Ein Sommergast an Grönlands Südspitze langweilt sich, angelt lustlos und geht am Strand von Kap Farvel spazieren. Zwischen den Steinen liegt eine Thermosflasche. Darin steckt ein eng beschriebenes Manuskript, und dieses Manuskript ist der ganze Roman. So beginnt „The Land That Time Forgot“ von Edgar Rice Burroughs, der erste von drei Teilen über ein antarktisches Land namens Caspak. Der Kunstgriff mit der Flaschenpost ist alt. Der Autor setzt ihn ein, um eine Geschichte zu erzählen, die kein Beteiligter selbst in die Welt zurückbringen konnte.
Ein Fortsetzungsroman aus dem Kriegsjahr 1918
Burroughs (1875–1950) war zu dieser Zeit längst berühmt: „Tarzan of the Apes“ lag seit 1912 vor, die Mars-Romane um John Carter ebenfalls. Die Caspak-Geschichte schrieb er unter dem Arbeitstitel „The Lost U-Boat“ und verkaufte sie an das „Blue Book Magazine“, das sie 1918 in drei Folgen brachte: im August, im Oktober und im Dezember. Jede Folge trug einen eigenen Titel und wurde von einem anderen Mann erzählt. Zusammen ergeben sie eine einzige, fortlaufende Handlung.
Erst im Juni 1924 fasste der Chicagoer Verlag A. C. McClurg alle drei Teile zu einem Buch zusammen, unter dem Titel des ersten Teils. Seit den Taschenbuchausgaben von Ace Books in den 1960er Jahren erscheinen die drei Folgen meist wieder getrennt, was die Sache für Leser verwirrend macht: „The Land That Time Forgot“ bezeichnet je nach Ausgabe entweder den Auftakt oder die ganze Trilogie.
Vom Ärmelkanal in eine Bucht voller Saurier
Der Ich-Erzähler heißt Bowen J. Tyler jr., stammt aus Santa Monica und ist Juniorpartner in der Schiffswerft seines Vaters, die unter anderem U-Boote baut. Am 3. Juni 1916 wird sein Passagierschiff im Ärmelkanal torpediert. Bowen rettet sich, dazu den Airedale-Terrier Nobs und eine junge Frau, Lys La Rue. Ein englischer Schlepper nimmt die Schiffbrüchigen auf, rammt später das deutsche U-Boot und wird dabei selbst versenkt; die Überlebenden entern das auftauchende Boot und nehmen die Besatzung samt ihrem Kommandanten Baron Friedrich von Schoenvorts gefangen.
Was folgt, ist ein Machtspiel auf engem Raum. Jemand manipuliert den Kompass, das Boot treibt nach Süden, Vorräte und Öl gehen zur Neige. Vor einer Insel mit senkrechten Klippen entdeckt die Besatzung eine Süßwasserströmung, die aus dem Fels tritt. Das U-Boot fährt in den unterirdischen Tunnel hinein und taucht in einem warmen Binnenmeer wieder auf, über dem Flugsaurier kreisen.
Die Insel heißt auf den Karten Caprona, nach einem italienischen Seefahrer, der sie um 1721 gesichtet und dann keinen Glauben gefunden haben soll. Ihre Bewohner nennen sie Caspak.
Dinosaurier grasen am Ufer, Raubsaurier jagen im Schilf, und über allem hängt eine feuchte Wärme, die Tyler an das Erdmittelalter denken lässt. Sechs Jahre zuvor hatte Arthur Conan Doyle mit „The Lost World“ (1912) ein südamerikanisches Hochplateau voller Dinosaurier erfunden. Burroughs kannte das Muster und verschob es an den Südpol.

Fort Dinosaur und die Ordnung der Stufen
Gefangene und Bewacher schließen einen Waffenstillstand aus Notwendigkeit. Sie bauen am Ufer eine Palisade, taufen sie Fort Dinosaur, jagen, finden Öl und beginnen, die Umgebung zu vermessen. Dabei fällt ihnen eine Regelmäßigkeit auf, die den eigentlichen Einfall des Romans ausmacht: Je weiter man nach Norden kommt, desto höher entwickelt sind die Menschen, denen man begegnet.
Ein gefangener Neandertaler namens Ahm nennt den Namen Caspak und lernt genug Englisch, um Andeutungen zu machen. Er sagt, er werde bald ein Galu sein. Was das heißt, versteht an Bord niemand.
| Stufe | Bezeichnung im Roman | Kennzeichen |
|---|---|---|
| 1 | Ho-lu | Affenartige Wesen |
| 2 | Alu | Ohne Sprache |
| 3 | Bo-lu | Keulenmenschen |
| 4 | Sto-lu | Beilmenschen |
| 5 | Band-lu | Speermenschen |
| 6 | Kro-lu | Bogenmenschen |
| 7 | Galu | Höchste Stufe, im Roman „das goldene Volk“ |

