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    Startseite » Digitale Bibliothek » Bunbury (Oscar Wilde): Ernst sein ist alles erklärt
    Salon eines viktorianischen Londoner Stadthauses mit Teetisch und zwei jungen Gentlemen im Gespräch, Szenerie zu Oscar Wildes Komödie Bunbury oder Ernst sein ist alles

    Bunbury (Oscar Wilde): Ernst sein ist alles erklärt

    Der Originaltitel dieser Komödie ist ein Witz, den keine deutsche Fassung ganz einlösen kann. „The Importance of Being Earnest“ meint zwei Dinge auf einmal: die Wichtigkeit, aufrichtig zu sein, und die Wichtigkeit, Ernest zu heißen. Im Englischen klingen das Adjektiv *earnest* und der Vorname *Ernest* gleich. Das Deutsche kommt mit „Ernst“ und „ernst“ nah heran, trifft den Klang aber nicht ganz. Genau deshalb tragen die deutschen Ausgaben so viele verschiedene Namen, von „Ernst sein ist alles“ bis zum knappen „Bunbury“.

    Oscar Wilde (1854–1900) schrieb das Stück im Sommer 1894 im Seebad Worthing in Sussex. Es wurde seine letzte und, wie er selbst fand, seine beste Komödie. Der Untertitel lautet „A Trivial Comedy for Serious People“, also eine triviale Komödie für ernsthafte Leute; ursprünglich hatte Wilde ihn genau umgekehrt formuliert.

    Vom Vierakter zum Dreiakter

    Die erste Niederschrift umfasste vier Akte. George Alexander, Schauspieler und Direktor des St James’s Theatre, verlangte vor Probenbeginn eine Kürzung auf drei. Wilde gab nach. Das prominenteste Opfer war die Gribsby-Szene: Ein Anwalt erscheint auf dem Landsitz, um den vermeintlichen Bruder Ernest wegen unbezahlter Rechnungen aus dem Savoy Hotel in Schuldhaft zu nehmen. Der Auftritt fiel weg, und die Fassung in vier Akten blieb zu Wildes Lebzeiten ungespielt.

    Kurios ist die Nachgeschichte. Ausgerechnet diese verworfene Vierakt-Fassung lag der ersten deutschen Übertragung des Stoffes zugrunde. Wer heute eine Ausgabe mit vier Akten in der Hand hält, etwa unter dem Titel „Ernst und seine tiefere Bedeutung“, liest also die Urfassung und nicht die Bühnenfassung.

    Was auf der Bühne geschieht

    Zwei Herren der Londoner Gesellschaft haben sich denselben Trick ausgedacht, ohne voneinander zu wissen. Jack Worthing, Gutsbesitzer und Vormund der jungen Cecily Cardew, hat einen liederlichen Bruder Ernest erfunden, der ihn regelmäßig nach London ruft. In der deutschen Übersetzung heißt dieser Bruder meist Ernst. Jack fährt also in die Stadt und tritt dort selbst als Ernest auf. Algernon Moncrieff, von Freunden Algy gerufen, hält sich dagegen einen kranken Freund Bunbury auf dem Land, der immer dann einen Rückfall erleidet, wenn ein lästiges Abendessen bevorsteht.

    Jack wirbt in London um Algernons Cousine Gwendolen Fairfax. Sie sagt ja, allerdings, wie sie betont, vor allem wegen des Namens Ernest. Ihre Mutter, Lady Bracknell, prüft den Bewerber wie einen Kaufvertrag und lehnt ab, sobald sie erfährt, dass Jack als Säugling in einer Handtasche auf dem Londoner Bahnhof Victoria gefunden wurde.

    Algy reist daraufhin heimlich zu Jacks Landhaus, wo Jacks Mündel Cecily lebt, und gibt sich dort als der erfundene Bruder aus. Cecily verliebt sich in ihn und erklärt ebenfalls, sie könne nur einen Ernest heiraten. Als beide Frauen aufeinandertreffen, ist keiner der Männer der, für den er sich ausgibt.

    Die Auflösung liefert Miss Prism, die Gouvernante. Vor achtundzwanzig Jahren hat sie ein Manuskript und einen Säugling verwechselt: Der Roman kam in den Kinderwagen, das Kind in die Handtasche. So stellt sich heraus, dass Jack in Wirklichkeit Algernons älterer Bruder ist und nach seinem Vater tatsächlich auf den Namen Ernest getauft wurde. Er hat, ohne es zu ahnen, die ganze Zeit die Wahrheit gesagt.

