Zimmermann Sprüche sind keine Kalendersprüche, sondern Reden mit festem Ablauf. Der wichtigste davon ist der Richtspruch: Er wird vom Dachstuhl aus gehalten, wenn der Rohbau steht, und folgt seit dem Mittelalter demselben Muster. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) führt „Zimmermannsspruch“ schlicht als Synonym für Richtspruch. Wer einen halten oder schreiben soll, braucht deshalb weniger Eingebung als ein Gerüst. Das Gerüst hat fünf Teile, und die stehen hier der Reihe nach, mit belegten Versen und einem gekennzeichneten Beispieltext am Ende.
Was ein Richtspruch ist und wer ihn hält
Das Richtfest wird seit dem 14. Jahrhundert gefeiert, ursprünglich als Dank an die Nachbarn, die beim Aufrichten des Dachstuhls geholfen hatten. Je nach Region heißt es Hebauf, Bauheben, Aufrichte oder, in Österreich, Gleichenfeier. Der Ablauf ist überall ähnlich: Die Zimmerer befestigen den Richtkranz oder das Richtbäumchen am First, der Zimmerer oder Polier hält vom Dach aus den Richtspruch, trinkt auf das Haus und wirft das Glas herunter. Zerspringt es, gilt das als Glück. Danach schlägt der Bauherr den letzten Nagel ein, und alle gehen zum Richtschmaus.
Die Rede hält traditionell derjenige, der den Dachstuhl abgebunden hat, also der Zimmerer. Bei größeren Bauten übernimmt der Polier oder der Bauleiter. Der Bauherr spricht nicht; er hört zu und zahlt das Essen.
Schritt 1: Die Anrede mit „Mit Gunst und Verlaub!“
Jeder Richtspruch beginnt mit dieser Formel. Sie stammt aus der Zunftsprache des deutschen Handwerks und heißt sinngemäß: mit Ihrer Erlaubnis. Wandergesellen benutzen dieselben Worte, wenn sie in einer fremden Werkstatt um Arbeit oder ein Nachtlager bitten. Nach der Formel folgt die Nennung der Anwesenden: Bauherr, Bauherrin, Architekt, Nachbarn, Gewerke. Wer hier jemanden vergisst, hört es beim Richtschmaus.
Schritt 2: Der Dank
Der zweite Teil dankt denen, die gebaut haben: den Maurern für das Fundament, den Zimmerern für das Gebälk, dem Planer für die Zeichnung, dem Bauherrn für Vertrauen und Verpflegung. Traditionell wird auch Gott gedankt, dass kein Unfall geschehen ist. Ein Vers aus einem überlieferten Richtspruch, der diesen Teil abschließt, lautet:
> „Glück soll sein in diesem Haus! / Die Eintracht fliehe nie daraus!“
> überlieferter Richtspruch, Verfasser unbekannt
Solche Zeilen sind anonymes Zunftgut. Sie dürfen frei verwendet werden, aber man sollte sie nicht einem bestimmten Zimmermeister zuschreiben.

