Unter den englischen Autoren der Romantik wird kaum einer so oft zitiert und so selten gelesen wie William Blake (1757–1827), Dichter, Maler und Kupferstecher in London. Die bekanntesten William Blake Zitate stehen auf Postern, in Songtexten und in Yogastudios, meist ohne Werk, oft mit falscher Geschichte. Dieser Text nimmt sich fünf verbreitete Irrtümer vor und stellt jedem die Stelle gegenüber, an der der Satz tatsächlich steht. Die deutschen Fassungen sind unsere eigenen Übertragungen; das englische Original steht jeweils daneben.
Mythos 1: „Die Pforten der Wahrnehmung“ stammt von Huxley oder den Doors
Der Satz ist älter als beide. Er steht in „The Marriage of Heaven and Hell“ („Die Hochzeit von Himmel und Hölle“), entstanden zwischen 1790 und 1793, in einem der Abschnitte, die er „A Memorable Fancy“ nannte:
> „If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, Infinite.“
> Wären die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschienen dem Menschen alle Dinge, wie sie sind: unendlich.
> William Blake, The Marriage of Heaven and Hell, um 1790–1793
Aldous Huxley nahm die Zeile 1954 als Titel für seinen Meskalin-Bericht „The Doors of Perception“. Jim Morrison wiederum las Huxley und benannte 1965 seine Band danach. Die Reihenfolge ist also Dichter, Romancier, Band, nicht umgekehrt. Wer prüfen will, findet den gesamten Text gemeinfrei bei Project Gutenberg unter der Nummer 45315.
Mythos 2: „Eine Welt in einem Sandkorn“ ist ein kurzes Einzelgedicht
Die vier Zeilen wirken wie ein Haiku, sind aber der Anfang eines 132 Zeilen langen Gedichts. „Auguries of Innocence“ entstand um 1803 und blieb zu Lebzeiten des Autors unveröffentlicht. Erst 1863 druckte Alexander Gilchrist es aus dem sogenannten Pickering-Manuskript.
> „To see a World in a Grain of Sand / And a Heaven in a Wild Flower, / Hold Infinity in the palm of your hand / And Eternity in an hour.“
> Eine Welt in einem Sandkorn sehen / und einen Himmel in einer wilden Blume, / die Unendlichkeit in der hohlen Hand halten / und die Ewigkeit in einer Stunde.
Was danach kommt, ist weniger lieblich. Es folgen Paarreime über gequälte Tiere, Krieg und Heuchelei. Aus demselben Gedicht stammt auch dieser Zweizeiler:
> „A truth that’s told with bad intent / Beats all the lies you can invent.“
> Eine Wahrheit, mit böser Absicht gesagt, / schlägt jede Lüge, die man erfinden kann.
Wer nur die ersten vier Zeilen kennt, kennt nicht genug davon, um den Ton zu beurteilen.

