1905 erscheint in London ein Roman, in dem ein amerikanischer Marineleutnant auf einem Teppich zum Mars fliegt, dort eine Prinzessin gewinnt und sie wieder verliert. Sieben Jahre später schickt Edgar Rice Burroughs seinen John Carter auf denselben Planeten und begründet damit ein ganzes Genre. Ob das eine mit dem anderen zu tun hat, ist bis heute nicht geklärt.
Die Frage begleitet „Gulliver of Mars“ seit den 1960er Jahren und hat den Roman bekannter gemacht, als er zu Lebzeiten seines Autors je war. Lesenswert ist er unabhängig davon.
Wer war Edwin Lester Arnold?
Edwin Lester Linden Arnold (1857 bis 1935) war Journalist, Sohn des Dichters Sir Edwin Arnold und schrieb nebenher Romane. Sein Stoffgebiet war die Zeitreise ins Altertum: „The Wonderful Adventures of Phra the Phoenician“ von 1890 über einen unsterblichen Phönizier, „Lepidus the Centurion“ von 1901 über einen römischen Soldaten in der Gegenwart.
Der Mars-Roman blieb sein letzter. Das Publikum reagierte verhalten, Arnold zog sich aus der Romanschriftstellerei zurück und veröffentlichte danach nur noch vereinzelt Erzählungen. Dass ausgerechnet dieses Buch heute sein bekanntestes ist, hat er nicht mehr erlebt.
Wie kommt Gulliver Jones auf den Mars?
Nicht mit einem Raumschiff und nicht durch Hypnose, sondern durch einen Teppich. Der Roman beginnt in einer regnerischen Nacht in einem New Yorker Armenviertel. Leutnant Gulliver Jones, Marineoffizier der Republik, ist unzufrieden mit seinem Dienst und seinem Gehalt und denkt an Beefsteak.
Vor seinen Augen fällt aus einer Droschke die Leiche eines alten Mannes, eingewickelt in einen Teppich mit einem seltsamen Muster. Jones nimmt das Stück mit nach Hause. Als er darauf steht und im Ärger den Wunsch ausspricht, weit fort zu sein, hebt der Teppich ab.
Diese Beiläufigkeit ist typisch für das Buch. Arnold erklärt nichts. Es gibt keine Wissenschaft, keinen Apparat und keine Theorie, nur einen Gegenstand, der tut, was man sagt. Der Roman gehört damit zur Fantastik, nicht zur technischen Zukunftsliteratur seiner Zeit.
Was erwartet ihn dort?
Der Mars in diesem Buch ist ein müder Planet. Jones landet bei den Hither-Leuten in der Stadt Seth: anmutige, freundliche Menschen, die nichts arbeiten, viel singen und die Reste einer älteren Kultur bewohnen, ohne sie noch zu verstehen. Ihr Fürst heißt Hath, seine Braut ist die Prinzessin Heru. Ein Mädchen namens An führt den Fremden herum und erklärt ihm die Welt, so gut sie es selbst versteht.
Am anderen Ende des Planeten leben die Thither-Leute unter ihrem König Ar-hap, Waldmenschen und Krieger, denen die Hither jährlich Tribut zahlen. Als Ar-hap die Prinzessin raubt, bricht Jones auf, um sie zurückzuholen. Die Reise führt ihn durch die eigenartigsten Landschaften des Buches:
- den Fluss der Toten, auf dem die Hither ihre Verstorbenen ins Eis treiben lassen,
- die verlassene Stadt einer längst gestorbenen Königin, in der die Habseligkeiten unberührt liegen,
- die Wälder und Lager der Thither, wo der Held als Gaukler auftreten muss, um am Leben zu bleiben.

