Zwei Jahrhunderte lang hat kein Schiff aus der westlichen Hemisphäre den dreißigsten Längengrad überquert. Wer es versucht, wird vor ein Kriegsgericht gestellt. So sieht die Welt aus, in der Leutnant Jefferson Turck seinen Dienst tut, und der ganze Roman besteht aus dem, was passiert, nachdem ein Sturm ihn über diese Linie treibt.
„The Lost Continent“ erschien zuerst unter dem Titel „Beyond Thirty“. Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern der Schlüssel zum Buch: Der Originaltitel benennt die Grenze, um die sich alles dreht.
Die Ausgangslage
Burroughs schrieb den Text 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, und verlegte ihn ins Jahr 2137. Sein Gedankenexperiment lautet: Was, wenn Amerika sich aus diesem Krieg heraushält, und zwar für immer?
Die Welt, die daraus entsteht:
- Der Verkehr zwischen östlicher und westlicher Hemisphäre wird per Gesetz eingestellt. Die Parole dazu lautet „The East for the East, the West for the West“.
- Zwei Meridiane bilden die Grenze: 30 Grad West im Atlantik, 175 Grad West im Pazifik. Dazwischen liegt die Pan-American Federation, ein Staat von Pol zu Pol.
- Wer die Linie überschreitet, verliert Rang und Freiheit. Das entsprechende Edikt trägt in Turcks Familie besonderes Gewicht: Unterzeichnet hat es sein eigener Vorfahr.
- Zweihundert Jahre Frieden haben die westliche Welt reich gemacht. Was in Europa geschehen ist, weiß niemand.
Etappe eins: die Havarie der Coldwater
Turck kommandiert die Coldwater, ein Boot der Klasse SS-96, das tauchen und fliegen kann und den Meridian patrouilliert. In einem schweren Sturm fällt eine Maschine nach der anderen aus, und das Schiff treibt genau dorthin, wohin es nicht darf. Sein Erster Offizier Alvarez stellt sich hinter ihn, sein Zweiter, Porfirio Johnson, spricht von Hochverrat.
Turck geht mit drei Männern in einem Beiboot von Bord, mit Snider, Taylor und Delcarte. Während sie unterwegs sind, bekommt die Coldwater ihre Steuerung zurück, nimmt Kurs und zieht über das Boot hinweg, ohne es aufzunehmen. Johnson hat das Kommando übernommen. Zurück bleiben vier Männer in einem offenen Boot, östlich der verbotenen Linie. Turck entscheidet, nach Europa weiterzufahren.
Etappe zwei: Landfall in Grabritin
Am Morgen des 6. Juli 2137 laufen sie in die Themsemündung ein. Turck rechnet nach: Es ist der erste westliche Kiel in diesen Gewässern seit 221 Jahren. Wer zurückrechnet, landet bei 1916, dem Jahr, in dem der Roman erschien.
Was sie finden, ist die stärkste Passage des Buches. Keine Schlepper, keine Bojen, keine Stadt. Wo London lag, weiden Antilopen, und im Unterholz lebt Felis tigris. Löwen und Elefanten kommen dazu, ausgebrochene Nachfahren aus Zoos und Menagerien. Die Bewohner nennen ihr Land Grabritin, eine Verschleifung von Great Britain, und leben in verstreuten Sippen ohne Schrift und ohne Metallverarbeitung.

Etappe drei: Victory
Turck rettet eine junge Frau vor einem Löwen. Sie heißt Victory, und ihre Herkunft ist der Rest einer Staatsordnung: Ihre Mutter führt den Titel der Königin, ihr Vater Wettin war König, bis Buckingham ihn von hinten mit dem Speer erstach und sich selbst zum König machte. Buckingham beansprucht nun auch Victory. Die alte Königin sagt über ihn vor versammelter Sippe, er sei ein Feigling, und die Leute klatschen.
Der Name ist ein Wortspiel, das Burroughs bis in den letzten Satz durchhält. Der Roman schließt mit diesem Bild:
„I have been through much—I have suffered much, but I have won two great laurel wreaths beyond thirty. One is the opportunity to rescue Europe from barbarism, the other is a little barbarian, and the greater of these is—Victory.“
Der Erzähler gewinnt also zwei Kränze: die Gelegenheit, Europa aus der Barbarei zu holen, und eine kleine Barbarin. Der größere von beiden heißt Victory, was zugleich Sieg bedeutet.
Etappe vier: das Reich Meneleks XIV.
Auf dem Festland trifft Turck auf eine Macht, die er nicht erwartet hat. Während Europa versank, ist Abessinien aufgestiegen. Kaiser Menelek XIV. beherrscht ganz Afrika und weite Teile Europas; seine Reiterei hat den Kontinent aufgeteilt, und die verbliebenen weißen Europäer leben als Sklaven. Die Hauptstadt der europäischen Provinz heißt New Gondar und steht dort, wo einmal Berlin war.
Von Osten drängt zur gleichen Zeit ein zweites Reich heran: China, das nach dem Fall seiner Republik zur Weltmacht geworden ist. Während Turck in New Gondar festsitzt, beschießen chinesische Truppen die Stadt.
Hier steckt der Punkt, an dem das Buch heute unangenehm wird. Burroughs dreht die Kolonialverhältnisse seiner Zeit einfach um, und er tut das mit dem Vokabular und den Rassevorstellungen von 1915. Als Gedankenspiel ist der Einfall bemerkenswert, in der Ausführung ist er es nicht.