Schritt 3: Der Segen für das Haus
Jetzt kommt der Kern: der Wunsch, dass das Haus vor Feuer, Sturm und Streit bewahrt bleibe und seine Bewohner gesund. Das ist der älteste Teil der Rede. Das Richtfest sollte den Neubau nach altem Glauben vor Blitz und Unglück schützen, und der Segen ist der Rest davon. Wer keinen religiösen Bezug möchte, ersetzt Gott durch das Handwerk selbst: Der Dachstuhl steht, weil jeder Balken richtig abgebunden wurde.
Ein literarischer Vers passt an diese Stelle wie kein anderer, weil er das Handwerk und die Selbstständigkeit des Hausherrn zugleich lobt:
> „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.“
> Friedrich Schiller, Wilhelm Tell, III. Aufzug, 1. Szene, 1804
Tell sagt den Satz beim Ausbessern seines Hoftores. Auf dem Dachstuhl liest man ihn mit einem Augenzwinkern vor, denn ohne Zimmermann stünde das Haus nicht.
Schritt 4: Der Humor
Kein Richtspruch ohne Seitenhieb. Klassisch geht er an den Architekten (der die Pläne dreimal geändert hat), an den Bauherrn (der beim Ausschachten selbst mit anfasste und dabei im Weg stand) oder an die Maurer (die den Zimmerern angeblich das Bier weggetrunken haben). Der Ton bleibt freundlich; niemand soll beim Essen beleidigt sein.
Wer eine Vorlage für die Pointe sucht, wird bei Wilhelm Busch fündig. Sein Zweizeiler über den Beschluss, dass der Mensch was lernen muss, funktioniert auch auf dem Dach. Mehr davon steht in unseren Lebensweisheiten von Wilhelm Busch.
Schritt 5: Der Trunk und das Glas
Der Schluss ist ein Trinkspruch. Der Zimmerer hebt das Glas auf den Bauherrn, auf die Handwerker und auf das Haus, leert es und wirft es vom Dach. Danach folgen die zwei praktischen Handlungen: der letzte Nagel durch den Bauherrn und der Weg zum Richtschmaus. Ein historischer Beleg, wie kurz der Kern sein kann, ist im DWDS dokumentiert: Zum Richtfest des Münchner Gärtnerplatztheaters lautete er 1865 „Dem Volk zur Lust und zum Gedeihen“.

Belegte Zitate rund um das Zimmerhandwerk
Für Gesellenbriefe, Meisterfeiern und Jubiläen taugen auch Sätze aus der Literatur, sofern sie eine Fundstelle haben:
| Zitat | Autor | Quelle |
|---|---|---|
| „Früh übt sich, was ein Meister werden will.“ | Friedrich Schiller | Wilhelm Tell, III, 1, 1804 |
| „Von der Stirne heiß / Rinnen muß der Schweiß, / Soll das Werk den Meister loben.“ | Friedrich Schiller | Das Lied von der Glocke, 1799 |
| „Arbeit ist sichtbar gewordene Liebe.“ (Original: „Work is love made visible.“, Übertragung von uns) | Khalil Gibran | Der Prophet, 1923 |
| „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria?“ | Markus-Evangelium 6,3 | Neues Testament |
Der Gibran-Satz eignet sich für Meisterbriefe; wer mehr von ihm lesen will, findet unsere Auswahl der Zitate Khalil Gibran nach Anlass sortiert. Schillers „Früh übt sich“ ist der Klassiker für Lehrlinge, und zum Thema Üben passt er neben unsere Training Zitate mit Quelle.
Sprüche für Walz und Gesellenbrief
Zimmerer, die nach der Gesellenprüfung auf die Walz gehen, sind an feste Regeln gebunden: mindestens drei Jahre und einen Tag unterwegs, ledig, kinderlos, schuldenfrei, unter 30 Jahre alt, und ein Bannkreis von meist 50 Kilometern um den Heimatort, der auch an Feiertagen nicht betreten wird. Rund 500 Wandergesellen sind derzeit unterwegs, so die Zahl von Holzbau Deutschland, dem Bund Deutscher Zimmermeister.

Für die Verabschiedung eines Gesellen oder die Übergabe des Gesellenbriefs reicht ein kurzer Vers. Ein Beispiel, das wir selbst formuliert haben und das frei verwendet werden darf:
> Drei Jahre und ein Tag, so will’s der Brauch, / mit Stenz und Kluft, und ohne Heimweh auch. / Was du dort lernst, bringst du nach Haus zurück: / ein festes Dach, ein grader Balken, Glück.
> Beispieltext der Redaktion, kein überlieferter Spruch
Prüfliste für den Tag
- Anrede mit „Mit Gunst und Verlaub!“, dann alle Beteiligten beim Namen nennen.
- Dank an Bauherr, Planer und jedes Gewerk.
- Segen oder Wunsch für Haus und Bewohner.
- Eine Pointe, nicht drei.
- Glas heben, leeren, werfen. Nagel für den Bauherrn bereitlegen.
- Länge: drei bis fünf Minuten. Länger hört auf dem Bauplatz niemand zu.
Wer die Rede schreibt, sollte sie einmal laut auf einer Leiter üben. Was dort stockt, stockt auch auf dem Dach.

