Ein Backsteinbau am Mainzer Zollhafen, früher ein Weinlager, heute Arbeitsplätze und eine Terrasse mit Blick aufs Hafenbecken. Von innen sieht man schnell, wovon der Ort lebt: Coworking, Workshops, Veranstaltungen. Darüber steht ein Name, der sonst auf Denkmälern und Bibliotheksregalen auftaucht: Gutenberg.
Dieser Beitrag ist ein redaktionelles Porträt und keine Seite des Gutenberg Digital Hub. Wir sind ein Magazin für Bücher, Buchdruck und Mediengeschichte. Uns interessiert, warum ein Zentrum für Digitalwirtschaft sich nach einem Mann benennt, der vor rund 570 Jahren mit Blei, Ruß und einer Spindelpresse gearbeitet hat.
Ein altes Weinlager am Zollhafen
Der Hub arbeitet im Alten Weinlager in der Taunusstraße 59 bis 61 im Mainzer Zollhafen und ist dort seit Anfang 2019 in Betrieb. Zu den Räumlichkeiten gehören Coworking-Plätze, drei Workshop-Räume, eine große Eventfläche für Veranstaltungen und eine Terrasse zum Hafenbecken. Der Verein beschreibt sich selbst als Ort der Vernetzung, des Lernens und der gelebten digitalen Transformation.
Was aktuell läuft, welche Events anstehen und wie eine Mitgliedschaft als Teil des Netzwerks funktioniert, steht auf der offiziellen Seite des Gutenberg Digital Hub. Wir geben hier keine Termine, Preise oder Öffnungszeiten wieder. Stand dieser Angaben: September 2026.
Wer hinter dem Hub steht
Der Verein Gutenberg Digital Hub e. V. wurde im Dezember 2017 von einem Initiatorenkreis gegründet, zu dem die Mainzer Stadtwerke AG, die Landeshauptstadt Mainz, die VRM und ZDF digital gehörten. Später kamen weitere Institutionen dazu, darunter die IHK Rheinhessen und die Investitions- und Strukturbank ISB. Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz unterstützte den Aufbau nach eigener Darstellung mit rund 50.000 Euro für das Jahr 2018.
Das Ziel dahinter ist unspektakulär und trotzdem selten: ein Zusammenschluss aus Wirtschaft und Wissenschaft, der Anwender aus der Industrie, dem IT-Mittelstand, aus Start-ups und Hochschulen an einen Ort holt, damit sie sich überhaupt begegnen. Die Mitglieder kommen entsprechend aus ganz verschiedenen Ecken, von der Industrie bis zum Start-up mit zwei Personen. Vernetzung funktioniert erfahrungsgemäß besser, wenn beide Seiten im selben Haus sitzen. Der Austausch läuft über Events, sogenannte Digital-Labs und gemeinsame Projekte statt über Förderanträge, und am Ende sollen daraus neue Geschäftsmodelle entstehen. Gedacht ist die Fläche als Zentrum der digitalen Wirtschaft der Region, nicht als weiteres Bürohaus.

