Ein Roman, dem sein Autor eine vollständige Spielanleitung anhängt, ist selten. „The Chessmen of Mars“ von Edgar Rice Burroughs tut genau das: Im Anhang stehen Brett, Figuren, Zugregeln und Siegbedingungen des Marsspiels Jetan, so ausführlich, dass Leser es nachbauen und spielen können. Viele haben das getan. Der fünfte Band der Mars-Reihe hat damit nebenbei eine spielbare Schachvariante in die Welt gesetzt, die bis heute Anhänger findet.
Wo steht der Roman in der Mars-Reihe?
Burroughs schrieb das Manuskript zwischen Januar und November 1921. Das „Argosy All-Story Weekly“ brachte die Geschichte 1922 in sechs Folgen, vom 18. Februar bis zum 25. März; im November desselben Jahres erschien bei A. C. McClurg in Chicago die Buchausgabe. Damit ist der Roman der fünfte Band des Zyklus, nach „A Princess of Mars“ (1912), „The Gods of Mars“ (1913), „The Warlord of Mars“ (1914) und „Thuvia, Maid of Mars“ (1916).
Bemerkenswert ist der Rollenwechsel. John Carter, in den ersten drei Bänden Ich-Erzähler und Held, tritt hier nur in der Rahmenhandlung auf: Er besucht seinen irdischen Neffen und erzählt ihm, was seiner Tochter auf Barsoom zugestoßen ist, wie die Bewohner ihren Planeten nennen. Die eigentliche Hauptfigur ist Tara von Helium, Tochter von John Carter und Dejah Thoris. Schon der vorige Band hatte den Erzählstab an die nächste Generation weitergereicht; hier wird daraus Programm. Der Zyklus gilt als Gründungstext der Planetary Romance, eines frühen Zweigs der Science-Fiction. Burroughs schrieb ihn parallel zu seiner zweiten großen Serie, die mit [Tarzan bei den Affen](/etext/78/) begann.
Wie gerät Tara nach Bantoom?
Der Auftakt spielt am Hof von Helium. Tara ist Djor Kantos versprochen, einer Vernunftverbindung, die niemanden begeistert. Als Gahan, der Jed von Gathol, ihr in aller Form seine Liebe erklärt, weist sie ihn ab: zu geschmückt, zu selbstsicher, ein Höfling in Juwelen. Am nächsten Tag steigt sie allein in ihren Flieger, gerät in einen Sturm und wird weit über unbekanntes Gebiet getrieben.
Was sie bei der Notlandung vorfindet, ist ein Tal namens Bantoom mit gepflegten Feldern, Türmen aus rotem Sandstein. Und mit Bewohnern, deren Anblick sie an Tote denken lässt. Es ist der Punkt, an dem der Roman aus dem Abenteuer ins Groteske kippt.
Was sind Kaldanen und Rykors?
Der Einfall gehört zu den seltsamsten, die Burroughs je hatte. Die Kaldanen von Bantoom sind kaum mehr als ein Kopf: ein Gehirn mit Augen, das sich auf kurzen Krabbenbeinen fortbewegt. Zum Handeln setzen sie sich auf die Schultern eines Rykors, eines gezüchteten kopflosen Körpers, den sie über ein Nervenbündel am Halsstumpf steuern. Vollkommene Vernunft auf einem geliehenen Leib.
Die Kaldanen halten sich für die Krone der Entwicklung. Ihr Anführer Luud lässt Tara als Studienobjekt einsperren, mit der Absicht, sie später zu verzehren. Ausgerechnet ihr Gesang bringt die Ordnung ins Wanken: Ghek, ein Wächter, hört zum ersten Mal Musik, entwickelt so etwas wie Gefühl und verrät seine Art. Er wird der dritte im Bunde, als Gahan die Gefangene aufspürt, unerkannt und unter dem Decknamen Turan, angeblich ein einfacher Panthan.

Wie funktioniert Jetan, das Schach von Barsoom?
Die drei Flüchtenden geraten nach Manator, eine abgeschottete Stadt ohne Flotte und ohne Feuerwaffen, die von Karawanenüberfällen lebt und Gefangene nie wieder gehen lässt. Dort ist Jetan mehr als ein Brettspiel. Im Englischen heißt es meist schlicht Martian Chess, das Schach von Barsoom. Bei den Spielen des Jeddaks stehen lebende Krieger auf den Feldern, und wer ein Feld erobern will, muss den Gegner darauf im Zweikampf töten.
Gespielt wird auf hundert abwechselnd schwarzen und orangefarbenen Feldern, zehn mal zehn, mit zwanzig Figuren je Partei:
| Figur | Anzahl | Zug |
|---|---|---|
| Panthan (Söldner) | 8 | 1 Feld vorwärts, seitwärts oder diagonal, nie rückwärts |
| Thoat (berittener Krieger) | 2 | 2 Felder, eines gerade und eines diagonal |
| Warrior (Krieger) | 2 | 2 Felder gerade |
| Padwar (Leutnant) | 2 | 2 Felder diagonal |
| Dwar (Hauptmann) | 2 | 3 Felder gerade |
| Flier (Flieger) | 2 | 3 Felder diagonal, darf überspringen |
| Chief (Anführer) | 1 | 3 Felder gerade oder diagonal |
| Princess (Prinzessin) | 1 | wie der Chief, darf überspringen |