    Elegante Dame im viktorianischen Kleid begutachtet streng eine schwarze Reisetasche auf einem Salontisch, Anspielung auf die Handtaschen-Szene in Wildes Bunbury
    Die Handtasche vom Bahnhof Victoria: Lady Bracknells Empörung über Jacks Herkunft ist die berühmteste Szene des Stücks.

    Die Figuren

    Figur Rolle Funktion in der Komödie
    John (Jack) Worthing Gutsbesitzer, Vormund Cecilys Nennt sich in London Ernest; Findelkind vom Bahnhof Victoria
    Algernon Moncrieff Lebemann, Gwendolens Cousin Erfindet den kranken Bunbury als Alibi
    Gwendolen Fairfax Lady Bracknells Tochter Liebt den Namen Ernest mehr als den Mann
    Cecily Cardew Jacks Mündel auf dem Land Führt ein Tagebuch über eine Verlobung, die es nicht gibt
    Lady Bracknell Gwendolens Mutter, Algernons Tante Verkörpert die Standesarithmetik der Oberschicht
    Miss Prism Gouvernante Hält den Schlüssel zu Jacks Herkunft in Händen
    Canon Chasuble Landpfarrer Soll beide Männer nachträglich auf „Ernest“ taufen

    Bunburysieren: das Prinzip hinter dem Wortwitz

    Algernon macht aus seiner Ausrede eine Weltanschauung. Er nennt sie „Bunburying“, im Deutschen meist „bunburysieren“: sich eine zweite Identität zulegen, um den Pflichten der ersten zu entkommen. Das Wort hat das Stück überdauert und wird bis heute für Doppelleben aller Art benutzt.

    Darin liegt der eigentliche Angriff. Nicht die Lügner sind die Lächerlichen, sondern eine Gesellschaft, die Aufrichtigkeit fordert und dabei nur auf Formen achtet: auf Namen, Einkommen, Adressen, die richtige Kirchengemeinde. Zwei junge Frauen verlieben sich in ein Wort. Eine Mutter prüft Grundbesitz statt Charakter. Ein Pfarrer ist bereit, erwachsene Männer umzutaufen. Die Komödie ist deshalb eher Farce als Sittenstück: Sie nimmt die Regeln ernst genug, um sie bis zur Absurdität durchzuspielen. Ihre Spieldauer liegt bei etwa zwei Stunden.

    Uraufführung 1895 und das jähe Ende

    Die Premiere fand am 14. Februar 1895 im Londoner St James’s Theatre statt. George Alexander führte Regie und spielte selbst den John Worthing, Allan Aynesworth gab Algernon, Rose Leclercq die Lady Bracknell, Irene Vanbrugh die Gwendolen und Evelyn Millard die Cecily. Der Abend wurde ein großer Erfolg; Publikum und Kritik feierten den Autor als Meister des Dialogs.

    Wenige Wochen später endete die Serie aus Gründen, die mit dem Stück nichts zu tun hatten. Wilde hatte gegen den Marquess of Queensberry, den Vater seines Freundes Lord Alfred Douglas, eine Beleidigungsklage angestrengt. Der Prozess brach Anfang April 1895 zusammen und führte zu Wildes Verhaftung; im Mai wurde er wegen homosexueller Handlungen zu zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt. Alexander ließ Wildes Namen von den Theaterzetteln entfernen, die Einnahmen brachen ein, und am 8. Mai 1895 setzte er die Produktion nach 83 Vorstellungen ab. Der Erstdruck erschien 1899 bei Leonard Smithers, auf dem Umschlag ohne Wildes Namen: „By the Author of Lady Windermere’s Fan“. Wilde starb ein Jahr später in Paris.

    Londoner Theater bei Abendvorstellung im Winter 1895 mit Kutschen und Publikum in Abendgarderobe vor dem Portikus
    Das St James’s Theatre im Londoner West End: Hier lief die Komödie ab dem 14. Februar 1895, bis sie im Mai abgesetzt wurde.

