Fast alle Zitate Khalil Gibran, die auf Hochzeitskarten, Trauerkarten und Geburtsanzeigen stehen, stammen aus einem einzigen Titel: „Der Prophet“ von 1923. Der libanesisch-amerikanische Maler, Philosoph und Dichter hat aber mehr geschrieben, und die anderen Bände haben einen anderen Ton. Wer für einen Anlass die passenden Worte sucht, sollte deshalb zuerst wissen, woraus er zitiert. Dieser Vergleich stellt drei Werke nebeneinander, mit Original, Übertragung und Fundstelle. Die deutschen Fassungen sind unsere eigenen; sein Englisch ist bibelnah und schwer ohne Pathos zu übertragen. Die Zeilen im Original sind gemeinfrei. Auf Seiten mit dem Zitat des Tages fehlt die Fundstelle fast immer.
Drei Bände, drei Tonlagen
| Der Narr | Der Prophet | Sand und Schaum | |
|---|---|---|---|
| Jahr | 1918 | 1923 | 1926 |
| Form | Parabeln und Gedichte in Prosa | 26 Reden des Almustafa | Aphorismen, meist ein Satz |
| Ton | dunkel, ironisch | feierlich, tröstend | knapp, oft rätselhaft |
| Passt zu | Lesungen, Nachdenkliches | Hochzeit, Geburt, Trauerfeier | Karten, Widmungen, Reden |
| Typischer Satz | „In meiner Verrücktheit habe ich Freiheit und Sicherheit gefunden.“ | „Eure Kinder sind nicht eure Kinder.“ | „Erinnerung ist eine Form der Begegnung.“ |
Der mittlere der drei ist mit Abstand der bekannteste Titel. Er erschien 1923 im Verlag Alfred A. Knopf in New York und wurde in mehr als hundert Sprachen übersetzt.

Kinder, Liebe und Ehe: die Reden des Almustafa
Die Rede über die Kinder ist die meistzitierte Stelle des Hauptwerks. Sie beginnt so:
> „Your children are not your children. / They are the sons and daughters of Life’s longing for itself.“
> Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
> Khalil Gibran, Der Prophet, „Von den Kindern“, 1923
Weiter heißt es dort: „For their souls dwell in the house of tomorrow, which you cannot visit, not even in your dreams.“ Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen. Der Satz taugt für Geburtsanzeigen und Taufkarten, weil er Eltern etwas zumutet, ohne sie zu belehren. Wer weitere Texte für diesen Anlass sucht, findet sie in unseren Zitaten über Kinderglück und Familie.
Almustafa sagt: „Love gives naught but itself and takes naught but from itself.“ Die Liebe gibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst. Kurz davor heißt es: „When love beckons to you, follow him, though his ways are hard and steep. And when his wings enfold you yield to him.“ Wenn die Liebe euch ruft, folgt ihr, auch wenn ihre Wege hart und steil sind; und wenn ihre Flügel euch umfangen, gebt euch ihr hin. In der Rede über die Ehe steht der Satz, der auf so vielen Hochzeitskarten steht: „Let there be spaces in your togetherness, and let the winds of the heavens dance between you.“ Lasst Räume in eurem Beisammensein, und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen. Ein paar Zeilen weiter: „Fill each other’s cup but drink not from one cup.“ Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.

