Am Abend des 15. März 1773 tritt im Covent Garden Theatre ein Schauspieler in Schwarz vor den Vorhang, hält sich ein Tuch vor die Augen und weint. Er weine schon die ganze Woche, sagt er, denn die komische Muse liege im Sterben. An ihre Stelle trete eine Person zweifelhafter Herkunft, die mit Rührung handle.
Diesen Prolog schrieb David Garrick, der berühmteste Schauspieler seiner Zeit, für die Uraufführung von „She Stoops to Conquer“. Er beschreibt keine Grille, sondern die Lage des Londoner Theaters. Und er kündigt an, was das Stück dagegen unternimmt.
Zwei Arten von Komödie
Um 1770 herrschte auf den englischen Bühnen die sentimental comedy: Stücke über tugendhafte Menschen in Not, die durch edle Gesinnung belohnt werden. Gelacht wurde selten, geweint viel. Oliver Goldsmith hielt davon nichts und schrieb im Januar 1773 im „Westminster Magazine“ einen Aufsatz dagegen, in dem er die rührselige Komödie mit der lachenden verglich. Zwei Monate später lieferte er das Beispiel dazu.
| Sentimental comedy | Laughing comedy | |
|---|---|---|
| Gegenstand | Tugend und Not der Mittelschicht | Torheiten und Irrtümer |
| Wirkung beim Publikum | Rührung, Tränen | Gelächter |
| Figuren | edel und leidend | eitel, ängstlich, schlau |
| Vorbild | zeitgenössisches Rührstück | Shakespeare, Farquhar, Molière |
| Goldsmiths Urteil | falsche Ware unter falschem Namen | die eigentliche Komödie |
Wie riskant das war, verrät die Widmung, die Goldsmith dem Druck voranstellte. Sie richtet sich an Samuel Johnson, und darin heißt es, eine Komödie zu wagen, die nicht bloß sentimental sei, sei sehr gefährlich gewesen; George Colman, der Theaterleiter, habe das Stück in allen Stadien gesehen und stets für gefährlich gehalten. Der Erfolg gab Goldsmith recht.
Was in dieser einen Nacht geschieht
Der zweite Titel des Stücks lautet „The Mistakes of a Night“, und das ist wörtlich zu nehmen: Die ganze Handlung spielt zwischen Abend und Morgen. Fünf Akte, ein Landhaus, eine Kette von Verwechslungen.
Der junge Charles Marlow soll auf Wunsch der Väter Kate Hardcastle heiraten und reist mit seinem Freund Hastings aufs Land. Unterwegs geraten die beiden in ein Wirtshaus, wo Tony Lumpkin sitzt, der verzogene Sohn der Hausherrin aus erster Ehe. Aus purem Übermut schickt Tony sie zum Haus seines Stiefvaters und erklärt es zum Gasthof.
Von da an läuft alles schief, und zwar mit System:
- Marlow behandelt den würdigen Mr. Hardcastle wie einen Gastwirt, bestellt Abendessen und beschwert sich über die Zimmer.
- Kate erkennt schnell, woran sie ist. Marlow ist gegenüber Damen seines Standes so schüchtern, dass er kein Wort herausbringt, gegenüber Dienstmädchen dagegen dreist und beredt.
- Also spielt sie das Dienstmädchen. Sie tritt in schlichter Kleidung auf, ändert die Stimme und lernt so den Mann kennen, den sie heiraten soll.
- Parallel dazu versucht Hastings, mit Constance Neville durchzubrennen, deren Erbschmuck Mrs. Hardcastle verwaltet und die sie mit Tony verheiraten will.
- Tony hilft nach: Er kutschiert seine Mutter im Kreis durch die Nacht, über Feather-bed Lane und Up-and-down Hill, bis sie sich vierzig Meilen von zu Hause wähnt und im eigenen Pferdeteich landet.