    Deutsche Titel und Übersetzungen

    Kaum ein anderes englisches Bühnenstück existiert im Deutschen unter so vielen Namen. Wer eine Ausgabe kauft, sollte auf Übersetzer und Aktzahl achten, nicht auf den Titel:

    • „Bunbury. Eine triviale Komödie für ernsthafte Leute“, deutsch von Felix Paul Greve, gespielt in Berlin am 15. November 1902.
    • „Eine triviale Komödie für seriöse Leute (Bunbury)“, deutsch von Hermann von Teschenberg, Kleines Theater Berlin, 31. Dezember 1906. Von ihm stammt auch die Fassung „Ernst sein!“ (1910).
    • „Bunbury. Ernst sein ist wichtig“ in der vollständigen Neuübersetzung von Rainer Kohlmayer, verbreitet als Reclam-Taschenbuch.
    • „Bunbury oder Ernst sein ist alles“ in der Übertragung von Peter Torberg.
    • „Ernst und seine tiefere Bedeutung“, deutsch von Bernd Eilert, nach der Vierakt-Fassung.
    • „Ernst ist das Leben (Bunbury)“, deutsche Fassung von Elfriede Jelinek nach einer Übersetzung von Karin Rausch, 2004.

    Für den Vergleich mit dem Original lohnt der Blick in den englischen Text. Das Stück ist gemeinfrei, wie alle Titel unserer Digitalen Bibliothek; was das rechtlich bedeutet, erklärt die Seite zur Gemeinfreiheit.

    Infografik zu Oscar Wildes Bunbury mit Zeitleiste der Entstehung, Figurenübersicht und deutschen Titeln
    Entstehung, Personal und Nachleben der Komödie im Überblick.

    Verfilmungen und Bearbeitungen

    Die Bühnenfassung ist bis heute Repertoirestück. Daneben gibt es eine lange Reihe von Adaptionen:

    1. 1952: „Ernst sein ist alles“, Regie Anthony Asquith, mit Michael Redgrave, Michael Denison, Joan Greenwood, Dorothy Tutin, Edith Evans als Lady Bracknell und Margaret Rutherford als Miss Prism.
    2. 1964: „Mein Freund Bunbury“, Musical von Gerd Natschinski, uraufgeführt am Metropol-Theater in Ost-Berlin.
    3. 1965: „Bunbury“, Komödie für Sänger von Paul Burkhard, Uraufführung am Theater Basel.
    4. 1976: „Keine Hochzeit ohne Ernst“, Fernsehen der DDR, Regie Kurt Jung-Alsen, unter anderem mit Renate Blume, Rolf Herricht und Inge Keller.
    5. 2002: „Ernst sein ist alles“, Regie Oliver Parker, mit Rupert Everett, Colin Firth, Reese Witherspoon und Judi Dench.
    6. 2011: Oper von Gerald Barry, uraufgeführt in der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles.

    Lesehinweise und Volltext

    Der Text ist kurz und der Ton leicht. Wer Wilde noch nicht gelesen hat, beginnt besser hier als bei „Das Bildnis des Dorian Gray“. Für die Lektüre helfen ein paar Hinweise:

    • Lesen Sie laut. Die Pointen sitzen im Rhythmus der Repliken; still gelesen verlieren sie die halbe Wirkung.
    • Achten Sie auf Lady Bracknell. Ihre Sätze über Bildung, Vermögen und Gesundheit enthalten die schärfste Kritik am viktorianischen Standesdenken.
    • Legen Sie Original und Übersetzung nebeneinander. An kaum einer anderen Stelle lässt sich so gut beobachten, wo eine Übersetzung an ihre Grenze stößt.

    Wer sich für die englische Literaturgeschichte um Wilde herum interessiert, findet in unserem biographischen Lexikon der englischen Literatur knappe Artikel zu Hunderten von Autoren. Als Roman derselben Sprachtradition steht Jane Austens Emma bereit, deren Gesellschaftskomik Wildes Salonwitz um ein Jahrhundert vorwegnimmt.

    Den englischen Originaltext gibt es kostenlos als Volltext im Project Gutenberg, wahlweise als E-Book, HTML-Fassung oder Nur-Text-Datei.

    Weitere Werke in der Digitalen Bibliothek

    • At the Earth s Core (Edgar Rice Burroughs)
    • Tarzan the Terrible (Edgar Rice Burroughs)
    • Tarzan the Untamed (Edgar Rice Burroughs)
    • Tractatus de intellectus emendatione (Baruch de Spinoza)
    • Jungle Tales of Tarzan (Edgar Rice Burroughs)
    • The Vicar of Wakefield (Oliver Goldsmith)

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