Wer Schach spielt, findet sich rasch zurecht. Das Brett ist größer, die Figuren ziehen anders, die Grundidee bleibt: Der Chief entspricht ungefähr dem König, die Princess ist eine Figur, die man schützen muss und selbst nie einsetzen kann. Spieler, die eine Partie versuchen wollen, brauchen nichts weiter als den Anhang des Romans.
Zwei Regeln machen die Partie im Roman erst spannend. Die Prinzessin darf einmal im Spiel zehn Felder weit fliehen, im Original „the escape“, sie schlägt aber nie selbst. Und gewonnen ist die Partie, sobald eine beliebige Figur auf dem Feld der gegnerischen Prinzessin steht oder ein Chief den anderen schlägt. Burroughs veröffentlichte die Regeln, nachdem ihm Elston B. Sweet, ein Häftling im Gefängnis von Leavenworth, geschrieben hatte: Der Mann hatte aus dem Fortsetzungsroman heraus das erste Jetan-Spiel gebaut, mit vierzig geschnitzten Figuren.
Was geschieht in Manator?
O-Tar, der Jeddak von Manator, will Tara in sein Frauenhaus zwingen; sie weigert sich, auch als es sie das Leben kosten kann. Im Kerker trifft Gahan auf A-Kor, einen Sohn O-Tars von einer Sklavin aus Gathol, der wegen offener Kritik eingesperrt wurde. Als über Tara eine Jetan-Partie entscheiden soll, meldet sich Gahan als Chief der schwarzen Partei und besetzt seine Figuren mit Gatholiern, also mit Landsleuten, die für ihn kämpfen.

Der Roman lässt die Partie Zug für Zug ablaufen, mit Namen, Feldern und Verlusten. Sie geht gut aus, doch O-Tar hält sich nicht an das Ergebnis. Es folgen die Kammer des grausamen O-Mai, in der der Jeddak vor Angst versagt und sein Gesicht verliert, der Aufmarsch U-Thors von Manatos vor der Stadt, O-Tars Selbstmord und ein Friedensschluss unter A-Kor. Erst am Ende gibt sich Turan als Gahan von Gathol zu erkennen.
Welche deutschen Ausgaben gibt es?
Der Mars-Zyklus ist in Deutschland lange unvollständig geblieben, und der fünfte Band gehört zu den selteneren Titeln:
- Der Kranichborn-Verlag brachte 1997 „Die Schachfiguren des Mars“ als Teil seiner Werkausgabe. Diese Bände gibt es nur noch antiquarisch.
- Der Apex-Verlag legte den Roman ab 2019 in einer Neuübersetzung von Gabriele C. Woiwode vor, als E-Book und als Taschenbuch. Damit war der Titel nach über zwanzig Jahren wieder auf Deutsch zu haben.
- Die älteren Reihen von Dieck (ab 1925) und Williams (1970er Jahre) kamen über die ersten Bände nicht hinaus und enthalten den fünften nicht.
Wer das Original liest, merkt schnell, warum Übersetzungen sich schwertun: Burroughs erfindet Titel, Maße und Anreden am laufenden Band, und Jetan bringt einen kompletten Fachwortschatz mit.
Für wen lohnt sich der Roman?
- Wer die Reihe schon kennt, ist hier richtig. Band 5 setzt Helium, Thoats und Jeddaks als bekannt voraus; Neueinsteiger beginnen besser beim ersten Roman.
- Wer Brettspiele mag, bekommt mit dem Anhang eine ernstgemeinte Anleitung. Martian Chess wird bis heute nachgebaut, als Holzspiel wie als Programm.
- Wer Sinn fürs Groteske hat, findet in den Kaldanen und Rykors die seltsamste Erfindung des ganzen Zyklus.
- Wer es eilig hat, wird sich schwertun. Die Jetan-Partie nimmt breiten Raum ein und bremst das Erzähltempo.
Fragwürdig bleibt manches: Die Frauenfiguren sind mutiger als in den frühen Bänden, das Rollenbild dahinter ist trotzdem das von 1922. Man liest den Text als Zeitdokument mit, nicht gegen den Strich. Wer über John Carter und den Planeten Barsoom hinaus weiterlesen will, findet in der Reihe noch sechs weitere Bände; wie hart Burroughs außerhalb seiner Serienwelten schreiben konnte, zeigt der Boxerroman [The Mucker](/etext/331/).
Der englische Text ist gemeinfrei und vollständig verfügbar, als EPUB, Kindle-Datei oder HTML: Volltext im Project Gutenberg. Was Gemeinfreiheit im Einzelnen bedeutet, erklärt unsere Seite zur [Lizenz des Project Gutenberg](/license/); weitere vorgestellte Titel stehen in der [Digitalen Bibliothek](/etext/).