Am Morgen ist alles aufgeklärt. Marlow erfährt, wen er umworben hat, und schämt sich gründlich. Kate hat ihren Mann, Hastings seine Constance, Mrs. Hardcastle ihren Ärger. Der Titel meint genau diesen Kunstgriff: Kate steigt herab, um zu gewinnen.
Goldsmith, ein Autor mit drei Leben
Oliver Goldsmith, geboren um 1730 in Irland, gehörte zu jenen Londoner Schriftstellern, die von der Feder lebten und trotzdem ständig Geld schuldeten. Er studierte Medizin, ohne je regulär zu praktizieren, schrieb für Zeitschriften und gehörte dem Club um Samuel Johnson und Joshua Reynolds an. Sein Werk ist schmal, aber in drei Gattungen zu Hause:
- das Lehrgedicht „The Deserted Village“ von 1770 über die Entvölkerung des englischen Landes,
- der Roman „The Vicar of Wakefield“ von 1766,
- die Komödien „The Good Natur’d Man“ von 1768 und „She Stoops to Conquer“.
Johnson, sonst kein milder Kritiker, hielt große Stücke auf die Komödie. Boswell hat festgehalten, Johnson habe gesagt, er kenne kein Stück, das ein Publikum so erheitert habe.
Wer auf der Bühne steht
- Kate Hardcastle, die Tochter des Hauses, klug und unsentimental. Sie handelt, während die Männer sich verheddern.
- Charles Marlow, der Bewerber mit dem doppelten Wesen, eine der besten Verlegenheitsfiguren des englischen Theaters. Marlow ist keine Karikatur, sondern ein junger Mann, dem seine Erziehung im Weg steht: Vor einer Dame seines Standes fällt ihm nichts ein, weil er dabei an Heirat und Vermögen denken muss.
- Mr. Hardcastle, altmodisch, gutmütig, empört über den unhöflichen Gast.
- Mrs. Hardcastle, standesbewusst und leicht zu täuschen.
- Tony Lumpkin, ihr Sohn, ungebildet, faul und mit sicherem Instinkt für den größten möglichen Unfug. Die Rolle machte den Schauspieler John Quick berühmt.
- Hastings und Constance Neville, das zweite Paar, zuständig für die Liebeshandlung neben der Hauptsache.
Warum der Titel so schwer zu übersetzen ist
„To stoop“ heißt sich bücken, sich herablassen, unter seinem Stand auftreten. Die Wendung stammt nicht von Goldsmith: John Dryden hatte 1690 in „Amphitryon“ vom Liebhaber geschrieben, der sich nur bücke, um zu siegen, und nur knie, um sich zu erheben. Im Deutschen gibt es dafür keine knappe Entsprechung, was die Übersetzer seit jeher gemerkt haben.
Die erste deutsche Fassung erschien noch im Erscheinungsjahr des Originals, 1773, bei Buchenröder und Ritter in Hamburg und Güstrow, übersetzt von Wittenberg, unter dem umständlichen Titel „Sie läßt sich herab, um zu siegen, oder die Irrthümer einer Nacht“. Elf Jahre später machte Friedrich Ludwig Schröder daraus für die Bühne „Irrthum auf allen Ecken“, gedruckt 1784 in Wien. Schröder war der bedeutendste deutsche Theatermann seiner Zeit und der Mann, der Shakespeare auf die deutschen Bühnen brachte. Dass er sich Goldsmiths Komödie vornahm, sagt einiges über deren Rang.

Was von dem Stück geblieben ist
Es wird gespielt. Das ist bei einer Komödie von 1773 die bemerkenswerteste Auskunft. Englische Bühnen setzen „She Stoops to Conquer“ bis heute regelmäßig an, Verfilmungen gibt es seit der Stummfilmzeit, und das BBC-Fernsehen brachte 1971 eine Fassung mit prominenter Besetzung.
Der Grund liegt in der Bauart. Goldsmith arbeitet nicht mit Wortwitz, der altert, sondern mit Situationen, die jeder sofort versteht: Ein Mann hält ein Privathaus für ein Wirtshaus und benimmt sich entsprechend. Solche Missverständnisse funktionieren in jeder Sprache und in jedem Jahrhundert.
Dazu kommt die Rollenverteilung. Kate Hardcastle treibt die Handlung, entwirft den Plan und führt ihn aus, während Marlow von einem Irrtum in den nächsten stolpert. Für ein Stück aus dem Jahr 1773 ist das eine bemerkenswerte Anlage, und sie erklärt, warum Regisseurinnen und Regisseure heute wenig streichen müssen.

Für Goldsmith selbst kam der Triumph spät. Er starb im April 1774, gut ein Jahr nach der Premiere, mit Mitte vierzig und hoch verschuldet. „She Stoops to Conquer“ und der Roman The Vicar of Wakefield sind die beiden Bücher, mit denen er überlebt hat.
Ausgaben und Volltext
Der englische Text ist kurz. Fünf Akte, rund fünfundzwanzigtausend Wörter, dazu Widmung, Garricks Prolog und ein Epilog. Das Englisch des 18. Jahrhunderts liest sich leichter als erwartet, weil fast alles Dialog ist und die Figuren einfach sprechen. Das Project Gutenberg führt das Stück unter der eBook-Nummer 383 und stellt es als Volltext im Project Gutenberg kostenlos bereit.
Deutsche Ausgaben sind antiquarisch und in Bibliotheken zu finden, im Buchhandel dagegen kaum. Wer das Stück auf Deutsch lesen will, greift am ehesten zu Schulausgaben mit Anmerkungen. Warum Texte dieses Alters frei verfügbar sind, erklärt unsere Seite zur Gemeinfreiheit alter Werke.
Ein Vorschlag für den Einstieg
Lesen Sie zuerst Garricks Prolog, dann den zweiten Akt. Dort trifft Marlow zum ersten Mal auf Hardcastle, hält ihn für den Wirt und beginnt, das Haus zu kommandieren. Wenn Sie an dieser Stelle lachen, gehört Ihnen der Rest des Abends.
Wer danach Lust auf englische Gesellschaftskomik in Romanform hat, findet sie bei Jane Austen, etwa in Emma. Weitere vorgestellte Titel sammelt die Übersicht der Digitalen Bibliothek.