Warum ausgerechnet Gutenberg?
Hier lohnt eine ehrliche Antwort. Auf der Über-uns-Seite des Vereins steht keine ausformulierte Herleitung des Namens. Wer sie sucht, findet sie in der Stadt selbst.
Mainz vermarktet sich bereits seit dem 19. Jahrhundert als Gutenbergstadt und lebt bis heute von diesem Ruf. Der Name ist dort kein historischer Verweis, sondern eine Ortsmarke, an der sich Einrichtungen aller Art bedienen:
- Die Johannes Gutenberg-Universität trägt den Namen seit ihrer Wiedereröffnung 1946.
- Das Gutenberg-Museum am Liebfrauenplatz wurde im Jubiläumsjahr 1900 gegründet.
- Der Gutenbergplatz mit dem Denkmal von Bertel Thorvaldsen liegt mitten in der Innenstadt.
- Später kam mit dem Gutenberg Health Hub eine weitere Initiative dazu.
Ein Digitalzentrum in Mainz, das sich anders nennt, müsste diese Entscheidung erklären. So herum ist der Name die naheliegende Wahl, und er bindet die Einrichtung stärker an die Stadt als jedes Kunstwort.
Was 1450 und heute verbindet, und was nicht
Der Vergleich zwischen Buchdruck und Digitalisierung wird oft bemüht und selten sauber gezogen. Es lohnt sich, ihn einmal auseinanderzunehmen:
| Mainz um 1450 | Digitalwirtschaft heute | |
|---|---|---|
| Kern der Neuerung | Bewegliche Metalllettern, Handgießinstrument, Presse | Vernetzung, Software, Daten |
| Engpass | Kapital für Material und Werkstatt | Fachkräfte und tragfähige Anwendungsfälle |
| Finanzierung | Darlehen des Kaufmanns Johann Fust | Mitgliedsbeiträge, öffentliche Förderung, Wagniskapital |
| Erstes Ergebnis | Die 42-zeilige Bibel, um 1454 fertiggestellt | Prototypen und Pilotprojekte |
| Was neu war | Vervielfältigung ohne Abschreiben | Verbreitung ohne physisches Trägermedium |
Beide Innovationen wirken weniger über die Technik als über die Sache dahinter: In beiden Fällen wurde nicht der Inhalt erfunden, sondern die Art, ihn zu verbreiten. Gutenberg hat keine neuen Texte geschrieben. Er hat die vorhandenen aus der Skriptorienlogik geholt.
Der Unterschied ist genauso wichtig. Gutenberg arbeitete allein gegen sein finanzielles Risiko und verlor am Ende die Kontrolle über seine Werkstatt. Ein Verein mit vielen Mitgliedsfirmen und öffentlicher Anschubfinanzierung startet unter anderen Bedingungen. Wie es dem Erfinder tatsächlich erging, steht in unserem Porträt über Johannes Gutenberg und die Erfindung des Buchdrucks.

Der Name Gutenberg außerhalb von Mainz
Sobald man Mainz verlässt, wird der Name unschärfer. Grob lassen sich zwei Gruppen unterscheiden.
Die eine beruft sich bewusst auf den Erfinder. Dazu zählen Museen, Universitäten, Druckereien, Stiftungen aus Kultur und Bildung und eben ein Digital Hub in seiner Geburtsstadt. Hier ist der Bezug gewollt, dokumentiert und meist auch begründet.
Die andere trägt den Namen zufällig. Gutenberg ist als Ortsname und als Herkunftsname älter als der Buchdruck; er bedeutet schlicht „guter Berg“. Ein Beispiel aus dieser Gruppe haben wir uns bei einem Fahrzeughandel namens Gutenberg genauer angesehen. Auch die Ortschaften Gutenberg an der Nahe und Gutenberg bei Lenningen gehören dazu, ebenso die Schreibweise Guttenberg mit zwei t.
Wer den historischen Kern sucht, findet ihn in Mainz an einer Adresse, die keinen Werbenamen braucht: im Gutenberg-Museum, das Originaldrucke und rekonstruierte Werkstätten zeigt.

Was der Name leistet
Ein Name wie Gutenberg setzt eine Erwartung. Er verspricht nicht neueste Technologien an sich, sondern eine bestimmte Art von Fortschritt: etwas, das die Verbreitung von Wissen billiger und breiter macht. Daran lässt sich ein Digitalzentrum messen, und das ist deutlich mehr, als die meisten Firmennamen hergeben.
Kurz zusammengefasst:
- Der Gutenberg Digital Hub e. V. entstand im Dezember 2017 und arbeitet seit Anfang 2019 im Alten Weinlager im Mainzer Zollhafen.
- Getragen wird er von Mainzer Unternehmen, der Stadt und Medienhäusern, mit Anschubförderung des Landes. Start-ups und Industrie sitzen dort bewusst unter einem Dach.
- Der Name kommt aus der Stadt, nicht aus einer inhaltlichen Ableitung von der Drucktechnik.
- Die Sachparallele zwischen 1450 und heute liegt in der Verbreitung, nicht in der Erfindung von Inhalten.
Was aus der ersten Medienrevolution übrig geblieben ist, lässt sich direkt nachlesen. In unserer Digitalen Bibliothek stehen gemeinfreie Volltexte, die den Weg vom Handsatz bis zur Datei hinter sich haben.

