Keine andere Blume trägt ihren Auftrag im Namen. Das Vergissmeinnicht bittet, und wer es verschenkt, sagt denselben Satz mit. Deshalb sind Vergiss mich nicht Gedichte so alt wie das Stammbuch und so verbreitet wie die Trauerkarte. Und deshalb spricht das Vergissmeinnicht in fast allen Texten selbst: still, mit einem einzigen Wort. Nur: Welches Gedicht passt zu welchem Anlass? Ein Liebesgedicht auf einer Beileidskarte wirkt falsch, ein Gedicht vom Himmel auf einer Valentinskarte auch. Dieser Beitrag stellt drei gemeinfreie Gedichte gegenüber, die sich mit Autor und Jahr belegen lassen, und ordnet sie den Anlässen zu, für die sie geschrieben wurden.
Woher stammt der Name Vergissmeinnicht?
Das Wort ist ein Satzname, gebildet aus dem verneinten Imperativ von „vergessen“ und „mein“. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache belegt es seit dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Damals bezeichnete es verschiedene Pflanzen, die als Liebeszeichen galten. Auf die blaue Wiesenblume mit den kleinen hellblauen Blüten bezieht sich der Name erst seit Conrad Gesner im Jahr 1561, wie der Eintrag im DWDS zu „Vergissmeinnicht“ nachweist.
Botanisch heißt die Blume Myosotis, Mäuseohr, wegen der weichen, behaarten Blätter. Sie blüht im Frühling, vor allem im Mai, und wächst an Bachufern, auf Wiesen und in Gärten. Ihre Bedeutung als Symbol für Treue und Erinnerung hat sie in ganz Europa; in England heißt sie forget-me-not, in Frankreich myosotis oder ne m’oubliez pas.
Drei Vergissmeinnicht-Gedichte im Vergleich
| Gedicht | Autor, Jahr | Anlass | Ton | Länge |
|---|---|---|---|---|
| Vergißmeinnicht („Es blüht ein schönes Blümchen“) | Hoffmann von Fallersleben, 1835 | Liebe, Verliebtheit | zart, volksliedhaft | 2 Strophen |
| Vergißmeinnicht („So mahnt in diesem Band“) | Karl Gerok, 19. Jh. | Freundschaft, Stammbuch, Konfirmation | herzlich, fromm | 7 Zeilen |
| Vergißmeinnicht („Als der Frühling sich vom Herzen“) | Franz von Schober, 1823 | Abschied, Trauer, Erinnerung | erzählend, wehmütig | viele Strophen |
Alle drei Autoren sind länger als 70 Jahre tot, ihre Texte sind gemeinfrei und dürfen vollständig zitiert, abgedruckt und vertont werden. Was das im Einzelnen bedeutet, erklärt unsere Seite zur Gemeinfreiheit und Lizenz.
Für die Liebe: Hoffmann von Fallersleben, 1835
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der Dichter des Deutschlandlieds, schrieb 1835 das Gedicht, das später als Schullied durch ganz Deutschland ging:
> Es blüht ein schönes Blümchen
> Auf unsrer grünen Au.
> Sein Aug‘ ist wie der Himmel
> So heiter und so blau.
> Es weiß nicht viel zu reden
> Und Alles, was es spricht,
> Ist immer nur dasselbe,
> Ist nur: Vergißmeinnicht.
>
> Wenn ich zwei Äuglein sehe
> So heiter und so blau,
> So denk‘ ich an mein Blümchen
> Auf unsrer grünen Au.
> Da kann ich auch nicht reden
> Und nur mein Herze spricht,
> So bange nur, so leise,
> Und nur: Vergißmeinnicht.
Das Gedicht lebt von einer einzigen Wendung: Die Blume kann nur ein Wort sagen, und der Verliebte auch. Es eignet sich für Liebesbriefe, Verlobungen und für Karten zwischen Menschen, die sich selten sehen. Für Trauerfälle ist es zu leicht.

