Fünf Monate. So kurz war die Zeit zwischen der Verordnung der französischen Militärregierung vom 1. März 1946 und dem ersten Semester einer Universität, die es seit fast 150 Jahren nicht mehr gegeben hatte. Am 22. Mai 1946 wurde in Mainz feierlich wiedereröffnet, was die napoleonische Zeit hatte auslaufen lassen. Die Generation, die das organisierte, wählte für die neue Hochschule keinen Landesfürsten und keinen Heiligen als Namenspatron, sondern einen Handwerker aus dem 15. Jahrhundert.
Die Johannes Gutenberg Universität Mainz, im Alltag kurz JGU, trägt diesen Namen seit ihrer Wiedergründung. Warum ausgerechnet er, was das mit dem Buchdruck zu tun hat und wo an der Universität heute wirklich zu Gutenberg geforscht wird: Darum geht es hier. Für Studienberatung, Bewerbungsfristen und Semesterunterlagen ist die offizielle Seite der Hochschule unter uni-mainz.de zuständig.
Warum trägt die Universität Mainz den Namen Johannes Gutenberg?
Johannes Gutenberg ist der bekannteste Mainzer der Stadtgeschichte. Er entwickelte um die Mitte des 15. Jahrhunderts das Verfahren, das Europa veränderte: bewegliche Metalllettern, gegossen im Handgießinstrument, dazu Druckerschwärze und Presse. Wer sich die technische Seite genauer ansehen möchte, findet sie in unserem Porträt über Johannes Gutenberg und seine Erfindung.
Für die Gründergeneration von 1946 war die Wahl mehr als Lokalstolz. Nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Wissenschaftspolitik und einem verlorenen Krieg brauchte die neue Hochschule ein Vorzeichen, das nicht belastet war. Gutenberg stand für eine Leistung, die von Mainz aus in die Welt gegangen war, ohne Uniform und ohne Eroberung.
In den Statuten vom Februar 1946 ist genau dieser Ton zu hören. Die Universität solle Verständnis für die geistigen Leistungen anderer Länder wecken und die Achtung zwischen den Völkern fördern. Auch das Motto der JGU gehört in diesen Zusammenhang: „Ut omnes unum sint“, auf dass alle eins seien, ein Satz aus dem Johannesevangelium.
1477 oder 1946: Wie alt ist die Universität wirklich?
Beides stimmt, und die Universität selbst führt beide Daten.
- 1476/77: Papst Sixtus IV. genehmigt 1476 die Gründung, 1477 beginnt der Lehrbetrieb. Erster Rektor ist Jakob Welder. Diese alte Mainzer Universität entsteht in der Generation nach Gutenberg, der zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahre tot war.
- Um 1798: Unter französischer Herrschaft verliert die Hochschule ihre Grundlage und wird geschlossen. Einzelne Fakultäten arbeiten noch eine Weile weiter, die letzten Promotionen fallen in die 1820er-Jahre.
- 1946: Die Wiedereröffnung, wieder auf Betreiben einer französischen Verwaltung. Raymond Schmittlein, in der Militärregierung für Kultur und Erziehung zuständig, treibt das Vorhaben voran. Rund 2.000 Studierende und etwa 100 Professorinnen und Professoren starten in das erste Semester.
Die JGU versteht sich deshalb nicht als Neugründung von 1946, sondern als Fortsetzung. Das Jubiläumsjahr „550 Jahre Universität Mainz“ rechnet konsequent ab 1477.

Warum steht im Namen nur ein Bindestrich?
Wer die Schreibweise „Johannes Gutenberg-Universität Mainz“ zum ersten Mal liest, stolpert leicht darüber. Nach den Regeln der deutschen Rechtschreibung müsste die gesamte Fügung durchgekoppelt werden: Johannes-Gutenberg-Universität. Die Hochschule schreibt sich seit der Wiedergründung aber mit nur einem Bindestrich und hält daran fest.
