„Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen.“ Als das britische Parlament 2019 über den Brexit stritt, holte die SPD-Bundestagsfraktion diesen Satz hervor und stellte ihn in die sozialen Netzwerke. Über 40 Jahre nach seiner Entstehung funktioniert er noch. Herbert Wehner Zitate haben diese Eigenschaft: Sie sind kurz, sie sind grob, und fast alle sind im Parlament gefallen. Das Problem ist nur, dass rund um den Mann eine Menge Sätze kursieren, die er nie gesagt hat, oder anders, oder zu einem anderen Zeitpunkt. Dieser Beitrag geht sechs verbreitete Annahmen durch.
Wer war Herbert Wehner?
Der Sozialdemokrat, der die deutsche Politik der Bonner Republik über drei Jahrzehnte mitprägte. Die Eckdaten:
- Geboren am 11. Juli 1906 in Dresden als Sohn eines Schuhmachers, gestorben am 19. Januar 1990 in Bonn.
- 1927 bis 1942 Mitglied der KPD, ab 1946 in der SPD, gefördert von Kurt Schumacher.
- Von 1949 bis 1983 Abgeordneter des Deutschen Bundestags.
- 1966 bis 1969 Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, 1969 bis 1983 Vorsitzender der SPD-Fraktion in der Koalition aus SPD und FDP.
- In der eigenen Partei „Onkel Herbert“ genannt, in der Presse „Zuchtmeister“.
Mythos 1: War „Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen“ ein spontaner Einfall?
Der Satz fiel am 13. März 1975. Das Parlament debattierte nach der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz über innere Sicherheit, Wehner griff die Union scharf an, und die CDU/CSU-Fraktion verließ bis auf zwei Abgeordnete den Saal. Wehner rief ihnen nach: „Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen!“ Spontan war die Formulierung allerdings nicht. Die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung dokumentiert eine frühere Fassung aus einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk vom April 1972: „Ich gehöre dem Bundestag von Anfang an an, und ich gehe nie raus, denn wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen.“ Der Auszug von 1975 war also die Gelegenheit für eine Pointe, die er schon drei Jahre im Repertoire hatte.
Mythos 2: Rief Wehner „Wollt ihr den totalen Krieg?“ in den Saal?
Nicht ganz. Der Zwischenruf stammt aus der Debatte über die Ostverträge am 24. Februar 1972, damals eine der großen Auseinandersetzungen der Bonner Republik. Während einer Rede aus der Union rief Wehner zunächst „Sportpalast!“ dazwischen, eine Anspielung auf Goebbels‘ Rede von 1943. Dann legte er nach: „Hier fehlt nur noch die Frage: Wollt ihr den totalen Krieg?!“ Er stellte die Frage also nicht, er unterstellte sie dem Redner. Das Plenarprotokoll 6/172 hält beide Zwischenrufe fest. Der Unterschied zählt: Wehner zitierte Goebbels, um den politischen Gegner in dessen Nähe zu rücken, und genau dieses Muster brachte ihm drei Jahre später den nächsten Eklat ein.
Mythos 3: Ist „Kohl erzeugt Blähungen“ ein Wehner-Zitat?
Das Wortspiel taucht in fast jeder Sammlung auf, in der Wehner zitiert wird. Es stammt aber von Heinz Kühn, damals Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, und fiel ebenfalls am 13. März 1975. Dass es Wehner zugeschrieben wird, liegt an der gleichen Sitzung und am gleichen Ton. Wehners eigener Beitrag an diesem Tag war ein anderer: Er warf der Union vor, mit dem Wort „Marxist“ so zu operieren, „wie Goebbels damit operiert hat, nicht anders. Sie sind nämlich genauso dumm in dieser Frage, wie jener war. Nur war er ganz jesuitisch raffiniert.“ Dafür erteilte ihm Bundestagspräsidentin Annemarie Renger einen Ordnungsruf. Franz Josef Strauß bekam in derselben Sitzung von ihm zu hören, er sei „selber geistig Terrorist“.

Mythos 4: Hält Wehner den Rekord mit genau 77 Ordnungsrufen?
Den Rekord hält er, die Zahl ist Auslegungssache. Je nach Zählung sind es 57 oder 58 Ordnungsrufe im Bundestag zwischen 1949 und 1983. Andere Aufstellungen kommen auf 75 und mehr, weil sie Rügen aus seiner Zeit als Abgeordneter im Sächsischen Landtag 1930/31 mitrechnen oder Rügen und Ordnungsrufe zusammenwerfen. Wer eine Zahl nennt, sollte dazu sagen, was gezählt wurde. Unstrittig ist der Rang: Kein anderer Abgeordneter der Bundesrepublik Deutschland kam auch nur in die Nähe.