Ein Happy End gibt es nicht. Gullivar Jones holt Heru zurück und verliert sie wieder, weil der Krieg, den er ausgelöst hat, die Stadt Seth einholt. Als Ar-haps Krieger den brennenden Palast stürmen, entdeckt Jones zwischen dem Hausrat den alten Teppich, wünscht sich nach New York und landet dort auf einer nassen Türschwelle. Der Teppich verschwindet, und ob alles wirklich geschehen ist, lässt der Erzähler offen. Heru bleibt zurück, ohne dass ihr Schicksal geklärt wird.
Hat das Buch Burroughs beeinflusst?
Hier ist Vorsicht geboten, denn die Sache wird oft zu glatt erzählt. Die Behauptung stammt von Richard A. Lupoff, der 1965 im Vorwort einer Neuausgabe darlegte, die Ähnlichkeiten zwischen Arnolds Mars und Burroughs‘ Barsoom seien zu groß für einen Zufall. Seither steht der Satz vom Vorläufer in vielen Nachschlagewerken.
Was tatsächlich für einen Zusammenhang spricht und was dagegen:
| Dafür | Dagegen |
|---|---|
| Beide Helden sind amerikanische Offiziere, die ohne Technik auf den Mars gelangen. | Der Mars als bewohnter Nachbarplanet war um 1900 ein Allgemeinplatz, angestoßen von der Kanal-Debatte um Percival Lowell. |
| Beide retten eine Prinzessin und geraten zwischen zwei Völker. | Prinzessinnen-Rettung und Völkerkonflikt sind Standardbausteine der Abenteuerliteratur jener Jahre. |
| Beide kehren am Ende auf die Erde zurück. | Percy Gregs „Across the Zodiac“ von 1880 und Gustavus Popes „Journey to Mars“ von 1894 nutzen dasselbe Muster. |
| Burroughs war ein Vielleser der zeitgenössischen Abenteuerliteratur. | In seinen Papieren findet sich kein Beleg, dass er Arnold kannte. |
Die Science Fiction Encyclopedia formuliert es vorsichtig: Die Verwandtschaft sei im Rückblick sichtbar, und Burroughs habe Arnold vor 1912 gelesen haben können. Mehr als das lässt sich seriös nicht sagen. Wer die beiden Bücher nacheinander liest, merkt außerdem schnell, wie verschieden sie sind. Arnold schreibt melancholisch und ironisch, Burroughs schreibt Tempo. Barsoom hat Geographie, Sprachen und Kalender; Arnolds Mars hat Stimmung.
Am ehrlichsten ist die offene Formulierung: „Gulliver of Mars“ ist ein früher Vertreter dessen, was später Planetary Romance heißen sollte, und damit ein Vorläufer von A Princess of Mars. Ob es auch eine Quelle war, weiß niemand.

Wie liest sich der Roman heute?
Sprachlich anspruchsvoller als Burroughs. Arnold schreibt lange, verschachtelte Sätze, viele Adjektive und einen Erzähler, der sich ständig selbst kommentiert. Wer flüssiges Abenteuerenglisch erwartet, braucht ein paar Kapitel Anlauf.
Dafür bekommt man Bilder, die im Gedächtnis bleiben. Der Eisfluss mit den treibenden Toten, die leere Stadt, in der die Kleider der Bewohner noch auf den Stühlen liegen, die zeremonielle Höflichkeit eines Volkes, das seinen Untergang seit Generationen einkalkuliert hat. Das ist näher an H. G. Wells und William Morris als an der amerikanischen Heftliteratur.

Der Held selbst ist ein Sonderfall. Gullivar Jones prügelt sich nicht durch, sondern schwindelt, redet und stolpert. Mehrmals gibt der Erzähler zu, dass er versagt hat, und einmal gesteht er, die Prinzessin vor allem deshalb zu suchen, weil er sonst nicht wüsste, wohin mit sich. Ein Heldenbild dieser Art war 1905 unüblich und ist einer der Gründe, warum das Buch heute wieder gelesen wird.
Gesehen hat man den Stoff auch außerhalb der Buchdeckel. Marvel machte 1972 und 1973 unter dem Titel „Gullivar Jones, Warrior of Mars“ eine Comicserie daraus, gezeichnet von Gil Kane, erschienen im Heft „Creatures on the Loose“. Aus dem Marineleutnant von 1905 wurde dort ein Vietnamheimkehrer.
Ausgaben, Titelverwirrung und Volltext
Der Roman erschien 1905 in London unter dem Titel „Lieut. Gullivar Jones: His Vacation“. Als Ace Books ihn 1964 als Taschenbuch neu auflegte, machte der Verlag daraus „Gulliver of Mars“, mit dem bekannteren Vornamen aus Swifts Reiseroman. Eine Neuausgabe von Bison Books stellte 2003 die alte Schreibweise „Gullivar“ wieder her. Alle drei Titel meinen dasselbe Buch, was die Suche in Katalogen erschwert.
Eine deutsche Übersetzung ist nicht verbreitet; wer das Buch lesen will, liest es auf Englisch. Das Project Gutenberg führt den Text unter der eBook-Nummer 604 in der Ace-Fassung des Titels und stellt ihn als Volltext im Project Gutenberg kostenlos in mehreren Dateiformaten bereit. Warum das erlaubt ist, erklärt unsere Seite zur Gemeinfreiheit alter Werke.
Für wen lohnt sich der Roman?
- Für Leser der Barsoom-Bücher, die sehen wollen, wie das Genre vor John Carter aussah, ehe es mit The Gods of Mars seine feste Form fand.
- Für Freunde der viktorianischen Fantastik, die Stimmung höher schätzen als Handlung.
- Für alle, die eine Marsdarstellung suchen, in der niemand erobert und niemand gewinnt.
Weniger geeignet ist er für den schnellen Abend zwischendurch: zwanzig Kapitel, rund siebzigtausend Wörter, Englisch mit Patina. Wer sich darauf einlässt, liest eines der eigenwilligsten Bücher der frühen Marsliteratur. Weitere vorgestellte Titel finden Sie in der Digitalen Bibliothek.