Es ist ein Eigenname, kein Versehen. Praktisch heißt das: In Zitaten, Literaturangaben und Bewerbungen ist die Form mit einem Bindestrich die korrekte. Suchmaschinen und Bibliothekskataloge kennen beide Varianten, weil beide seit Jahrzehnten im Umlauf sind. Wundern Sie sich also nicht, wenn Ihnen in Literaturverzeichnissen beide Schreibweisen begegnen.

Die JGU in Zahlen
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Wiedereröffnung | 22. Mai 1946 |
| Ältere Gründung | 1477 (päpstliche Genehmigung 1476) |
| Studierende | rund 30.000 |
| Herkunftsländer | etwa 120 Nationen |
| Fachbereiche | zehn |
| Besonderheit | Campusuniversität mit Universitätsmedizin sowie Musik- und Kunsthochschule |
| Zweiter Standort | Germersheim (Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft) |
Mit rund 30.000 Studenten und Studentinnen gehört die Johannes Gutenberg-Universität Mainz zu den zehn größten Universitäten Deutschlands. Der Campus hat eine eigene Geschichte: Die Universität bezog 1946 das Gelände einer ehemaligen Kaserne, weil im zerstörten Mainz kaum andere nutzbare Gebäude zur Verfügung standen. Dass fast alle Fächer bis heute auf einem zusammenhängenden Gelände liegen, ist im deutschen Hochschulwesen eher die Ausnahme. Dass eine Musikhochschule und eine Kunsthochschule organisatorisch dazugehören, ist es erst recht.
Forschung und Lehre über den Namen hinaus
Als Volluniversität deckt die JGU fast alle akademischen Fächer ab, vom Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften bis zu Chemie, Physik und Medizin. Zwei Punkte fallen im wissenschaftlichen Profil besonders auf.
Der eine ist die Teilchenphysik. Mit dem Exzellenzcluster PRISMA+ betreibt die Universität eines der großen deutschen Zentren für Präzisionsphysik und die Suche nach Physik jenseits des Standardmodells. Getragen wird der Bereich gemeinsam vom Institut für Physik, dem Institut für Kernphysik und dem Helmholtz-Institut Mainz, mit Beschleunigern und Laboren direkt auf dem Campus.
Der andere ist die Vernetzung in der Region. Seit 2015 arbeitet die JGU in der Allianz der Rhein-Main-Universitäten (RMU) mit der Goethe-Universität Frankfurt und der Technischen Universität Darmstadt zusammen. Die drei Hochschulen stimmen Forschung, Studium und Lehre ab, öffnen einander Lehrveranstaltungen und treten in der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder gemeinsam auf. Für Studierende heißt das ganz praktisch, dass sie Angebote der jeweils anderen Universitäten mitnutzen können.
Wo an der JGU zu Gutenberg geforscht wird
Der Name allein macht noch keine Gutenberg-Forschung. In Mainz gibt es sie trotzdem, und zwar an einer klar benannten Stelle: am Gutenberg-Institut im Fachbereich 05, wo die Buchwissenschaft angesiedelt ist. Das Fach gilt als eine der forschungsstärksten Einrichtungen seiner Art im deutschsprachigen Raum.
Gearbeitet wird dort an der ganzen Spanne des Mediums:
- Handschriften, Frühdruck und Inkunabelforschung,
- Verlags-, Buchhandels- und Bibliotheksgeschichte,
- Buchillustration und Einbandkunde,
- Lesegewohnheiten, Bestseller und Hörbuch,
- aktuelle Umbrüche von BookTok bis zu den Folgen künstlicher Intelligenz.
Zur Ausstattung gehören ein DTP-Studio und eine Lehrdruckerei. Studierende setzen dort von Hand, schließen die Form und drucken. Dieser Umweg über die Praxis lässt sich in einem rein theoretischen Seminar nicht ersetzen. Wer den Satzspiegel einmal selbst ausgeschossen hat, liest eine Inkunabel mit anderen Augen.
