Kein deutscher Leser hat „The Vicar of Wakefield“ so gründlich gelobt wie Johann Wolfgang Goethe. In „Dichtung und Wahrheit“ nennt er den Roman einen der besten, die je geschrieben worden seien, und widmet ihm mehrere Seiten. Der Anlass war eine Vorlesestunde in Straßburg um 1770: Herder war gekommen, hatte neue Bücher mitgebracht und kündigte, wie Goethe schreibt, den „Landpriester von Wakefield“ als ein fürtreffliches Werk an, dessen deutsche Übersetzung er selbst vorlesen wolle.
Oliver Goldsmiths Roman erschien 1766 in England und wurde dort erst mit Verzögerung berühmt. In Deutschland dagegen wirkte er sofort, und er wirkte über Goethe weiter.
Worum es geht
Erzähler ist Dr. Charles Primrose, Landpfarrer, Vater von sechs Kindern und ein Mann von unerschütterlicher Zuversicht. Sein erster Satz gibt den Ton vor: Er sei stets der Meinung gewesen, der ehrliche Mann, der heirate und eine große Familie großziehe, leiste mehr als jener, der ledig bleibe und nur über Bevölkerungspolitik rede.
Diese Zuversicht wird auf jeder Seite geprüft. Der Roman zieht seinem Erzähler in zweiunddreißig kurzen Kapiteln alles weg, was er hat:
- Ein Kaufmann geht mit dem Vermögen der Familie durch. Die Primroses müssen ihre Pfarrei aufgeben und in eine kleine, ärmliche Gemeinde ziehen.
- Der Gutsherr Squire Thornhill umwirbt die älteste Tochter Olivia und entführt sie nach einer vorgetäuschten Trauung.
- Das Pfarrhaus brennt ab, der Vater rettet seine Kinder aus den Flammen und verbrennt sich dabei Arme und Gesicht.
- Weil er die Pacht nicht zahlen kann, kommt er ins Schuldgefängnis. Dort predigt er den Mitgefangenen und beginnt, sie zu unterrichten.
- Nacheinander erreichen ihn die Nachrichten, seine Tochter sei tot und sein Sohn, der den Verführer zum Duell fordern wollte, sitze mit ihm im selben Gefängnis und müsse mit dem Todesurteil rechnen.
Aufgelöst wird alles durch Mr. Burchell, den sonderbaren Wanderer, den die Familie für einen Habenichts hält und der sich als Sir William Thornhill entpuppt, der reiche Onkel des Bösewichts. Wer den Ausgang für zu glatt hält, liegt nicht falsch: Goldsmith häuft im Schlusskapitel so viele glückliche Wendungen übereinander, dass mancher Leser darin schon Absicht vermutet hat.

Vier Irrtümer über den Roman
„Das ist ein frommes Idyll.“ Nur auf den ersten Blick. Der Erzähler ist zwar fromm, aber der Roman lässt ihn in eine Falle nach der anderen laufen, oft aus Eitelkeit. Primrose ist stolz auf seine Bildung, auf seine Töchter, auf seine Schriften über die Ehelosigkeit von Geistlichen. Goldsmith zeigt diese Schwächen mit trockener Ironie, ohne den Mann je lächerlich zu machen.
„Der Erfolg kam sofort.“ Er kam langsam. Die ersten Besprechungen von 1766 waren zurückhaltend. Zum meistgelesenen englischen Roman wurde „The Vicar of Wakefield“ erst in den Jahrzehnten danach, als das Buch in Dutzenden von Auflagen und in fast jeder europäischen Sprache erschien. Im 19. Jahrhundert gehörte es zum festen Bestand jeder bürgerlichen Hausbibliothek.
„Goldsmith hat den Roman in Ruhe geschrieben.“ Über die Entstehung kursiert eine berühmte Anekdote, die Boswell überliefert: Goldsmith, wegen unbezahlter Miete festgesetzt, ließ Samuel Johnson holen; der fand ein fertiges Manuskript, trug es zum Verleger und kam mit sechzig Pfund zurück. Die Einzelheiten sind in der Forschung umstritten, der Kern gilt als glaubwürdig.
„In Deutschland kennt das Buch niemand.“ Das Gegenteil ist der Fall. Kaum ein englischer Roman des 18. Jahrhunderts ist so oft ins Deutsche übertragen worden, und keiner hat einen prominenteren Fürsprecher.
Goethe und der Landpriester
Goethes Bericht in „Dichtung und Wahrheit“ ist mehr als eine Leseerinnerung. Er beschreibt zunächst Herders Vortragsweise: ernst und schlicht, ohne jede schauspielerische Zutat, sogar ohne den Stimmwechsel, den man bei einer Vorlesung sonst erwartet.
Dann folgt Goethes Urteil über die Hauptfigur und das Buch. Die Darstellung dieses Charakters auf seinem Lebensgang durch Freuden und Leiden, schreibt er, mache diesen Roman zu einem der besten, die je geschrieben worden seien.
Kurz darauf wurde daraus ein Erlebnis. Im Oktober 1770 kam Goethe ins elsässische Sesenheim, ins Pfarrhaus der Familie Brion. Was er dort sah, glich dem Buch so sehr, dass er es kaum fassen konnte. In seinen Worten: Seine Verwunderung sei über allen Ausdruck gewesen, sich so ganz leibhaftig in der Wakefieldschen Familie zu finden.
- Die Pfarrersfrau trug die Würde, die im Roman dem Ehemann zukommt.
- Friederike Brion, die jüngere Tochter, trat an die Stelle von Primroses Sophie. In sie verliebte sich Goethe.
- Als am Ende des Abends noch ein jüngerer Sohn ins Zimmer sprang, hielt Goethe sich nach eigener Aussage kaum zurück, ihm zuzurufen: „Moses, bist du auch da!“
Diese Sesenheimer Monate gehören zu den bekanntesten Episoden der deutschen Literaturgeschichte. Aus ihnen stammen die Sesenheimer Lieder, mit denen die Geschichte der deutschen Lyrik einen neuen Ton bekam. Dass ein englischer Pfarrhausroman die Brille war, durch die der junge Goethe das alles sah, steht in seiner Autobiografie schwarz auf weiß. Für die Wirkung der englischen Literatur in Deutschland gibt es kaum ein deutlicheres Beispiel.