Ebenfalls aus dem Hauptwerk, aber seltener mit Kapitel zitiert: „Love knows not its own depth until the hour of separation.“ Die Liebe kennt ihre eigene Tiefe nicht bis zur Stunde der Trennung. Der Satz steht in derselben Rede über die Ehe und wird deshalb häufig falsch als Trauerzitat eingeordnet. Er passt auch dorthin, aber geschrieben wurde er über das Zusammenleben zweier Menschen.
Arbeit, Leid und Abschied
Auf fast jeder Seite des Hauptwerks steht ein Satz, der als Kartentext taugt. Drei, die seltener genommen werden, aber tragende Stellen sind:
- Über die Arbeit: „Work is love made visible.“ Arbeit ist sichtbar gewordene Liebe. Wer für Sport oder Beruf noch nüchternere Sätze braucht, findet sie in unseren Training Zitaten mit Quelle.
- Über Freude und Leid: „When you are sorrowful look again in your heart, and you shall see that in truth you are weeping for that which has been your delight.“ Wenn ihr traurig seid, schaut noch einmal in euer Herz, und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit um das weint, was eure Freude war. Für Menschen in Trauer ist das der Satz, der am meisten aushält.
- Über den Schmerz: „Your pain is the breaking of the shell that encloses your understanding.“ Euer Schmerz ist das Aufbrechen der Schale, die euer Verstehen umschließt.
Die Rede über den Tod endet mit der Frage: „For what is it to die but to stand naked in the wind and to melt into the sun?“ Denn was heißt sterben anderes, als nackt im Wind zu stehen und in die Sonne zu schmelzen? Für Trauerfeiern ist das die tragfähigste Stelle, weil sie nicht vertröstet. Weitere Texte für diesen Anlass haben wir in den Gedichten für Trauerfeiern gesammelt.
Das vollständige englische Original liegt gemeinfrei bei Project Gutenberg unter der Nummer 58585. Deutsche Übersetzungen sind dagegen meist noch geschützt, weil die Übersetzer später starben als Gibran.
Sand und Schaum: Sätze für Karten
Der Band von 1926 besteht aus mehreren hundert Einzelsätzen; die starken Sätze darin sind die kürzesten. Einer der bekanntesten: „Trees are poems that the earth writes upon the sky.“ Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt. Zwei weitere stehen direkt hintereinander und ergeben zusammen ein Programm:
> „Remembrance is a form of meeting. / Forgetfulness is a form of freedom.“
> Erinnerung ist eine Form der Begegnung. Vergessen ist eine Form der Freiheit.
> Khalil Gibran, Sand und Schaum, 1926
Der erste Satz passt auf Karten zum Jahrestag eines Verlusts, der zweite auf Karten zu einem Neuanfang. Aus demselben Band stammt der Kommentar des Autors zu seinen Worten: „Half of what I say is meaningless; but I say it so that the other half may reach you.“ Die Hälfte dessen, was ich sage, ist bedeutungslos; aber ich sage es, damit die andere Hälfte euch erreicht. Wer noch mehr Gedanken über das Erinnern sucht, findet sie in unserer Sammlung belegter Zitate über das Erinnern.
Der Narr: der frühe Gibran
„Der Narr“ von 1918 war der erste englische Titel des Autors. Die Parabel am Anfang erzählt, wie einem Mann seine Masken gestohlen werden und er zum ersten Mal ohne Maske durch die Straßen läuft. Am Ende sagt er, er habe in seiner Verrücktheit beides gefunden, Freiheit und Sicherheit: die Freiheit der Einsamkeit und die Sicherheit davor, verstanden zu werden. Das ist ein anderer Ton als in den Reden des Almustafa, härter und weniger tröstlich. Für Lesungen und für Leser, die den Trost des Hauptwerks satt haben, ist der frühe Band der interessantere. Wer die Menschen fragt, die ihn zitieren, trifft meist nur auf die Trostseite. Dabei kommen seine Bilder aus den Bergen von Bscharre: Zedern, Blumen, Frühling und Winter, Licht und Augen tauchen in fast jedem Text auf.

Wer war Khalil Gibran?
- 1883: geboren am 6. Januar in Bscharre im Norden des Libanon, damals Teil des Osmanischen Reichs.
- 1895: Auswanderung mit Mutter und Geschwistern nach Boston.
- 1904: erste Ausstellung seiner Zeichnungen in Boston; er verstand sich zeitlebens auch als Maler.
- 1912: Umzug nach New York, wo er bis zu seinem Tod lebte.
- 1918: „Der Narr“, der erste Titel auf Englisch, nach mehreren arabischen Werken.
- 1923: das Hauptwerk, gedacht als erster Teil eines größeren Zyklus.
- 1926: „Sand und Schaum“; 1928: „Jesus, der Menschensohn“.
- 1931: gestorben am 10. April in New York, beigesetzt in Bscharre. Die Fortsetzung „Der Garten des Propheten“ erschien 1933 aus dem Nachlass.
Er schrieb in zwei Sprachen. Die arabischen Frühwerke sind hierzulande kaum bekannt; die englischen Titel sind es umso mehr, und mit der Zeit haben sie die Erinnerung an den arabischen Schriftsteller fast verdrängt.
Zwei Sätze, die nicht von Gibran sind
- „Aus dem Leiden sind die stärksten Seelen hervorgegangen“ stammt von dem amerikanischen Prediger Edwin Hubbell Chapin (1814–1880), nicht von Gibran.
- „Reise und erzähle niemandem davon“ kursiert in sozialen Medien unter seinem Namen. Eine Fundstelle in seinen Werken gibt es nicht.
Empfehlung
Für Hochzeit, Geburt und Trauerfeier bleibt „Der Prophet“ die richtige Wahl; die Reden über Kinder, Ehe und Abschied sind dafür geschrieben und gehen den meisten Menschen zu Herzen. Für Karten und Widmungen ist der Band von 1926 ergiebiger, weil ein Satz genügt. Wer Khalil Gibran Zitate nicht nur nachschlagen, sondern den Dichter kennenlernen will, sollte mit dem „Narren“ beginnen. Er erklärt, warum der spätere Trost so ruhig klingt.