Mythos 3: Blake war ein frommer Kirchendichter
Er war religiös, aber er hielt nichts von Kirchen, Priestern und Gesetzen. Die „Proverbs of Hell“ (Sprichwörter der Hölle) in der „Hochzeit von Himmel und Hölle“ sind eine Sammlung von rund 70 Sätzen, die genau das vorführen:
| Original | Übertragung |
|---|---|
| „The road of excess leads to the palace of wisdom.“ | Der Weg des Übermaßes führt zum Palast der Weisheit. |
| „Prisons are built with stones of Law, Brothels with bricks of Religion.“ | Gefängnisse baut man aus Steinen des Gesetzes, Bordelle aus Ziegeln der Religion. |
| „The tygers of wrath are wiser than the horses of instruction.“ | Die Tiger des Zorns sind weiser als die Pferde der Belehrung. |
| „A fool sees not the same tree that a wise man sees.“ | Ein Narr sieht nicht denselben Baum, den ein Weiser sieht. |
| „Eternity is in love with the productions of time.“ | Die Ewigkeit ist verliebt in die Hervorbringungen der Zeit. |
| „The weak in courage is strong in cunning.“ | Wer schwach an Mut ist, ist stark an List. |
| „Drive your cart and your plow over the bones of the dead.“ | Treibe deinen Karren und deinen Pflug über die Knochen der Toten. |
| „Energy is Eternal Delight.“ | Energie ist ewige Freude. |
Im Langgedicht „Jerusalem“ (entstanden etwa 1804 bis 1820) legt er seiner Figur Los den Satz in den Mund, der sein Programm zusammenfasst: „I must Create a System, or be enslav’d by another Man’s.“ Ich muss ein eigenes System schaffen, sonst versklavt mich das eines anderen. Das ist die Haltung eines Einzelgängers, nicht eines Kirchenmannes.
Mythos 4: „Jerusalem“ ist eine Hymne, die Blake für die Kirche schrieb
Die Zeilen „And did those feet in ancient time“, die in England bei Rugbyspielen und Hochzeiten gesungen werden, sind das Vorwort zum Gedicht „Milton“ (um 1804 bis 1810). Eine Melodie gab es dazu nicht. Die stammt von Hubert Parry, der den Text 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, vertonte. Erst dadurch wurde aus einem Vorwort ein Lied und aus dem Lied eine inoffizielle Nationalhymne. Der Autor hätte über die patriotische Karriere seiner Verse vermutlich gestaunt: Das Gedicht fordert, „Jerusalem“ in England erst noch zu bauen.
Mythos 5: Blake war zu Lebzeiten ein berühmter Dichter
Das Gegenteil trifft zu. Er war gelernter Kupferstecher und gab seine Bücher selbst heraus, mit einem Verfahren, das er Reliefradierung nannte: Text und Bild wurden gemeinsam in die Kupferplatte gearbeitet, gedruckt und dann von Hand koloriert. Das war kunstvoll und langsam. Von den „Songs of Innocence and of Experience“ (1789/1794) sind nur wenige Dutzend Exemplare bekannt; insgesamt lebte der Mann sein Leben lang von Auftragsarbeiten als Stecher.

Er starb 1827 in London, arm und weitgehend unbeachtet. Gilchrists Biografie von 1863 und die Ausgabe von Edwin Ellis und William Butler Yeats (1893) machten ihn nachträglich berühmt. Heute sind alle seine Texte gemeinfrei; was das für die Nutzung bedeutet, erklärt unsere Seite zur Gemeinfreiheit von Werken.

Die Tyger-Strophe und weitere Zitate zum Nachschlagen
Für alle, die einen Vers mit Fundstelle brauchen:
- „Tyger Tyger, burning bright, / In the forests of the night“ aus „The Tyger“, Songs of Experience, 1794. Die Schreibweise „Tyger“ ist Absicht; wer „Tiger“ schreibt, korrigiert den Dichter.
- „Great things are done when Men and Mountains meet; / This is not Done by Jostling in the Street“ (Großes geschieht, wo Menschen und Berge sich treffen; durch Drängeln auf der Straße geschieht es nicht) aus seinem Notizbuch, um 1807 bis 1809.
- „For every thing that lives is Holy“ (Denn alles, was lebt, ist heilig) aus dem Schlusschor der „Hochzeit von Himmel und Hölle“.
- „Wisdom is sold in the desolate market where none come to buy, / And in the wither’d field where the farmer plows for bread in vain“ aus dem unvollendeten Manuskript „The Four Zoas“ (um 1797). In unserer Übertragung: Weisheit wird dargeboten auf dem einsamen Markt, wo niemand kauft, und auf dem dürren Acker, wo der Landmann vergebens den Pflug für sein Brot zieht. Davor steht die Frage, was Erfahrung kostet: Kauft man sie für ein Lied oder für einen Tanz auf der Straße? Nein, schreibt er, sie kostet alles, was ein Mensch hat.
Er sah nach eigener Aussage seit seiner Kindheit Visionen: Engel in einem Baum in Peckham, Propheten, verstorbene Freunde. Zeitgenossen hielten ihn deshalb für verrückt. Wer sich für diese Seite seines Werks interessiert, findet in unseren Sprüchen über Fantasie und Traumwelten verwandte Stimmen.
Blake richtig zitieren
Drei Regeln reichen, um Zitate William Blakes sauber wiederzugeben. Nennen Sie das Werk, nicht nur den Namen; zwischen den frühen „Songs“ und „Jerusalem“ liegen dreißig Jahre und zwei sehr verschiedene Tonlagen. Kennzeichnen Sie Übersetzungen, denn eine verbindliche deutsche Ausgabe gibt es nicht, und jede Übertragung trifft andere Entscheidungen. Und lesen Sie die Umgebung des Satzes. Bei diesem Dichter steht neben fast jeder schönen Zeile eine, die wehtut.