Für Freundschaft und Stammbuch: Karl Gerok
Der Stuttgarter Prediger und Dichter Karl Gerok (1815 bis 1890) schrieb sein „Vergißmeinnicht“ als Eintrag für ein Stammbuch, jenes Album, in dem sich Freunde mit Spruch und Gruß verewigten:
> Vergißmeinnicht! so mahnt in diesem Band
> Mit Gruß und Spruch dich manche liebe Hand;
> So schreibt auch hier ein guter Freund sich ein
> Und bittet dich: gedenk‘ in Liebe mein!
> Unsichtbar aber neigt sein Angesicht
> Dein bester Freund vom Himmel her und spricht:
> Vergiß mein nicht!
Die Wendung zum „besten Freund vom Himmel“ macht das Gedicht religiös. Es passt zu Konfirmation, Kommunion, Taufe und zum Abschied aus einer Gemeinde. In weltlichen Zusammenhängen kann man die ersten vier Zeilen allein verwenden; sie stehen für sich.
Für Abschied und Trauer: Franz von Schober, 1823
Franz von Schober, Schuberts Freund und Textdichter, schrieb im Mai 1823 ein langes Gedicht über die Entstehung der Blume, das Schubert im selben Jahr als Lied vertonte (Deutsch-Verzeichnis 792). Es beginnt mit dem Abschied des Frühlings:
> Als der Frühling sich vom Herzen
> Der erblühten Erde riß,
> Zog er noch einmal mit Schmerzen
> Durch die Welt, die er verließ.
Der Frühling lässt ein Kind zurück, das an einem Bach lebt und am Ende zum Wasser spricht. Die letzte Strophe:
> Und sie fühlt sich ganz genesen,
> Wenn sie zu dem Wasser spricht,
> Wie zu dem geahnten Wesen:
> O vergiß, vergiß mein nicht!
Das ist das Gedicht für Trauerkarten und Gedenkfeiern, weil es den Verlust nicht überspringt. Für eine Karte reicht die Schlussstrophe; wer das ganze Gedicht vortragen will, braucht mehrere Minuten und ein geduldiges Publikum. Weitere Texte für diesen Anlass finden Sie in unserer Auswahl an Gedichten zur Trauer.

Woher stammt die Legende vom Vergissmeinnicht?
Die bekannteste Sage erzählt von einem Ritter, der seiner Geliebten am Flussufer die blauen Blüten pflücken will, dabei in der Rüstung ins Wasser stürzt und ihr, bevor er versinkt, den Strauß zuwirft: „Vergiss mein nicht!“ Die Geschichte wird in verschiedenen Fassungen an der Donau und am Rhein erzählt. Einen Urheber hat sie nicht, und sie ist jünger als der Name der Blume. Wer sie auf einer Karte verwendet, sollte sie als Legende bezeichnen, nicht als Herkunft.
Eine zweite, christliche Fassung lässt die Blume bei der Namensgebung der Pflanzen im Paradies als letzte übrig bleiben; sie habe Gott gebeten, sie nicht zu vergessen. Auch diese Fassung ist Volksgut ohne Quelle.
Was bedeutet das Vergissmeinnicht als Blume?
Die Blume steht in der Blumensprache des 19. Jahrhunderts für Treue, Erinnerung und Abschied, also für alles, was über eine Trennung hinaus bestehen soll. Daraus haben sich mehrere feste Verwendungen ergeben:
- Als Grabschmuck und auf Trauerkarten, oft neben dem Efeu, dem Zeichen der Anhänglichkeit.
- In Stammbüchern und Poesiealben des 19. Jahrhunderts, meist gepresst und mit einem kurzen Vers.
- Als Erkennungszeichen deutscher Freimaurer seit 1926, in der NS-Zeit als unauffälliges Abzeichen getragen.
- Seit 2015 als Symbol des Gedenkens an den Völkermord an den Armeniern.

Welches Gedicht passt zum Abschied?
Zum Abschied im Sinn eines Umzugs, Schulwechsels oder Ruhestands passt Gerok, vor allem die ersten vier Zeilen. Zum Abschied im Sinn eines Todesfalls passt Schober. Hoffmann von Fallersleben passt zu keinem Abschied, sondern zum Anfang.
Zum Muttertag oder für die Karte an die Großeltern eignet sich Hoffmanns zweite Strophe, wenn man „Äuglein“ auf die Augen der Mutter bezieht. Das Lied stand vor dem Ersten Weltkrieg auf den preußischen Empfehlungslisten für den Schulunterricht, viele Großeltern kennen es deshalb noch auswendig. Wer für diesen Anlass weitere Texte sucht, findet sie in unserer Sammlung Gedichte für die Mutter.
Wie schreiben Sie ein eigenes Vergissmeinnicht-Gedicht?
Die drei Vorlagen zeigen, was in Gedichten über das Vergissmeinnicht funktioniert:
- Ein Bild, nicht viele. Bei Hoffmann sind es die blauen Augen, bei Schober das Wasser, bei Gerok die schreibende Hand.
- Der Name der Blume als letztes Wort. Alle drei Gedichte enden auf „Vergißmeinnicht“ oder „vergiß mein nicht“, weil der Name selbst der Wunsch ist.
- Kurz, wenn es um Liebe geht; lang, wenn es um Trauer geht.
Sterne, Ferne, Seele und still sind die Reimwörter, die in alten Stammbuchversen kaum je fehlen. Sie sind nicht verboten, aber verbraucht; ein eigenes Bild aus dem gemeinsamen Alltag wirkt stärker als jeder Stern.
Wer sich daran hält, braucht keine vier Strophen. Zwei Zeilen und die Blume reichen, und die eigene Handschrift ersetzt die fehlende Berühmtheit des Autors. Wenn Sie lieber auf Bewährtes zurückgreifen, verwenden Sie eines der drei Gedichte oben, nennen Sie Autor und Jahr, und lassen Sie die Legende vom Ritter weg. Die Blume sagt genug.

