieht nur ein geschlossenes Visier.

Warum der Plan scheitert
Der Erziehungsplan hat eine Lücke, und sie heißt Father Claude. Der Priester bringt dem Jungen Lesen und Schreiben bei und dazu etwas, das de Vac ausdrücklich nicht vorgesehen hatte: Achtung vor den Rechten anderer und ritterlichen Anstand gegenüber Frauen.
Das Ergebnis ist eine Figur, die sich selbst nicht erklären kann. Norman plündert die Güter der Barone und lässt die Bauern in Ruhe. Ganz England fürchtet ihn, doch niemand kann ihm eine Grausamkeit gegen Wehrlose nachweisen. Unter dem Decknamen Roger de Conde bewegt Norman sich durch dieselbe höfische Gesellschaft, die ihn jagt. Dort begegnet er Bertrade de Montfort, der Tochter jenes Simon de Montfort aus dem ersten Kapitel.
Der Krieg der Barone gegen den König zwingt Norman schließlich zur Wahl, und er schlägt sich auf die Seite der Aufständischen. Am Ende steht die Auflösung, die der Leser seit dem ersten Kapitel ahnt: Der Geächtete von Torn ist der verschollene Königssohn Richard, Bruder des Thronfolgers Eduard, dem er zum Verwechseln ähnlich sieht. Bertrade bekommt er dazu.
Wie viel Geschichte steckt darin?
Burroughs rahmt seinen Text als Fund: Der Erzähler will in einem Kloster ein siebenhundert Jahre altes Manuskript entdeckt haben, das ein Plantagenet-König unterdrückt habe. Ein alter literarischer Kniff, den Burroughs mit trockenem Humor treibt. Die Hintergründe des Bürgerkriegs übergeht sein Erzähler mit dem Hinweis, das sei Geschichte und könne man anderswo nachlesen.
| Element des Romans | Belegt oder erfunden? |
|---|---|
| Heinrich III. und Königin Eleonore | historisch |
| Zerwürfnis mit Simon de Montfort | historisch, Datum und Wortlaut ausgeschmückt |
| Zweiter Krieg der Barone | historisch |
| Thronfolger Eduard, später Eduard I. | historisch |
| Prinz Richard als zweiter Königssohn | erfunden |
| Fechtmeister de Vac | erfunden |
| Norman of Torn und seine tausend Mann | erfunden |
Wer den Roman als historische Darstellung liest, wird in die Irre geführt. Wer ihn als Abenteuerroman vor historischer Kulisse liest, bekommt genau das, was Burroughs im Sinn hatte. Der Vergleich mit Robin Hood liegt nahe und wird in der Sekundärliteratur regelmäßig gezogen: ein Geächteter, der die Reichen schröpft, ein maskierter Held von adliger Herkunft, ein König im Hintergrund.
Für deutsche Leser lohnt ein kurzer Blick auf die tatsächliche Lage. Heinrich III. regierte England von 1216 bis 1272 und geriet über Jahrzehnte mit seinen Baronen aneinander, unter anderem wegen der Bevorzugung französischer Verwandter am Hof. Simon de Montfort, Earl of Leicester, war selbst Franzose und mit einer Schwester des Königs verheiratet. 1264 schlugen die Barone das königliche Heer bei Lewes, nahmen Heinrich und dessen Sohn Eduard gefangen und regierten das Land ein Jahr lang praktisch ohne König. 1265 fiel Montfort in der Schlacht bei Evesham. Genau in dieses Jahrzehnt legt Burroughs seinen Geächteten.


Stellung im Werk
„The Outlaw of Torn“ ist einer von nur zwei historischen Romanen im Gesamtwerk. Der zweite, „I Am a Barbarian“, spielt im Rom Caligulas und erschien erst 1967, siebzehn Jahre nach dem Tod des Autors. Alles andere aus dieser Feder ist Fantastik oder Gegenwartsstoff.
Das macht den Band für Leser interessant, die Burroughs schon kennen. Man sieht hier, was er ohne fremde Planeten und ohne Dschungel konnte. Die Grundfigur ist dieselbe wie in A Princess of Mars und Tarzan of the Apes: ein Held von hoher Geburt, aufgewachsen fern seiner Herkunft, überlegen im Kampf, unbeholfen in der Liebe. Nur trägt er hier Kettenhemd statt Lendenschurz.
Wie weit Burroughs sich von diesem Muster entfernen konnte, zeigt der Blick auf seine Gegenwartsromane, etwa The Efficiency Expert aus dem Chicago der Nachkriegsjahre.
Erzähltechnisch merkt man dem Text den Anfänger an. Die Figuren erklären sich häufig selbst, die Zufälle häufen sich, und das Ende ist von Beginn an absehbar. Dafür sitzt das Tempo: neunzehn Kapitel, kaum eine Passage ohne Bewegung. Und die Grundidee trägt, dass ein König durch einen einzigen Wutausbruch seinen Sohn verliert.
Ausgaben, Übersetzung und Volltext
Eine verbreitete deutsche Übersetzung gibt es nicht. Auf Deutsch ist Burroughs fast ausschließlich mit Tarzan und den Mars-Romanen präsent; die Einzelwerke blieben liegen. Für diesen Roman brauchen Sie also Englisch. Die Sprache ist altertümlich gefärbt, bleibt aber durchgehend verständlich.
Den englischen Originaltext stellt das Project Gutenberg unter der eBook-Nummer 369 bereit. Sie finden ihn dort als Volltext im Project Gutenberg, kostenlos und in mehreren Dateiformaten. Warum solche Texte frei verfügbar sind, erklärt unsere Seite zur Gemeinfreiheit alter Werke.
Lohnt sich der Einstieg?
Wer Burroughs bereits kennt, bekommt hier den Autor vor seinem Durchbruch zu sehen, mit allen Anfängerfehlern und der schon fertigen Erzähllust. Wer dagegen einen sorgfältigen historischen Roman sucht, ist bei Walter Scott besser aufgehoben. Für den Krieg der Barone selbst spricht immerhin, dass ihn kaum ein anderer Abenteuerautor je aufgegriffen hat.
Ein paar nüchterne Eckdaten für die Planung:
- Neunzehn Kapitel, rund 62.000 Wörter, gut an zwei ruhigen Abenden zu schaffen.
- Englisch mit archaischem Einschlag, „thee“ und „thou“ inklusive.
- Keine deutsche Ausgabe im Handel, also nur im Original lesbar.
Weitere vorgestellte Titel, von den Philosophen bis zu den Abenteuerromanen, sammelt die Übersicht der Digitalen Bibliothek.