Mythos 5: Konnte Wehner nur austeilen?
Die Zwischenrufe sind das, was blieb. Die Sätze, die Wehner selbst wichtig waren, klingen anders. 1967 formulierte er: „Politik ist das Ordnen der Angelegenheiten, die alle angehen. Dazu bedarf es der Beharrlichkeit, leidenschaftlicher Herzen und kühler, abwägender Vernunft.“ Und 1960, im Jahr seiner Bundestagsrede zur Westbindung der Sozialdemokraten: „National sein können in Deutschland nur diejenigen, die ein Deutschland schaffen helfen wollen, das die Wiederholung der Schrecken der Vergangenheit ausschließt.“ Beide Sätze stammen aus der Zitatsammlung der Wehner-Stiftung. Sie zeigen den Strategen hinter dem Polterer: den Mann, der das Godesberger Programm von 1959 mit durchsetzte, der seine Partei vom Arbeiter-Milieu hin zur Volkspartei öffnete, sie auf den demokratischen Staat und die Westbindung festlegte und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands damit regierungsfähig machte. Demokratie, soziale Gerechtigkeit und die Rechte der Menschen im anderen Teil Deutschlands waren seine Themen, lange bevor die Welt das Wort Entspannungspolitik kannte.
Mythos 6: Verschwieg Wehner seine kommunistische Vergangenheit?
Er tat das Gegenteil. In der Haushaltsdebatte am 11. Mai 1976 sagte er: „Wissen Sie – damit Sie das einmal loswerden –, daß ich Kommunist gewesen bin.“ Und schon 1975 hatte er der Union entgegengehalten: „Wer einmal Kommunist war, den verfolgt Ihre gesittete Gesellschaft bis zum Lebensende.“ Die Vorwürfe der Gegenseite zielten weniger auf die Mitgliedschaft als auf seine Rolle im Moskauer Exil, ein Thema, das Historiker bis heute beschäftigt. Die Mitgliedschaft selbst hat Wehner nie geleugnet, und wer ihn heute zitiert, sollte diesen Teil seiner Biografie mitnennen.
Wehners bekannteste Zitate mit Datum
| Zitat | Datum | Anlass |
|---|---|---|
| „Übelkrähe!“ | 1970 | Fragestunde, an den CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe, später im Spiegel zitiert |
| „Sportpalast! … Hier fehlt nur noch die Frage: Wollt ihr den totalen Krieg?!“ | 24. Februar 1972 | Debatte über die Ostverträge |
| „Der Kanzler badet gern lau, so in einem Schaumbad.“ | Herbst 1973 | Über Willy Brandt, während einer Reise nach Moskau geäußert |
| „Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen!“ | 13. März 1975 | Auszug der Unionsfraktion |
| „Wissen Sie, daß ich Kommunist gewesen bin.“ | 11. Mai 1976 | Haushaltsdebatte |
| „Ich war auf der Toilette.“ | 1980 | Interview über die Bekanntgabe des Ergebnisses beim Misstrauensvotum 1972; der Anlass wird in den Quellen unterschiedlich wiedergegeben |

Wie zitieren Sie Herbert Wehner korrekt?
- Nennen Sie das Datum. Bei Wehner ändert der Tag die Bedeutung, siehe Mythos 1 und 2.
- Nennen Sie den Ort: Bundestag, Interview, Parteitag. Die Plenarprotokolle sind online durchsuchbar, Seite und Sitzungsnummer inklusive.
- Kürzen Sie nicht so, dass aus einer Unterstellung eine Behauptung wird. Was Wehner sagen wollte, steht oft im Satz davor.
- Prüfen Sie den Urheber. Die Sitzung vom 13. März 1975 hat mehrere Pointen hervorgebracht, nicht alle von Wehner.
- Übernehmen Sie die Anrede. Wehner sagte selten „Herr Kollege“, meist „Herr“ plus Nachname, und das gehört zum Ton. Wer „Herr Wehner“ im Protokoll sucht, findet meist die Antwort des Angegriffenen gleich darunter.
Wer sich für die Technik hinter solchen Sätzen interessiert, findet in unseren Rhetorik Zitaten Beispiele von der Antike bis heute. Wer Wehners Grundsatz vom Ordnen der Angelegenheiten auf schwierige Zeiten anwenden will, kann bei den inspirierenden Zitaten zur Krise weiterlesen. Und für den Abend nach so viel Politik empfehlen wir etwas Leiseres, zum Beispiel das Windgedicht von Rilke.