Der Gedanke dahinter ist so schlicht wie wirkungsvoll: Was in der übrigen Welt Millionen Jahre und unzählige Generationen braucht, durchläuft auf Caspak jedes einzelne Wesen im eigenen Leben. Ein Bo-lu wird nicht als Vorfahre eines Sto-lu geboren, er wird selbst zum Sto-lu. Der Erzähler bemerkt nur Einzelheiten: die warmen Tümpel neben jeder Siedlung, das auffällige Fehlen von Kindern, die Formel cor-sva-jo, „von Anfang an“. Die Auflösung hebt er sich für die Fortsetzungen auf.
Was der erste Band offen lässt
Das Ende ist alles andere als ein Abschluss. Eine Erkundungsgruppe unter dem Engländer Bradley kehrt nicht zurück. Die Gefangenen bringen das U-Boot wieder in ihre Gewalt und verschwinden damit. Lys wird von einem Beilmenschen verschleppt; Bowen findet sie erst Wochen später wieder und erschlägt ihren Verfolger. Am Schluss sitzen die beiden auf einem Felsvorsprung, halten sich für verloren und vertrauen ihr Manuskript dem Meer an.
Wer wissen will, wie es weitergeht, braucht die beiden Nachfolger. In [The People That Time Forgot](/etext/552/) bricht eine Rettungsexpedition aus Kalifornien auf, geführt von Tyler-Angestellten und erzählt vom Ingenieur Tom Billings. In [Out of Time’s Abyss](/etext/553/) klärt sich, was aus Bradley wurde. Erst dort erfährt der Leser auch, wie die Fortpflanzung auf Caspak tatsächlich funktioniert. Die drei Bände in dieser Reihenfolge zu lesen, ist keine Empfehlung, sondern notwendig.
Ausgaben, Übersetzungen und Filme
Übersetzungen gibt es, leicht zu finden sind sie nicht. Christoph Weber übersetzte alle drei Teile für den Kranichborn-Verlag (1997); dieselbe Übersetzung erschien im Jahr 2000 bei Blitz. Die Titel lauten dort „Das vergessene Land“, „Im vergessenen Land“ und „Flucht aus dem vergessenen Land“. Antiquarisch tauchen beide Reihen regelmäßig auf, im Buchhandel liegen sie nicht mehr.
Bekannter als die Bücher ist hierzulande die Verfilmung: „Caprona – Das vergessene Land“ (1975) der britischen Amicus Productions, Regie Kevin Connor, mit Doug McClure. 1977 folgte „Caprona – Die Rückkehr der Dinosaurier“ nach dem zweiten Teil. Beide Filme kürzen die Vorlage stark und lassen das Evolutionssystem weitgehend weg, was ihnen die eigentliche Pointe nimmt.

Lohnt sich die Lektüre?
Ein paar nüchterne Hinweise, bevor Sie anfangen:
- Das Original ist unkompliziertes Pulp-Englisch. Wer Schulenglisch mitbringt, kommt gut durch.
- Gut 35.000 Wörter, also eher ein langer Kurzroman als ein Wälzer. An einem Wochenende zu schaffen.
- Figurenpsychologie sollten Sie nicht erwarten. Eine originelle Weltidee und hohes Erzähltempo dagegen schon.
- Der Text stammt aus dem letzten Kriegsjahr. Die Deutschen sind pauschal die Bösewichte, und über sogenannte niedere Rassen wird in einem Ton geredet, der heute zu Recht anstößt.
- Die Reihenfolge ist verbindlich: erst dieser Teil, dann die beiden Fortsetzungen. Sammelbände unter dem Titel des Auftakts enthalten alle drei.
Interessant bleibt der Roman vor allem als Denkfigur. Burroughs nimmt die populäre Rekapitulationslehre seiner Zeit, nach der jedes Individuum die Entwicklung seiner Art durchlaufe, beim Wort und baut daraus eine ganze Insel. Die Welt hinter den Klippen ist keine bloße Kulisse, sondern ein Gedankenmodell mit eigenen Regeln. Lange vor den großen Dinosaurier-Filmen steht hier schon das Muster, das Kino und Comic später ausgeschlachtet haben.
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