Die deutschen Übersetzungen
Der Roman erreichte das deutsche Publikum ungewöhnlich schnell, nämlich schon im Jahr nach der Erstausgabe. Die Titel wechselten dabei mehrfach, was die Suche in Katalogen bis heute erschwert:
| Jahr | Titel | Übersetzer, Verlag |
|---|---|---|
| 1767 | Der Landpriester von Wakefield | Johann Gottfried Gellius, Weidmann und Reich, Leipzig |
| 1776 | Der Dorfprediger von Wakefield | Johann Joachim Christoph Bode, Weidmann, Leipzig |
| 1840 | Der Landprediger von Wakefield | A. Diezmann, Westermann, Braunschweig |
Goethe las die Fassung von Gellius, weshalb er stets vom „Landpriester“ spricht. Heute ist „Der Landprediger von Wakefield“ der gängige deutsche Titel. Wer eine Ausgabe sucht, sollte alle drei Varianten probieren.

Ausgaben und Volltext
Das Original umfasst rund sechzigtausend Wörter, aufgeteilt in zweiunddreißig kurze Kapitel mit erläuternden Überschriften. Das Englisch ist klar und im Vergleich zu anderen Romanen der Zeit gut zu bewältigen. Eingestreut sind Gedichte und Lieder, darunter die Einsiedler-Ballade „Edwin and Angelina“, die im 19. Jahrhundert auch für sich allein gedruckt wurde.
Das Project Gutenberg führt den Text unter der eBook-Nummer 2667 und stellt ihn als Volltext im Project Gutenberg kostenlos in mehreren Dateiformaten bereit. Deutsche Ausgaben gibt es antiquarisch und als Neudrucke. Warum Werke dieses Alters frei verwendet werden dürfen, erklärt unsere Seite zur Gemeinfreiheit alter Werke.
Wie man das Buch heute liest
Am besten nicht als Erbauungsroman, sondern als Doppelspiel. Der Erzähler meint jedes seiner Worte ernst, der Autor nicht immer. Diese Spannung trägt „The Vicar of Wakefield“, und sie erklärt, warum das Buch auch nach zweieinhalb Jahrhunderten noch funktioniert.
Zwei Empfehlungen für den Einstieg: Beginnen Sie mit dem ersten Kapitel, das die Familie in wenigen Absätzen fertig vor Augen stellt. Und lesen Sie danach die Gefängniskapitel, in denen der ruinierte Pfarrer anfängt, seine Mitgefangenen zu unterrichten. Dort ist Goldsmith am stärksten.
Wer Goldsmith weiter lesen will, findet seine Komödie She Stoops to Conquer in derselben Bibliothek. Wen der englische Pfarrhaus- und Familienroman als Gattung interessiert, sei auf Emma von Jane Austen verwiesen, die ein halbes Jahrhundert später auf diesem Boden weiterbaute. Weitere vorgestellte Titel sammelt die Übersicht der Digitalen Bibliothek.