Neben dem Fach steht ein Instrument, das den Namen ebenfalls trägt: das 2007 eingerichtete Gutenberg Forschungskolleg. Es fördert einzelne herausragende Forschende und Kunstschaffende mit Fellowships und berät die Hochschulleitung in Forschungsfragen. Sein Jahresbudget von zwei Millionen Euro tragen das Land Rheinland-Pfalz und die Universität je zur Hälfte.
Den Namen trägt außerdem eine Gastprofessur. Die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur wurde im Jahr 2000 von den Freunden der Universität Mainz gestiftet, im Gedenkjahr zu Gutenbergs 600. Geburtstag. Sie geht jährlich an Persönlichkeiten, die über ihr eigenes Fach hinaus wirken, und ist im Studium generale angesiedelt. Wer sie erhält, hält im Sommersemester eine öffentliche Vortragsreihe auf dem Gutenberg-Campus. Damit unterstützt die Universität etwas, das im normalen Studienbetrieb selten geworden ist: eine Reihe, die allen offensteht und keinen Schein bringt.
Das Gutenberg-Jahrbuch, das Fachorgan der Gutenberg-Forschung
Wer international zur Druckgeschichte publiziert, kommt an einem Mainzer Titel nicht vorbei. Das Gutenberg-Jahrbuch wurde 1926 von Aloys Ruppel begründet und erscheint seither bei der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft in Mainz. Es versammelt jährlich rund 30 Fachbeiträge auf über 400 Seiten, veröffentlicht in vier europäischen Sprachen.

Die Gesellschaft dahinter ist älter als die wiedereröffnete Universität. Sie wurde am 23. Juni 1901 in Mainz gegründet, damals zur Unterstützung des Museums im Jahr der 500-Jahr-Feier für Gutenberg, und erforscht die Geschichte und Entwicklung der Drucktechnik und der schriftorientierten Medien. Heute zählt sie mehr als 1.600 Mitglieder aus 30 Nationen; Präsident ist der Oberbürgermeister der Stadt Mainz. Seit 1968 vergibt sie zudem den Gutenberg-Preis. Jahrbuch und Gesellschaft zusammen erklären, warum Mainz in der Fachwelt nicht nur als Geburtsort gilt, sondern als Arbeitsort.
Universität, Museum, Gesellschaft: das Mainzer Dreieck
Die Universität ist nicht der einzige Träger des Namens in der Stadt, und sie steht nicht für sich allein. Das Gutenberg-Museum in Mainz verwahrt die Objekte, die Gutenberg-Gesellschaft organisiert den fachlichen Austausch, die Universität bildet den Nachwuchs aus. Die drei Häuser sind personell und thematisch eng verbunden. Aloys Ruppel etwa leitete das Museum und begründete das Jahrbuch, das die Gesellschaft bis heute herausgibt.
Darüber hinaus ist der Name in Mainz Alltag. Es gibt Straßen, einen Platz, Schulen und Veranstaltungen wie den Gutenberg Marathon in Mainz, die sich auf denselben Mann beziehen. Bei der Universität ist die Verbindung allerdings mehr als Dekoration: Sie forscht in einem eigenen Institut an dem Gegenstand, den ihr Namenspatron geschaffen hat.
Vom Namen zum Text
Ein Namenspatron sagt wenig darüber aus, ob jemand sein Erbe auch bearbeitet. In Mainz geschieht das über die Buchwissenschaft, das Forschungskolleg und ein Jahrbuch, das seit 1926 erscheint. Wer Gutenbergs eigentliches Erbe nicht im Archiv sucht, sondern beim Lesen: In unserer Digitalen Bibliothek stehen die gemeinfreien Werke bereit, aus denen seine Erfindung erst eine Lesekultur gemacht hat. Kostenlos und ohne Anmeldung.