Etappe fünf: der Schluss in Peking
Turck und Victory geraten in chinesische Hand und werden an den Kaiserhof gebracht, wo sie heiraten. Zu Hause hat unterdessen sein Offizier John Alvarez vor Gericht gestanden und mit seinem Plädoyer eine öffentliche Bewegung ausgelöst. Pan-Amerika schickt eine Flotte nach Osten, die Beschränkung des dreißigsten und des hundertfünfundsiebzigsten Grades fällt, und Turck kehrt als Held zurück.
Der letzte Absatz kündigt eine Rückkehr an: Turck fährt mit Männern und Material nach Europa, um England für seine Königin zurückzugewinnen. Fortgesetzt hat Burroughs die Geschichte nie.
Warum das Buch zwei Titel hat
Die Titelgeschichte erklärt, warum der Roman in Katalogen doppelt auftaucht.
| Fassung | Titel | Jahr |
|---|---|---|
| Zeitschrift | Beyond Thirty | All Around Magazine, Februar 1916 |
| Erste Buchausgabe | Beyond Thirty | Fantasy Press, 1955 |
| Taschenbuch | The Lost Continent | Ace Books, 1963 |
| Neuausgabe | Beyond Thirty | Bison Books, 2001 |
Zu Lebzeiten von Burroughs erschien der Text nie als Buch. Ace gab ihm 1963 den Titel „The Lost Continent“, unter dem er jahrzehntelang gehandelt wurde; erst Bison Books stellte 2001 den Originaltitel wieder her. Ein weiterer Punkt betrifft den Text selbst: Der Redakteur der Zeitschrift strich damals mehr als 4.000 Wörter aus dem Typoskript, die in allen späteren Ausgaben fehlten. Eine wiederhergestellte Fassung hat Edgar Rice Burroughs, Inc. später herausgebracht. Die frei verfügbare Version im Project Gutenberg entspricht der gekürzten Textgestalt.

Ausgaben, Übersetzung und Lesehinweise
Eine deutsche Übersetzung aus einem etablierten Verlag ist nicht nachweisbar. Wie die meisten Einzelromane von Burroughs blieb der Text hierzulande unübersetzt, während Tarzan und die Mars-Serie nahezu vollständig vorliegen.
Was Sie vor dem Lesen wissen sollten:
- Der Band ist kurz: neun Kapitel, rund 37.000 Wörter, in wenigen Stunden zu lesen.
- Die erste Hälfte ist das Beste daran. Das verwilderte London gehört zu den überzeugendsten Bildern, die Burroughs je entworfen hat.
- Erwarten Sie keine ausgearbeitete Zukunftstechnik. Das Flugunterseeboot bleibt eine Behauptung, die politische Konstruktion ist der eigentliche Gegenstand.
- Die Darstellung der afrikanischen und chinesischen Reiche folgt den Rassevorstellungen von 1915 und ist an mehreren Stellen offen rassistisch.
Wer sehen will, wie Burroughs den Krieg im selben Jahrzehnt anders verarbeitet hat, findet in The Mad King den Verwechslungsroman aus einem erfundenen Balkanstaat und in The Land That Time Forgot die Geschichte eines gekaperten deutschen U-Boots.
Der englische Text ist gemeinfrei und vollständig abrufbar: Volltext im Project Gutenberg. Was Gemeinfreiheit bedeutet, erklärt unsere Seite zur Lizenz des Project Gutenberg; weitere vorgestellte Titel stehen in der Digitalen Bibliothek.
